Stimmen der Gitarre
1: allgemeine Hinweise
Ich glaube nicht, dass man das Stimmen wirklich einfach beschreiben
kann. Auch beim Erklären im Unterricht braucht man viel Zeit und
Aufmerksamkeit. Vor allem muss man das Stimmen praktizieren
(üben!). Wenn man es zu selten macht, lernt man es nicht
ordentlich. Besonders vor Publikum gelingt es dann nicht...
Ein elektronisches Stimmgerät
zu benutzen verhindert zwar, dass man stimmen lernt, aber es hilft! Und
freuen wir uns doch bei allem Jammern über die Schwierigkeit des
Stimmens, dass unsere sechs Saiten ziemlich flott in Ordnung zu bringen
sind - Klavierspieler warten Wochen auf den Stimmer und zahlen dann...
Warum stimmt man die Gitarre ganz gewissenhaft, und das Ergebnis ist trotzdem unbefriedigend?
Temperaturschwankungen und Änderungen der Luftfeuchtigkeit wirken
sich auf Musikinstrumente aus. Man stimmt, fängt an zu spielen,
und hat nach wenigen Takten das Gefühl, man habe vergebens
gestimmt. Der Grund ist in der Regel, dass sich Instrument und Saiten
an das Raumklima anpassen. Da die Plastiksaiten anders reagieren als
die Basssaiten, und da alle Saiten eine unterschiedliche Masse haben,
sich die Einflüsse also unterschiedlich auswirken, geht die
Stimmung den Bach ’runter und Bach will nicht klingen. Abhilfe:
noch ein bisschen spielen, nicht frustriert sein und nachstimmen.
Alte Saiten, die in sich unsauber sind, können alle Stimmversuche
zum Scheitern verurteilen! Selbst wenn die leeren Saiten stimmen
– sobald man greift klingt es furchtbar. Abhilfe: neue Saiten.
Schlechte Mechaniken, die knacken und springen, können einen
musikalischen Menschen zur Verzweiflung treiben. Suchen Sie den Fehler
nicht immer bei sich!
Wenn die Saiten nicht sauber durch den Sattel laufen, kann das auch
Probleme machen: manchmal ist besonders bei den Bässen der
richtige Ton nicht zu treffen, weil die Saite im Sattel klemmt.
Abhilfe: wenn Werkzeug und handwerkliches Geschick vorhanden sind:
entsprechend nacharbeiten; wenn man keine Erfahrung hat, geht man am
besten zum Gitarrenbauer.
Wer mit zu viel Kraft greift, die Saiten also zu stark
herunterdrückt oder gar seitlich verzieht, beeinflusst
natürlich auch die Tonhöhe. Besonders auf Kindergitarren, auf
denen die Saiten schlaffer gespannt sind ist das ein Problem.
Wenn alles zum Besten bestellt ist, manche Töne aber trotzdem
etwas schief klingen, liegt das an der Diskrepanz zwischen reiner und
temperierter Stimmung. Siehe unten unter „Feinheiten“.
Im Folgenden zwei Stimmanleitungen. Bitte lesen Sie den folgenden Text
nicht durch ohne jeden Punkt sofort auszuprobieren, denn er ist so
kompliziert, dass man ihn besser Schritt für Schritt nachvollzieht.
Wichtig beim Stimmen: Den
richtigen Wirbel drehen, nicht zu schüchtern drehen, und vor
allem: drehen während man den Ton hört! Der letzte Punkt ist
besonders entscheidend, denn wenn man lange genug dreht ohne etwas zu
hören, kann eine Saite schon mal reißen.
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Nach dem "a"
der Stimmgabel versuchen Sie, die A-Saite zu stimmen. Sie
können natürlich auch ein a von einer Flöte oder von einem
Klavier nehmen.
Der Pfeil in der Grafik bedeutet „stimme nach" oder „vergleiche".
