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Originalbild zum Wettkampf Aljechin gegen Capablanca 1927 gefunden 27.05.2005 Chesscafé
Mehr...Das Schachspiel von Juden aus nationalsozialistischer Sicht unter Einbeziehung des Weltmeisters Alexander Aljechin
Die Nationalsozialisten glaubten, das Schachspiel sei ihrem eigenen Kulturkreis entsprungen. Aufgrund seiner langen Geschichte sei es aber vielen fremden Einflüssen ausgesetzt gewesen. Aufgabe sei es nun, das Schachspiel von diesen fremden Einflüssen zu reinigen:
Ich wähle deshalb gleich das schwierigste und edelste: das Schachspiel; und zwar deshalb, weil gerade dieses Spiel unserem eigenen Kulturkreis (dem indo-arischen) entstammt – und weil von allen Spielen gerade dieses am meisten fremden Einflüssen unterlag; so daß es Generationen bedarf, um es in bezug auf Lehre, Methodik, aber vor allem auf die Spielgesinnung wieder zu dem zu formen, was ehemals gewesen, was es unter Berücksichtigung unseres völkischen Wandels als einer Selbstbesinnung uns heute sein kann.[1]
Mit fremden Einflüssen waren vor allem jüdische Spieler und deren angeblich einheitliche Spielweise gemeint, die dem Schachspiel im Laufe der Geschichte ihren Stempel aufgedrückt hätten. Die große Anzahl jüdischer Spitzenspieler bereitete den Nationalsozialisten bei ihrem Vorhaben, das Spiel zu arisieren, ein gesondertes Problem. Wie man dennoch versuchte, jüdische Schachspieler aus der Geschichte des Schachs zu entfernen, zeigte die Editionsgeschichte des bekannten deutschen Schachbuches Das kleine Lehrbuch des Schachspiels von Jean Dufresne und Jacques Mieses. In der 15. Auflage des Buches wurde Jacques Mieses als Co-Autor nicht mehr erwähnt und das Register war von jüdischen Spielern bzw. von solchen, die man dafür hielt, gereinigt worden. Großmeister ja selbst Weltmeister wurden aus der Geschichte des Schachs gestrichen. Bei der Darstellung von Turnieren und Weltmeisterschaften wurden jüdische Spieler nicht oder nur kurz in Nebensätzen erwähnt. Die 14. Auflage enthielt noch alle Weltmeiterschaftskämpfe ab 1890 über vier Seiten verteilt, die 15. hingegen beschränkte sich auf den Satz:
Auch die Zahl der Zweikämpfe um die Weltmeisterschaft häufte sich zusehends, nachdem Capablanca [...] von Aljechin 1927 in Buenos Aires mit 6:3 bei 25 Remisen geschlagen wurde.[2]
Noch schwieriger gestaltete sich die Eliminierung jüdischer Namen bei den Schacheröffnungen und Varianten. Neue Namen mußten erfunden werden, wie beispielsweise die Preußische Partie. Doch gelang es dem Autor nicht, alle Varianten umzubenennen, dafür waren die zahlreich in dem Buch vertretenen jüdischen Meister zu bekannt. Zudem war es unmöglich, alle Partien mit jüdischer Beteiligung einfach zu streichen, da sonst recht wenige Partien auf allerhöchsten Niveau gezeigt werden konnten. Der Autor entschloß sich zwar Partien mit jüdischer Beteiligung zu veröffentlichen, doch fast ausschließlich, von einer Ausnahme abgesehen, Verlustpartien, um so der Schach-lernenden deutschen Jugend die Unfähigkeit jüdischer Meister zu präsentieren. 1936 erschien in konsequenter Fortentwicklung dieser Betrachtung ein Band des GSB, in dem alle jüdischen Namen beseitigt und nur deutsche Spieler und Verfasser erwähnt wurden.
Die Bücherei des Großdeutschen Schachbundes, deren erster Band nunmehr vorliegt, und deren zweiter in wenigen Wochen folgt, hat sich von jüdischen Namen und Beispielen freigemacht. In ihr erscheinen zum ersten Male Schachwerke, die nach Inhalt und Verfasser rein deutsch sind. [...] Für jeden Verein des Großdeutschen Schachbundes ist es eine Ehrenpflicht, die ersten Schachbücher deutscher Art zu besitzen; jedem deutschen Volksgenossen, der das Schach erlernen oder sich in ihm vervollkommnen will, ist ihr Bezug in erster Linie anzuraten.[3]
Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß die herausgegebenen KdF-Schachbücher, in denen nur die Namen der Spieler abgedruckt wurden, die dem Reich zu Propagandazwecken dienten, unter einigen Schachspielern starke Kritik ernteten.
