Soziales Zentrum Rastede

   

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Arbeitsloseninitiative Rastede e.V. (ALRA)

Anton-Günther-Straße 8, 26180 Rastede, Tel. 04402/82959, Fax 04402/3334


Über uns ist noch in Arbeit - stattdessen:

Erinnerungen aus der Anton-Günther-Straße von Else Rohde

Oma Brötje, die in Rastede auch Tant' Annchen genannt wurde, erzählte mir: "Früher war die Anton-Günther-Straße ein Feldweg zwischen Kornfeldern." Sie konnte sich noch daran erinnern. Nur wenige Häuser standen an diesem Weg: unser Haus Nr. 10, dann die spätere Zigarettenpapierfabrik von Bliemel und das mit Reith gedeckte Bauernhaus, wo, jetzt die AOK und der Friseurladen ist. Später wurde der Feldweg breiter, rote Ziegelsteine wurden zerstampft und damit die Straße befestigt. Pferd und Wagen waren die Verkehrsmittel, dann kamen Fahrräder dazu. (Mein Urgroßvater lief zu Fuß von Oldenburg ins Jeverland, um seine Braut zu besuchen. )
Im Ort war kein Lärm zu hören; so ruhig war es in meiner Kinderzeit. In einem Rastede-Lied wird der Ort.als "Stätte stiller Rast" besungen. Dort heißt es auch: "Einer Dirne Sang" . Das hat aber nichts mit dem heutigen Begriff "Dirne" zu tun, sondern mit dem plattdeutschen Wort "Deern". Sehr gut kann ich mich erinnern, daß meine Mutter sang bei der Arbeit in der Küche, oder irm Garten mit hellem Sopran, so daß es in der Hauptstraße noch zu hören war. Es war ja sonst still, und Mutter sang gern und gut.
1925 zogen wir in unser Haus Nr. 10. Früher hatte es die Nummer 35. Wir liebten das Haus sofort. Es hat Stil und einen heimeligen Charakter. Mein Bruder Helmut wurde 1927 dort geboren. Meine EItern waren sehr glücklich danach - Vater sagte:
"Welch ein Wunder", als er unseren Helmut in Mutters Armen sah. Ich als große Schwester hätte trotz Schularbeiten auch viel Arbeit im Haus. Wir dachten alle, das Haus würde uns nur Glück bringen, aber weit gefehlt. Durch den Krieg 1939-1945 zog großes Leid bei uns ein. Drei meiner Brüder sind innerhalb von zwei Jahren gefallen. Meine Mutter starb 1 945. Mein Vater erkrankte.
Gegenüber von uns, Ecke Peterstraße, wohnte Familie Nowak. Opa Nowak kam aus Oberschlesien und war Böttchermeister. Er hat eine Rastederin geheiratet. Acht Kinder hatte das Ehepaar. Opa und Oma Nowak hatten kein leichtes Leben, aber
die Kinder wuchsen zu ordentlichen Menschen heran. Opa Nowak mußte mit seiner Hände Arbeit die große Familie ernähren. Jetzt wohnt dort noch eine Enkelin, Linni Borchers, mit Ehemann Karl Borchers.
Schräg gegenüber der Bauschule, die damals noch nicht stand, wohnte Tant' Annchen mit Jan-Maler Brötje. Brötje war Malerrneister, das Ehepaar hatte fünf Kinder. Alle hatten kein leichtes Leben, aber alle waren zufrieden. Jan-Maler hatte einen Hund, der seinen Herrn immer begleitete. Der Hund, weiß und rund, hieß "Makki". Von Jan-Maler werderi auch noch so allerhand lustige Geschichten erzählt. Tant' Annchen war ein Original. Übrigens - Originale waren genug in Rastede anzutreffen, und einige wohnten in der Anton-Günther-Straße. An der Ecke zur Hauptstraße, wo jetzt das Elektrofachgeschäft von Eckard Wemken ist, hatte Anni Brötje ihren Kolonial- und Manufakturwarenladen. Sie war eine kleine, energische Person, voller Mitgefühl mit hilfsbedürftigen Menschen; sie arbeitete eifrig im Roten
Kreuz mit und hatte in ihrem Haus ein Büro. Später übernahm Familie Tams den Laden.