Links steht der gestimmte, rechts der zu stimmende Ton. Römische
Zahlen bezeichnen den Bund, arabische Ziffern im Kreis bezeichnen
die Saiten, gezählt ab der hohen e-Saite. |
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Im 5. Bund auf der A-Saite liegt das „d". Greifen Sie bitte, ohne den Ton zu
verziehen, und stimmen Sie danach die d-Saite.
Der Punkt im Foto oberhalb des
zweiten Fingers ist die Markierung des fünften Bundes.
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Im 5. Bund der d-Saite ist das „g". Stimmen Sie die g-Saite nach diesem Ton.
Überprüfen Sie danach, ob das „a" im 2. Bund der
g-Saite zur leeren A - Saite passt! Diese Vergleiche über mehrere
Saiten sind bei der „5. Bund - Methode" sehr wichtig! |
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Links wird die g-Saite
gestimmt, rechts das h. |
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Die h-Saite
stimmt man nach dem 4. Bund der g-Saite! Ausnahme! |
Zum Überprüfen greifen Sie auf der A-Saite im zweiten Bund das H und vergleichen mit der leeren h-Saite
(Takt 2), außerdem vergleichen Sie die leere d-Saite mit dem d im
dritten Bund der h-Saite (Takt 3).
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Links stimme ich die
hohe e-Saite, rechts das tiefe E. Der Punkt am 5. Bund ist im Bild
rechts durch
den Finger verdeckt, der sichtbare Punkt ist beim 7. Bund! |
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Um die hohe e-Saite zu stimmen, greifen Sie auf der h-Saite im 5. Bund.
Tiefe E-Saite: schlagen Sie die leere
A - Saite an, und spielen Sie danach das „A" im fünften Bund
der E-Saite (vielleicht von oben über den Hals greifen). Vorsicht:
Diesmal die tiefere Saite stimmen! |

Tests für die erste und sechste Saite:
Vergleichen Sie die leere E-Saite mit dem e auf der d-Saite und der
leeren hohen e-Saite, dann die A-Saite mit dem gegriffenen a auf der
g-Saite und dem a im fünften Bund auf der hohen e-Saite, dann noch
leere g-Saite und das „g" im 3. Bund er hohen e-Saite.
Die „5. Bund - Methode" ist aus mehreren Gründen nicht ganz unproblematisch:
1. Da Sie jede Saite von der vorhergehenden aus stimmen, kann es
passieren, dass sich Fehler addieren. Deshalb sind die Vergleichstests
so wichtig!
2. Wenn Sie beim Greifen nicht sehr darauf achten, die Töne nicht zu verziehen, werden die Saiten zu hoch.
3. Saiten, die unsauber schwingen, führen zu falschen Ergebnissen,
da im fünften Bund der Fehler schon erheblich sein kann.
Wichtig beim Stimmen: Den
richtigen Wirbel drehen, nicht zu schüchtern drehen, und vor
allem: drehen während man den Ton hört! Der letzte Punkt ist
besonders entscheidend, denn wenn man lange genug dreht ohne etwas zu
hören, kann die Saite schon mal reißen.
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Stimmen Sie die A-Saite wieder wie oben beschrieben nach einer Stimmgabel. Sie können auf der A-Saite den Oberton über dem 5. Bund spielen. |
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Dann spielen Sie den Oberton über dem fünften Bundstab auf der A-Saite
und stimmen danach den Oberton über dem 7. Bund der
d-Saite.
