Gitarristen
Jedes Instrument hat
Charaktereigenschaften, die zu solchen seiner Spieler passen. Abgesehen
von der Attraktivität der Gitarre durch die Popmusik fühlen
sich bestimmte Menschen zu ihr hingezogen. Der direkte Kontakt zwischen
Fingern und Saiten, die vielfältigen klanglichen
Möglichkeiten machen die Gitarre einfach liebenswert für
viele Menschen. Man kann Gitarrenspieler als introvertierte Menschen
oder Tüftler charakterisieren; die Gitarre ist auf alle Fälle
auch eine intellektuelle Herausforderung!
Auf jeder Saite kann man immer höhere Töne spielen, und
dadurch viele Töne mehrfach an unterschiedlichen Stellen des
Griffbretts erzeugen. Das ist auch auf Streichinstrumenten so, aber da
man auf der Gitarre viel häufiger mehrstimmig spielt, ist das
Finden möglicher und guter Fingersatzkombinationen ein
ständiges Thema. Wer weit auf der Gitarre kommen will, sollte
Denken und Überlegen nicht scheuen!
Die Greifhand wird ständig vor „gymnastische“ Probleme
gestellt. Ein Ton muss gehalten werden, während neue dazukommen
oder losgelassen werden. Und die Akkorde, die im Fernsehen immer so
leicht aussehen, wollen erst mal gelernt und dann die Griffwechsel
geübt werden.
Schließlich ist die Arbeit der Anschlagshand ein Feld für
sensibles und durchdachtes Anwenden unterschiedlichster Techniken.
Die Gitarre gehört zu den
Instrumenten, die viele Leute „irgendwie so nebenbei“ zu
spielen erlernen. Oft merken sie dann später, dass sie manches
nicht wirklich richtig können, dass ihnen Grundlagen fehlen, und
dass Umlernen eine schwierige Sache ist.
Guter Unterricht sollte sich dadurch auszeichnen, dass der Lehrende
einen Plan hat, und dass Wege nicht verbaut, sondern offen gehalten
werden. Besonders Spieltechnik und Haltung sollten so vermittelt
werden, dass der Lernende möglichst weit kommen kann. Ein
fleißiger Schüler, der aufnimmt, was der Lehrer anzubieten
hat, kann selber irgendwann Musik studieren oder professionell
ausüben.
Jeder Lehrer unterrichtet anders, jeder verwendet unterschiedliche
Materialien. Nicht jeder Schüler möchte das machen, was der
Lehrer gerne hätte. Wenn jemand partout nicht nach Noten spielen
möchte, aber musikalisch begabt ist und Dinge anders lernt, sollte
man sich als Lehrer darauf einstellen können. Wenn aber ein neuer
Schüler zu mir kommt, mir erst mal vertraut und den Weg zu gehen
versucht, den ich für gut halte, passiert in groben Zügen
Folgendes:
- Mit einer passenden Konzertgitarre (siehe „Kindergitarren“) und Gruppenpartnern, die
idealer Weise gleich alt
und interessiert sind geht es los, die richtige Haltung wird besprochen.
- Alles beginnt mit einstimmigem Spiel nach Noten. Die Notenschrift ist
einfach zu verstehen und zu erlernen, wobei man einige Dinge auswendig
lernen muss. Mit Daumenanschlag und angelegtem Wechselschlag lernt man
einfache Melodien mit den Stammtönen spielen.
- Die Versetzungszeichen – Kreuz zum Erhöhen und b zum
Erniedrigen der Stammtöne - werden eingeführt.
- Wie bei anderen Instrumenten ist es sinnvoll, möglichst bald mit
mehrstimmigem Spiel zu beginnen. Im Gruppenunterricht lernt man dieses
besonders gut, weil einer die bekannte Melodie eines Liedes spielen
kann, und der andere eine Begleitstimme übernimmt. Diese ist oft
schwieriger, aber man macht dabei die größten Fortschritte
im Bereich „Notenwerte, Takt halten, Rhythmus“.
- Zweistimmiges Spiel auf einer Gitarre ist der nächste
Lernbereich. Der Weg führt über Melodien, die mit den leeren
Basssaiten begleitet werden können.
- Der nächste große Lernschritt: wenn gegriffene Bässe
zur Melodie dazukommen, wird die Arbeit der Greifhand schwieriger.
- Parallel dazu führe ich gerne die ersten Akkorde ein. Griffwechsel
– mehrere Finger müssen gleichzeitig umgesetzt werden
– sind nicht einfach, und die Anschlagshand soll plötzlich
mehrere Saiten anschlagen, wie wird aber nicht genau aufgeschrieben.
Kreativität und Rhythmusgefühl sind gefragt. Wer nicht nur
Akkorde schlägt, sondern dabei singt, lernt wesentlich schneller
in Sachen Rhythmusgefühl. Eine Begleitung, die nichts begleitet
ist ja auch komisch. Schüler, die an der Liedbegleitung Spaß
haben, machen oft große Fortschritte in Sachen Griffsicherheit
und damit auch bei den Solostücken!
- Im Prinzip beginnt jetzt der Weg in die Gitarrenliteratur. Man kann
alles spielen! Der Name „Konzertgitarre“ oder
„klassische Gitarre“ heißt ja nicht, dass man nur
klassische Musik auf dem Instrument spielen kann oder darf.
- Popmusik zu spielen ist oft schwieriger, da rhythmisch mehr verlangt
wird. Off-Beats, Synkopen, Überbindungen sind schwierig zu
zählen und korrekt zu spielen.
- Ich versuche immer, fortgeschrittenen Schülern nahe zu bringen,
dass die verschiedenen Epochen der Musikgeschichte sehr viel,
unterschiedliche und wunderbare Musik für unser Instrument
hervorgebracht haben. Man muss vielleicht nicht wissen, was ein
Musikstück des Barock von einem aus der Renaissance unterscheidet,
aber ein bisschen Bildung schadet auch nicht.
- Der Schwierigkeitsgrad von Solostücken steigt auf vielfache
Weise. Komplexe Griffe, ausgedehntes Lagenspiel, schwierige Rhythmik
bei modernen oder südamerikanischen Stücken, komplizierte
Zerlegungen, lange und mehrsätzige Werke – es gibt viele
Aspekte an Musik, die den Ausführenden fordern!
- Solostücke, Duos, Zusammenspiel mit anderen Instrumenten,
Mitspielen im Gitarrenensemble, Westerngitarren, Gitarren mit
Stromanschluss – viele Wege führen in viele Richtungen!
Gibt es ein ideales Anfangsalter
oder ein Mindestalter für den Beginn? Zur Zeit lassen viele Eltern
ihr Kind sehr früh ein Instrument ausprobieren. Das macht es
für den Lehrer genau dann nicht einfach, wenn es zu früh ist.
Dann gilt es aufzupassen, dass der erste Versuch nicht zum letzten
wird. Es gibt einige Faktoren, über die sich nachzudenken lohnt,
um die Frage "Jetzt, oder doch noch warten?" zu beleuchten. Je
jünger ein Mensch ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass der
Unterrichtsanfang sehr schwierig wird. Viele Eltern meinen, an
musikalische Früherziehung müsse sich nahtlos der erste
Instrumentalunterricht anschließen. Wem aber nützt das, wenn
die Bewegungskoordination noch so wenig entwickelt ist, dass die
Aufgabe schlicht überfordert? Fahrrad fahren ohne
Stützräder geht auch erst, wenn es geht! Auf etwas warten,
gerade auf etwas, das man wirklich will, ist derzeit leider nicht sehr
populär.