Leider sind die Namen derer, die die gebrachten Kombinatione ersonnen haben, nicht angegeben. Jedermann würde verdammt werden, der ein Gedicht oder ein Musikstück ohne Namen des Verfassers abdrucken würde. Genauso kann der Schachspieler, der ein Kunstwerk schafft, an dem sich Generationen erfreuen, Nennung seines Namens erwarten.[4]
Nicht alle Schachspieler waren gewillt, die großen Leistungen jüdischer Schachspieler in der von den Nazis gewünschten Propagandarichtung zu vertreten. Der Autor des KdF-Schachbuches Schach ist schön[5] Hans Werner Massow verteidigte sein Weglassen der Namen gegenüber der Schweizerischen Schachzeitung, die dazu ausführte:
In den zwei Zuschriften begründet der Verfasser das Weglassen der Quellen und Namen damit, daß das Schach ins Volk müsse, und das sich dies um die Namen nicht kümmere. Aber: ‚Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.’ Was dem einen recht ist, ist dem andern billig.[6]
Zusammen mit den Meldelisten der einzelnen Schachvereine - die über Name des Vereins, Anzahl der Mitglieder, um die danach berechneten Beitragsgebühren Auskunft gaben – forderte der GSB zusätzlich alle Vereine auf, eine Liste der vorhandenen Bücher und eine Anzahl der leseberechtigten Mitglieder zu erstellen. Der GSB erhoffte sich von dieser Aktion eine Liste der in den Vereinen vorhandenen Bücher, um im Anschluß daran nur die Schachbücher als erlaubt deklarieren zu können, die „sorgfältig von der Bundesleitung überprüft“[7] wurden. Doch erfolgten die Meldungen der Bücherlisten nicht immer wahrheitsgemäß, so daß die Schachvereine über Bücher verfügten, die nicht erlaubt waren.
Die Arisierung der Schachliteratur integrierte sich eindeutig in das Bemühen der Nationalsozialisten, sich vor fremdrassigen Einflüssen zu schützen. Schließlich leugnete der Nationalsozialismus den Eigenwert der anderen Völker, ebenso wie er eine Ergänzung durch sie verachtete:
Ein fremdrassiges Volk in deutscher Sprache seine fremden Gedanken ausdrückend, die Höhe und Würde unseres eigenen Volkstums durch seine eigene Minderwertigkeit kompromittierend.[8]
Eine eventuelle Ergänzung des deutschen Schachs durch die Tatsache, daß viele Juden dieses angeblich deutsche Spiel sehr gut beherrschten, begegnete Josef Weinberger von vornherein mit der Aussage:
Dem widerspricht nicht, daß sich gerade die Juden auch des Schachs wie so vieler anderen arischen Einrichtungen bemächtigt haben, wofür hauptsächlich äußere Ursachen maßgebend sind, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.[9]
Wie auf anderen Gebieten sollte das Schachspiel die Überlegenheit der eigenen Rasse dokumentieren. Die NSDAP unterschied sich damit insofern von dem bürgerlichen Nationalismus, als daß sie nicht die gleiche Kultur und Geschichte in den Vordergrund ihrer Definition von Nation stellte, sondern die Rassengleichheit. Sie glaubte, die biologische Substanz bestimme Menschen und Völker nicht nur körperlich, sondern auch geistig-seelisch:
Die Rasse aber liegt nicht in der Sprache, sondern ausschließlich im Blute [...].[10]
Aus diesem Grund sei eine Ergänzung und Verstärkung der schachspielenden Deutschen durch Juden auch zu unterbinden. NS-Schachautoren unterstrichen die Natur des Juden, und insbesondere Alfred Brinckmann entgegnete auf die Aussage des jüdischen Schachspielers Siegbert Tarrasch - der behauptete, daß jeder halbwegs begabte Spieler durch Fleiß und Übung die Meisterstärke erlangen könnte -, daß man aus einem Lamm, dem der Kampfgeist fehle, nie einen Löwen machen könnte.
Hermann Ranneforth, der langjährige Herausgeber des Schach-Kalenders, schrieb im Mai 1933 in der Deutschen Schachzeitung in Anlehnung an jüdische Schachspieler, speziell an Siegbert Tarrasch, der als Deutscher anerkannt werden wollte:
Wer deutsch fühlt und handelt und sich dadurch dem deutschen Volk innerlich verbunden fühlt, warum soll man den nicht als Volksgenossen gelten lassen?[11]
Ranneforth bekundete damit eindeutig seine nationale Haltung, war aber im Gegensatz zur nationalsozialistischen Rassenlehre gewillt, zur Stärkung des deutschen Schach-Volkes eine Assimilation zuzulassen. Der gleiche Ranneforth schrieb im März 1934, einen Monat nach dem Tode Tarraschs, folgenden Nachruf:
Er war ja der Mann, der nach Anderssens Tod Deutschlands Schachruhm vor der ganzen Welt wieder aufrichtete und zu ungeahnter Höhe brachte, und der durch seine literarische Tätigkeit der Lehrmeister aller geworden ist, die auf den internationalen Turnieren eine Rolle spielen, mögen sie mit der Zeit auch eigene Wege gegangen sein.
