Die OMD-Biografie

 

 

 

 

Die Liverpooler Musikszene der späten 70er Jahre strotzte nur so vor Spannung und Energie. Nahezu jeder war entweder Mitglied in einer Band, wechselte gerade von einer Band zur anderen oder gründete eine neue. Im Zentrum dieser Aktivitäten befand sich Eric's Club – ein kleiner verschwiegener Treffpunkt und beliebter Schlupfwinkel für diejenigen Leute, die später Bands wie The Teardrop Explodes, Echo & The Bunnymen und Frankie Goes To Hollywood gründen sollten. Deshalb erschien es nur passend, dass der allererste Auftritt von OMD im Oktober 1978 dort stattfinden sollte.


Die Gründungsmitglieder Andy McCluskey und Paul Humphreys hatten sich ursprünglich von der experimentellen elektronischen Musik deutscher Bands wie Karftwerk und Neu inspirieren lassen. Sie begannen ihre eigenen musikalischen Experimenten, in dem sie mit selbst aufgenommenen Radiomitschnitten und selbstgebauten Synthesizern arbeiteten, und sich zunächst den Namen VCLXI (nach einem Röhrendiagramm auf dem Cover des Kraftwerk-Albums Radioactivity) gaben. Allerdings war dies für die beiden zunächst nur ein Nebenprojekt, mit dem sie sich an vereinzelten Wochenenden beschäftigten, während sie ansonsten in Provinzbands wie Equinox, Pegasus und The Id aktiv waren. Doch obwohl sie viele Erfahrungen mit der Arbeit in einer traditionellen Bandumgebung machten, war dies niemals die kreative Plattform, nach der sie gesucht hatten. Es war Zeit für eine neue Herausforderung.


Humphreys und McCluskey benannten sich nun nach einem obskuren VCLXI-Song und kreierten ihren eigenen Stil eingängiger elektronischer Melodien, durch den OMD's Ruf für intelligenten Pop einmal begründet werden sollte. Damals mag es nicht besonders klug gewesen sein, seiner Band einen so sperrigen Namen wie „Orchestral Manoeuvres In The Dark“ zu geben, aber der offensichtliche kommerzielle Reiz ihrer Musik brachte ihnen genügend Aufmerksamkeit, so dass Tony Wilson, Chef des Factory Labels, ihnen die Chance gab, ihre erste Single Electricity auf seinem Label zu veröffentlichen.


Electricity (und die B-Seite Almost) repräsentierten OMDs eingängige Mischung aus Melodien und Melancholie perfekt. Electricity, mit einem frenetischen Tanzrythmus versehen, wurde für OMD schnell eine Art Erkennungs-Song und behielt seinen Status als Lieblingsstück bei Liveauftritten bis weit in die 90er Jahre. Nachdem sie die Aufmerksamkeit des Virgin-Labels auf sich gezogen hatten, unterzeichneten OMD in 1979 einen Vertrag beim Unterlabel Din Disc. Ein Vorschuss von Din Disc gab ihnen die Möglichkeit, Geld in den Bau ihres eigenen (in der Nähe von Eric's Club gelegenen) Studios zu investieren, wo sie das Schreiben und Aufnehmen von neuem Songmaterial fortsetzen konnten. Daraus entstand dann auch ihr Debutalbum, das noch im gleichen Jahr veröffentlicht wurde.


Nach einer kurzen Zeit auf Tournee, unter anderem als Vorgruppe von Gary Numan, etablierten sich OMD im Musikgeschäft mit einer Reihe von Hits. Das Stück Messages, mit seiner einfachen aber eingängigen Melodie, beförderte OMD in 1980 auf Platz 3 der englischen Charts und damit ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Noch im selben Jahr erreichten sie Platz 8 mit ihrem ersten internationalen Hit Enola Gay – einem Dancepop-Song über das Flugzeug, das die Atombombe über Hiroshima abgeworfen hatte. Ihr bizarrer Stil, ungewöhnliche Themen in eingängige Popsongs zu verpacken, stellte eine Fähigkeit dar, die OMD während ihrer weiteren Bandkarriere immer wieder unter Beweis stellen sollten.


Der Erfolg in 1980 führte dazu, dass OMD schnell zu einer von Englands angesagtesten Popgruppen wurden. Da sie für Liveauftritte immer wieder Gastmusiker benötigten, begannen Humphreys und McCluskey, auch für die Studioarbeit zusätzliche Musiker zu engagieren. Nach mehreren Wechseln im Lineup etablierten sich OMD durch die Mitwirkung von Martin Cooper (Keyboards, Saxophone) und Malcolm Holmes (Schlagzeug) - beides Freunde aus den Tagen vor OMD – bald als 4-Mann-Band.


Auf ihrem dritten Album, dem ätherisch anmutenden Architecture & Morality, zeigten sich OMD von ihrer besten Seite. Mit einer Mischung aus choralen Effekten und schwermütigen Melodien brachte das Album drei Singles hervor, die zu Klassikern wurden: Souvenir mit bittersüßem Humphreys-Gesang, das religiös inspirierte Joan Of Arc und dessen epischen Nachfolger Maid Of Orleans. Alle drei Singles sicherten sich Chartpositionen unter den ersten 5. In 1982 waren OMD plötzlich überall geläufig und sogar auf dem Titelbild von Smash Hits !