Natürlich ist alles einfacher, wenn die Unterrichtsgruppen eher
klein sind oder gar Einzelunterricht erteilt wird, dann kann der Lehrer
auf alle Schwierigkeiten genau eingehen. Wenn aber die folgenden
Bedingungen sehr gut erfüllt sind, steht einem frühen
erfolgreichen Lernen nichts im Wege...
- Die Gitarre steht nicht von alleine wie
ein Klavier, man muss sie halten. Gutes Körpergefühl und die
Fähigkeit, still zu sitzen sind extrem hilfreich. Pausen helfen
gegen Zappeligkeit, aber wer mehrmals in der Unterrichtsstunde die
Fußbank umkippt oder gar vom Stuhl rutscht, könnte vielleicht noch ein
Jahr warten.
- Selbstverständlich ist eine gut
entwickelte Feinmotorik wichtig. Auch wenn es sehr modern ist,
seinen Kindern im frühesten Alter alle kulturellen und sportlichen
Angebote zu unterbreiten, sollte man gerade wegen dieses Aspektes
Vorsicht walten lassen: wer sich in der ersten Klasse nicht wirklich
geschickt mit Stift oder Schere anstellt, bei Bastelarbeiten eher grobe
Ergebnisse abliefert, schnuppert vielleicht ins Gitarrespielen hinein,
um festzustellen, dass das viel zu schwierig ist (ganz im Vertrauen: so
einfach ist es wirklich nicht...), und dann war's das. Möglicherweise
schade, weil ein, zwei Jahre später das Ergebnis ein anderes gewesen
wäre.
- Die Koordination der Hände
miteinander und mit dem Gehirn ist ein weiterer Punkt: ich muss nicht
nur auf der richtigen Saite greifen, sondern diese auch noch anschlagen,
und wenn ich die Nachbarsaite erwische, muss das Gehirn das merken und
korrigieren. Natürlich werden durch das Tun die Vernetzungen in der
Denkzentrale hergestellt, früher Instrumentalunterricht ist eine tolle
Förderung der Intelligenz; man sollte aber im Kopf behalten: je früher
man anfängt, desto mehr Probleme und Frustrationen kann es geben.
- Die Töne auf dem Gitarrengriffbrett
sind nicht so übersichtlich angeordnet wie auf einem Tasteninstrument,
und den Vorteil der einmal gelernten Grifftabelle wie bei
Blasinstrumenten hat man auch nicht, weil man immer wieder andere Finger
nimmt, um die Töne in unterschiedlichsten Kombinationen zu greifen.
Hierfür sind gutes räumliches Vorstellungsvermögen, Merkfähigkeit
und überhaupt Intelligenz nicht schlecht. Wenn ein Kind
Schachspielen begreift, also eine Vorstellung entwickeln kann, welche
Felder der Springer bedroht, oder die Diagonalen der Läufer beachtet,
sind diese Fähigkeiten auch im Einsatz. Der Gitarren - Lehrling
muss die Verbindung zwischen Zeichen (Note) und Aktion (was muss ich
greifen und anschlagen) und die korrekte Bezeichnung (Notenname)
auswendig lernen.
- Noten sind eine grafische
Benutzeroberfläche - je höher die Note im System, desto höher der Ton
- die problemlos mit Vorschulkindern zu lernen ist. Bedingung: die
Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit unserer Zeichen - Bedeutung -
Welt
ist gegeben. Irgendwann sind Kinder fasziniert von der Tatsache, dass
man mit kleinen schwarzen Krakeln auf Papier und Bildschirmen
Informationen transportieren kann und wollen lesen und verstehen
und mitmachen. Mit dem Schulbeginn lernen Kinder außerdem eine noch
etwas andere Einordnung in Gruppen als im Kindergarten, trotz
aller Relativierung des Frontalunterrichts: man hat einen
Lerngegenstand, und den versuchen alle zu packen, und dafür ist man
auch mal still und hört einem anderen zu - manchmal sogar dem
Lehrer. Wenn dieses Verhalten eingeübt ist und das Interesse an unserer
Schriftkultur geweckt, ist der Start mit einem Musikinstrument doch
erleichtert.
- Mit dem Schuleinstieg wird
eine weitere Kulturtechnik eingeführt, der zentrale Bedeutung beim
Erlernen eines Musikinstrumentes zukommt: Hausaufgaben machen und üben.
Üben, fleißig sein, etwas wiederholen, etwas wieder und
wieder tun um sich darin zu verbessern - das sind Dinge, die in unseren
Breiten gerade in Vergessenheit zu geraten drohen oder gar einen
negatives Image haben. Es scheint selbstverständlich, das auch
jüngere Kinder im Abendprogramm Actionfilme, Comedyshows und bis
nach 23 Uhr "Wetten das" gucken, aber fünf Minuten täglich
Gitarre üben? Muss das denn wirklich sein? Welchen Schlag "Schlag
den Raab" dem Biorhythmus versetzt ist nebensächlich, aber -
sonntags das Instrument anfassen? Undenkbar! Da muss man sich
entspannen!
Ein gesundes Verhältnis zu regelmäßigen
Übeprozessen geht in unserer Welt völlig verloren.
Außerdem hat sich der unversöhnliche Gegensatz zwischen Freizeit und Arbeitswelt
absolut fest in den Hirnen verankert. Freitags nach Schulschluss ist
Schicht, danach werden bis Montag früh bestenfalls Hausaufgaben
gemacht, nichts Sinnvolles zu tun ist Pflicht. Die sich in den Nachmittag ausdehnende Schule
tut ein übriges: hohe Leistungen im Sport oder mit einem
Musikinstrument sind nur noch bei Halbverrückten zu beobachten,
erfolgreiche Teilnehmer bei "Jugend musiziert" sind Aliens. Wie habe
ich nur meine Schulzeit zugebracht? Mit Samstagunterricht, mittags
gegen 14.00h zu Hause, Nachmittage und Abende voller Zeit, Verachtung
für die bürgerliche Tätigkeit des Glotzens im
Familienverbund, Carcassi auf dem Notenständer, die E-Gitarre am
Röhrenradio angeschlossen, Keith Emerson und Jimi Hendrix als
Vorbilder - da kann ja nichts aus einem werden! Üben war immer
Entspannung, mit Ehrgeiz im Hintergrund, und freies Daddeln zur
Entwicklung der Kreativität konnte einen breiten Raum
einnehmen.
Das lateinische Verb "studere" bedeutet "fleißig sein, sich bemühen
um". Das ist doch eigentlich hübsch!
Unter den fleißigsten Jugendlichen, die ich beim
Gitarrenunterricht beobachten konnte waren... die Jungs mit ihren
Skateboards auf dem Schulhof! Die üben!
- Nicht wirklich altersabhängig, aber
doch ein Thema, das einem spontan zu Schulkindern einfällt und auch ein
Faktor beim frühen Instrumentalunterricht sein kann: Erziehung, angemessenes
Benehmen. Eine gewisse Artigkeit, Respekt vor anderen,
vielleicht sogar Lehrern und auch Sachen gegenüber (Behandlung des
Instrumentes) zu nennen mag bieder erscheinen; wenn man die Sache anders
herum beschreibt, wird es vielleicht verständlicher: wenn der Lehrer
sich nicht anders zu helfen weiß, als ein Kind zum Beruhigen
vor die Tür zu schicken oder gar bei den Betreuungskräften der
verlässlichen Grundschule abzugeben, um den Fortgang des Unterrichts
und Konzentration für die anderen Gruppenmitglieder möglich zu machen
oder sich überhaupt unterrichtend mit anderen Kindern beschäftigen zu
können, dann muss irgendwo etwas schief gelaufen sein. Bei aller
fröhlichen Diskussion über Schule, Lehrer, den Segen des
Ganztagsunterrichtes und so weiter: der Mörtel für den schiefen
Pisaturm wird in den Familien angerührt. Wer erwartet, dass die Grundlagen
für freundliches zwischenmenschliches Verhalten von Menschen gelegt
werden können, die eigentlich damit befasst sind, Mathematik oder
Grammatik zu lehren, hat vielleicht nicht bedacht, dass die Betonung auf
"Grund" liegt.
