| Über uns ist noch in Arbeit - stattdessen:
Erinnerungen
aus der Anton-Günther-Straße von Else Rohde
Oma Brötje, die in Rastede
auch Tant' Annchen genannt wurde, erzählte mir:
"Früher war die Anton-Günther-Straße ein
Feldweg zwischen Kornfeldern." Sie konnte
sich noch daran erinnern. Nur wenige Häuser
standen an diesem Weg: unser Haus Nr. 10, dann
die spätere Zigarettenpapierfabrik von Bliemel
und das mit Reith gedeckte Bauernhaus, wo, jetzt
die AOK und der Friseurladen ist. Später wurde
der Feldweg breiter, rote Ziegelsteine wurden
zerstampft und damit die Straße befestigt. Pferd
und Wagen waren die Verkehrsmittel, dann kamen
Fahrräder dazu. (Mein Urgroßvater lief zu Fuß
von Oldenburg ins Jeverland, um seine Braut zu
besuchen. )
Im Ort war kein Lärm zu hören; so ruhig war es
in meiner Kinderzeit. In einem Rastede-Lied wird
der Ort.als "Stätte stiller Rast"
besungen. Dort heißt es auch: "Einer Dirne
Sang" . Das hat aber nichts mit dem heutigen
Begriff "Dirne" zu tun, sondern mit dem
plattdeutschen Wort "Deern". Sehr gut
kann ich mich erinnern, daß meine Mutter sang
bei der Arbeit in der Küche, oder irm Garten mit
hellem Sopran, so daß es in der Hauptstraße
noch zu hören war. Es war ja sonst still, und
Mutter sang gern und gut.
1925 zogen wir in unser Haus Nr. 10. Früher
hatte es die Nummer 35. Wir liebten das Haus
sofort. Es hat Stil und einen heimeligen
Charakter. Mein Bruder Helmut wurde 1927 dort
geboren. Meine EItern waren sehr glücklich
danach - Vater sagte:
"Welch ein Wunder", als er unseren
Helmut in Mutters Armen sah. Ich als große
Schwester hätte trotz Schularbeiten auch viel
Arbeit im Haus. Wir dachten alle, das Haus würde
uns nur Glück bringen, aber weit gefehlt. Durch
den Krieg 1939-1945 zog großes Leid bei uns ein.
Drei meiner Brüder sind innerhalb von zwei
Jahren gefallen. Meine Mutter starb 1 945. Mein
Vater erkrankte.
Gegenüber von uns, Ecke Peterstraße, wohnte
Familie Nowak. Opa Nowak kam aus Oberschlesien
und war Böttchermeister. Er hat eine Rastederin
geheiratet. Acht Kinder hatte das Ehepaar. Opa
und Oma Nowak hatten kein leichtes Leben, aber
die Kinder wuchsen zu ordentlichen Menschen heran.
Opa Nowak mußte mit seiner Hände Arbeit die große
Familie ernähren. Jetzt wohnt dort noch eine
Enkelin, Linni Borchers, mit Ehemann Karl
Borchers.
Schräg gegenüber der Bauschule, die damals noch
nicht stand, wohnte Tant' Annchen mit Jan-Maler
Brötje. Brötje war Malerrneister, das Ehepaar
hatte fünf Kinder. Alle hatten kein leichtes
Leben, aber alle waren zufrieden. Jan-Maler hatte
einen Hund, der seinen Herrn immer begleitete.
Der Hund, weiß und rund, hieß "Makki".
Von Jan-Maler werderi auch noch so allerhand
lustige Geschichten erzählt. Tant' Annchen war
ein Original. Übrigens - Originale waren genug
in Rastede anzutreffen, und einige wohnten in der
Anton-Günther-Straße. An der Ecke zur Hauptstraße,
wo jetzt das Elektrofachgeschäft von Eckard
Wemken ist, hatte Anni Brötje ihren Kolonial-
und Manufakturwarenladen. Sie war eine kleine,
energische Person, voller Mitgefühl mit hilfsbedürftigen
Menschen; sie arbeitete eifrig im Roten
Kreuz mit und hatte in ihrem Haus ein Büro. Später
übernahm Familie Tams den Laden.
- Gegenüber an der anderen Ecke war das
Fahrradgeschäft von Hinrichs. Eine Familie, die
sich früher mit Zweirädern, später mit Autos
befaßte. Ich kann mich noch gut an die ganze
Familie erinnern. Dann muß ich von der ersten
Autofahrt meines Lebens erzählen. Ich war wohl
drei oder vierJahre alt. Mein Vater bekam von
Hinrichs Bescheid, er möchte doch kommen, er könnte
eine Autofahrt nach Oldenburg mitmachen. Mein
Vater nahm mich mit. Es war eines der ersten
Autos in Rastede. Es muß im Herbst gewesen sein.
