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Erinnerungen des Zentrale-Maaten Rudolf Treue, gen. Rolf
Ztr.-Mt Rudolf Treue
Es ist gar nicht so einfach,
nach ca. 4 Jahrzehnten alle
wesentlichen Geschehnisse und Erlebnisse in der richtigen, chronologischen
Reihenfolge während meiner Fahrzeit auf U‑Liliput zu schildern. Ich
betrachte es als Beginn meiner Story von unserem Boot, und bin davon
überzeugt, nachdem alle Kameraden mein Geschreibsel gelesen haben, daß
weitere Anregungen, Erlebnisse und evtl. Richtigstellungen von allen
Beteiligten folgen werden.
Doch nun zur Sache:
Im März 41 wurde ich mit Oblt.
(Ing.) Kiehn und Masch.Mt. Robert Kunsleben von "U 7" zur
Baubelehrung zu Blohm und Voss kommandiert. Bis zur Indienststellung am
19.6.41 hatte man also Zeit, das Boot in der Endbauphase sowie die nach und
nach eintreffenden Besatzungsmitglieder kennenzulernen. Wenn ich mich recht
erinnere, waren wir junge, begeisterungsfähige Menschen, die sich freiwillig
zur U‑Bootswaffe gemeldet hatten, und unsere Vorstellung war, für unser
Volk und unsere Heimat alles zu geben. Dies war auch der Grund, daß innerhalb
kurzer Zeit die gesamte Mannschaft von der Bootsführung bis zum jüngsten
Besatzungsmitglied ein homogenes Ganzes wurde. Dies kam nicht nur während des
Dienstes, sondern auch bei den nicht wenigen gemeinsamen Landunternehmen zum
Ausdruck (der beste Beweis dafür ist unser Bootsname "Liliput"). Es
soll bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben, daß das Personal der
Werft Blohm & Voss alles getan hat, uns beim Kennenlernen der Innereien
den Bootes jede mögliche Unterstützung zu gewähren. Anregungen von uns über
sinnvolle Änderungen wurden formlos durchgeführt. Dies kam besonders bei den
Restarbeiten im Juli 1941 zum Tragen. Am 19.6.41 war es dann soweit. Die
Indienststellung des Bootes mit offizieller Indienststellungsfeier! Dabei war
auch eine Abordnung unserer Patenstadt "Dornbirn". Abends gab es
dann eine richtige Indienststellungs- „Fete“. Heute würde man auf neu‑deutsch
sagen „Party", und zwar in einem Lokal in einer Seitenstraße von der
Reeperbahn. Wie das Lokal hieß, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß
ich eine Ananas‑Bowle angesetzt habe, die en in sich hatte (24 Std.
vorher Früchte mit Weinbrand angesetzt!) In Ermangelung eines geeigneten
großen Gefäßes wurde die Bowle dann kurz vor der Feier mit Wein und Sekt in
einer Badewanne angesetzt! Nach dem Genuß der Früchte, die zur
vorgeschrittenen Stunde serviert wurden, bekamen die meisten "runde
Füße"'.
Am 26.6.41 ging es dann nach Kiel
zu den U.A.K. Erprobungen und vom 11. ‑15.7.41 waren wir beim T.E.K. in
Warnemünde. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir alle bemüht, die Zeit der
Erprobungen schnellstmöglich hinter uns zu bringen. Die kurzen Zeiten an der
Pier in Kiel wurden meistens mit einem mehr oder minder großen Umtrunk auf
dem Turm bzw. Oberdeck überbrückt ! In dieser Zeit sind wir mit einem Minimum
an Schlaf ausgekommen. In Warnemünde hatten wir ab und zu Gelegenheit, bei
gutem Wetter ein Bad in der Ostsee zu nehmen. In Ermangelung eines
Kühlschrankes am Strand wurden die Getränke von einem Schlauchboot aus
"außenbords" gehängt.
Am 16.7.41 ging es dann über
Kiel wieder zurück nach Hamburg zur Durchführung der Restarbeiten. Auch hier
wieder eine Besonderheit: Während andere Bootsbesatzungen während der
Restarbeiten auf einem Wohnschiff untergebracht wurden, wohnten wir am
Millerntor im Hotel "Wallring". Erinnert Ihr Euch noch, was es
immer für einen Aufstand beim Zoll gab, wenn wir nach Dienst-schluß durch den
Elbtunnel zum Hotel marschierten? Verpflegung und natürlich Getränke mußten
ja mitgenommen werden! Für die in Koffern transportierten alkoholischen
Getränke hatten wir eine Bescheinigung, daß sich keine zollpflichtigen Waren
in den Koffern befinden. Die Herren vom Zoll knirschten mit den Zähnen, aber
sie mußten uns ohne Kontrolle passieren lassen. Hatten wir auch nicht mal
Ärger mit den "Kettenhunden", die uns verbieten wollten unser rotes
Tuch mit dem Dornbirn‑Wappen zu tragen? Ich glaube, während dieser Zeit
hat jeder seine besonderen Erlebnisse gehabt.