Um dann im Sinne der Rassenlehre fortzufahren:
Unduldsam und oft genug unduldsam gegen Kritiker, die sich nicht gängeln ließen, war er selber von mimosenhafter Empfindlichkeit.[12]
Vom 18. - 23. März erschien als Höhepunkt der Betrachtung eines angeblichen jüdischen Schachspiels in der Pariser Zeitung und im April 1941 in der Deutschen Zeitung in den Niederlanden eine Artikelserie mit der Überschrift:
Jüdisches und arisches Schach, eine psychologische Studie, die - gegründet auf die Erfahrungen am schwarz-weißen Brett - den jüdischen Mangel an Mut und Gestaltungskraft nachweist.[13]
Diese Serie bettete sich ein in die nationalsozialistische Förderung historischer und psychologischer Arbeiten, die ein jüdisches und arisches Kampfschach nachzuweisen versuchten.
Bevor ich den Inhalt des Artikels schildere, möchte ich zum besseren Verständnis kurz auf den Autor, Schachweltmeister Alexander Aljechin eingehen. Aljechins Biographie zeigte praktisch die Geschichte zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Aljechins Stellung zu seinem Heimatland, der Sowjetunion, war sehr ambivalent. Aljechin wurde 1892 im Moskau geboren.[14] Er bewunderte einerseits die in seiner Heimat praktizierte Schachförderung, andererseits haßte er die amtierende Regierung. Als während der Oktoberrevolution kein organisiertes Schachleben mehr stattfand,[15] er abwechselnd von der weißen und roten Armee inhaftiert wurde und 1919 seine Hinrichtung nur im letzten Moment verhindert werden konnte,[16] verließ er Rußland ins Exil nach Paris. 1927 gewann er den Weltmeisterschaftskampf gegen José Raoúl Capablanca und hatte den Titel mit einer kurzen Unterbrechung – 1935 verlor er gegen den Holländer Max Euwe, den er im Rückkampf 1937 jedoch besiegen konnte – bis zu seinem Tode 1946 inne. Um Schach spielen zu können, arrangierte er sich mit den Nationalsozialisten.
[...] mit Begeisterung verfolge er das Wachsen der nationalsozialistischen Idee in der Welt; die Zeit werde kommen, wo auch ein nationalsozialistisches Rußland, für das er zu kämpfen bereit sei, dem Kommunismus ein Ende mache. Eine Welt von nationalen Völkern werde einst friedlich nebeneinander wohnen. Die Schachkämpfe seien ein Verständigungsmittel dazu [...][17]
Aljechins Verhalten wird um so unverständlicher, wenn man bedenkt, daß derselbe Mann bei der Schach-Olympiade 1939, die er für Frankreich spielte, sich weigerte, aufgrund der allgemeinen politischen Lage in Europa gegen die deutsche Schachmannschaft anzutreten. Sein Boykottaufruf wurde von seinen französischen Mannschaftskollegen und der englischen Mannschaft unterstützt. A. Becker, einer der deutschen Schachspieler der Olympiamannschaft, schrieb über das Verhalten Aljechins in einem Brief:
Dr. Aljechin arbeitet überhaupt in jeder Beziehung gegen uns, verbot seinen Leuten jeden Verkehr mit uns, war in Presse und Rundfunk unserer Gegner, und schädigte uns bewußt weiterhin, indem er (für Frankreich) nicht gegen Polen und Argentinien antrat und ihnen so einen Punkt schenkte (der französische 5. Mann Dez war eigentlich kein Spieler, sondern nur Delegierter bei der FIDE).[18]
Eben dieser Aljechin war zwei Jahre später der Autor eines Artikels für das Land, welches er kurz zuvor noch boykottiert hatte. Dieser Sinneswandel Aljechins läßt sich nur durch seinen Opportunismus erklären, den er immer an den Tag legte, um das einzige tun zu können, das zu seinem Lebensinhalt wurde, Schach zu spielen. Er hatte Jura studiert, widmete sich aber ausschließlich dem Schachspiel, hinter dem alles zurückzustehen hatte. Der derzeit amtierende Schachweltmeister Garry Kasparow schrieb über Aljechin und seiner Art Schach zu spielen:
Aljechins Schachauffassung machte das Spiel zu einer Art psychologischer Aggression. Massive Vorbereitung, ein Ausbruch von Energie am Brett, ein manischer Wille, den Gegner zu zerstören, kombiniert mit einer großen kombinatorischen Phantasie - dieser Stil erinnert an die vernichtenden Militärgewalten, in deren Mitte er dem Spiel nachging.[19]
Aljechin war es im von den Nazis besetzten Europa nicht möglich, seinen Beruf auszuüben. Durch den genannten Artikel erhoffte er sich womöglich, einen Freifahrtsschein erkaufen zu können. Er stellte offensichtlich das, woran er glaubte, hinter das Schachspiel zurück und trat in den Propagandadienst der Nationalsozialisten. Zwar versicherte Aljechin nach dem Krieg im Januar 1946 im British Chess Magazine[20], daß er den Artikel für die Nazis nicht geschrieben habe und nur in den von ihnen besetzten Gebieten spielte, um zu überleben, doch entsprachen diese Aussagen Aljechins nicht der Wahrheit. Er hatte schon Ende 1941 seine öffentliche Beteiligung an der Artikelserie bekundet. Am 3. September 1941 erschien im Informaciones, einer Madriter Tageszeitung, folgendes Interview mit ihm:
Mit welchem Thema werden sich die von ihnen besprochenen Vorlesungen beschäftigen?