Es dunkelte schon. Ich saß, ganz klein, unten
und schaute verwundert auf die rasch
vorbeisausenden Baumkronen über mir. Auf einmal
landeten wir in Oldenburg in der Kurwickstraße,
wahrscheinlich auch bei Hinrichs. Ich nehme an,
daß der Großherzog eines der ersten Autos in
Rastede hatte. Zumindest ist mir meine erste
Autofahrt unvergessen. Trotz allem, mein Vater
wurde nie ein Autofreund. Er hegte etwas Mißtrauen.
Hinter dem Haus von Hinrichs, jetzt neben dem
Kiosk, wurde bei Erdarbeiten später eine
Scherbengrube aus der Chaukenzeit, aus der Zeit
vor Christi Geburt entdeckt. Die Scherben gaben
den Archäologen einigen Aufschluß über die
Chaukenzeit. Oft muß ich noch daran denken, wenn
ich heute zum Kiosk gehe. Auch interessant waren
die Findlinge, die die Arbeiter jetzt beim Umbau
der Anton-Günther-Straße aus dern Straßengrund
zutage förderten, und ich unterhielt mich mit
den Straßenarbeitern über die "Eiszeit",
denn seitdem liegen doch die Steine im Grund. Die
Steine kommen von den skandinavischen Ländern.
- Nun dürfen wir Heini Moorhusen nicht vergessen,
auch "Hein Löt" genannt. Er war
wirklich ein Original, oft brummig, doch auch
gleichmütig und humorvoll, tüchtig im Beruf als
Klempner und Elektromeister. Vielleicht hat ihm
seine Ruhe das hohe AIter von fast 100 Jahren
beschert. Jetzt hat die Firma Ahrens dort ihr
Geschäft.
- Auf Gartengrundstücken von Hollander und
Hinrichs entstand 1929 die Bauschule. Vorher
waren die Bauschüler, die immer mehr wurden, in
unserem Wohnhaus in einer Klasse, in der.Bahnhofstraße
in Brötjes Haus und in der damaligen Schulstraße,
jetzt Thoradestraße, untergebracht. Es war nicht
praktisch für den Unterricht. Die Bauschüler
kamen aus allen Teilen West- und Ostdeutschlands
nach Rastede. Schließlich waren es über 200
Mann. Mit großen Opfern wurde die Schule gebaut,
Opfer vor allem von meinen Eltern. Die
Bauschulgeschichte ist sehr erlebnisreich. Von
1929-1 942 war es wirklich Bauschule, dann hat
der Krieg ailes verändert und viel zerstört.
Die Bauschüler wurden Soldaten. Dann kamen nur
noch Verwundete. 1941 hat mein Vater
deshalb den Unterricht aufgegeben und das Gebäude
an den Landkreis Ammerland als Berufsschule
verpachtet - bis 1 960. Bei Kriegsende waren
deutsche Soldaten in den Räumen, zuletzt die
Schlachterkompanie der Westfront.
Die kanadischen Truppen näherten sich Rastede,
die deutschen Söldaten zogen sich zur Elbe zurück.
In den letzten Kriegstagen im Mai 1945 bekam auch
Rastede zu spüren, was es heißt, an der Front
zu sein. Die Luft war eisenhaltig. Panzer rollten
auf der Hauptstraße, die schönen Klinkerstraßen
wurden zermalmt. Geschosse schlugen auch in der
Knoopstraße, jetzt Raiffeisenstraße, ein, Frau
Oeltjen wurde tödlich getroffen. Iri der Anton-GüntherStraße
fiel das jetzige Duddecksche Wohnhaus zusammen,
dabei wurde der Karusselbesitzer Fink erschlagen,
er war sofort tot. Die anderen Hausbewohner von
Familie Hinrichs waren im Keller verschont
geblieben. Mein Vater lief nach dem Angriff zu
dem Haus, sah Fink, wie er auf der Kellertreppe
lag. Mein Vater konnte sich gar nicht erholen von
dem Anblick. ,
Über den Straßen flogen die feindlichen
Tiefflieger und machten Jagd auf alles, was sich
bewegte. Es war wie eine Hasenjagd. Sogar die
Milchkannen wurden beschossen. Vor dem jetzigen
Gesundheitsamt, früher Gemeindebüro, wurde ein
Rote-Kreuz Auto beschossen. Dachziegel flogen von
den Häusern. Ich kann mich entsinnen, daß bei
Ickens viele Trümmer auf der Straße lagen. Aus
unserem Haus flogen die Fensterscheiben heraus,
so daß wir monatelang rnit vernagelten Fenstern
auskommen mußten. Große Splitter flogen an die
Hauswände, und bei unserern Haus und bei der
Bauschule kann man heute noch die Löcher in den
Wänden sehen. Im Vorgarten neben dem
zerschossenen Haus (jetzt Duddeck) lag eine drei
Meter lange Bornbe. Gedacht war sie für die
Eisenbahn. Sie war nicht explodiert.
- Gegenüber dem Gesundheitsamt im Haus Nr. 1 1
wohnte früher "Gendarm Janßen", später
Wiegreffes. Hinter dem Haus stehen jetzl: zwei
Neubauten.