Berühren Sie die Saite über dem 5. Bundstab mit dem Zeigefinger, über
dem 7. mit dem Ringfinger. Sanft berühren und kräftig anschlagen! Es
braucht ein bisschen Übung, bis beide Töne klar und deutlich klingen,
aber das Training lohnt sich: Wenn die Töne nicht stimmen, hören Sie
sehr deutlich eine „Schwebung". Wenn sich die Töne einander
annähern, wird die Schwebung langsamer. Wenn sie verschwunden ist,
stimmt die d-Saite! |
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Nun kommt die tiefe E-Saite
an die Reihe. Genau umgekehrt wie bei der d-Saite spiele ich zuerst auf
der A-Saite den Oberton des siebten Bundes, dann den des fünften
Bundes auf der E-Saite. Ich schlage immer die gestimmte Saite zuerst,
und die zu stimmende Saite als zweite an. Mein Gehirn kommt damit
besser zurecht. |
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Die g-Saite
könnte man auf dieselbe Art nach der d-Saite stimmen, ich versuche
aber alles direkt von der A-Saite aus zu machen, damit sich keine
Fehler stapeln.
Also nehme ich den Oberton über dem zwölften Bundstab der
A-Saite, und stimme danach das im zweiten Bund gegriffene a der
g-Saite. Beim Greifen bitte nichts verziehen. Je nach Laune können
Sie mit der Anschlagshand am Wirbel drehen - ich höre mir den
gestimmten Ton lieber genau an und drehe dann am Wirbel und vergleiche
wieder. |
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Als
nächstes stimme ich die hohe e-Saite. Dazu erzeuge ich den Oberton
über dem 7. Bundstab auf der A-Saite, ein e, und stimme danach die
leere e-Saite.
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Für die h-Saite gebe ich Ihnen vier Stimmwege:
1. Nehmen Sie den Oberton über dem 7. Bund der E-Saite und stimmen danach das leere h.
2. Schlagen Sie die leere hohe e-Saite an, und stimmen danach das e (gegriffen) im 5. Bund der h-Saite.
3. Greifen Sie das H auf der A-Saite im 2. Bund und stimmen danach das leere h.
4. Machen Sie das Gleiche wie bei drittens, und erzeugen Sie einen
künstlichen Oktavoberton, indem Sie mit dem Zeigefinger der
Anschlagshand die Saite über dem 14. Bund berühren und mit
dem kleinen Finger anschlagen. Sehr elegant!
Beim 4. Bund der g-Saite befindet sich
als Oberton ein h, das man nach dem Oberton über dem 7. Bund der tiefen
E-Saite stimmen könnte. Aber Vorsicht: beim 4. Bund liegt die reine
große Terz. Die g-Saite wird also sehr tief werden, dieser Weg ist also
nicht zu empfehlen!
Zum Vergleichen sollten Sie dieselben gegriffenen Töne spielen, wie bei der „5. Bund - Methode".
Die Bünde der Gitarre sind
gleichschwebend temperiert gestimmt (wie ein Klavier), Obertöne
sind „reine Intervalle“. Diese beiden Stimmungen vertragen
sich nicht. Da unser Gehör eigentlich auf reine Intervalle geeicht
ist, kommen uns gleichschwebend gestimmte Instrumente manchmal ein
bisschen verstimmt vor, und diese Wahrnehmung ist auch richtig.
Mit reinen Intervallen kann man streng genommen nur in einer Tonart
musizieren. Zu Bachs Zeiten wurden neue Stimmungssysteme entwickelt,
die gangbare Kompromisse darstellen und ein Werk wie das
„Wohltemperierte Klavier“, 24 Präludien und Fugen in
allen Dur- und Molltonarten, ermöglichten.
Auf der Suche nach Kompromissen (und damit sei gesagt, dass man eine
Gitarre nicht „perfekt“ stimmen kann) für die
Gitarrenstimmung sollten Sie unbedingt einige Akkorde spielen, und dann
die Stimmung nachkorrigieren, denn Intervalle in reiner Stimmung sind
zum Teil größer oder kleiner als in der temperierten
Stimmung. Das klingt nicht nur kompliziert, sondern ist es auch,
bestimmt aber trotzdem unser Leben als Musiker.
