Rhythmus, Takt, Metrum
Musik passiert in der Zeit. Die Zeit ist
eine Dimension, die insofern Probleme macht, als man sie nicht anfassen
oder festhalten kann. Ein Maler kann nach zwei Wochen an einem Gemälde
etwas verändern, wenn es ihm nicht so gelungen scheint; ein Musiker spielt
eine falsche Note, kann sie aber nicht korrigieren, weil seine Kollegen
ja weiterspielen.
Die Dauer der Töne, die ja
unterschiedlich lang sind, ergibt eine Bewegung in der Zeit, die
meistens attraktiver ausfällt als das gleichförmige "tick
tack" einer Wanduhr. Sie wird Rhythmus genannt.
Fast immer ordnet man diese Rhythmen
einer höheren Ordnung unter, die Takt heißt. Wenn offenkundig
immer wieder nach je
vier gleichlangen Zeitabständen eine Betonung kommt, beschließt der
Komponist, dass sein Werk im 4/4 Takt steht, setzt Taktstriche und
ordnet das Ganze damit. Das ist für den Musiker, der es spielen soll
durchaus erfreulich. Es gibt in den Lautentabulaturen der
Renaissance viele Stücke, die anscheinend im geraden Takt notiert sind,
also Striche nach je zwei Schlägen haben, bei denen man aber jeweils
sechs Schläge zu einem Takt zusammenfassen sollte, damit das Stück so
klingt, wie es gedacht und für den zeitgenössischen Lautenisten
selbstverständlich war. Wenn man das aus Titel, eventuell
Tempovorschlag (was heißt denn "compas apresurado?") und
Struktur nicht errät findet man das Stück vielleicht nicht hübsch und
verpasst etwas...
Metrum ist ein Begriff, der auch in der
Poetik gebraucht wird. Er meint ein grundsätzliches Schema von Länge
und Kürze oder Betonung und Nichtbetonung von Silben. Gedichten ordnet
man diese grundsätzlichen Schemata zu; eine Liedzeile wie "Kommt
und lasst uns tan-zen, sprin-gen, kommt und lasst uns fröh-lich
sein." spricht man ja unweigerlich in einer bestimmten Form. Musikstücken
lassen sich solche Metren auch zuordnen, allerdings ist es hübsch, wenn
ein Stück ein gleichförmiges Schema dann irgendwann auch verlässt
oder variiert - mittels unterschiedlicher Rhythmen eben.

Über diesen Kanon kann man sagen, dass
er im 3/4 Takt steht, das Metrum ein Trochäus (lang - kurz oder schwer
- leicht) ist und der Rhythmus aus der Abfolge Halbe - Viertel besteht.
Rhythmus und Metrum stimmen so sehr überein, dass man nicht über zu
viel Abwechslung klagen kann. Damit macht dieses Beispiel auch deutlich,
warum es manchmal schwer fällt, Rhythmus und Metrum sauber zu trennen.
Viele Bewohner höherer Intelligenz
dieses merkwürdigen Planeten mögen den rhythmischen Aspekt der Musik sehr und
tanzen zum Beispiel zu Musik oder wippen beim Hören mit dem Fuß; in
unserem Kulturkreis gerne zu relativ einfachen Takt- und
Rhythmusstrukturen wie Polka oder Walzer.
In der indischen Kunstmusik zum Beispiel ist die Ebene
des Rhythmus viel höher entwickelt als in der europäischen. Ähnlich ist
es dort mit der Melodik mit
den unglaublich komplizierten Skalen der Ragas, die Intervalle benutzen
für die wir teils nicht mal Namen haben. Dafür wird vergleichsweise wenig Wert auf
harmonische Organisation gelegt.
Zeit messen wir in Einheiten wie Minuten
und Sekunden, Musiker haben ein System von relativen Zeiteinheiten
entwickelt. Auch dieses System ist enorm praxisbezogen und durchdacht,
wie das der Tonhöhendarstellung.
Die Form der Note, ausgefüllt, mit Hals, mit Fähnchen oder Balken,
gibt die Tondauer an. Von
einem Wert zum nächsten wird die Dauer jeweils halbiert bzw.
verdoppelt.
Schon betreten wir das Reich der
ungenauen Erklärungen: Die Ganze Note hat den Wert von 2 Halben oder 4
Vierteln. Da wir alle wissen, das vier Viertel von einer Torte eine
ganze Torte ergeben, halten wir einen 4/4-Takt für den Normalfall, in
dem die Welt in Ordnung ist. Ein 4/4-Takt hat vier Schläge (weil der
Dirigent den Takt schlägt), und somit hat eine Ganze Note ebenfalls
vier Schläge. Die Halbe hat zwei, die Viertel einen, und die kleineren
Notenwerte teilen sich einen Schlag. Vierundsechzigstelnoten (nicht in
der Grafik) teilen sich
zu sechzehnt einen Viertelschlag, in einen 4/4-Takt passen ihrer 64.
Eine Tabelle wie die folgende hat jeder schon gesehen:

Im Reich der ungenauen
Erklärungen muss man unentwegt aufräumen. Zuerst erklärt
man etwas ungenau, und dann kommen die Zusatzerläuterungen:
Die Ganze Note ist nicht der größte Notenwert - es gibt eine Doppelganze.
Die Bezeichnung "Ganze Note" kann zwei Bedeutungen haben. Erstens: eine
Note, die vier Viertelschläge dauert, zweitens: eine Note, die
einen ganzen Takt dauert. Man kann prinzipiell in einem 6/8-Takt eine
Ganze Note setzen, die dann den Wert von sechs Achteln hat. Allerdings
sollte man sich bemühen, Missverständnisse zu vermeiden.
Was heißt "ein System von relativen
Zeiteinheiten"? Klar ist: in einem Stück dauert die Ganze Note
immer länger als die Halbe, aber Musikstücke haben unterschiedliche
Grundtempi. Die Viertel eines langsamen Stückes können länger dauern,
als die Halben in einem sehr schnellen Stück. Um 1816 erfand auf
Anregung Beethovens Johann N. Mälzel das Metronom (in einem
Rechtsstreit wurde erklärt, dass Dietrich Nikolaus Winkel der Ruhm des
Ersterfinders gebührt, namentlich hat sich aber Mälzel durchgesetzt),
bei dem man an einer Skala einstellen kann, wie viele Schläge pro
Minute erklingen. Tempoangaben wie "Allegro MM 132" bedeuten
"nach Mälzels Metronom 132 Schläge pro Minute".
Das System sei "praxisbezogen und
durchdacht" habe ich oben behauptet. Zählt man die in der Tabelle
fehlenden 64tel mit, muss der Musiker im Orchester, der gerade beginnt,
eine längere Oper zu spielen, im Verlaufe des Abends sieben
verschiedene Notenwerte sofort auseinander halten können. (In sehr
langsamen Sätzen können bei Verzierungen auch schon mal 5 Balken oder
Fähnchen an Noten auftauchen, also 128telnoten, aber das merkt man dann
schon...) Das scheint
ja seit längerer Zeit grundsätzlich zu klappen, was bedeutet, dass die
Menge an auftauchenden Zeichen oder Daten für das Gehirn eines
musikalisch begabten Menschen zu verarbeiten ist. Aber die gezählten 7
Notenwerte sind noch nicht mal die halbe Wahrheit!
| Irreguläre
Teilungen |
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oben
|
| Man kann einen Notenwert nicht
nur in zwei kleinere halbieren, man kann ihn auch unregelmäßig
teilen! Die häufigste Teilung ist die Triole. Das Wort bedeutet,
dass anstelle von zwei kleineren Werten drei ihren Zeitraum
einnehmen. |

|
Und es gibt natürlich nicht nur
Achteltriolen. Man kann drei Halbe setzen, wo sonst zwei stehen, drei
32tel anstelle von zweien usw. Wenn man ein bisschen überlegt kommt man
unweigerlich zu folgenden Schlüssen: Da bei einer Triole aus Halben 3
Noten in einen Takt passen, muss es sich um "Drittelnoten"
handeln, Vierteltriolen passen 6 in einen Takt, also sind das
Sechstelnoten, dann gibt es noch Zwölftelnoten, 24telnoten, 48telnoten
usw.