- Dass die eigene Motivation,
Gitarre spielen zu lernen ein absolut entscheidender Faktor ist, und
nicht das Denken der Eltern "Das würde meinem Kind bestimmt gut
tun" oder "Früher hätte ich das selber gerne gelernt, aber
das ging nicht - jetzt soll mein Kind die Chance bekommen" sollte völlig klar sein.
- Das Interesse der Eltern
am Lernprozess des Kindes ist um so wichtiger, je jünger die
Kinder sind. Nein, die Eltern müssen nicht Gitarre spielen oder
Noten lesen können oder lernen. Andererseits stehen in der
Gitarrenschule Grafiken, die erklären "wenn du diese Note siehst,
musst du die Saite in dem Bund herunterdrücken". Solche Grafiken
zu verstehen ist für Erwachsene Alltag. Die Aufbauanleitung der
Ikea - Kommode funktioniert ganz ähnlich, und wenn der Vater mit
dem Sohne über dem Lego - Technik - Raumgleiter brütet, macht
er nichts anderes, als Grafiken in Handlungen umsetzen.
Vor allem können Eltern ihrem Nachwuchs vermitteln: wenn du etwas
nicht weißt, kannst du dort im Buch nachschauen, da ist es
erklärt. Die Kulturtechnik "Verwendung eines Lexikons",
in der Grundschule mit dem "Schülerduden" eingeführt, unser
ganzes Leben in Form von Vokabellisten, Gebrauchsanweisungen,
Landkarten durchziehend - bei ihrer Vermittlung der Sicherheit "Wenn du
etwas nicht weißt, gibt es immer eine Stelle, wo man
Informationen finden kann" können Eltern entscheidend mithelfen.
Und dazu, zum Geben von Sicherheit und zum freundlichen Begleiten haben
Kinder schließlich Eltern.
- Alle genannten Dinge, Koordination, Feinmotorik, Intelligenz, Lesewillen, Gruppenfähigkeit,
Fleiß und angemessenes Verhalten greifen in einander und überschneiden sich. Alle
beeinflussen sich gegenseitig, und können relativiert werden durch einen weiteren zentralen Faktor:
Willen.
Wer etwas wirklich will, schafft auch etwas. Das Herunterdrücken
der Saiten fällt kleinen Kindern anfangs doch ganz schön
schwer - Kinder mit Biss machen das spielend. Willen,
Hartnäckigkeit, sich etwas beweisen wollen, ehrgeizig sein, das
sind Tugenden, die einen voran bringen, die Zappeligkeit ausgleichen
können, die einen frühen Unterrichtsbeginn erfolgreich machen
können. Bitte nicht verwechseln mit Wünschen und Hoffen der
Eltern - das muss aus den Kindern selbst kommen.
- Absichtlich nicht erwähnt habe ich bisher
die Musikalität, weil ich diesen Abschnitt so schreiben wollte,
dass er auch Gültigkeit für andere Bereiche haben könnte. Wer etwas
lernen möchte, das nützlich ist, oder vielleicht zum Menschsein
dazugehört (Nein, nicht jeder muss ein Instrument spielen können!)
ohne dass es produktiv ist oder vermarktet werden kann, braucht
gewisse Grundbedingungen. Für Musiker hilft natürlich Musikalität...
Post Skriptum: Ja, Mädchen und Jungen
sind unterschiedlich. Da Jungen, auch kleine, enorm damit befasst sind,
"richtige Kerle" zu sein und zu werden und deshalb frech sein
müssen, keinesfalls als Streber gelten dürfen und in diesem
"Lernfeld" einem starken Gruppendruck unterliegen, verpassen
sie oft sehr viel oder lernen Dinge unbemerkt und trotz allem. Ausgleichend dazu machen Jungs in der Pubertät
häufig einen gewaltigen Sprung. Plötzlich wird Können in einem
Bereich als Identifikationsmöglichkeit entdeckt, oder die Gitarre wird
zum Ventil für Frustrationen aller Art, und die Jungs machen
Fortschritte, die vor ein paar Jahren undenkbar schienen, während die
Mädchen, eher brav und angepasst, kontinuierlich weiter arbeiten, aber
die Aufgaben mit weniger (positiver) Aggressivität angehen.
Altersunterschiede
in Gruppen müssen nicht, können aber ein Problem sein. Natürlich
können jüngere Kinder mit schneller Auffassungsgabe mit älteren
mithalten, und wenn man es schafft, in einer Unterrichtsgruppe ein
tolerantes Klima her zu stellen kann alles wunderbar funktionieren.
Problematische Sprünge liegen zwischen Kindergarten- und Lesealter oder
dritter / vierter Klasse und Jahrgang 5 und 6. Je mehr die Kinder mit
der Sache Musik befasst sind, desto besser.
Geschwister
in einer Gruppe zu unterrichten ist mir persönlich noch nie mit großem
Erfolg gelungen. Obwohl ich selber ein Sandwich - Kind und Vater zweier
Kinder bin, Geschwisterrivalität also aus vielen Perspektiven kenne,
kann ich es schlicht nicht empfehlen, und würde immer dazu raten, die
Kinder verschiedene Instrumente probieren zu lassen oder in
unterschiedlichen Gruppen unterbringen. Wenn die ältere Schwester auch
im Gitarrenunterricht schneller voran kommt, hat das jüngere Kind
"den selben alten Blues", der den Alltag zu Hause prägt, wenn
das jüngere Kind das ältere überholt ist die Lage fast noch
ernster.
Kann man auch zu
spät mit dem Lernen eines Instrumentes beginnen? Nein.
Ältere Kinder und Jugendliche haben bei der Gitarre weniger Probleme
mit der nötigen Kraft, dem Verstehen der Zusammenhänge zwischen Noten
und Griffbrett, sind vielleicht selbst wirklich motiviert und haben
klare Ziele. Ältere Menschen, die ihre Finger nie zu so merkwürdigen
Dingen wie Gitarrespielen eingesetzt haben, werden über die
Schwierigkeiten bei den vertrackten Bewegungen staunen, beobachten, dass
es für das Gehirn gar nicht so einfach ist, dem Ringfinger einen
präzisen Befehl zu geben, während die anderen Finger brav stehen
bleiben, aber - man tut ja schließlich etwas für sich und muss niemandem
sonst etwas beweisen! Solange man weiß, was das Ziel ist, kann man die
Frage "zu spät?" nur mit "nein" beantworten.
| Die Verwandtschaft der
Gitarre ist groß, unübersichtlich und eine Wissenschaft
für sich. Wenn man die Musik „original“ spielen will,
muss man sehr viele Instrumente kaufen. Ansonsten spielt man sie auf
der Gitarre, mehr oder weniger stark bearbeitet.
Bei Gitarren in
Renaissance und Barock war jede Saite doppelt vorhanden, wie heute noch
auf Mandolinen oder 12-saitigen Westerngitarren. Sie hatten 4 oder 5
„Saitenchöre“ und sehr unterschiedliche Stimmungen.