Nach drei Hitalben und Millionen verkaufter Singles schien es, als ob die Band nichts falsch machen konnte. Diese Fähigkeit sollte sie dann aber bei der Veröffentlichung ihres bisher ungewöhnlichsten Albums im Stich lassen.


Das in 1983 erschienene Album Dazzle Ships enthielt bruchstückhafte, futuristische Klanglandschaften aus Ideen, deren Einflüsse auf alles Mögliche - von osteuropäischen Radiosendungen bis hin zu Industrierobotern - zurückreichten. Obwohl auf dem Album einige feine Popsongs versteckt waren, war der fehlende Erfolg des Albums bei Kritik und Kommerz wahrscheinlich entscheidend dafür, dass OMD zukünftig einen konservativeren musikalischen Weg einschlagen sollten.


Mit dem 1984er Album Junk Culture wurden OMD immer mehr zu einer „Band“ im herkömmlichen Sinne. Das eingängige Popstück Tesla Girls, der percussion-geprägte Dance-Stil von Locomotion und der pastorale, traumartige Klang von Talking Loud And Clear lieferten den Beweis, dass OMD immer noch einen klassischen 3-Minuten-Popsong liefern konnten, ohne das Gefühl für das Ungewöhnliche zu verlieren.


Für das Album Crush (1985) und den Nachfolger The Pacific Age (1986) wurde der Produzent Stephen Hague verpflichtet. Es gelang ihm, den Songs auf beiden Alben die Ecken und Kanten zu nehmen, gleichzeitig aber die essentielle Energie, die die Songs zum Leben erweckten, zu erhalten. Singles wie So In Love und (Forever) Live And Die bewiesen OMDs Spürsinn für eingängige Melodien; gleichzeitig demonstrierten sie, dass OMDs Anspruch an die Produktion eines Songs nunmehr eher traditioneller Art geworden war.


In dieser Zeitperiode tourte die Band ausgiebig in Nordamerika und erreichte endlich auch den Charterfolg, der ihnen dort so lange verwehrt geblieben war. If You Leave, das speziell für den John Hughes Film „Pretty In Pink“ geschrieben worden war, wurde weltweit ein Riesenerfolg (seltsamerweise nur nicht in England). Aber der fortwährende Tourstress forderte bei der Band sowohl musikalisch als auch im persönlichen Bereich seinen Tribut, so dass Dreaming – veröffentlicht in 1988 – die letzte von Humphreys und McCluskey geschriebene Single wurde.


Als Humphreys, Holmes und Cooper 1989 die Band verließen und Andy McCluskey allein unter dem OMD-Banner zurückließen, endete eine OMD-Ära. Gemeinsam mit den Liverpooler Musikern Stuart Kershaw und Llyod Massett schrieb McCluskey neue Songs, die er dann in 1991 auf dem neuen Album Sugar Tax veröffentlichte. Auf dynamische Weise wurde hier der klassische OMD-Sound mit dem Dancepop der 90er Jahre zusammengeführt. Mit Sugar Tax gewannen OMD viele neue Fans hinzu, und Singles wie das spektakuläre Sailing On The Seven Seas, der Dancepop von Call My Name und Pandora's Box (eine Hommage an den Stummfilmstar Louise Brooks) begeisterten auch die alten OMD-Enthusiasten. OMD festigten den Erfolg von Sugar Tax in 1993 mit dem Nachfolger Liberator. Bei dem auf diesem Album enthaltenen Stück Dream Of Me ließen sie sich von Barry White inspirieren.


Im Anschluss an die Liberator Tour nahm sich Andy McCluskey eine lange Auszeit, um über die Zukunft von OMD nachzudenken. Entsprechend erholt begann er wieder zu schreiben – und schlug eine völlig andere musikalische Richtung ein. Das Ergebnis dieser Arbeit zeigte sich 1996 mit einer neuen Single – dem feinsinnigen und rythmischen Walking On The Milky Way – and dem anschließenden Album Universal . Mit einer Mischung aus ätherischer Stimmung und epischer Produktion gelang es Universal, eine Stimmung wie zu Zeiten der frühen OMD zu erzeugen; gleichzeitig hatte das Album jedoch seinen ganz eigenen Stil und Charakter.


Von Anfang an war es OMD wie nur wenigen gelungen, die Lücke zwischen dem Alternativen und dem Kommerziellen zu füllen, in dem sie Songs über so unterschiedliche Dinge schrieben wie Flugzeuge, Ölraffinerien, religiöse Ikonen und Filmstars. Diese Songs fangen die Harmonie zwischen Energie und Emotion auf perfekte Weise ein; eine Popmelancholie, die schon vor über zwanzig Jahren aus den Mauern von Eric's Club schallte und heute immer noch frisch und aufregend klingt.


Originaltext: Paul Browne. Übersetzung und Bearbeitung: ich !

Eine ausführliche Biografie mit über 100 Photos findet sich hier auf Hagen Schmitts deutscher Fansite.

 

 

 

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