Hätten diese Notenwerte eigene Zeichen,
müsste sich der Musiker nicht mit sieben Notenwerten, sondern mit, na
sagen wir knapp der doppelten Menge herumärgern. Und die
Wahrscheinlichkeit in der
Praxis zu scheitern wäre groß. Wobei noch
nicht erwähnt wurde, dass es auch den umgekehrten Fall gibt: zwei Noten
dort wo sonst drei (Duole) stehen, oder vier (Quartole) anstelle von
dreien (allgemein: gerade Teilung statt einer ungeraden). Um Quintolen,
Sextolen, und die, bei denen der Komponist einfach schreibt
"11:10" zu verschwiegen...

In der Renaissance gab es Verfahren, ungewöhnliche Notenteilungen zu
kolorieren, also z.B. rot einzufärben. Heute deutet man die
irregulären Teilungen durch Klammern mit arabischen Ziffern an,
wie oben in den Notenbildern zu sehen. Jedenfalls gibt es keine neuen
Zeichen, und das ist auch gut so. Es ist doch auch ganz schön, dass man
für die Laute in Bär, Tür, Öse, Leute, Läuten, Moin, Maul, Meile,
Mai, Mayer etc. nicht extra Buchstaben erfunden hat!
Das sind immer noch nicht alle
Gemeinheiten, die auf den Lernenden in der Welt des Rhythmus warten.
Steht ein Punkt hinter einer Note, verlängert sich deren Wert um die
Hälfte. Aus einer Halben wird eine Halbe + Viertel, also eine
Note, die drei Schläge dauert; aus einer Viertel wird durch den Punkt
eine Note, die die Länge von drei Achteln hat. Eine doppelt punktierte
Halbe zählt eine Halbe + eine Viertel + eine Achtel; es kommt also die
Hälfte und die Hälfte der Hälfte dazu.

Und es gibt immer noch Dinge, die man
nicht schreiben kann, ohne einen weiteren Trick zu erfinden: den
Haltebogen. Er verbindet zwei Noten gleicher Tonhöhe, die dann als ein
Ton gespielt werden. Man macht dies, um Notenlängen zu schreiben, die
sonst nicht machbar wären, um Noten in einen neuen Takt hinüber zu
halten oder um die Lesbarkeit zu verbessern. Besonders in der sogenannten
U-Musik (Unterhaltungsmusik), in der der Rhythmus oft gegen den Takt
geht und so Spannung erzeugt, sind die Rhythmen leichter zu deuten, wenn
sie als Überbindungen geschrieben werden. Tatsächlich klingen viele
Popstücke wie Kinderlieder, wenn man sie rhythmisch
"begradigt"; anders herum kann man auch "Hänschen
klein" als Jazzstück spielen.