Die Evolution des Schachdenkens in der neuen Zeit und ihre Quellen. Ich habe sowohl die arischen als auch die jüdischen Schachtypen studiert. [...]
In ‚El Alcázar’, einer anderen spanische Tageszeitung faßte der Journalist Lastanao die Aussagen Aljechins zusammen und schrieb:
‚Er fügte hinzu, daß in der Zeitschrift ‚Deutsche Schachzeitung’ und in der deutschen Tageszeitung ‚Pariser Zeitung’, die jetzt in Paris gedruckt wird, er der erste war, der die Aufmerksamkeit auf den Rassenstandpunkt im Schach lenkte.’[21]
Es kann mit großer Sicherheit davon ausgegangen werden, daß Alexander Aljechin der Urheber des Artikels war,[22] zumal Aljechin freiwillig aus dem neutralen Spanien nach Frankreich zurückkehrte und zwischen 1941 und 1943 an mindestens sechs großen NS-Turniere teilnahm.[23] Bekannt sind zudem seine Freundschaften mit dem Geralgouverneur Hans Frank und dem Gouverneur von Warschau, Dr. Schmidt.[24]
Die in den Niederlanden erscheinende Zeitung, in der seine Artikel ebenfalls publiziert wurde, hatte zwei Aufgaben:
1. Verbreitung und Festigung des Antisemitismus in den
Niederlanden, und
2. Verständnis- und Sympathiewerbung für die deutschen
Kriegsbetreibungen.[25]
Aljechin erfüllte mit seinem Artikel beide Kriterien, da er den Holländern aufgrund seiner zwei Wettkämpfe um den Weltmeisterschaftstitel mit dem Niederländer Max Euwe gut bekannt war.[26] In seinem Artikel begann Aljechin mit der Klärung der Frage, was jüdisches Schach eigentlich repräsentierte, und ging zuerst auf die Spielweise des Juden Emanuel Lasker ein. Er verglich ihn mit Morphy und behauptete, Lasker sei nur in der Lage, Morphy zu kopieren, da ihm „die Idee des Angriffs als eine freudige, schaffende Idee durchaus fremd“[27] war. Der jüdische Schachgedanke kannte laut Aljechin nur zwei Ziele:
1. Materieller Gewinn um jeden Preis,
2. Opportunismus, ein bis zum äußersten getriebener Opportunismus[28]
Aljechin gab mit seiner Charakterisierung des jüdischen Schachs das Bild der Juden wieder, das die Nationalsozialisten propagierten. Der auffallende Widerspruch, daß Juden, die laut Aljechin um jeden Preis nach materiellem Gewinn strebten, gerade durch das Schachspiel zu dieser Zeit keinen großen materiellen Gewinn erzielen konnten, störte ihn nicht weiter.
Den Sieg des deutschen Schachmeisters Adolf Anderssen auf dem Turnier 1851 in London bezeichnete Aljechin als „Niederlage des englisch-jüdischen Verteidigungsgedankens gegenüber der deutsch-europäischen Idee des Angriffskampfes“[29]. Den Sieg Anderssens über den polnischen Juden Kieseritzky während desselben Turniers deklarierte er als Sieg, erfolgt durch die Überlegenheit der Arier. Hier unterlief Aljechin ein weiterer Fehler, wie die Einleitung in der nächsten Ausgabe der Deutschen Zeitung in den Niederlanden zeigen sollte. Leserbriefe hatten zurecht darauf hinwiesen, daß Kieseritzky kein Jude war.