Am 30.7.41 war dann die schöne
Zeit vorbei und über Kiel, wo wir ausgerüstet wurden, ging es nach Horten zur
Unterwasserausbildung. Dort hat es ‑ so glaube ich ‑ einige
interessante Feten im Wald beim Lagerfeuer gegeben!
Am 16.8.41 ging es dann mit
Geleit nach Drontheim zum Torpedoschießen bei der 25.‑U‑Flottille.
Das herausragendste Ereignis war wohl der letzte Unterwasserangriff im
Drontheim‑Fjord, als kurz vor dem Fächerschuß wir vom Geleitboot F 10
überlaufen wurden, und unser Sehrohr fast rechtwinklig verbogen wurde. Das
Werftschiff "Huaskaran" hatte große Schwierigkeiten, das
beschädigte Sehrohr zu ziehen. Trotz der sehr großen mechanischen
Beanspruchung brauchte der Sehrohrbock nicht ausgewechselt zu werden. Durch diese
unfreiwillige Verzögerung der Ausbildung erfolgte Anfang September 1941
mehrere Tage ein Torpedoschießen bei der 24.‑U‑Flottille.
An 8.9.41 war es dann endlich
soweit. Auslaufen zur 1. Feindfahrt. Aus heutiger Sicht möchte ich behaupten,
daß wir eine gut eingespielte Mannschaft waren, und ich glaube, bei keinem
von uns trat irgend ein Gefühl der Unsicherheit oder des Zweifels auf über
die erfolgreiche Beendigung den Unternehmens. Was sich im einzelnen auf der
Fahrt ereignete, ist schon auszugsweise aus dem Kriegstagebuch wieder gegeben
worden. Was aus meiner Sicht und meinem Aufgabengebiet besonders
erwähnenswert wäre ist folgendes: Nach ca. einer Woche hatten wir eine
Störung am Standzielsehrohr. Ein Seil zwischen dem eigentlichen Sehrohr und
dem darunter liegenden Prismen‑Spiegeltisch war von der Rolle
gesprungen, so daß eine Benutzung nicht möglich war. In mehrstündiger Arbeit
haben wir es aber wieder betriebsklar machen können.
Es muß in der letzten
Septemberwoche gewesen sein, als die Tauchbunker leer gefahren waren und auf
Tauchzelle umgestellt wurden. Nach dem Öffnen der Flutklappen hörten wir
plötzlich ein sehr unangenehmes Geräusch von aufgrund zuschlagender
Flutklappen. Es war vom Geräusch her ein Flutklappenpaar vom Tauchbunker 4,
Steuerbord. Bei jedem Überholen den Bootes pendelten die Flutklappen von der
einen in die andere Endlage. Dies war kein Zustand, denn es bestand die
Gefahr durch das nicht geringe Gewicht der Klappen, daß die Schweißnaht des
Tauchbunkers am Druckkörper reißt. Da wir gute Sicht hatten und die See nicht
allzu rauh war, machte ich den Vorschlag den Mannlochdeckel vom Tauchbunker
4, Stb. zu öffnen, um eine genaue Schadensfeststellung zu treffen. Ich wurde
also angeseilt und habe mit List und Tücke die nicht wenigen Schrauben des
Deckels gelöst. Danach ging es hinein in den Bunker. Wir hatten Glück mit dem
Schaden. Die Spindel, die zur Betätigung der Klappen vom innern des Bootes
durch den Druckkörper auf eine Traverse geht, war direkt an der Traverse
gebrochen. Der Rest war eine Kleinigkeit. Ich habe die gebrochene Spindel auf
die Traverse festgehalten und vom Bootsinneren wurde das Flutklappenpaar
zugedreht. Für den Rest der Feindfahrt mußten wir mit geschlossenen vorderem
Flutklappenpaar fahren. Es ging ohne Beeinträchtigung beim Tauchen.
Über unsere zweite Feindfahrt,
die ja in Richtung Nord Amerika ging, habe ich folgendes in Erinnerung:
Wir waren mit mehreren Booten
auf den Geleitzugsammelplatz St. Johns, Neufundland, angesetzt. Es war
bekannt, daß dort nicht wenige Schiffe auf Reede lagen. Ungefähr 24 Std. vor
unserem geplanten Angriff kam durch Funkspruch der Befehl von der
Seekriegsleitung "Unternehmen abbrechen und mit Marschfahrt Richtung
Gibraltar Wir hatten alle eine Mordswut, und es fehlte uns jedes Verständnis,
wie man bei einer solchen aussichtsreichen Position zurückgepfiffen wird.