Wenn man Kompositionen für diese Instrumente auf der modernen
Gitarre spielt, kann man bei Bearbeitungen überlegen, ob man
Töne hinzufügt oder oktaviert, um den größeren
Tonumfang der heutigen Gitarre zu nutzen.
rechts: Barockgitarre nach Matteo
Sellas von R. Lechner
|

|
siebenchörige Laute nach Venere
von R. Lechner
|
Bei Stücken
für Laute hat man das umgekehrte Problem: ab etwa 1580 ist die
Laute in der Regel siebenchörig, und die Entwicklung geht schnell
weiter bis zu 10 Saitenchören um 1620; dann wird mit der Stimmung
der sechs hohen Saiten experimentiert und das Instrument bis zu 13
Chören erweitert. Der Tonumfang der meisten Lauten ist also
größer, deshalb muss man in Bearbeitungen für Gitarre
tiefe Töne nach oben oktavieren. Musik für sechschörige
Laute oder für die spanische Vihuela de mano kann man direkt aus
den originalen Tabulaturen spielen. |
Nach 1800 wird die Gitarre dann
sechssaitig. Aber einige Gitarristen der späten Klassik und der
Romantik suchten wieder nach Erweiterungsmöglichkeiten und
spielten zum Teil Gitarren mit zusätzlichen Basssaiten. So braucht
man für die Kompositionen Napoleon Costes manchmal eigentlich eine
sieben- oder achtsaitige Gitarre; Mertz verlangt gar 10 Saiten; die
Kompromisslösung ist wieder das Oktavieren tiefer Töne.
Ab etwa 1530 gibt es eine
gewaltige Menge sehr guter Musik für Zupfinstrumente, die
längst noch nicht ganz ins Repertoire eingegangen ist. Allein das
Werk von Sylvius Leopold Weiss für Barocklaute umfasst so viele
Suiten, dass man es mit Beethovens Sonaten für Klavier vergleichen
kann. Und so wie man heute in Heften für Keyboard die neusten
Popsongs kaufen kann, wurden die Hits der Renaissance von Lautenisten
für ihr Instrument z.T. in äußerst virtuosen Fassungen
bearbeitet.
Natürlich wurde auf
Barockgitarre, Laute, Theorbe und Arciliuto in Ensembles der Barockzeit
nach beziffertem Bass (basso continuo) begleitet; es ist also legitim,
die Gitarre in Kammermusik dieser Zeit einzusetzen. Aus Klassik und
Romantik gibt es neben der umfangreichen Sololiteratur eine Menge
Kammermusik mit Gitarre. Und natürlich gibt es viele Stücke
für zwei oder mehr Gitarren aus verschiedenen Epochen.
Barocktheorbe nach Martin Hoffmann von R. Lechner |
 |
Leider sucht man bei den
meisten „großen Komponisten“ vergeblich nach
Originalwerken für unser Instrument. Beethoven und Mozart haben
nun mal nicht für Gitarre komponiert; sicher auch, weil man ohne
genaue Kenntnis der spieltechnischen Besonderheiten schlecht für
das Instrument schreiben kann. So sind viele Werke des 20. Jahrhunderts
in Zusammenarbeit mit namhaften Gitarristen wie Segovia, Bream oder
Williams entstanden, deren Einrichtung für das Instrument oft erst
für die Spielbarkeit sorgte.
Kann man problemlos von der
Konzertgitarre zur E – Gitarre wechseln? Aber klar! Die Saiten
sind gleich gestimmt, die Töne sind gleich – kein Problem!
Mögliche Probleme gibt es auf anderem Gebiet: E –
Gitarrenschüler sollten für mich eine gewisse
Körpergröße haben, da E – Gitarren schwer sind
und bevorzugt im Stehen gespielt werden. Das muss natürlich kein
Dogma sein. Kindergrößen bei Stromgitarren sind aber sehr
unüblich. Die Anschlagstechnik ist anders: Auf der E –
Gitarre schlägt man die Saiten meist mit dem Plektrum (Plectron,
Plec, Pick) an. Mit Plektrum zu spielen ist aber genauso lernbar, wie
einen Geigenbogen zu benutzen.
Mit der E-Gitarre tummelt man sich in den verschiedenen Stilrichtungen
der Popmusik. Diese Musik ist nicht oder nur zum Teil aufgeschrieben.
(Bei genauer Notation sollte man auf große Komplexität
gefasst sein!) Man braucht viel Fantasie, Kreativität, Willen zum
Auswendiglernen und Vorstellungsvermögen. Man muss früher als
bei klassischer Musik seinen musikalischen Freischwimmer machen.
Rhythmische Sicherheit ist besonders wichtig in der Popmusik. Wenn
jemand von seinem Lehrer für klassische Gitarre genervt ist, weil
der darauf besteht, dass die halben Noten länger sind als die
Viertel, sollte er nicht erwarten, dass dies bei Rockmusik leichter
wird!
E-Gitarre ist ein Band – Instrument. Das Ziel sollte also sein,
so gut zu werden, dass man in eine Gruppe irgendeiner Art einsteigen
kann.
Wenn man Rhythmusgitarrist werden will, braucht man „nur“
Akkorde spielen zu lernen. Für das Improvisieren toller Soli
braucht man ein gutes Pfund Grundlagen, Mut, etwas Hang zur
Selbstdarstellung, musiktheoretisches Wissen schadet nicht, und viel
Fleiß. Der künftige Leadgitarrist sollte absolut
schwindelfrei sein was das Spiel in den höheren Lagen angeht.
Viele Gitarristen entdecken übrigens nach einem Ausflug in die
weite Welt der elektrisch verstärkten Musik den großen
Charme der Konzertgitarre noch mal neu. Man muss nicht ständig
einen neuen Schlagzeuger suchen, der das Tempo hält, stolpert
nicht dauernd über Kabel und darf den Stecker wieder löten,
und man kann alleine ein komplettes Stück mit Melodie und Bass und
allem spielen – ein Vorzug, den die Gitarre ja mit
Tasteninstrumenten teilt, während Streicher und Bläser
ständig nach fähigen Begleitern suchen...
Pflicht für den künftigen
Stromgitarristen ist, sich erst mal über die vielen verschiedenen Typen
von E-Gitarren und ihre Eigenschaften zu informieren. Kriterien, die
Entscheidungen verlangen sind:
- unterschiedliche Mensurlängen bei Fender und Gibson - Modellen und deren Kopien,
- unterschiedliche Korpusformen und deren Vor- und Nachteile / ist die Gitarre bequem zu halten?
- wie schwer ist die Gitarre?
- ist das Instrument gut ausbalanciert oder ist sie kopflastig?
- wie anfällig ist der Korpus für Rückkopplungen?
- erreicht man die hohen Lagen gut?
- wie viele Bünde hat der Hals?
- welche Tonabnehmer mit welchen Klangeigenschaften sind eingebaut?
- welches Tremolosystem hat die Gitarre, oder hat sie eine feste Brücke?
Man sollte
sich gründlich Gedanken darüber machen, mit welcher Gitarre man sich
am ehesten identifizieren kann, dabei aber daran denken, dass man für
die neonpinke Schönheit irgendwann einen Käufer findet muss, wenn man sich
wegen einer anderen von ihr trennen möchte und das Geld braucht...
