Gehörbildung
Was man hört analysieren zu können, was
man sich vorstellt benennen oder aufschreiben zu können: das sind die zwei Seiten der
Medaille "Gehörbildung".
Einerseits sieht man den tauben Beethoven
vor sich, über die Felder wandelnd und dabei komponierend, wobei er
seine Einfälle in Notizbüchern festhält und dann zu Hause
ausarbeitet: der Mann brauchte kein Klavier, um zu überprüfen, ob er
denn nicht einen Fehler bei der Niederschrift gemacht hat.
Andererseits wird der Mensch, der nach
dem Hören einer Sonate plötzlich von der Durchführung im vierten Satz
faselt, oder überlegt, ob die Harmonisierung einer Passage
übereinstimmt mit der Parallelstelle in der Exposition mitleidig
belächelt als verkopfte, wahrscheinlich emotional verarmte Type, die zu
wirklichem Genuss gar nicht mehr fähig ist.
Aber der Chorsänger soll doch bitte sehr
alle Töne vom Blatt singen, das wäre nützlich!
Gehörbildung ist ein schwieriges Gebiet,
bei man sich heute von netter Software und Computersoundkarten helfen
lassen kann. Ich habe als Teenager Aufgaben auf dem alten Tonband
aufgenommen, wobei das Klavier schlecht gestimmt war und das Bandgerät
leicht eierte, und diese dann 2 Wochen später aufzuschreiben versucht.
Ja ja, die schlechten alten Zeiten...
Es folgen drei Ansätze, sich in das
Thema hinein zu tasten.
Nachdem du hoffentlich ein gutes Grundwissen über die technischen Seiten der Intervalle hast,
geht's zur Praxis: Indem du dir für jedes Intervall Klangbeispiele einprägst, lernst du sie
wiederzuerkennen, wenn du sie hörst.

Ich will dir die Arbeit, Beispiele für jedes Intervall zu finden nicht abnehmen, unter anderem auch
deshalb, weil meine Beispiele wahrscheinlich nicht deine sind.
Für die kleine Sexte aufwärts ist in meinem Kopf der Anfang der Klaviersonate op. 49,1 von Beethoven
gespeichert - dir fällt möglicherweise ein Song von ich weiß nicht
wem dazu ein, den ich nicht kenne.
Aber der Job müsste klar sein: wenn du zu jedem Intervall ein Muster im Kopf hast, erkennst du es
- wenn du dich anstrengst - wieder, kannst es aufschreiben, nachspielen (nach Gehör, aber mit
Bewusstsein), weißt genauer was du tust, wenn du eigene Ideen notieren willst.
Intervalle haben natürlich auch mit dem korrekten Hören von Harmonien / Akkorden zu tun: wenn du
Dur und Moll unterscheiden lernen willst, musst du erkennen können, ob das untere Intervall der drei
Töne eine große oder eine kleine Terz ist.
Wenn du für jedes Intervall auf- und
abwärts dein Beispiel hast, kannst du dich daran machen, das Vom -
Blatt - Singen zu üben. Hier eine kleine Datei, die du dir ausdruckst
und auf den Notenständer legst, um dann mit geschlossenen Augen mit der
Kugelschreiberspitze drauftippend ein Intervall per Zufallsgenerator zu
wählen, das du dann singst. Abwechselnd aufwärts und abwärts, oder
solange nach oben, bis die Stimme nicht mehr mitmacht, um dann
umzukehren. Eine harte Trockenübung (kein Komponist schreibt so etwas -
hoffentlich), die garantiert wirkt! Intervallübung
Es bedeuten: K2 = kleine Sekunde; G2 =
große Sekunde; 4 = reine Quarte; Ü 4 = übermäßige Quarte; V 5 =
verminderte Quinte. Einige Intervalle brauchen definitiv
Zusatzüberlegungen, die übermäßige Quinte würde ich zum Beispiel zu
treffen versuchen, indem ich zunächst eine große Sexte denke und dann
den Leitton zum oberen Ton singe.
Eine Verbindung zwischen Intervallen und Harmonien ist gewissermaßen
das Stufenhören.
Die Töne der Tonleiter sind ja durchnummeriert, also kann man von der ersten, der zweiten usw. Stufe
sprechen. Und man kann diese Stufe hören, und auf diese Weise ein gehörtes Lied relativ leichter
auf-
schreiben, als wenn man von Ton zu Ton über die Intervalle nachdenken würde.