Wer soll da noch durchsteigen? Es wird
Zeit, das wir uns nach der gemütlichen Aufzählung der möglichen
Rhythmen und ihrer Zeichen darum kümmern, wie man das eigentlich lernen
soll... Was muss man tun, damit man das System nicht nur theoretisch
versteht, sondern auch praktisch umsetzen kann?
In der Besprechung von Alicia
Keys' neuer CD in der Tagespresse steht sinngemäß, dass es
ähnlich schwierig sei, zu singen und sich dabei gleichzeitig auf
dem Klavier zu begleiten, wie sich auf den Kopf zu klopfen und dabei
den Bauch in Kreisen zu reiben (vielleicht auch etwas schwieriger).
Frau Keys sagt denn auch aus, dass sie lange und viel geübt habe,
um das zu können (sehr beruhigend, zu erfahren, dass auch Stars
üben...). Genau dies, die Gleichzeitigkeit vieler Vorgänge,
ist die Hauptschwierigkeit beim Musizieren. Was passiert im Gehirn des
Gitarrenschülers?
Das Auge sieht eine Viertel punktiert a
auf der g-Saite auf dem Notenblatt. Dass es sich um das a auf der
g-Saite und nicht auf der d- oder A-Saite handelt merkt es an
entsprechenden Hinweisen wie Saiten- oder Lagenbezeichnung. Das Gehirn befiehlt der Greifhand, das a auf der
g-Saite im zweiten Bund zu greifen (dass dazu eine bestimmte Körper-,
Arm- und Handhaltung eingenommen wird lassen wir jetzt mal beiseite),
gleichzeitig bekommt die Anschlagshand den Befehl, die g-Saite (und
nicht die h- oder d-Saite) anzuschlagen. Dann berechnet das Gehirn, wie
lange die Note dauern soll. Außerdem registriert es, ob der zweite
Gitarrist noch mitspielt, die richtige Note in der richtigen Länge
spielt oder zu schnell weiter geht. Falls letzterer Fall eintritt, wird
blitzartig eine Entscheidung gefällt zwischen "Katastrophe,
sofort aufhören und neu beginnen" oder "ebenfalls Ton kürzen
und gemeinsam weiterspielen". Am Rande hört der Spieler, dass das
kleine Kind in der ersten Reihe des Publikums gut hörbar äußert
"Mama, warum guckt der Junge so komisch?", beschließt aber,
dieser Wahrnehmung keine größere Bedeutung beizumessen und statt
dessen die nächste Note, diesmal eine von drei gleichzeitig zu
spielenden, konzentriert in Angriff zu nehmen...
Als Lehrer für Gitarre und Blockflöte
verbringt man viel Zeit damit, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
(die beim Lernen oft größere Schwierigkeiten haben) zu helfen, wie man
mit dem oben beschriebenen Chaos klarkommt. Was die zeitliche
Organisation der Musik, also Rhythmus und Takt angeht, hätte ich einige
Tipps für das Lernen und Üben.
Natürlich will niemand einem Gitarristen zuhören, der den Takt so laut
auf den Bühnenboden klopft, dass man die Gitarre nicht mehr hört, aber
als Lernprozess ist diese Übung sehr wichtig und effektiv. Es ist
schwierig - siehe oben "Alicia Keys..." aber Musik hat mit dem
ganzen Körper zu tun! Nicht nur wenn man tanzt! Die Schwierigkeit, bei
einer halben Note zweimal mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen, besteht
darin, dass es dem Körper und seiner Denkzentrale schwer fällt
gleichzeitig zwei Dinge zu tun, nämlich einen Ton zu spielen und
zweimal mit dem Fuß zu klopfen (oder umgekehrt). Also muss man das mit
dem ganzen Körper üben.
Zuerst bitte nur die einfachsten Stellen
vornehmen. Um die Koordination möglich zu machen, spielt man erst mal
eine Melodie, die nur aus Vierteln besteht und klopft Viertel dazu. Die
Halben Noten in Takt drei und vier brauchen schon mehr Aufmerksamkeit.

Schwieriger wird es dann, wenn zwei
Achtel auf einen "Viertelfuß" kommen. Sehr langsam und
bewusst die beiden Bewegungen aufeinander abstimmend macht man aber
garantiert Fortschritte - wenn man schnell aufgibt natürlich
nicht... Man kann sich erst mal damit helfen, dass die erste Achtel
dran ist, wenn der Fuß unten ist, die zweite aber wenn der Fuß oben
ankommt. Etwas eckige Bewegungen, für die man entsprechend starke
Impulse gibt, helfen.

Punktierungen sind ein sehr schwieriges
Kapitel, von Überbindungen ganz zu schweigen. Richtig erarbeiten
kann man diese Rhythmen erst mit Kindern im
"Bruchrechenalter", auch wenn es musikalische Menschen gibt,
die schon vorher mit diesen Dingen zurecht kommen.