- Gegenüber an der anderen Ecke war das Fahrradgeschäft von Hinrichs. Eine Familie, die sich früher mit Zweirädern, später mit Autos befaßte. Ich kann mich noch gut an die ganze Familie erinnern. Dann muß ich von der ersten Autofahrt meines Lebens erzählen. Ich war wohl drei oder vierJahre alt. Mein Vater bekam von Hinrichs Bescheid, er möchte doch kommen, er könnte eine Autofahrt nach Oldenburg mitmachen. Mein Vater nahm mich mit. Es war eines der ersten Autos in Rastede. Es muß im Herbst gewesen sein. Es dunkelte schon. Ich saß, ganz klein, unten und schaute verwundert auf die rasch vorbeisausenden Baumkronen über mir. Auf einmal landeten wir in Oldenburg in der Kurwickstraße, wahrscheinlich auch bei Hinrichs. Ich nehme an, daß der Großherzog eines der ersten Autos in Rastede hatte. Zumindest ist mir meine erste Autofahrt unvergessen. Trotz allem, mein Vater wurde nie ein Autofreund. Er hegte etwas Mißtrauen. Hinter dem Haus von Hinrichs, jetzt neben dem Kiosk, wurde bei Erdarbeiten später eine Scherbengrube aus der Chaukenzeit, aus der Zeit vor Christi Geburt entdeckt. Die Scherben gaben den Archäologen einigen Aufschluß über die Chaukenzeit. Oft muß ich noch daran denken, wenn ich heute zum Kiosk gehe. Auch interessant waren die Findlinge, die die Arbeiter jetzt beim Umbau der Anton-Günther-Straße aus dern Straßengrund zutage förderten, und ich unterhielt mich mit den Straßenarbeitern über die "Eiszeit", denn seitdem liegen doch die Steine im Grund. Die Steine kommen von den skandinavischen Ländern.
- Nun dürfen wir Heini Moorhusen nicht vergessen, auch "Hein Löt" genannt. Er war wirklich ein Original, oft brummig, doch auch gleichmütig und humorvoll, tüchtig im Beruf als Klempner und Elektromeister. Vielleicht hat ihm seine Ruhe das hohe AIter von fast 100 Jahren beschert. Jetzt hat die Firma Ahrens dort ihr Geschäft.
- Auf Gartengrundstücken von Hollander und Hinrichs entstand 1929 die Bauschule. Vorher waren die Bauschüler, die immer mehr wurden, in unserem Wohnhaus in einer Klasse, in der.Bahnhofstraße in Brötjes Haus und in der damaligen Schulstraße, jetzt Thoradestraße, untergebracht. Es war nicht praktisch für den Unterricht. Die Bauschüler kamen aus allen Teilen West- und Ostdeutschlands nach Rastede. Schließlich waren es über 200 Mann. Mit großen Opfern wurde die Schule gebaut, Opfer vor allem von meinen Eltern. Die Bauschulgeschichte ist sehr erlebnisreich. Von 1929-1 942 war es wirklich Bauschule, dann hat der Krieg ailes verändert und viel zerstört. Die Bauschüler wurden Soldaten. Dann kamen nur noch Verwundete.  1941 hat mein Vater deshalb den Unterricht aufgegeben und das Gebäude an den Landkreis Ammerland als Berufsschule verpachtet - bis 1 960. Bei Kriegsende waren deutsche Soldaten in den Räumen, zuletzt die Schlachterkompanie der Westfront.
Die kanadischen Truppen näherten sich Rastede, die deutschen Söldaten zogen sich zur Elbe zurück. In den letzten Kriegstagen im Mai 1945 bekam auch Rastede zu spüren, was es heißt, an der Front zu sein. Die Luft war eisenhaltig. Panzer rollten auf der Hauptstraße, die schönen Klinkerstraßen wurden zermalmt. Geschosse schlugen auch in der Knoopstraße, jetzt Raiffeisenstraße, ein, Frau Oeltjen wurde tödlich getroffen. Iri der Anton-GüntherStraße fiel das jetzige Duddecksche Wohnhaus zusammen, dabei wurde der Karusselbesitzer Fink erschlagen, er war sofort tot. Die anderen Hausbewohner von Familie Hinrichs waren im Keller verschont geblieben. Mein Vater lief nach dem Angriff zu dem Haus, sah Fink, wie er auf der Kellertreppe lag. Mein Vater konnte sich gar nicht erholen von dem Anblick. ,
Über den Straßen flogen die feindlichen Tiefflieger und machten Jagd auf alles, was sich bewegte. Es war wie eine Hasenjagd. Sogar die Milchkannen wurden beschossen. Vor dem jetzigen Gesundheitsamt, früher Gemeindebüro, wurde ein Rote-Kreuz Auto beschossen. Dachziegel flogen von den Häusern. Ich kann mich entsinnen, daß bei Ickens viele Trümmer auf der Straße lagen. Aus unserem Haus flogen die Fensterscheiben heraus, so daß wir monatelang rnit vernagelten Fenstern auskommen mußten. Große Splitter flogen an die Hauswände, und bei unserern Haus und bei der Bauschule kann man heute noch die Löcher in den Wänden sehen. Im Vorgarten neben dem zerschossenen Haus (jetzt Duddeck) lag eine drei Meter lange Bornbe. Gedacht war sie für die Eisenbahn. Sie war nicht explodiert.
- Gegenüber dem Gesundheitsamt im Haus Nr. 1 1 wohnte früher "Gendarm Janßen", später Wiegreffes. Hinter dem Haus stehen jetzl: zwei Neubauten.