Aber Befehl ist Befehl! Auch wenn man im nachherein festgestellt hat, daß der
Befehl nicht richtig war. Es ging also quer über den Atlantik Richtung
Gibraltar.
Ich weiß nicht mehr den genauen
Zeitpunkt, als bei uns an Bord etwas Besonderes eingeführt wurde. Es war die
sogenannte "Mitternachtssuppe". Ein Spezialist für die Zubereitung
dieser Suppe war unser Ob. Maschinist Buchholz. Es hat wohl wenige unter uns
gegeben, die nicht mit Genuß diese zusätzliche Einlage gelöffelt haben.
Besonders viel Ärger hatten wir
ja bei dieser Fahrt mit den Undichtigkeiten an den Diesel‑Abgasklappen.
Dies machte sich besonders unangenehm bemerkbar vor der portugiesischen
Küste, einige Tage vor dem Einlaufen in Vigo zur Brennstoffergänzung. Es war
am 9.12.41 als wir nach einem Prüfungstauchen auftauchten und in ca. 6000 m
Entfernung ein Zerstörer mit Westkurs dampfte. Wir tauchten sofort und schon
nach kurzer Zeit bekamen wir serienweise Wasserbomben. Die Abgasklappen
leckten besonders stark. Wir wurden mit der Zeit ganz schön achterlastig. Die
Horchverfolgung ging über mehrere Stunden. Durch den Ausfall einer
Luftflaschengruppe und einer geplatzten Luftleitung zum Regelbunker hatten
wir einen starken Luftverbrauch. Wir hatten auch einmal die Möglichkeit
einige Tonnen des eingedrungenen Wassers zu lenzen, aber das Boot blieb immer
noch stark achterlastig, und zu schwer. In der Zentrale wurde die
Handlenzpumpe in Betrieb genommen, um das Leckwasser von achtern nach vorn zu
pumpen. Lufterneuerung konnte wegen der Horchverfolgung nicht angestellt
werden, so daß in zunehmendem Maße die Luft im Boot schlecht und schlechter
wurde. Zum Nachmittag tauchten wir wieder auf. Unser Luftvorrat konnte nur
mit dem E‑Verdichter aufgefüllt werden, da der Dieselverdichter mit der
größeren Leistung schon zu Beginn der Fahrt ausgefallen war. Aber leider
tauchte der Zerstörer nach ca. 30 Minuten wieder auf und wir mußten wieder
tauchen. Diese kurze Überwasserphase hat nicht gereicht, um unseren
Luftvorrat wesentlich zu erhöhen. Auch die Durchlüftung des Bootes war noch
nicht 100%. Um den Sauerstoffverbrauch so gering wie möglich zu halten,
wurden alle nicht benötigten Besatzungsmitglieder zum Schlafen in die Koje
geschickt. Meine Aufgabe war es u.a. den CO‑Gehalt der Luft zu messen.
So gegen 19.oo Uhr habe ich an verschiedenen Punkten im Boot oberhalb der
Flurplatten 4% CO gemessen. Zur Information: ab 4% CO kann der Tod durch
Vergiftung eintreten. Auch wenn man bei den Meß‑Ampullen einen
Meßfehler bis zu 10% annehmen kann, waren wir gerade nicht in einer
angenehmen Situation. Die meisten von Buch haben das gar nicht mitbekommen.
Kurz nach dem Dunkelwerden
konnten wir dann auftauchen. Nach dem Auftauchen war der Luftvorrat der
Anblaseluft so weit gesunken, daß ein sofortiges Tauchen mit den z.Z. im Boot
herrschenden Verhältnissen nicht möglich war. Die besonderen Verhältnisse
waren einmal eine fast leere Batterie und zum weiteren mehrere Tonnen
Leckwasser im Boot. Bei normalem Gewichtszustand und voller Batterie kann man
ein Boot auch ohne Anblasen an die Oberfläche bringen und die Tauchzellen mit
den Dieselabgasen ausblasen. Ihr seht, wir haben da ‑ auch wenn es
nicht danach aussah ganz schön Glück gehabt, bzw. es hat jemand den großen
Daumen dazwischen gehabt!
