Fragen
zu den Grundlagen
Woher kommt eigentlich die Stammtöne mit den Halbtonschritten an bestimmten Stellen?
Abgesehen
davon, dass die Auswahl des Tonmaterials eine Herzensangelegenheit unserer Musikkultur
ist -
schon die Tonleitern der alten Griechen, die dann in die Kirchentonarten
eingingen und später maßgeblich den modalen Jazz beeinflussten
benutzten diese Töne - kann man eine Erklärung geben, die mit der
Obertonreihe zu tun hat:
Der zweite Oberton über einer Note ist
die Oktavquinte. Da der erste Oberton die Oktave des Grundtones ist, mit
diesem also quasi übereinstimmt, ist die Quinte der nächste Verwandte
eines Tones. Wenn man über einem tiefen F diesen zweiten
Oberton bildet, erhält man ein C. Über dem C findet man auf die
gleiche Art ein G, über dem G das D, darüber das A, dann folgt das E
und schließlich das H. Schiebt man die gefundenen Töne in einen
Oktavstreifen, erhält man die Stammtonreihe, und die Halbtonschritte
ergeben sich halt.
Warum verwendet man nicht mehr
Notenlinien statt der vielen Hilfslinien?
So weit ich weiß, hat es durchaus solche
Versuche gegeben. In früher barocker Cembalomusik hat die linke Hand
manchmal ein System mit mehr als fünf Linien, aber - es ist schrecklich
fürs Auge!
Warum schreibt man in der
G-Dur-Tonleiter den Ton auf der siebten Stufe als fis und nicht als ges, also als g mit einem
b davor?
Die
Tonleiter würde dann überhaupt nicht dem Ausgangsmodell, der C-Dur
Tonleiter entsprechen, denn niemand würde ja im Ernst vorschlagen, das h in der C-Dur-Tonleiter als
ces zu notieren. Sie hätte keine siebte Stufe, sondern eine
erniedrigte und eine normale achte Stufe. Zwischen dem sechsten und dem
siebten Ton läge eine verminderte Terz, und der siebte Ton wäre nicht
als Leitton zu erkennen. Aus dem gleichen Grund wäre es eine schlechte
Idee, die Erfindung des b rückgängig zu machen und alle
erniedrigten Töne in den B-Tonarten als Kreuze schreiben zu wollen.
Unten als Beispiel G-Dur ohne fis und As-Dur mit Kreuzen statt b, es, as
und des - man stelle
sich eine vierstimmige Fuge so notiert vor!

Muss es überhaupt so viele
verschiedene Tonarten geben?
Gute Frage, zu der es mindestens zwei
Lösungsansätze gibt: Erstens klingen in Stimmungssystemen, die früher
benutzt wurden, die Tonarten wirklich unterschiedlich. Wenn man ein
Instrument oder ein Ensemble mitteltönig stimmt, oder in einer der
vielen gemäßigten, nicht gleichschwebenden Stimmungen (siehe eventuell
auf der Seite "Gitarre, Stimmen"), gibt es ja einen
Tonartenbereich, der sehr schön klingt. Je weiter man sich von diesem
entfernt, desto relevanter werden die "Fehler", die in der
heutigen, sogenannten wohltemperierten Stimmung auf alle Töne
gleichmäßig verteilt werden. Dass die großen Terzen um das Zentrum
C-Dur herum wunderbar klingen bezahlt man damit, dass sie in Tonarten
mit vielen bs oder Kreuzen zunehmend charakteristisch und
schließlich nicht mehr tolerierbar erscheinen. Die Sonate für Fagott
und Basso Continuo (auch für Blockflöte und B.C.) von G. Ph. Telemann
steht schon absichtlich in F-Moll, so klingt sie nämlich noch
trauriger!
