Ulrich Meyer, Gitarre
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Musiklehre: Fragen

Manchmal stellt jemand Fragen zur Musiklehre, auf die ein studierter Mensch zunächst völlig verdutzt reagiert, weil sie so... sind wie sie sind. Da es keine dummen Fragen gibt, versuche ich hier einige aufzulisten, die mir entweder schon gestellt wurden oder denkbar wären. Weitere Fragen werden gerne aufgenommen!

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Fragen zu den Grundlagen 

Woher kommt eigentlich die Stammtöne mit den Halbtonschritten an bestimmten Stellen?

Abgesehen davon, dass die Auswahl des Tonmaterials eine Herzensangelegenheit unserer Musikkultur ist - schon die Tonleitern der alten Griechen, die dann in die Kirchentonarten eingingen und später maßgeblich den modalen Jazz beeinflussten benutzten diese Töne - kann man eine Erklärung geben, die mit der Obertonreihe zu tun hat:

Der zweite Oberton über einer Note ist die Oktavquinte. Da der erste Oberton die Oktave des Grundtones ist, mit diesem also quasi übereinstimmt, ist die Quinte der nächste Verwandte eines Tones. Wenn man über einem tiefen F diesen zweiten Oberton bildet, erhält man ein C. Über dem C findet man auf die gleiche Art ein G, über dem G das D, darüber das A, dann folgt das E und schließlich das H. Schiebt man die gefundenen Töne in einen Oktavstreifen, erhält man die Stammtonreihe, und die Halbtonschritte ergeben sich halt.

 

Warum verwendet man nicht mehr Notenlinien statt der vielen Hilfslinien?

So weit ich weiß, hat es durchaus solche Versuche gegeben. In früher barocker Cembalomusik hat die linke Hand manchmal ein System mit mehr als fünf Linien, aber - es ist schrecklich fürs Auge!

 

Fragen zu den Tonleitern

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Warum schreibt man in der G-Dur-Tonleiter den Ton auf der siebten Stufe als fis und nicht als ges, also als g mit einem b davor? 

Die Tonleiter würde dann überhaupt nicht dem Ausgangsmodell, der C-Dur Tonleiter entsprechen, denn niemand würde ja im Ernst vorschlagen, das h in der C-Dur-Tonleiter als ces zu notieren. Sie hätte keine siebte Stufe, sondern eine erniedrigte und eine normale achte Stufe. Zwischen dem sechsten und dem siebten Ton läge eine verminderte Terz, und der siebte Ton wäre nicht als Leitton zu erkennen. Aus dem gleichen Grund wäre es eine schlechte Idee, die Erfindung des b rückgängig zu machen und alle erniedrigten Töne in den B-Tonarten als Kreuze schreiben zu wollen. Unten als Beispiel G-Dur ohne fis und As-Dur mit Kreuzen statt b, es, as und des - man stelle sich eine vierstimmige Fuge so notiert vor!

 

Muss es überhaupt so viele verschiedene Tonarten geben?

Gute Frage, zu der es mindestens zwei Lösungsansätze gibt: Erstens klingen in Stimmungssystemen, die früher benutzt wurden, die Tonarten wirklich unterschiedlich. Wenn man ein Instrument oder ein Ensemble mitteltönig stimmt, oder in einer der vielen gemäßigten, nicht gleichschwebenden Stimmungen (siehe eventuell auf der Seite "Gitarre, Stimmen"), gibt es ja einen Tonartenbereich, der sehr schön klingt. Je weiter man sich von diesem entfernt, desto relevanter werden die "Fehler", die in der heutigen, sogenannten wohltemperierten Stimmung auf alle Töne gleichmäßig verteilt werden. Dass die großen Terzen um das Zentrum C-Dur herum wunderbar klingen bezahlt man damit, dass sie in Tonarten mit vielen bs oder Kreuzen zunehmend charakteristisch und schließlich nicht mehr tolerierbar erscheinen. Die Sonate für Fagott und Basso Continuo (auch für Blockflöte und B.C.) von G. Ph. Telemann steht schon absichtlich in F-Moll, so klingt sie nämlich noch trauriger!