Noch eine kleine Episode aus
Vigo:
Als wir tagsüber in der Bucht
von Vigo auf Grund lagen, überprüfte ich das Standzielsehrohr. Ich fuhr das
Rohr 30 bis 40 cm aus und bei klarem Wasser eine prächtige Sicht. Über Wasser
schien die Sonne und ich sah nach einiger Zeit, wie jemand mit einem
Ruderboot unseren Liegeplatz überquerte. Wenn der zufällig außenbords gesehen
hätte, wären wir nicht unbemerkt geblieben. Dazu kam noch, daß gerade zu
diesem Zeitpunkt das hintere WC benutzt wurde und der Inhalt den
"Geschäftes" nach außenbords gepumpt wurde. Mit Luftblasen versetzt
trudelte alles gemütlich an die Wasseroberfläche. Die Folge war, daß bis zum
Dunkelwerden die Benutzung des WC's untersagt werden mußte!
Man kann also zur zweiten Fahrt
sagen ‑ bezogen auf Versenkung von Schiffen ‑außer Ärger nichts
gewesen!
Wie schon zu Beginn meiner
Aufzeichnungen erwähnt, ist durch den zeitlichen Abstand der damaligen
Geschehnisse nicht mehr alles haften geblieben, was erwähnenswert wäre. An
zwei Begebenheiten erinnere ich mich allerdings noch recht gut, ohne diese
allerdings zeitlich richtig einordnen zu können. Ich glaube, es war bei der
5. Feindfahrt auf dem Rückmarsch von Trinidad, als Schildkröten gesichtet
wurden. Irgend einer kam auf die Idee, eine davon zu fangen ‑ aber wie?
Eine Netzhängematte wurde zwischen zwei Bootshaken gespannt und versucht von
der Back aus mit kleiner Fahrt der E‑Maschinen in die richtige
Fangposition zu kommen. Trotz mehrmaliger Versuche klappte es nicht! Erst
nachdem ein oder zwei Mann außenbords gesprungen waren und es geschafft
hatten, die Schildkröte in Rückenlage zu bringen, konnte sie mit Hilfe des
gebastelten Fangnetzes an Bord geholt werden. Was dann geschah ist eine
Geschichte für sich! Wie tötet man eine Schildkröte ? Wie bekommt man die
Weichteile aus dem Panzer? usw ! Ich kann mich nur noch daran erinnern, daß
man ein Metallsägeblatt zu Hilfe nehmen mußte. Es gab auf jeden Fall abends
eine sehr gut schmeckende Schildkrötensuppe, die allerdings nicht von allen
gegessen wurde! Der Panzer des Tieres wurde präpariert und hing beim
Einlaufen am Turm des Bootes.
Eine weitere Begebenheit war
mein Einstieg in die Tauchzelle 3. Bei welcher Fahrt es gewesen war, weiß ich
nicht mehr. Die Ursache war der Ausfall des Funkpeilers sowie der
Stabantenne. Die Führungsrohre der Antennen ragten in die Tauchzelle 3. Da
ich mich bereiterklärt hatte, in die Tauchzelle 3 zu steigen, wurde der
Mannlochdeckel in der Zentrale geöffnet, nachdem die Flutklappen geschlossen
waren. Während dieser Phase war das Boot tauchunklar. Aus heutiger Sicht
würde ich sagen, es war für mich eine ganz windige Angelegenheit. Es wurde
mir mit auf den Weg gegeben, wenn ein Alarmtauchen erforderlich wird, sollte
die von mir mitgeführte Kabellampe gekappt werden, der Mannlochdeckel
geschlossen und die Flutklappen geöffnet werden. Da ich einen Tauchretter bei
mir hatte, sollte ich dann versuchen, durch die geöffneten Flutklappen nach
außenbords zu gelangen. Ob das gelungen wäre, ich weiß es nicht, da wir ohne
dem ausgekommen sind. Bei dieser Aktion mußte ich ja innerhalb der Tauchzelle
noch einen Mannlochdeckel mit einer Vielzahl von Schrauben entfernen um zur
Backbordseite zu kommen. Ein weiterer Deckel mußte am Schacht der Stabantenne
entfernt werden, um von dem Isolator der Antenne mit dem weiterführenden
Kabel zum Funkraum zu kommen. Soweit ich mich erinnere, war Wasser
eingedrungen und hat somit die Antenne funktionsunfähig gemacht. Ob sie nach
dem Austrocknen 100% betriebsklar war, kann ich nicht mehr genau sagen.
So, das wär's für den Anfang!
Zum Schluß ein Wort den Dankes
an alle Kameraden, die alle mitgeholfen haben während unserer gemeinsamen
Zeit auf U‑Liliput aus erst fremden Menschen bei der Indienststellung
eine Gemeinschaft zu bilden, die in allen Situationen ihre Bewährungsprobe
bestanden hat. Das beste Beispiel dafür sind unsere jährlichen
Zusammenkünfte.
Des weiteren möchte ich mit
meinem Beitrag der Kameraden gedenken, die am 13.3.1944 bei der Versenkung
unseres Bootes ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen mußten.
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