G. Jirikoff (der ähnlich wie H. Kühne und M. Karstedt sich um die Aufklärung bemüht), weist darauf hin, daß schon die Tatsache, daß K. am 1. 1. 1806 in Dorpat (Livland, nicht Polen!) geboren ist, das zeigt. Dorpat gehörte zu den Städten Rußlands, in denen keine Juden leben durften. Außerdem ist der Name K. ein angesehener baltendeutscher, und viele seiner Träger werden wohl jetzt in Großdeutschland leben.[30]
Diese Einwände der Leser führten zu einem Schönreden der Ergebnisse Kieseritzkys, der schließlich die Unsterbliche Partie gegen Anderssen gespielt hatte. In der selben Einleitung beschwerte sich die Redaktion darüber, daß Aljechin 1939 auf der Olympiade die deutsche Mannschaft boykottiert hatte und erst jetzt zu der Einsicht gelangt war, daß der Deutsche dem Juden immer überlegen sei. Eine frühere Einsicht Aljechins, so die Zeitung, wäre überzeugender gewesen. Weiterhin wies die Redaktion darauf hin, daß Karl Schlechter, den Aljechin dazu benutzte, die negativen Auswirkungen der Weltmeisterschaft von Emanuel Lasker zu demonstrieren, kein Jude, sondern Katholik war.[31] Ohnehin waren die Ausführungen Aljechins voller Widersprüche. Im August 1929 erschien in der New-York Times ein Artikel Aljechins, in dem er die Meister in zwei Gruppen einteilte.[32] Spieler wie Capablanca, zu dem Aljechin ohnehin ein gestörtes Verhältnis hatte, Vidmar, Maroczy und Euwe verurteilte er, weil diese Spieler Schach nicht als Kunst betrachteten. Réti, Breyer, Nimzowitsch, Sämisch, Colle und Bogoljubow bescheinigte er Temperament und Willenskraft. In seinem Propagandaartikel für die Nationalsozialisten schrieb er insbesondere über Nimzowitsch und Réti:
Der Rigaer Jude Aaron Nimzowitsch gehört weniger in die Zeit der Laskerschen, eher zu Capablancaschen Periode. Seine instinktive, antiarische Schachauffassung wurde auf merkwürdige Weise - unterbewußt und gegen seinen Willen - durch den slawisch-russischen Angriffsgedanken (Tschigorin!) beeinflußt. Ich sage unterbewußt, denn wie haßte er uns Russen, uns Slawen! Nie werde ich ein kleines Zwiegespräch vergessen, das wir am Schluß des New Yorker Turniers 1927 hatten. Nimzowitsch wurde dort von mir überflügelt [...] Darüber wütend wagte er es zwar nicht, uns direkt anzugreifen, brachte aber eines Abends das Gespräch auf das Sowjetthema und setzte, sich zu mir wendend, hinzu: Wer sagt Slawe, sagt Sklave, worauf ich ihm die Antwort gab: Wer aber Jude sagt, braucht wahrlich nichts mehr hinzuzufügen.[33]
Über Réti hieß es:
Wie Nimzowitsch mit seinem ‚System’, so fand auch Réti mit seiner Schrift ‚Die neuen Ideen im Schach’ bei der Mehrzahl der anglo-jüdischen Pseudointellektuellen warmen Beifall, [...] Und dieser billige Bluff, diese schamlose Selbstreklame wurde von der, durch jüdische Journalisten vergifteten Schachwelt widerstandslos geschluckt, und jauchzend widerhallte das Geschrei der Juden und Judenfreunde: Es lebe Réti, es lebe das hypermoderne, neuromantische Schach![34]
Die in dem Zitat über Nimzowitsch zu findenden positiven Aussagen über die Sowjetunion, die sich durch den gesamten Text ziehen, mögen auf den ersten Blick als Veröffentlichungen in einer deutschen Zeitung verwundern. Neben dem Hauptfeind der Nazis, dem Weltjudentum, war der Weltbolschewismus ihr erklärter Gegner. Schließlich sah Hitler im Kommunismus die letzte und radikalste Angriffswaffe des Judentums im Kampf um die Herrschaft über die ganze Welt. Als der Artikel erschien, hatte jedoch der von den Nationalsozialisten und der Sowjetunion ausgearbeitete Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 noch seine Gültigkeit.
Weiter verwendete Aljechin in seinem Artikel eine dem NS-Jargon angelehnte Sprache und bruchstückhaft Ausschnitte aus deren Judenlehre. Reuben Fine nannte er ostjüdischer Abstammung, Steinitz war für ihn der ostjüdische Typus des Berufsschachspielers und New York eine jüdische Hauptstadt. Zu finden waren weiterhin Ausdrücke wie Judenclique, arischer Kampfgeist, Eroberung, Raumsieg und dergleichen mehr.[35] Im weiteren Verlauf seiner Ausarbeitungen ging Aljechin auf Europas Schachdrama, ausgelöst durch die Eroberung des Weltmeistertitels durch Wilhelm Steinitz, ein. Dieser wurde von Emanuel Lasker abgelöst und läutete, so Aljechin, die Dekadenzperiode im Schachspiel ein. Desweiteren ließ er sich über andere jüdische Schachspieler aus. Zwar bescheinigte er ihnen eine gewisse Schachstärke, nannte ihr Spiel aber dennoch seelenlos, auf Verteidigung ausgerichtet und ohne eine innere Bereitschaft zum Risiko. Danach ging er dazu über, sich mit den dem Schach innewohnenden Werten zu beschäftigen, und nannte die bedeutenden Leistungen der arischen Schachspieler. Über den Amerikaner Pillsbury schrieb Aljechin:
Wie anders hatte sich doch alles abgewickelt, wenn Pillsbury sagen wir fünf bis sechs Jahre die Schacharena eher betreten hätte! Dann wäre zwischen ihm und dem damals in Amerika wohnenden Steinitz unschwer ein Wettkampf zustande gekommen, in welchem der jüngere weitaus die besseren Aussichten gehabt hatte. Und sein Sieg hatte uns ein Vierteljahrhundert Judenschach erspart.[36]
Abgerundet wurde das Werk durch die Geschichte Aljechins selbst, der mit dem Judenschach Bekanntschaft machte, den Kampf aufnahm und schließlich glorreich siegte. Weiter folgten an die antisemitische Literatur angepaßte Beschimpfungen jüdischer Spieler.