- Das jetzige Haus von Bliemels "Die Insel" ist um etwa 1 922 erbaut von einem Fabrikanten aus Hamburg namens Schmidt. Die Leute nannten ihn "Millionen-Schmidt". Doch von den Millionen und von Schmidt war nachher nichts mehr da. Aber das schöne Haus steht noch. In dieser "Insel" war jahrelang die Landessparkasse beheimatet.
- Gegenüber vom Duddeckschen Haus wohnte in unserer Kinderzeit der Tierarzt Fasting. Jetzt gehört das Haus der Familie Bliemel. Fasting hat mich auch einmal behandelt. Er hatte eine gute Salbe. Nun wieder zur Kriegszeit. In der Bauschule quartierten sich am Kriegsende kanadische Soldaten ein. Unten im Haus waren die Klassen voller Dinge, die die Bevölkerung nicht behalten durfte: Fotoapparate, Ferngläser usw. Es waren wirklich wertvolle Sachen, die dort lagen oder draußen im Regen vergammelten. Mit Vehemenz hatten die Soldaten die Einrichtung der Bauschule zertrümmert, hohe Berge Schrott türmten sich, die die Männer Rastedes aufräumen mußten. Neue Nähmaschinen, Handwerksmaschinen wurden zerschlagen, auch einige Türen mußten dran glauben. Abends war für uns Ausgangssperre, und weiße Bettlaken mußten vor den Häusern flattern.
Viel Böses passierte im Ort. Sonderbare Geschichten über Lebensmittelvorräte machten die Runde. Noch heute amüsieren sich die Rasteder darüber. Jeder mußte eben zusehen, daß er etwas zu essen ergatterte. Es war eine aufgeregte Zeit. Läden wurden geplündert.
Endlich konnte die Berufsschule Rastede-Wiefelstede wieder einziehen, und endlich, endlich konnte 1960 auch die Bauschule wieder im Bauschulgebäude anfangen. Von 1949-1959 waren die Klasse und einige Wohnräurne mit 50 Bauschülern im Wohnhaus untergebracht. 1960 konnte ich mit 60 Schülern wieder ins große Gebäude ziehen. 1957 war mein Vater gestorben; er hatte mir die Leitung seines Lebenswerkes übergeben, nachdem ich neun Jahre mit ihm zusammen gearbeitet hatte. 1976 kam die Wirtschaftskrise im Baugewerbe; es erlitt großen Schaden, der heute noch zu merken ist. Viele Betriebe mußten schließen. Unsere Schule hatte 71 Jahre bestanden und viele Maurer-, Zimmerer und Stahlbetonbaumeister ausgebildet. Ich habe die Bauschule 1976 geschlossen. Heute beherbergt sie die Arbeitsloseninitiative und mehrere Wohnungen.
- Nun habe ich noch nicht über das jetzige Gesundheitsamt gesprochen. So um 1910 muß das Haus gebaut worden sein von Bäckermeister Onnen. Im Nebenhaus, jetziges Wohnhaus, war die Bäckerei. Mit den beiden Söhnen haben wir als Kinder gespielt. Bäckermeister Onnen hatte viel Geld durch Spekulationen verloren, man sprach von der Rolandmühle. Er zog deshalb in das umgebaute Nebengebäude, hier war auch der Laden. Der letzte Inhaber war Bäckermeister Reschka. Von dem Haus kann ich nur sagen: Im Haus Nr. 12 ging es irnmer lebhaft zu.
- Wo jetzt Frau Schier wohnt, Haus Nr. 20, wohnten früher ihre Großeltern Dwehus, er war pensionierter Beamter(?). An Dwehus' Haus schloß sich das Haus der Geschwister Meyer an. Diese Häuser stehen heute noch in unveränderter Form.
- Wo jetzt die AOK-Geschäftsstelle und der Friseurladen stehen, war früher ein sehr schönes, mit Reith gedecktes Bauernhaus. Es gehörte dem Malermeister Ludwig, später bewohnten es Holsteins, und oben hatten Flüchtlinge ihre Wohnung. Im Jahre 1950 brannte das Bauernhaus durch Kurzschluß bis auf den Grund ab. Gegenüber erbaute 1958 der Apotheker Karl Strobel seine Apotheke.
- Gegen Mitte der 70er Jahre wurde anstelle des Hagendorffschen Hauses die neue Raiffeisenbank auf der Ecke Anton-Günther-Straße / Raiffeisenstraße erbaut. Gegenüber liegt der Friedensplatz mit dem Denkmal und der großen Eiche; am Friedensplatz / Ecke Oldenburger Straße, wo früher die Anton-Günther-Straße einmündete, liegt die alte Gaststätte gleichen Namens.
Viele tausende Menschen sind durch die Anton-Günther-Straße gegangen. Viele Schicksale haben sich hier erfüllt in Freud und Leid.
Viele Jahre war die Anton-Günther-Straße vernachlässigt worden, doch jetzt wird alles erneuert, es wird ein schönes Straßenbild sein.
Else Rohde