Die Tonartencharakteristik der Klassik, aufgrund derer die F-Dur-Sinfonie von Beethoven die "Pastorale", die in Es aber "Eroica" heißt, gehört auch zu diesem Thema. Da der Kammerton (festgelegte Tonhöhe, nach der alle ihre Instrumente stimmen) früher eine andere Frequenz hatte als heute, stimmen die Tonarten eigentlich nicht mehr wirklich. Barockensembles und Orchester, die sich mit "Originalinstrumenten" mit Musik der Klassik beschäftigen, führen die Stücke oft mit einem Kammerton a = 415 Hertz auf. Das ist ein Halbton unter den heute üblichen 440 Hz (moderne Orchester spielen eher auf 442 oder 443 Hz - je höher desto strahlender), womit die Pastorale nach heutigen Maßstäben in E-Dur erklänge, und D-Dur die Tonart für Heroisches wäre! Für Bach, Mozart oder Beethoven waren die tieferen Kammertöne die Realität.

Zweiter Ansatz: Der Wille des Komponisten ist wahrscheinlich der ultimative Schlüssel zu der Frage. Wenn ein Chopin nun mal findet, dass das Klavierstück, an dem er gerade schreibt in Des-Dur stehen muss, dann ist das wohl so! Wer wollte ihm da Fesseln anlegen? Die Genialität großer Komponisten lässt sich für kleine Geister wie uns doch kaum erahnen! Komponieren ist ja für Leute, die es wirklich können nicht unbedingt eine Arbeit, die an ein vorhandenes Instrument gebunden sein muss. Natürlich ist es hilfreich, wenn die Klarinette nicht tiefer spielen soll, als sie kann, andererseits hört der Komponist mit seinem inneren Ohr etwas und schreibt es so auf, wie er es hört, und dann ist die Tonart vielleicht nicht unbedingt benutzerfreundlich.

 

Wie bestimmt man die Tonart eines Stückes?

Die Frage, in welcher Tonart ein Stück steht, ist gar nicht so einfach beantwortet. Hat man 3 Kreuze hinter dem Notenschlüssel, handelt es sich um A-Dur oder Fis-Moll, aber woran erkennt man, was es denn nun ist? Drei b deuten auf Es-Dur oder C-Moll hin, aber wenn F-Dorisch richtig wäre? 

Bauernregeln helfen nicht wirklich weiter. Steht am Anfang oder Ende ein fis, macht das Fis-Moll wahrscheinlicher, aber ganz sicher ist das nicht. Ein a am Ende könnte auf A-Dur deuten, aber wenn das Lied doch in Fis-Moll steht und mit der Terz aufhört...? Die Frage wird hier leider nicht abschließend beantwortet, weil man mehrere Wissensgebiete der Musik verstanden haben muss, und das geht nun mal nicht so schnell... (Sie kommt gerne gegen Ende einer Gitarrenstunde, wegen der Musikarbeit in zwei Tagen. Erklären Sie mal eben in fünf Minuten, warum ein Auto eigentlich fährt!)

Man braucht eine Analyse der vorkommenden Akkorde, besser noch der vorkommenden Kadenzen (siehe die Seiten "Musiklehre Dreiklänge / Hören), d. h. man muss sich zunächst mal Kenntnisse dieser Themen aneignen. Wenn es sich um ein einstimmiges Stück handelt, das nicht harmonisiert ist, muss man es eben harmonisieren und nach sinnvollen Lösungen suchen. Damit wird auch klar: in welcher Tonart ein Stück steht ist durchaus eine Meinungsfrage (siehe die Choralanalyse auf der Seite "Dreiklänge"), eine Frage der Interpretation durch den Komponisten. In den meisten Fällen findet man schnell heraus, was Sache ist, aber ein wenig Respekt vor der Frage schadet nicht. Mein Lieblingsbeispiel für ein schwer zu ortendes Lied ist das wunderbare "Into white" von Cat Stevens. Die Harmoniefolge einer Strophe geht etwa so:

C / D (4x) / G / C / D / Am7 / C / C / G / D / E. Nimmt man G-Dur als Tonart an, sind die Funktionen:

S / D (4x) / T / S / D / Sp7 / S / S / T / D / TP. Immerhin, die Tonika kommt zweimal vor, allerdings tut der Komponist dem Ratlosen weder den Gefallen, sie am Anfang noch am Ende des Stückes zu platzieren. Nach dem vorletzten Akkord, siehe da, einer Dominante, folgt ein Trugschluss, allerdings nicht zur Tonikaparallele, sondern zur Tonikadurparallele (die zum folgenden Akkord der nächsten Strophe im Verhältnis der Mediante steht)! Der schwebende Charakter des Songs hat in den das tonale Zentrum quasi vermeidenden Harmonien seine Entsprechung.

 

Fragen zu Dreiklängen

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Wie löst man einen Dominantseptakkord auf?

Diese Frage habe ich hier versucht, zu beantworten. Trotzdem: 

Viele Dinge, die im Musikunterricht an Gymnasien durchgenommen werden, findet ein Instrumentallehrer nicht unbedingt sinnvoll. Manches hätte man gerne in anderer Reihenfolge besprochen, manches sieht man schlicht als Überforderung für musikalisch nicht begabte Schüler (meine Kunstnoten habe ich auch nie sinnvoll gefunden), und bestimmt wäre vieles ganz einfach, wenn die Schüler mitgearbeitet und alles verstanden hätten. Aber der Alltag sieht so aus: obige Frage kommt, Gegenfragen nach vierstimmigem Satz etc. werden mit "Häh? Wie jetzt...?" beantwortet, und man weiß oft nicht, wie man die Sache vernünftig erklären soll, weil Grundlagen (siehe "Musiklehre Hören", Kadenzlagen) des vierstimmigen Satzes) fehlen. 

 

Fragen zur Gehörbildung

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Was versteht man unter dem absoluten Gehör?

Die Frage beantwortet man, indem man den Wortsinn von "absolut" übersetzt: losgelöst. Losgelöst von äußeren Bezugspunkten kann ein Absoluthörer sagen, welchen Ton er hört, wenn man ihm etwas vorspielt. Man schlägt ein zweigestrichenes a auf dem Klavier an, und der Absoluthörer sagt: das ist ein a''. Der Mensch mit relativem Gehör sagt erst mal gar nichts. Diesem muss man erst einen Ton als Bezug geben. Man spielt also ein c', sagt ihm, dass er gerade ein c' hört, und dann spielt man das a''. Wenn er in der Lage ist, eine kleine Sexte über eine Oktave zu identifizieren, kann er dann sagen, dass der gefragte Ton ein a'' ist.

Ob es ein großer Vorteil ist, die Begabung des absoluten Gehörs zu haben, sei mal dahingestellt. Leute mit relativem Gehör sind gezwungen zu denken, Absoluthörer wissen einfach. Das führt aber leicht zu Fehlern, wenn sie nicht lernen wie ein "normaler" Lehrling der Musik Sinnzusammenhänge zu erkennen und zu benennen. Die drei Töne es - ges - b wird ein Mensch mit relativem Gehör sicher so benennen, weil er einen Mollakkord erkennt. Ein Absoluthörer wird möglicherweise sagen "ich höre es - fis - b", weil die Note fis geläufiger ist als ges, und weil er die Töne eben absolut erkennt, also der Zusammenhang "Molldreiklang" für ihn zum Erkennen nicht notwendig ist. 

Der Akkord cis - e - g - b kann auch als cis - e - g - ais benannt werden, aber es gibt Situationen, wo nur die eine oder andere Benennung als richtig gelten kann. Löst der Vierklang sich in d - f - a auf, wäre die Variante mit dem ais einfach falsch, denn die muss sich in h - d - fis - h auflösen (Auflösung in Durdreiklänge ist natürlich möglich). Hier muss ein Absoluthörer genauso wie ein "Normalo" über den Zusammenhang nachdenken, auch wenn er sofort erkannt hat, dass er die Töne des - fes - g - b hört...

 

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