Die Tonartencharakteristik der Klassik,
aufgrund derer die F-Dur-Sinfonie von Beethoven die
"Pastorale", die in Es aber "Eroica" heißt, gehört
auch zu diesem Thema. Da der Kammerton (festgelegte Tonhöhe, nach der
alle ihre Instrumente stimmen) früher eine andere Frequenz hatte als
heute, stimmen die
Tonarten eigentlich nicht mehr wirklich. Barockensembles und Orchester,
die sich mit "Originalinstrumenten" mit Musik der Klassik
beschäftigen, führen die Stücke oft mit einem Kammerton a = 415 Hertz
auf. Das ist ein Halbton unter den heute üblichen 440 Hz (moderne
Orchester spielen eher auf 442 oder 443 Hz - je höher desto
strahlender), womit die Pastorale nach heutigen Maßstäben in E-Dur
erklänge, und D-Dur die Tonart für Heroisches wäre! Für Bach, Mozart
oder Beethoven waren die tieferen Kammertöne die Realität.
Zweiter Ansatz: Der Wille des Komponisten ist
wahrscheinlich der ultimative Schlüssel zu der Frage. Wenn ein Chopin
nun mal findet, dass das Klavierstück, an dem er gerade schreibt in
Des-Dur stehen muss, dann ist das wohl so! Wer wollte ihm da Fesseln
anlegen? Die Genialität großer Komponisten lässt sich für kleine
Geister wie uns doch kaum erahnen! Komponieren ist ja für Leute, die es
wirklich können nicht unbedingt eine Arbeit, die an ein vorhandenes
Instrument gebunden sein muss. Natürlich ist es hilfreich, wenn die
Klarinette nicht tiefer spielen soll, als sie kann, andererseits hört
der Komponist mit seinem inneren Ohr etwas und schreibt es so auf, wie
er es hört, und dann ist die Tonart vielleicht nicht unbedingt
benutzerfreundlich.
Wie bestimmt man die Tonart eines
Stückes?
Die Frage, in welcher Tonart
ein Stück steht, ist gar nicht so einfach beantwortet. Hat man 3 Kreuze
hinter dem Notenschlüssel, handelt es sich um A-Dur oder Fis-Moll, aber
woran erkennt man, was es denn nun ist? Drei b deuten auf Es-Dur
oder C-Moll hin, aber wenn F-Dorisch richtig wäre?
Bauernregeln helfen nicht
wirklich weiter. Steht am Anfang oder Ende ein fis, macht das Fis-Moll wahrscheinlicher, aber ganz sicher
ist das nicht. Ein a am Ende könnte auf A-Dur deuten, aber wenn das
Lied doch in Fis-Moll steht und mit der Terz aufhört...? Die Frage wird
hier leider nicht abschließend beantwortet, weil man mehrere
Wissensgebiete der Musik verstanden haben muss, und das geht nun mal
nicht so schnell... (Sie kommt gerne gegen Ende einer Gitarrenstunde,
wegen der Musikarbeit in zwei Tagen. Erklären Sie mal eben in fünf
Minuten, warum ein Auto eigentlich fährt!)
Man braucht eine Analyse der
vorkommenden Akkorde, besser noch der vorkommenden Kadenzen (siehe die
Seiten "Musiklehre Dreiklänge / Hören), d. h. man muss sich
zunächst mal Kenntnisse dieser Themen aneignen. Wenn es sich um ein
einstimmiges Stück handelt, das nicht harmonisiert ist, muss man es
eben harmonisieren und nach sinnvollen Lösungen suchen. Damit wird auch
klar: in welcher Tonart ein Stück steht ist durchaus eine Meinungsfrage
(siehe die Choralanalyse auf der Seite "Dreiklänge"), eine
Frage der Interpretation durch den Komponisten. In den meisten Fällen
findet man schnell heraus, was Sache ist, aber ein wenig Respekt vor der
Frage schadet nicht. Mein Lieblingsbeispiel für ein schwer zu ortendes
Lied ist das wunderbare "Into white" von Cat Stevens. Die
Harmoniefolge einer Strophe geht etwa so:
C / D (4x) / G / C / D / Am7
/ C / C / G / D / E. Nimmt man G-Dur als Tonart an, sind die Funktionen:
S / D (4x) / T / S / D / Sp7
/ S / S / T / D / TP. Immerhin, die Tonika kommt zweimal vor, allerdings
tut der Komponist dem Ratlosen weder den Gefallen, sie am Anfang noch am
Ende des Stückes zu platzieren. Nach dem vorletzten Akkord, siehe da,
einer Dominante, folgt ein Trugschluss, allerdings nicht zur
Tonikaparallele, sondern zur Tonikadurparallele (die zum folgenden
Akkord der nächsten Strophe im Verhältnis der Mediante steht)! Der
schwebende Charakter des Songs hat in den das tonale Zentrum quasi
vermeidenden Harmonien seine Entsprechung.