Beim Begutachten im Musikgeschäft
sollte man nicht vergessen, dass man die Gitarre eventuell meistens im
Stehen spielen will. Wie gut das Instrument ausbalanciert ist kann man
nicht beurteilen, wenn man auf einem Schlagzeughocker zusammengekrümmt
zu verhindern versucht, dass die Gute vom Oberschenkel rutscht. Ob die
Mitarbeiter sich darauf einlassen, probehalber einen Gurt an der Gitarre
zu befestigen ist doch ein schönes Kriterium für
Kundenfreundlichkeit...
Die Gitarren der etablierten Hersteller
kosten Geld, aber es gibt ja Firmen, die gute Nachbauten für weniger
anbieten. Ich formuliere mal vorsichtig so: während man sich über eine
richtig billige E-Gitarre nach kurzer Zeit ärgern dürfte, kann man im
Mittelklassebereich durchaus ein Instrument erwerben, das die Frage, ob
ein durchschnittlicher Gitarrist wirklich eine Edelgitarre für 3000 Euro haben
muss eigentlich beantwortet. Hoffen wir mal, dass die Instrumente, die
im Herzen der USA angefertigt werden aus besseren Materialien und sorgfältiger gemacht
sind als... ich habe jedenfalls schon gesehen, dass das Kontaktblech in der
Steckerbuchse einer Kopie aus Korea ungefähr doppelt so dick war wie
das in einer Kopie einer chinesischen Tochterfirma, das dann beim
Nachbiegen (um den Wackelkontakt zu beheben) auch prompt brach.
Eine gute Gebrauchte kann für den
Einstieg und darüber hinaus ausreichend sein. E-Gitarren haben meist einen hohen Preisverfall, was den
Käufer freut. Die Gitarre sollte natürlich funktionieren! Wenn die
Regler für Lautstärke und Ton knacken und rascheln heißt das meist
nur, dass sie lange nicht benutzt wurden und gerne ein bisschen
Kontaktspray und Bewegung hätten.
Unbedingt achten sollte man auf
den Zustand der Bünde! Wenn diese schon ordentliche Dellen haben
und man die Gitarre bald bebunden lassen muss, ist man locker 150 Euro
los.
Die Firma Fender hat eine Zeit lang die Stratocaster mit 21 Bünden
gebaut; die meisten Strats haben aber 22 Bünde, wie auch viele
Gibson Modelle wie die Les Paul oder die SG. Bekannte Soli, die man
irgendwann mal nachspielen will, gehen gerne bis zum 22. Bund hoch (mit
Bending erreicht man dann das hohe e) - dann ist man mit einem
Nachbau der 21-Bund-Gitarre nicht gut bedient.
Unter deckendem Hochglanzlack (schwarz
ist am unverfänglichsten) kann sich alles mögliche an Holz verbergen,
Massivholz, aber auch Sperrholz oder Tischlerplatte welcher Güte auch
immer. Über die Qualität und den Einfluss auf Klangfarbe und Sustain
kann man viel philosophieren, aber auch so etwas Banales wie die
Schrauben für die Gurtpins sollten möglichst lange sicheren Halt
finden... Hier kann man nur hoffen, dass mehr investierte Euros für
mehr Lebensdauer und Spielfreude stehen.
Ein stabiler Gurt ist eine wichtige
Investition, aber ebenso wichtig ist die Befestigung an der Gitarre.
Wenn die Gurtpins ungünstig positioniert sind und die
"Knopflöcher" des Gurtes zu weit, kann die Gitarre beim
ersten auf - der - Stelle - Hüpfen schnell mal am Boden landen.
Straplocks sind eine Erfindung, die für mehr Sicherheit sorgen. Die
Position der Gurtpins ist natürlich auch Geschmackssache. Eine Paula
hängt eben fast waagerecht, wenn man die Gurtpins so nimmt, wie sie
sind (ich persönlich mag dann nicht darauf spielen).
Ein ordentliches Kabel kostet leider
auch Geld. Man kann für das gute alte 6-Meter-Kabel 4, aber auch über
30 Euro ausgeben. Das eine bekommt einen Wackelkontakt, wenn man es
streng anguckt, das andere hält etwas mehr aus und transportiert mehr
Klang und weniger Nebengeräusche.
Ein guter kleiner Übeverstärker ist
fein für den Einstieg, aber auch hier gibt es große
Qualitätsunterschiede, die man nur durch Probieren und Anhören
herausfinden kann. Und wenn man dann etwas gelernt hat und die erste
Probe mit Schlagzeug und allem angesagt ist hört man schnell, dass man
die Gitarre nicht hört. Aber dann ist man vielleicht schon so weit,
dass man weiß "ich will das wirklich und gebe jetzt auch das Geld
aus für einen ordentlichen Amp" oder... eben nicht.
Sogenannte Starterpacks oder
Gitarrensets sind mit Vorsicht zu genießen. Man bekommt für wenig Geld
eine Gitarre, die nicht wirklich toll ist (Klang, Verarbeitung,
Saitenlage, Mechaniken und Stimmstabilität etc.), einen Verstärker,
der nicht wirklich klingt, ein Kabel, das nicht viel aushält, diverse
Plecs und eine Tasche, die erstaunlich schnell ein Loch hat, wo der
untere Gurtpin drückt. Und wie immer gilt: man sollte die Grenze
zwischen "wenig Geld ausgeben" und "zu wenig Geld
ausgeben" beachten, denn letzteres ist manchmal eine echte
Fehlinvestition.
Informationen zum Saitenaufziehen auf E-Gitarren und vielem mehr: http://www.rockinger.com/index.php?page=ROC_Workshop_Setup
Es geht wirklich! Es gibt
einige Instrumente, bei denen man spielen und gleichzeitig singen kann,
und die Gitarre steht hier ganz vorne, neben dem Klavier.
Viele Gitarrenschüler möchten Akkorde spielen lernen,
unglücklicherweise ist singen aber total uncool! Was tun?
Trotzdem singen! Heimlich! Im stillen Kämmerlein! Gitarrespielen
und dabei singen macht Spaß, ist extrem Intelligenz
fördernd, weil man ja die Liedstrophen oder die Akkorde auswendig
lernen oder nach Gehör begleiten muss, und fördert das
Rhythmusgefühl sehr stark. Außerdem – hier werden mir
sicher alle Gesangslehrer beipflichten – ist singen einfach gut
für das gesamte Befinden, hebt unweigerlich die Stimmung und
vertreibt Depressionen. Nicht zufällig ist „Bernd das
Brot“ auch Leadsänger einer Art Rockband!
Natürlich gibt es eine
optimale Haltung mit einem Instrument. Es wird über Jahrhunderte
gespielt, Stücke mit immer neuen technischen Problemen werden
dafür komponiert, und die Spieler versuchen die Handhabung so zu
ver- bessern, dass auch die schwierigsten Passagen zu schaffen sind.
Ausserdem sollte es die Haltung ermöglichen, längere Zeit zu
spielen ohne zu ermüden oder einen Arzt zu brauchen.
Geiger spielen mit Kinn- und Schulterstütze,
Saxophonisten mit Haltegurt, da das Instrument schlicht zu schwer ist,
Cellisten mit Stachel, und Pianisten sitzen, und zwar gerne in der
richtigen Höhe, wozu der höhenverstellbare Klavierhocker
erfunden wurde. Bei kaum einem Instrument aber hat
die „korrekte“ Haltung so wenig Akzeptanz wie bei der
Gitarre. Deshalb steht die Gitarre immer wieder in der Ecke der
„volkstümlichen“ oder „nicht so
seriösen“ Instrumente.