Man teilt Musik aus mehreren Gründen in
Takte ein. Einmal ist es viel einfacher,
die Notenwerte jeweils bis zum nächsten Taktstrich zu zählen, zweitens
kann man besser verabreden, in welchem Takt man noch mal beginnen
möchte (wenn die Takte am Zeilenanfang nummeriert sind), vor allem aber
gibt das Taktgefüge den Noten eine inhaltliche Wertigkeit.
Im 4/4 Takt ist die Viertelnote
die Schlageinheit, und "die 1. Zählzeit" oder kurz "die Eins" hat
immer die Hauptbetonung. Die Drei ist weniger gewichtet, die Zwei und
Vier sind am unbetontesten. Der Schlagzeuger einer Rockband
schlägt die Snare auf Zwei und Vier und erzeugt mit diesen
Akzenten eine Gegenspannung zum eigentlichen Taktgefüge.
Im 6/8 Takt ist die Zähleinheit die Achtel (also hat die Viertel
zwei Schläge!) und die Betonungen liegen auf Eins und Vier.
Ein 3/4 Takt ist rein rechnerisch genau so lang wie ein 6/8 Takt, hat
aber durch die Betonung auf der Eins und den unbetonten Zählzeiten
Zwei und Drei ein völlig anderes "Innenleben".

Exotischere Taktarten gibt es nicht nur
in moderner Musik, sondern durchaus in der Volksmusik besonders
Osteuropas. Wer schon Stücke aus Béla Bartóks "Mikrokosmos"
gespielt hat, kennst sich mit 5/8 und 7/8 Takten aus...
Für Sänger und Bläser leider
unmöglich und bei Gitarristen enorm unbeliebt: Beim Spielen laut die
Zählzeiten sagen. Wie beim Klopfen ist wieder der ganze Mensch
gefordert, und es geht anfangs wieder nur mit großen Schwierigkeiten.
Aber es hilft, ein kompletter, unabhängiger Musiker zu werden.
Wenn im 4/4 Takt Achtelnoten vorkommen,
"fallen diese durch die Maschen" des "1 -2 -3 - 4 -
Netzes". Also hilft man sich damit, dass man "Eins und Zwei
und Drei und Vier und" spricht. Bei Sechzehnteln sagt man "Ein-ze-un-te
Zwei-e-un-te...", Triolen gehen so: "Ei-ner-lei Zwei-er-lei...".
Diese angebotenen Verbalisierungen rufen bei meinen Schülern anfangs
immer ungläubiges Staunen und Murren hervor, aber bitte: bei "You
Tube" findet man einen amerikanischen "online drummer",
der sogar sein Metronom so programmiert hat, dass es "one-e-and-a
two-e-and-a..." quäkt. Und man übt sich mit diesen Hilfen ja nur
so lange, bis man sie nicht mehr braucht!

In sehr langsamen Sätzen, die ja
tendenziell viele kleine Notenwerte enthalten, kann man sich mit zuviel
Sicherheitsdenken mehrere Beine stellen: wenn man in Achteln zählt,
verzählt man sich leicht bei längeren Tönen und - schlimmer noch:
"kleinkariertes" Zählen führt unweigerlich dazu, dass man
auch so musiziert. Man kommt zwar hoffentlich heil durch das Stück,
aber die vielen kleinen gedachten Impulse führen dazu, dass die Musik
nicht schwingt, sondern nähmaschinenartig vor sich hin rattert. Bitte
nie vergessen, dass Zählen und Klopfen Übevorgänge sind, Prozesse, um
ein Stück Musik verstehen zu lernen, aber nicht das Ziel des
Musizierens!
Ein Sonderfall sind unregelmäßige
Unterteilungen auf der Ebene unterhalb des Grundschlages. Wenn in einem
4/4-Takt die Achtel nicht in 4 Gruppen von je zweien auftauchen, sondern
immer 3 + 2 + 3 Achtel die Grundstruktur ausmachen, zählt man am besten
auch "eins zwei drei eins zwei eins zwei drei". Im Beispiel
unten könnte die Taktvorzeichnung so aussehen: 3+3+2 im Zähler, und 8
im Nenner des Bruches.