Obwohl die Serie eigentlich weitergeführt werden sollte, wurde sie nicht wieder aufgenommen. Sie brachte wohl nicht den gewünschten Propagandaerfolg. Außerdem waren die in ihm vorkommenden Ungereimtheiten von krasser Natur. Nicht zuletzt die eingesandten Leserbriefe im Fall Kieseritzky wiesen darauf hin. Mag sein, daß die Redaktion auch deshalb von dem Mann Abstand nahm, der die Nationalsozialisten 1939 noch boykottierte, weil sie in Aljechin nicht oder nicht mehr den idealen Propagandaträger sahen. Möglicherweise spielten auch die konkreten Kriegspläne gegen die Sowjetunion, jenes Land aus dem Aljechin stammte, eine Rolle bei den Überlegungen zur Einstellung der Artikelserie.
Aljechin selbst wurde nach Beendigung des Krieges aufgrund seiner Artikelserie von den Turnieren in London und Hastings ausgeschlossen. Er hatte gegen die Losung der Internationalen Schachföderation (FIDE) Gens una sumus (Wir sind eine Familie) verstoßen. Doch die Schachwelt war bereit, ihrem immer noch amtierenden Weltmeister sein Entschuldigungsschreiben aus dem British Chess Magazine, er habe nur um des Überlebens willen in Deutschland Schach gespielt, zu glauben. Es sollte zu einem Weltmeisterschaftskampf zwischen Aljechin und dem aus der Sowjetunion stammenden Spieler Michail Botwinnik kommen. Die Sowjetunion war gewillt, ihren verlorenen Sohn zuzüglich Weltmeistertitel wieder aufzunehmen. Die Auseinandersetzung um die Weltmeisterschaft kam durch den Tod Aljechins am 24. März 1946 nicht mehr zustande.[37]
Unter den Großen des Schachs ist nicht nur Alexander Aljechin zu nennen, wenn es um das Thema Antisemitismus im Schach geht, auch wenn er zweifellos als bekanntester Vertreter angesehen werden muß. Ebenfalls zu nennen ist Joseph Diemer (Emil Josef Diemer Seite). Diemer war NSDAP-Mitglied, Rassist und fanatischer Antisemit. Zu entnehmen ist dies u.a. seinem Aufsatz in der Deutschen Schachzeitung Schach – Kampf und Kunst, in der er nach einer Betrachtung des „lahmen und feigen jüdischen Schachs“, das nicht zu vergleichen sei mit dem „deutschen Kampfschach“, zu dem Schluß gelangte:
Ich sehe in dieser Angst vor der Verantwortung, vor dem Risiko, vor der großen Tat, vor dem Gefährlich-Leben den letzten Ausdruck jüdischen Einflusses auf unsere Schachjugend. Warum sollte es auch im Schach anders sein, diesem Symbol des menschlichen Lebens, dieser Parallelerscheinung zu allen menschlichen Auseinandersetzungen auf kulturellem und politischem Gebiete, als auf allen anderen Gebieten des heutigen menschlichen Daseins? Hie Kampf, hie Maginotgeist![38]
Diemer sah im Schach ein Symbol für das Leben. Er versuchte Schacheröffnungen nach politischen und rassischen Merkmalen zu beurteilen. Juden waren für ihn die Verkörperung der positionellen, geschlossenen Eröffnungen, während das deutsche Kampfschach sich durch eine offene Partieanlage kennzeichnete und Mut zum Risiko beinhalte, sprich dem deutschen Wesen entspräche.
Schon vor Diemer hatte der Wiener Theodor Gerbec (1887-1946) als Mitautor der Deutschen Schachzeitung antisemitische Schriften veröffentlicht. Vor allem am Schachstil des Amerikaners Reuben Fine versuchte er nachzuweisen, daß jüdisches Schach durch Opportunismus und Feigheit gekennzeichnet sei. Im wesentlichen waren seine Veröffentlichungen ein Abklatsch der antisemitischen Kapitalismus- und Modernismuskritik von Gutmayer. Er fügte jedoch noch Kritik am Amerikanismus und am Urbanismus hinzu:
Und von Schönheit kann man bei den Partien eines Flohr oder Fine wahrhaftig nicht reden. Reines Sicherheitsschach ist so ziemlich das Übelste, was auf den 64 Feldern verzapft worden ist. [...] Es scheint, daß dieser Stil in erster Linie aus Amerika stammt. Das ist der gleiche nüchterne anödende Stil, der die geschmacklosen Wolkenkratzer baut und das ganze Leben mechanisiert und, was die Hauptsache ist, Erfolg bringt. Der gleiche Zwang, der das amerikanische Leben in die Bahnen der Spekulation zwängt. Spekulatives Schach ist aber das Letzte, was wir brauchen können und wird nie einen Fortschritt bedeuten.[39]
E. Strouhal zog eine Verbindung zwischen den Schriften Diemers und Gerbecs zu Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes, welches in den 30er Jahren populär war.