Nachwuchsgitarristen suchen
sich ihre Vorbilder unter Leuten aus dem Pop- oder Folkbereich. Eric Clapton spielt in
der MTV – Unplugged – Show seine Akustik lässig auf
dem rechten Oberschenkel, die Erzieherin im Kindergarten und der Grundschullehrer spielten die einfache Liedbegleitung irgendwie.
"Muss ich echt mit Fußbank?" jammern also die Schüler, und der
brave Gitarrenlehrer seufzt wegen der vertanen Zeit und
träumt von Kindern, die einfach durch Nachahmung etwas lernen
möchten. Stellt sich heraus, dass jemand begabt genug ist,
um sich an "Asturias" oder Bachsuiten zu wagen, beginnt das große Umlernen, und der Fortgeschrittene merkt doch, dass er vielleicht von Anfang an...
Geradezu ein
Rechtfertigungsdruck lastet auf dem Verfasser. Musst du denn so
konservativ sein? Nun lass die Kids doch spielen, wie sie das cool
finden!
Abgelehnt! Gezwungen wird niemand - aber ein normal engagierter
Lehrer darf doch das Angebot machen, eine erprobte Technik zu
vermitteln, gerichtet an Menschen, die sich interessieren,
viel Spielen möchten oder gar irgendwie "musikbesessen" sind? Wer
alle drei Tage seine Gitarre für fünf Minuten hervorholt,
braucht sich um so etwas natürlich nicht zu kümmern, und
motorische Hochbegabungen spielen eben auf dem Einrad...
Hier ein Versuch, die „anerkannt richtige“ Haltung für die Gitarre zu zeigen:
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- Man stellt das linke Bein (Linkshänder bitte immer das
Gegenstück einsetzen) auf eine Fußbank, legt die Gitarre
darauf, stellt das rechte Bein so weit zur Seite, dass die untere
Ausbuchtung des Gitarrenkörpers gut dazwischen passt und hält
die Gitarre so schräg, dass ihr Kopf sich ungefähr auf
Augenhöhe befindet. Durch die Fußbank wird die Gitarre
höher vor dem Körper platziert. Den gleichen Zweck
erfüllen Stützen, die mit Saugnäpfen an der Gitarre
befestigt und auf den Oberschenkel gestellt werden.
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- Der Stuhl sollte so hoch
sein, dass die Oberschenkel
ungefähr parallel zum Boden sind. Dann verläuft wegen der
Fußbank das linke Bein leicht bergauf, so dass die
Gitarre nicht
rutscht und der Spieler keine Energie zum Festhalten braucht. Ein ganz
normaler Küchenstuhl ist gut; Barhocker sind nicht wirklich
geeignet. Und man lehnt sich natürlich nicht an, weil die Gitarre
sonst gegen die Sitzfläche stößt. Ich könnte auch
schreiben, dass Musizieren ein aktiver geistiger Vorgang ist, dem allzu
viel Gemütlichkeit widerspricht...
- Der rechte Fuss sollte
fest auf dem Boden stehen. Wird der Fuss zurückgezogen und auf die
Zehenspitzen gestellt, ist immer Spannung in der Beinmuskulatur, die
bis in die Muskulatur der gegenüber liegenden Schulter ausstrahlen
und dort zu erheblichen Verpannungen führen kann (eigene
Erfahrung).
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- Jetzt kann die Greifhand locker den gesamten Hals bis in die
höchsten Bereiche des Griffbretts bearbeiten; der Oberkörper ist nicht im Weg.
Der
Daumen befindet sich auf der Rückseite des Halses, so dass die Finger
einen weiten Aktionsradius haben und die Saiten möglichst
senkrecht herunterdrücken. Er dient als
„Gegendrucksensor“ und nicht dazu, die linke Hand samt Arm
an den Hals zu hängen. Den Arm oben halten – dazu hat man
seinen Willen und die Armmuskeln!
Die Finger orientieren sich auf dem
Griffbrett an der Position des Daumens gegenüber auf der
Halsrückseite, ein Verhalten, dass man als Baby lernt, wenn man
mit dem „Pinzettengriff“ gezielt einen Gegenstand anfasst,
indem Daumen und Zeigefinger opponierend greifen.
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Hier greifen die Finger schön senkrecht; der Daumen ist auf der Rückseite des Halses. |
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Nicht so toll: die Hand hängt am Daumen; die Finger haben nur einen eingeschränkten Aktionsradius. |

Die Finger bilden einen "Tunnel", die Nachbarsaite wird nicht berührt. |
- Man sitzt mit
geradem Rücken, und auch die Gitarre wird etwa senkrecht zum
Boden gehalten, nicht mehr oder weniger flach auf den Schoss gelegt.
Dadurch sieht man die Finger der Greifhand leider nur, wenn man sich
etwas vorbeugt, aber man braucht sein Handgelenk nicht unnatürlich
knicken, um ordentlich greifen zu können. |
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- Der rechte Unterarm liegt auf
dem Zargenrand, und die Anschlagshand hängt etwa beim Schalloch
locker über den Saiten. Der rechte Handrücken sollte leicht gewölbt sein und so
viel Abstand zur Decke haben, dass sowohl die Finger als auch der
Daumen parallel zur Decke anschlagen können.

Der
Handrücken befindet sich leicht gewölbt über der Decke.
Dadurch kann der anschlagende Zeigefinger locker wie eine
Schaukel schwingen. |

So sieht
der Spieler seine rechte Hand von oben. Die Finger werden im freien
Anschlag die Nachbarsaiten nicht berühren. Für den angelegten
Anschlag ist eine minimale Anpassung nötig. |

Der Zeigefinger vor dem Anschlag, |

im Moment der Saitenberührung, wobei sich das erste
Fingergelenk
auf Grund des Widerstandes durchdrückt, |

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und links befindet er sich nach dem Anschlag in der Ausschwingphase.
Hält man wie im Bild rechts den Handrücken flacher, muss man
den Fingern
über die Nachbar- saiten helfen, indem die Hand bei jedem Anschlag
angehoben wird. Das sorgt für eine unruhige Be- wegung, und wenn
man Stücke mit schnellen Zerlegungen spielt, stösst man bald
an seine Grenzen. |
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Durch diese Position der Gitarre
ist alles bequem zu erreichen und
relativ gesund. Viele Musikinstrumente erfordern Haltungen, die zu
Schwierigkeiten im orthopädischen Bereich führen können,
und
je schlechter man sie ausführt, desto schneller kommen die
Probleme.
Wenn man z.B. die Gitarre ohne Fußbank auf dem rechten
Oberschenkel spielt, gibt es zu vielen oben aufgezählten Vorteilen
starke Veränderungen: Beim Spiel in den oberen Lagen ist der
Oberkörper dem linken Arm im Weg, der Rücken wird selten
gerade gehalten, der Schultergürtel wird in alle möglichen
Richtungen verdreht, um die linke Hand „tiefer zu legen“;
die rechte Hand wird wohl am wenigsten negativ beeinflusst.
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Links: abgesehen davon, dass ich ein eher ungelenkiger Mensch
bin, würde mich diese Schulterhaltung sicher zu einem guten Kunden
beim Orthopäden machen.
Rechts: richtig bequem sind die oberen Bünde ja nicht zu erreichen... |
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Links: der Rücken sieht nicht wirklich gerade aus...
Rechts: ein typischer Fehler bei Kindern, die zu große Gitarren spielen
müssen: der Gitarrenkorpus passt nicht richtig zwischen die Beine,
deshalb wird die Gitarre verdreht, der Kopf ist hinter der linken
Schulter, die Wirbelsäule des Spielers wird nach links verdreht, die rechte Schulter kommt nach vorne.