- Das jetzige Haus von Bliemels "Die Insel"
ist um etwa 1 922 erbaut von einem Fabrikanten
aus Hamburg namens Schmidt. Die Leute nannten ihn
"Millionen-Schmidt". Doch von den
Millionen und von Schmidt war nachher nichts mehr
da. Aber das schöne Haus steht noch. In dieser
"Insel" war jahrelang die
Landessparkasse beheimatet.
- Gegenüber vom Duddeckschen Haus wohnte in
unserer Kinderzeit der Tierarzt Fasting. Jetzt
gehört das Haus der Familie Bliemel. Fasting hat
mich auch einmal behandelt. Er hatte eine gute
Salbe. Nun wieder zur Kriegszeit. In der
Bauschule quartierten sich am Kriegsende
kanadische Soldaten ein. Unten im Haus waren die
Klassen voller Dinge, die die Bevölkerung nicht
behalten durfte: Fotoapparate, Ferngläser usw.
Es waren wirklich wertvolle Sachen, die dort
lagen oder draußen im Regen vergammelten. Mit
Vehemenz hatten die Soldaten die Einrichtung der
Bauschule zertrümmert, hohe Berge Schrott türmten
sich, die die Männer Rastedes aufräumen mußten.
Neue Nähmaschinen, Handwerksmaschinen wurden
zerschlagen, auch einige Türen mußten dran
glauben. Abends war für uns Ausgangssperre, und
weiße Bettlaken mußten vor den Häusern
flattern.
Viel Böses passierte im Ort. Sonderbare
Geschichten über Lebensmittelvorräte machten
die Runde. Noch heute amüsieren sich die
Rasteder darüber. Jeder mußte eben zusehen, daß
er etwas zu essen ergatterte. Es war eine
aufgeregte Zeit. Läden wurden geplündert.
Endlich konnte die Berufsschule Rastede-Wiefelstede
wieder einziehen, und endlich, endlich konnte
1960 auch die Bauschule wieder im Bauschulgebäude
anfangen. Von 1949-1959 waren die Klasse und
einige Wohnräurne mit 50 Bauschülern im
Wohnhaus untergebracht. 1960 konnte ich mit 60
Schülern wieder ins große Gebäude ziehen. 1957
war mein Vater gestorben; er hatte mir die
Leitung seines Lebenswerkes übergeben, nachdem
ich neun Jahre mit ihm zusammen gearbeitet hatte.
1976 kam die Wirtschaftskrise im Baugewerbe; es
erlitt großen Schaden, der heute noch zu merken
ist. Viele Betriebe mußten schließen. Unsere
Schule hatte 71 Jahre bestanden und viele Maurer-,
Zimmerer und Stahlbetonbaumeister ausgebildet.
Ich habe die Bauschule 1976 geschlossen. Heute
beherbergt sie die Arbeitsloseninitiative und
mehrere Wohnungen.
- Nun habe ich noch nicht über das jetzige
Gesundheitsamt gesprochen. So um 1910 muß das
Haus gebaut worden sein von Bäckermeister Onnen.
Im Nebenhaus, jetziges Wohnhaus, war die Bäckerei.
Mit den beiden Söhnen haben wir als Kinder
gespielt. Bäckermeister Onnen hatte viel Geld
durch Spekulationen verloren, man sprach von der
Rolandmühle. Er zog deshalb in das umgebaute
Nebengebäude, hier war auch der Laden. Der
letzte Inhaber war Bäckermeister Reschka. Von
dem Haus kann ich nur sagen: Im Haus Nr. 12 ging
es irnmer lebhaft zu.
- Wo jetzt Frau Schier wohnt, Haus Nr. 20,
wohnten früher ihre Großeltern Dwehus, er war
pensionierter Beamter(?). An Dwehus' Haus schloß
sich das Haus der Geschwister Meyer an. Diese Häuser
stehen heute noch in unveränderter Form.
- Wo jetzt die AOK-Geschäftsstelle und der
Friseurladen stehen, war früher ein sehr schönes,
mit Reith gedecktes Bauernhaus. Es gehörte dem
Malermeister Ludwig, später bewohnten es
Holsteins, und oben hatten Flüchtlinge ihre
Wohnung. Im Jahre 1950 brannte das Bauernhaus
durch Kurzschluß bis auf den Grund ab. Gegenüber
erbaute 1958 der Apotheker Karl Strobel seine
Apotheke.
- Gegen Mitte der 70er Jahre wurde anstelle des
Hagendorffschen Hauses die neue Raiffeisenbank
auf der Ecke Anton-Günther-Straße /
Raiffeisenstraße erbaut. Gegenüber liegt der
Friedensplatz mit dem Denkmal und der großen
Eiche; am Friedensplatz / Ecke Oldenburger Straße,
wo früher die Anton-Günther-Straße einmündete,
liegt die alte Gaststätte gleichen Namens.
Viele tausende Menschen sind durch die Anton-Günther-Straße
gegangen. Viele Schicksale haben sich hier erfüllt
in Freud und Leid.
Viele Jahre war die Anton-Günther-Straße
vernachlässigt worden, doch jetzt wird alles
erneuert, es wird ein schönes Straßenbild sein.
Else Rohde
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