Spenglers zivilisationskritisches Pamphlet war eine breit angelegte, irrationalistische Kritik an der modernen Gesellschaft, an der ‚Maschinenhaftigkeit‘ und ‚Seelenlosigkeit‘ des ‚irreligiösen und unmetaphysischen Weltständertums'. Seine Kritik des Prinzips der ‚Kausalität‘, dem Spengler die neue Idee des ‚Schicksals‘ entgegenstellte, ließ sich auch auf das Schachspiel anwenden: ‚Kausalität, schreibt Spengler, ‚ist das Verstandesmäßige, Gesetzhafte, Aussprechbare, das Merkmal unseres gesamten verstehenden Wachseins. Schicksal ist das Wort für eine nicht zu bestimmende innere Gewißheit. [...] Das eine fordert Unterscheidung, also Zerstörung, das andere ist durch und durch Schöpfung. Darin liegt die Beziehung des Schicksals zum Leben, der Kausalität zum Tod.‘ Das jüdische Spiel ist destruktiv, wissenschaftlich und hingegeben ans Tote, das arische Spiel ist dagegen sich selbst gewiß, schicksalhaft, lebendig und innerlich.[40]
Joseph Diemer kann ebensowenig wie Alexander Aljechin als Opportunist angesehen werden, wie es möglicherweise bei Efim Bogoljubow oder Ernst Grünfeld der Fall war, die für Geld spielten, ansonsten aber keine politischen Äußerungen von sich gaben.[41] Obwohl nicht unerwähnt bleiben soll, daß Grünfeld aufgrund seines jüdisch klingenden Namens immer wieder Anfeindungen ausgesetzt war, denen er wie folgt begegnete:
Entgegen allen Verdächtigungen der Vergangenheit bin ich in der Lage, meine arische Abstammung sogar bis zu einer vielfach beneideten und seltenen Höhe nachzuweisen![42]
Mit der erfolgten NSDAP-Mitgliedschaft nahm Grünfeld während des Krieges an Massenveranstaltungen und an Wehrmachtsveranstaltungen teil und arbeitete bevorzugt für des KdF-Organ Schach-Echo.[43]
Gutmayer, Diemer, Gerbec und Aljechin verbanden Rassismus und Schach genauso wie es Alfred Pfrang, ein Freund Diemers, und Alfred Brinckmann mit ihren antisemitischen Schriften taten. Alle lieferten den theoretischen Unterbau für die physische Verfolgung und für die Durchsetzung einer rassistischen Schachtheorie. Der GSB machte sich die Verurteilung jüdischer Schachspieler durch bekannte Berufskollegen nicht nur zunutze, sondern betonte selbst seine Stellung zu ihnen:
Zum
zweiten Male in diesem großen Kampf des nationalsozialistischen Deutschlands
gegen seine plutokratisch-jüdischen Feinde ruft der Schachverband Württemberg-Hohenzollern
seine Mitglieder zu einem Kriegs-Schachkongreß auf.[44]
Die Reaktionen der jüdischen Schachspieler auf die Durchsetzung des Arierparagraphen und die antisemitischen Schriften über das Schach waren sehr unterschiedlich. Einige zogen sich ganz vom Schach zurück, andere verließen das Land (z.B. Lasker) und wieder andere nahmen die von den Nationalsozialisten vorgenommenen Ausgrenzungsbemühungen zum Anlaß, eigene, neue jüdische Schachorganisationen zu gründen. Von einem reinen jüdischen Schachverein in der Zeit des Nationalsozialismus ist zum ersten Mal im September 1933 die Rede. Eine Annonce des Jüdischen Turn- und Sport-Clubs (JTSC) Bar Kochba in der Jüdischen Rundschau rief zur Teilnahme an einem regelmäßig stattfindenden Schachabend auf.[45] Nach der Erlaubnis der Gründung von selbständigen jüdischen Vereinen etablierten sich mehrere Schachabteilungen, die interne Meisterschaften austrugen.[46] Es folgte der Versuch, das Schachspiel von Juden auf nationaler Ebene zu strukturieren, aus dem heraus der Aufruf zur 1. Jüdischen Mannschaftsmeisterschaft im März 1934 erwuchs, die aber, wohl aufgrund mangelnder Teilnehmerzahlen, nie statt fand. Dennoch gab Erwin Jaffé, Mitglied des Bar Kochbar Leipzig, sein Bemühen nicht auf, eine Zentralstelle für jüdische Schachvereine einzurichten.