Oben als Beispiel der Anfang des Liedes "Der Mai, der Mai..."
in G-Dur. Versuche, dir bekannte Lieder als Stufen zu notieren und
überprüfe danach am Instrument, ob alles stimmt.
Ein wichtiger Anhaltspunkt für das Bewusstsein zu den Stufen kann das Kennen der verschiedenen
"Kadenzlagen" sein. Hier ist ein zentraler Ankerpunkt für sicheres
Blattsingen!
Auf der Seite "Musiklehre Dreiklänge", hast du die wichtigsten Akkorde einer
Tonart kennen gelernt. Wenn man eine Tonart "harmonisch umreißen" will, also möglichst kurz und
zusammenfassend darstellen (durch Töne, nicht durch Zeichen oder Worte), dann spielt man eine Kadenz.
Die Kadenz (eine typische; es gibt natürlich mehrere) besteht aus der Abfolge T - S - D - T (t - s - D - t)
und wird üblicherweise auf eine bestimmte Art und Weise gespielt, aufgeschrieben und gehört:
1.) Die Dreiklänge werden vierstimmig notiert, wobei man den Grundton verdoppelt.
2.) Die Stimmen bewegen sich in möglichst kleinen Schritten; gleiche Töne bleiben liegen.
3.) Der Bass fällt zweimal eine Quinte nach unten - daher hat das Ding auch seinen Namen (cadere ist
lateinisch und heißt "fallen").
4.) Quint- und Oktavparallelen darf man nicht schreiben, weil unser Ohr
diese als Obertöne hört, und dadurch die "Stimmigkeit"
verschwindet. Das ist natürlich ein Gesetz, dass für
bestimmte Epochen unserer abendländischen Musikkultur gilt, und
nicht automatisch auf die Musik Indiens, europäische Musik des 13.
Jahrhunderts oder Rockmusik angewendet werden kann.
Ich habe die Kadenzen hier so aufgeschrieben, dass man sie relativ leicht auf der Gitarre spielen kann.
Der Bass sollte eigentlich typischerweise so gehen wie in der Quintlage der Durkadenz und der Oktav-
lage der Mollkadenz, dort fällt er zweimal eine Quinte nach unten.
Logischerweise kann man die Dreiklänge über den Basstönen umkehren, und erhält so drei Versionen
der Kadenz. Wenn du diese im Ohr hast, weißt du immer blitzschnell, welche Stufe einer Tonleiter
du gerade hörst. Unten steht eine Kadenz in C-Dur, darunter die der
Paralleltonart A-Moll, jeweils in der Reihenfolge Oktavlage, Terzlage
und Quintlage.

Wenn du dir die Oberstimmen der Kadenzlagen gut eingeprägt hast, kannst du immer schnell
heraushören, mit welchem Ton ein Lied anfängt. Außerdem ist dieses Wissen eine wichtige
Grundlage zum Beispiel für Chorsänger, um ihre Fähigkeit, vom Blatt zu singen zu verbessern.
Singe bekannte Lieder auf Stufenziffern (so wie das oben notierte "Der Mai, der Mai..."), schreibe die
Stufen auf und vergleiche mit der Wirklichkeit im Liederbuch. Versuche eigene Ideen aufzuschreiben,
und probiere hinterher mit dem Instrument aus, ob du innerlich das Richtige gehört hast.
Überhaupt: Versuche immer wieder, die Dinge, die ich hier zu erklären versucht oder nur angerissen
habe, in der Praxis des Musikmachens (Spielen, Hören und selbst Komponieren) anzuwenden! Dann
hast du kapiert, wovon "Musiktheorie" eigentlich handelt!
Home Musiklehre
Stichworte
Sitemap oben