Wenn Sie einen E-Dur-Akkord spielen, haben Sie auf der hohen e-Saite
die Oktave des Akkordes, bei A-Dur die Quinte, bei C-Dur und D-Dur die
Terz des Dreiklanges. Die Oktave sollte schlicht stimmen, die Quinte
wäre gerne etwas hoch und die Terz wäre gerne erheblich
tiefer. Wenn E-Dur genau stimmt, klingt das hohe e beim A-Dur Akkord
also ein bisschen tief. Wenn die Quinte von A-Dur genau stimmt,
müsste die e-Saite bei C-Dur bei genauem Hinhören schrecklich
hoch klingen. Stimmt man die e-Saite nach einer reinen Terz (nach dem
Oberton über dem 4. Bund der A-Saite den gegriffenen 9. Bund auf
der e–Saite stimmen!) klingt ein C-Dur-Akkord phantastisch, aber
A-Dur zieht einem die Schuhe aus! Die e-Saite ist viel zu tief!
Entsprechendes gilt für h-Saite und g-Saite.
Stimmt man also die beiden höchsten Saiten nach den Obertönen
über dem siebten Bund der A- und E-Saiten, macht man sie zur
reinen Quinte, also sehr hoch. Ich stimme die drei hohen Saiten nach
Gefühl minimal tiefer, damit sie als Terzen in Akkorden etwas
freundlicher klingen. Stimmgeräte geben natürlich
gleichschwebend temperierte Töne an.
Dass man auf die Diskrepanz zwischen reinen und wohltemperierten
Intervallen bei der Gitarre stärker reagiert als zum Beispiel bei
einem Klavier, liegt an der Obertonstruktur des Gitarrentons. Wenn man
eine Theorbe mit 150 cm langen Basssaiten spielt, wird das Problem noch
verschlimmert, da die langen dünnen Saiten die Obertöne noch
stärker hervorbringen.
Auf Lauten oder Gamben, die ja richtige, verschiebbare Bünde
haben, kann man den reinen Intervallen näher kommen, allerdings
muss man für jede Tonart „neu schieben“. Wenn man aber
z. B. im ersten Bund sowohl „fis und cis“ auf dem 4. und 5.
Saitenchor, als auch „b und es“ auf 3. und 2. Chor für
ein Stück braucht, sind eigentlich zwei erste Bünde
notwendig, sonst klingen die erhöhten oder die erniedrigten
Töne wirklich total falsch. Immerhin liegt zwischen
„dis“ und „es“ auf einer 58cm – Mensur
ein guter Zentimeter! Und damit ist man dann mit dem Latein am Ende,
weil ein „Doppelbund“ als erster Bund immense Probleme mit
der Saitenlage machen würde. Unsere Stimmprobleme gab es also
schon um 1500! Wer Violine oder ein anderes bundloses Streichinstrument
spielt, kann alles richtig machen, er muss es aber können...
Auf der Internetseite der Gitarrengalerie Bremen findet man weitere
interessante und detaillierte Artikel zum Thema Intonation und Stimmung
unter „Probleme und Lösungen“. Dort gibt es auch ein
paar Bemerkungen und Grafiken zum Thema "Saiten
aufziehen".
| Klicken Sie
rechts auf die Links, dann öffnet sich ein Programm zum Abspielen
von Mididateien, und Sie hören die entsprechenden Stimmtöne der
Standardstimmung inklusive 3. Saite als fis (gerne bei Lautenmusik
benutzt) und der 6. Saite als tiefe D-Saite. Da diese Töne über
Midi von Ihrer Soundkarte erzeugt werden, sind sie gleichschwebend
temperiert. |
 |
1
= e |
| 2
= h |
| 3
= g 3 = fis |
| 4
= d |
| 5
= A |
| 6
= E 6 = D |
| Klicken Sie auf die
Links unter den Akkorden, und Sie hören diese 4 Beispiele zum Vergleichen. |
 |
 |
 |
 |
| E-Dur |
G-Dur |
A-Dur |
C-Dur |
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