Ein besonderes Vergnügen ist es,
irreguläre Teilungen gegen ihre Normalwerte spielen zu dürfen. Für
Gitarristen eher selten, aber die Fähigkeit zu erwerben trägt wirklich
zur musikalischen Allgemeinbildung bei. Was tun, wenn man, wie in
Mozarts Klaviersonate KV 332 im ersten Satz in der rechten Hand Achtel
und in der linken dazu Triolenachtel zu spielen hat? Ganz einfach: man
bildet das "Kleinste gemeinsame Vielfache" von 2 und 3,
nämlich 6, denkt sich "die Achtel kommen auf 1 und 4 (denn 6
geteilt durch 2 ist 3) und die Triolen auf 1, 3 und 5 (denn 6 geteilt
durch 3 ist 2). Dann klopft man munter auf die Oberschenkel, spielt, je
nach Schwierigkeit direkt die Stelle oder legt als Gitarrist die Achtel
auf die hohe e-Saite und die Triolen auf die tiefe. Wohlgemerkt bei
gleichzeitigem lauten Zählen. Wenn das klappt übt man anders herum,
und danach den "fliegenden Wechsel". Dann ist man - jede Wette
- um ein paar funktionierende Gehirnwindungen reicher!
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| Noch hübscher ist "Drei gegen
Vier". Das kleinste gemeinsame Vielfache ist 12, das Beispiel
aus Beethovens op. 10, 1 im dritten Satz, und der Lernprozess
hart...
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Wenn man mit dem Fuß die Zählzeiten
schlägt, bleiben diese anonym. Wenn man laut (irgendwann leise im Kopf)
zählt, spielt man ja dabei und muss also außer dem korrekten Zählen
auch noch die Töne auf dem Instrument bewältigen. Manchmal ist das zu
Spielende aber so komplex, dass man nicht recht weiterkommt.
Dann ist vielleicht eine gute Idee so zu
tun, als sei man sein eigener Dirigent! Die Dirigierbewegungen sind ja
genauer als das Klopfen mit dem Fuß, weil jede Zählzeit einen Ort im
Raum hat. Vorraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich die Musik
im Kopf vorstellen kann oder irgendwie singen. Häufig habe ich schon
Sänger dabei beobachtet, dass sie zum Singen dirigieren - so
lernt man am schnellsten seine Einsätze, wenn man zum Beispiel mit
Orchester musiziert. Und man bereitet sich auf das vor, was der wirkliche
Dirigent möglicherweise machen wird. Die gebräuchlichsten
Taktierfiguren sehen so aus:

Allen gemeinsam ist, dass der
"Schlag Eins" immer eine Dirigierbewegung nach unten ist. Im
Zweiertakt schlägt man einfach "ab - auf", im Vierertakt
"ab - links - rechts - oben". Im schnellen 6/8-Takt wird man
nur die Eins und die Vier so wie im 2/4-Takt schlagen, statt der
Zeichnung oben zu folgen. Selbstverständlich sind die kruden Grafiken
kein Ersatz für ordentlichen Unterricht im Fach Dirigieren, sie sollen
nur eine Idee vermitteln, und die Idee, sich Musik vorzustellen und
dabei zu taktieren ist auf alle Fälle gut.
Dieser Aufsatz zum Thema Rhythmus ist
natürlich in keiner Weise vollständig. Wichtige Gegenstände werden
nicht behandelt, weil sie für mich nicht zu den Grundinformationen
gehören, an denen man Lernstrategien entwickeln kann: Auftakt, Akzente,
Synkopen, Hemiolen, Swing oder ternäre Phrasierung, Taktwechsel und
vieles mehr.
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