Wie löst man einen Dominantseptakkord
auf?
Diese Frage habe ich hier
versucht, zu beantworten. Trotzdem:
Viele Dinge, die im Musikunterricht an
Gymnasien durchgenommen werden, findet ein Instrumentallehrer nicht
unbedingt sinnvoll. Manches hätte man gerne in anderer Reihenfolge
besprochen, manches sieht man schlicht als Überforderung für
musikalisch nicht begabte Schüler (meine Kunstnoten habe ich auch nie
sinnvoll gefunden), und bestimmt wäre vieles ganz einfach, wenn die
Schüler mitgearbeitet und alles verstanden hätten. Aber der Alltag
sieht so aus: obige Frage kommt, Gegenfragen nach vierstimmigem Satz
etc. werden mit "Häh?
Wie jetzt...?" beantwortet, und man weiß oft nicht, wie man die
Sache vernünftig erklären soll, weil Grundlagen (siehe
"Musiklehre Hören", Kadenzlagen) des
vierstimmigen Satzes) fehlen.
Was versteht man unter dem absoluten
Gehör?
Die Frage beantwortet man, indem man den
Wortsinn von "absolut" übersetzt: losgelöst. Losgelöst von
äußeren Bezugspunkten kann ein Absoluthörer sagen, welchen Ton er
hört, wenn man ihm etwas vorspielt. Man schlägt ein zweigestrichenes a auf dem
Klavier an, und der Absoluthörer sagt: das ist ein a''. Der Mensch mit
relativem Gehör sagt erst mal gar nichts. Diesem muss man erst einen
Ton als Bezug geben. Man spielt also ein c', sagt ihm, dass er gerade
ein c' hört, und dann spielt man das a''. Wenn er in der Lage ist, eine
kleine Sexte über eine Oktave zu identifizieren, kann er dann sagen,
dass der gefragte Ton ein a'' ist.
Ob es ein großer Vorteil ist, die
Begabung des absoluten Gehörs zu haben, sei mal dahingestellt. Leute mit
relativem Gehör sind gezwungen zu denken, Absoluthörer wissen einfach.
Das führt aber leicht zu Fehlern, wenn sie nicht lernen wie ein
"normaler" Lehrling der Musik Sinnzusammenhänge zu erkennen
und zu benennen. Die drei Töne es - ges - b wird ein Mensch mit
relativem Gehör sicher so benennen, weil er einen Mollakkord erkennt.
Ein Absoluthörer wird möglicherweise sagen "ich höre es - fis -
b", weil die Note fis geläufiger ist als ges, und weil er die Töne
eben absolut erkennt, also der Zusammenhang "Molldreiklang" für
ihn zum Erkennen nicht notwendig ist.
| Der Akkord cis - e - g - b kann auch
als cis - e - g - ais benannt werden, aber es gibt Situationen, wo
nur die eine oder andere Benennung als richtig gelten kann. Löst
der Vierklang sich in d - f - a auf, wäre die Variante mit dem
ais einfach falsch, denn die muss sich in h - d - fis - h
auflösen (Auflösung in Durdreiklänge ist natürlich möglich).
Hier muss ein Absoluthörer genauso wie ein "Normalo"
über den Zusammenhang nachdenken, auch wenn er sofort erkannt
hat, dass er die Töne des - fes - g - b hört... |
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