Ich habe hier einfach die Füsse zu nahe bei einander (vergl. das erste Bild dieser Serie). Enge
Röcke führen zum gleichen Problem. |

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Hier halte ich die Gitarre ziemlich flach.
Dadurch kann ich wunderbar sehen, was auf dem Griffbrett passiert, aber
die linke Hand sieht bei geradem Handgelenk nicht gut aus. Der Daumen
guckt wieder weit über den Hals, und die Finger sind
künstlich gekürzt. |
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Bei schwierigen Griffen kompensiert man dann, indem man das linke Handgelenk stark abknickt. Das
merkt man nach kurzer Zeit daran, dass man es nicht lange aushält,
so zu spielen. Wenn man Schmerzen im Handgelenk hat, sollte man die
Haltung noch mal kritisch durchdenken. |
Bei Flamenco- und Jazzgitarristen sieht man oft das
Instrument ähnlich hoch vor dem Körper wie bei der klassischen Haltung; nicht alle Rockmusiker
hängen ihr Instrument auf Oberschenkelhöhe. Das sieht zwar
angeblich cooler aus, aber die Greifhand muss stark abgeknickt werden, der Daumen ist nicht wirklich auf der
Halsrückseite, dadurch ist der Aktionsradius der Finger
eingeschränkt... Leute wie ich, die nur durchschnittlich kurze
Finger haben, kritisieren diese Haltung wahrscheinlich nur aus Neid.
Anders ausgedrückt: natürlich gibt es Bewegungstalente, die
in egal welcher Haltung immer noch besser spielen als
Durchschnittsmusiker unter besten Bedingungen, aber – nur weil
ein Kreisligafussballer nie so elegant dribbeln wird wie
Beckenbauer oder Ronaldinho muss er ja nicht im Taucheranzug und
Holzschuhen auflaufen...
Meiner persönlichen Ansicht nach ist es jedenfalls nicht falsch,
wenn Schüler an Musikschulen die korrekte klassische Haltung
lernen und sie zumindest versuchsweise übernehmen.
Eine weitere Besonderheit bei
Gitarristen: Die Fingernägel sind an den beiden Händen
unterschiedlich lang. Die Nägel der Greifhand müssen sehr
kurz gehalten werden, da die Finger möglichst senkrecht aufgesetzt
werden, um Berührung und Abdämpfen der Nachbarsaiten zu
vermeiden. Ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad der Stücke kann
man seine Fortschritte mit zu langen Nägeln definitiv zum
Stillstand bringen.
An der Anschlagshand hingegen lässt man die Nägel wachsen,
bis sie etwas über die Kuppe hinausragen. Dann nimmt man ein
Stück (7 x 10 cm) sehr feines Schleifpapier (1000er Körnung),
faltet es einmal und hängt es so ins Schalloch, dass die eine
Hälfte über den Diskantsaiten liegt. Nun schlägt man
einen Moment fröhlich mit den Fingern der Anschlagshand an, dreht
das Ganze zu den Bässen um und schrappt ein bisschen mit dem
Daumen über das Schleifpapier. Jetzt sieht man: jeder Fingernagel
hat eine individuelle „Anschlagskante“, da er ja auch einen
eigenen Anschlagswinkel hat. Die gefundene Gerade zieht man mit feinen
Feilen nach und rundet die Ecken ab, sodass nichts hakt. Manche
Gitarristen haben wirklich lange Nägel an der Anschlagshand,
andere bevorzugen die kürzere Variante, damit die Kuppe ein
bisschen am Spielgefühl beteiligt ist.
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Man kann natürlich auch
nur mit der Fingerkuppe anschlagen, aber die Nägel produzieren
einen klareren Ton. Schnelle Zerlegungen sind leichter zu spielen, da
ein gut geschliffener Nagel besser an der Saite abgleitet als eine
Fingerkuppe.
Andererseits hat der Anschlag mit den Nägeln auch Nachteile: ein
Auftritt steht an, und zwei Tage vorher bricht bei einer unachtsamen
Bewegung ein Nagel. Dann muss der Gitarrist zum Psychologen. Oder ein
Gitarrero betätigt sich als Hobbyklavierspieler. Dann klackern die
Nägel auf der Tastatur, und allen anwesenden Pianisten wird
schlecht…
Die unterschiedlichen Nagellängen sehen schon komisch aus, und
Jugendliche haben oft Imageprobleme deswegen. Das ging mir als Junge
Ende der 60er Jahre nicht anders! Man muss halt dazu stehen, dass man
Gitarre spielt!
Tipps zum Üben gibt es die
Menge, auch in Form dicker wissenschaftlicher Bücher. Aber ein
paar einfache, die den Fortschritt besonders fördern, möchte
ich hier aufschreiben:
- Ein ausgepacktes, leicht zugängliches Instrument
(Gitarrenständer, Wandhalterung) und ein aufgebauter
Notenständer helfen enorm! Wer immer erst sein halbes Zimmer
aufräumen muss, hat (zu Recht) oft keine Lust, überhaupt
anzufangen.
- Der Ort will gut überlegt sein! Nicht neben dem Fernseher, der
vielleicht sogar läuft. Die kleinen Geschwister in der Nähe
helfen nicht unbedingt. Bis zu einem gewissen Alter mögen es
Kinder vielleicht, wenn jemand nebenbei zuhört, also Mama
vielleicht nebenan am Computer arbeitet, aber Achtung:
- Jugendliche brauchen Privatsphäre. Sie wollen zu Hause nicht
beobachtet werden oder gar vorspielen. Wenn sie singen oder eigene
Songs schreiben, sollte man sie in Ruhe lassen.
- Vielleicht suchen sie die entfernteste Ecke des Hauses auf, um niemanden zu nerven – dies bitte respektieren!
- Es ist viel effektiver, 7 mal die Woche ein bisschen zu üben, als zweimal schrecklich lange.
- Es gibt einen besten Tag zum Üben: den Tag nach dem Unterricht.
Dann weiß man noch ungefähr, was besprochen wurde.
- Richtig zu spielen ist das Allerwichtigste. Unser Gehirn speichert
alles, auch Fehler. Beim „Einfahren“ der Synapsen ist der
Denkapparat eher kritiklos: was oft wiederholt wird, soll offenbar
funktionieren, also wird diese Nervenverbindung gut geölt und
geschmiert. Wenn man 50 Mal eine Stelle mit falschem Fingersatz und Steckenbleiben gespielt hat, kann man sie hinterher sehr gut - mit falschem Fingersatz und Steckenbleiben.
| - Je eher man lernt,
dass man beim Üben das Material in kleine Abschnitte einteilt,
desto besser. Die ersten vier Takte von „Im Märzen der
Bauer“ werden wiederholt, die zweiten sind dann anders, und die
letzten 4 Takte entsprechen wieder den ersten. Das nennt man eine A A B
A – Form. Wenn ich das Stück zehnmal komplett spiele, habe
ich den A – Teil 30 Mal, den B – Teil aber nur zehnmal
geübt. Kein Wunder, dass ich dann diesen nicht so sicher
beherrsche. |
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- Besonders komplizierte
Stellen sollte man langsam und oft wiederholen. Dafür braucht man
Stellen, die einfach sind und die so ähnlich schon oft vorkamen,
kaum zu üben.
- Es gibt zwei besonders schwierige Takte? Man nehme den Takt davor und
den danach, um die Übergänge mit zu lernen, und übe
langsam und mit Pausen.
Takt 14 - 17 aus der Bourrée der
3. Cellosuite von J. S. Bach. Mit vielen Wiederholungen üben,
dabei die (eingefügten) Pausen zur Entspannung am Schluss
einhalten. Dann wird man nicht hektisch und hat eine gewisse
Chance...
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- Fingersätze und
Spielanweisungen erfahrener Herausgeber sind dazu da, benutzt zu
werden. Eine Art zu Spielen, die schon vielen geholfen hat, die
Töne vernünftig zum Klingen zu bringen ohne hinterher zum
Arzt zu müssen sollte man nicht verwerfen, bevor man sie
gründlich probiert hat. Mir fällt dazu immer das indianische
Sprichwort „Verurteile niemanden, bevor du nicht zwei Wochen in
seinen Mokassins gegangen bist.“ ein, obwohl es sicher nicht
für Gitarrenfingersätze erfunden wurde.
Üben macht Spaß! Wenn ich übe, genieße ich das
Spiel auf dem Instrument, ich denke und überlege, ich wäge ab
und entscheide, ich beobachte meine Fortschritte, ich lerne auswendig,
ich entspanne mich. Wer zuviel Gegenteiliges beobachtet (Denken
während des Übens? Entspannen? – ich bin immer total
verkrampft…), sollte überlegen, was er falsch macht.
Vielleicht ist es nur die innere Einstellung. Gitarrespielen mit
Vokabeln lernen zu verwechseln ist natürlich problematisch…
Ein Instrument zu erlernen ist von vielen Mythen umgeben: Manche sind
so begabt, dass sie einfach alles können?! Toll ist es eigentlich
nur, wenn man ein Stück richtig kann?! Beim Vorspielen bin ich
immer so nervös?! Der Weg ist das Ziel?! Das Ziel ist weg?!
Der Mensch hat ein Gehirn zum Denken, und während er übt ist
er hoffentlich ganz bei sich. Die entscheidende, in Science –
Fiktion - Filmen immer wieder vernachlässigte Frage ist doch: Sind
Aliens uns ähnlich? Machen sie Musik, malen sie Bilder, schreiben
sie Unterhaltungsliteratur? SPIELEN sie?
Lesetipps, eher für ältere und interessierte Jugendliche:
Immer noch: Frederic Vester: Denken, Lernen, Vergessen, dtv (mit dem
Untertitel „Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn,
und wann lässt es uns im Stich?)
Sehr fachspezifisch, mit vielen verrückten Ideen: Gerhard Mantel,
Einfach üben, Schott (185 unübliche Überezepte –
schon der Untertitel ist für Puristen eine Frechheit)
Leicht esoterisch, aber immer wieder toll, wenn man mal wieder einen
anderen Blickwinkel als unseren westlichen sucht: Eugen Herrigel, Zen
in der Kunst des Bogenschiessens, Otto Wilhelm Barth Verlag (eigentlich
ein Buch über Philosophie, aber eben am Thema des Übens einer
japanischen Kunst).
Sehr nützlich und zu
empfehlen ist es, dann und wann vor einem großen Spiegel zu
üben, in dem man sich möglichst ganz sehen kann. Man
beobachtet dabei viele Dinge: Zunächst einmal sitzt einem jemand
gegenüber, der falsch herum spielt. Nachdem man sich daran
gewöhnt hat kann man überprüfen:
- Stimmt die Haltung einigermaßen?
- Ist der Oberkörper verdreht?
- Sind die Schultern gerade?
- Befindet sich die Gitarre gerade vorm Körper oder sind die Beine zu eng zusammen?
- Guckt der Daumen weit über den Hals?
- Stehen die Finger der Greifhand einigermaßen senkrecht?
- Hängt der Ellenbogen der Greifhand locker?
- Sind Lagenwechselbewegungen flüssig oder eher eckig?
- Hüpft die Anschlagshand wild herum oder ist sie ruhig?
- Schneide ich beim Spielen Grimassen?
- Ist vor allem die Mundpartie entspannt (Lieber den Mund leicht
geöffnet haben, den Unterkiefer also entspannt, als mit den Kiefern
mahlen!)?
Viele Digitalkameras verfügen über die Möglichkeit, Videoaufnahmen zu
machen, die gut genug sind, um sich selbst in Bezug auf die obigen
Fragen in Augenschein zu nehmen.
Die Gitarre ist für das
Publikum ein dankbares Instrument. Den Notenständer nicht zu hoch
und etwas zur Seite der Greifhand gestellt braucht der Gitarrist
eigentlich weiter keine Show – Effekte, um interessant zu
beobachten zu sein.
Musik für Gitarre wird im
nach unten oktavierenden Violinschlüssel aufgeschrieben. Unter dem
Schlüssel steht eine „8“, was bedeutet, dass alle
Töne in Wirklichkeit eine Oktave tiefer liegen, als sie aussehen.
Die hohe e – Saite einer Gitarre klingt also 8 Töne tiefer
als die einer Violine, obwohl sie im Notenbild gleich aussehen.
Eigentlich müsste man Gitarrenmusik ähnlich wie Klaviernoten
in Bass- und Violinschlüssel oder C – Schlüssel
aufschreiben, aber die etablierte Lösung hat sich als praktisch
und platzsparend erwiesen. Wegen des großen Tonumfangs der
Gitarre muss man allerdings mit vielen Hilfslinien leben. Einmal
fleißig lernen, dann kann man es für den Rest des Lebens wie
Rad fahren oder schwimmen.
| Dreimal die gleichen
Töne: oben in der "normalen" Gitarrennotation, in der
Mitte im Violin / Bassschlüssel - System, unten mit dem für
Viola üblichen C-Schlüssel.
In der Mitte braucht man zwar
weniger Hilfslinien in der Oberstimme und bei den tiefen Tönen,
muss dafür aber in der Mittellage häufig in den Bassschlüssel
wechseln.
Die untere Variante sieht
vielleicht am attraktivsten aus; man hätte viel mehr Platz,
Mehrstimmigkeit auszudrücken. Aber die normale Notierung reicht
für die meisten Stücke aus, spart Platz, die Literatur ist so
gedruckt, und... wer will schon diesen Umlernprozess?
(Das Beispiel ist aus der Allemande
der 3. Cellosuite von Bach in meiner Bearbeitung.)
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Das Aufschreiben von Musik in
Tabulatur, also einer Griffschrift, ist seit der Renaissance
üblich. Es gibt für jede Saite eine Linie, und durch Zahlen
oder Buchstaben wird angegeben, in welchem Bund gegriffen werden soll.
Der Rhythmus wird darüber für alle Stimmen notiert.
Vorteil: man braucht keine Noten zu lernen! Nachteil: man lernt keine Noten!
Da Musiker untereinander über Noten kommunizieren, befindet man
sich leicht im Abseits, wenn man „nur“ nach Tabulatur
spielen kann. Außerdem kann man in Tabulaturen die rhythmische
Struktur individueller Stimmen nicht darstellen. Das war schon 1530 ein
Problem bei Francesco da Milano.
Bei Ausgaben von Rockmusik ist häufig die Gitarrenstimme doppelt
dargestellt, wobei eigentlich beides zusammengehört: in den Noten
stehen die genaue Rhythmik und Tonhöhe, in der Tabulatur steht der
genaue Ort auf dem Griffbrett, der Fingersatz, die Tonproduktion
(normal, bending, slide etc.). Ein ordentliches E-Gitarrensolo ist oft
so kompliziert, dass diese Darstellungsweise absolut gerechtfertigt
ist.
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