[47] Bis zum Jahr 1936 war den Schachspalten der Jüdischen Rundschau die Existenz von 23 verschiedenen jüdischen Schachvereinen zu entnehmen. Im Januar desselben Jahres erfolgte der erste Jüdische Schachkongreß und die 1. Jüdische Meisterschaft, die von Fajarovicz gewonnen wurde. Auf der Konferenz schlossen sich die Vereine mit etwa 800 Mitgliedern zur Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Schachvereine zusammen. Die 2. Jüdische Meisterschaft im März 1937 wurde ebenfalls von Fajarovicz gewonnen und von der Jüdischen SVG Frankfurt organisiert. Eine solche Entwicklung der jüdischen Schachvereine konnte jedoch nur erfolgen, weil der GSB die Ausgrenzung von Juden und die Durchsetzung des Arierparagraphen strikt vorantrieb. Während der Durchführung der 2. Jüdischen Meisterschaft erhielt Blau-Weiß Hamburg den Auftrag, den 3. Kongreß zu organisieren, zu dem es allerdings nicht mehr kam. Bis in das Jahr 1938 hinein existierten noch jüdische Zeitungen, wie die erwähnte Jüdische Rundschau, die in den jüdischen Gemeinden verteilt werden durften, ohne jedoch in den Handel zu gelangen. In diesen Zeitungen kam es weiterhin zu Veröffentlichungen von Schachspalten, die vor allem jüdische Schachspieler würdigten. Einer der Spaltenleiter war der bekannte Schachspieler Jacques Mieses. Ein endgültiges Verbot von jüdischen Zeitschriften erfolgte 1938.[48]
[1] A. Pfrang, Spiel und Spielerei. Studie zu: Die Lebensform des Spiels, in: Schach-Kalender 1939 des Landesverbandes Bayern e. V., S. 70.
[2] J. Dufresne, Lehrbuch des Schachspiels, hsrg. von M. Blümlich, Leipzig 1941, S. 728.
[3] Schreiben des Bundesleiters des GSB an alle Leiter der Landesverbände vom 8.04.1936, zu finden in: 75 Jahre Pfälzischer Schachbund e.V., S. 60. H. Heinecke, Schach in Deutschlands Nordmark, S. 6 f.
[4]
M. Blümlich, in: Deutsche Schachzeitung, Oktober 1940, zitiert nach: E.
Meissenburg, Die deutsche
Schachliteratur
während des Zweiten Weltkrieges, S.
21.
[5]
H.-W. von Massow, Schach ist schön, Schach bringt Freude! 58 ausgewählte
Kampfbilder aus dem Schachspiel, hsrg. vom Amt Feierabend der
NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude,
Berlin 1940.
[6]
Zitiert nach: E. Meissenburg, Die deutsche Schachliteratur während des
Zweiten Weltkrieges, S. 22.
[7] Ebd.
[8]
A. Hitler, Mein Kampf, S. 430.
[9]
Dr. J. Weinberger, in: Deutsche Schachzeitung, Nr. 8/1940, S. 114.
[10]
A. Hitler, Mein Kampf, S. 342.
[11]
H. Ranneforth, in: Deutsche Schachzeitung, Mai 1933, S. 134 ff.
[12]
H. Ranneforth, in: Deutsche Schachzeitung, März 1934, S. 66 ff.
[13]
A. Aljechin, Jüdisches und arisches Schach. Eine psychologische Studie, die
– gegründet auf die Erfahrungen am schwarz-weißen Brett – den jüdischen
Mangel an Mut und Gestaltungskraft nachweist. Der Artikel wurde u.a. in der
Pariser Zeitung (18.3.1941-23.3.1941), in der Deutschen Schachzeitung 1941,
S. 49-53, 65-67, 82-84 und in der Deutschen Zeitung in den Niederlanden, März-April
1941 veröffentlicht.
[14] Vgl. H. Müller/A. Pawelczak, Schachgenie Aljechin, Hamburg 1953, S. 9.
[15] Aljechin selbst veröffentlichte eine Schrift über den Niedergang der Entwicklung des Schachs in seiner Heimat. Vgl. A. Aljechin, Das Schachleben in Sowjet-Rußland, Berlin 1921.
[16] Wie es zur Verhinderung der Hinrichtung kam ist unbekannt. Es gibt die Spekulation, daß er im Kerker eine Partie mit Trotzki um seine Leben spielen mußte, die er gewann. Doch darf dies bezweifelt werden.
[17] Zitiert nach: H. C. Opfermann, Die Spielgeheimnisse der großen Schachkämpfer, S. 214 f.
[18] Deutsche Schachzeitung, Nr. 1/1940, S. 2. Ein weiterer Zwischenfall bezüglich der Judenfrage ereignete sich auf der Schach-Olympiade mit dem Herannahen des Wettkampfes Palästina-Deutschland. Palästina wollte nicht gegen die deutsche Mannschaft antreten, weil Juden in Deutschland verfolgt würden und versuchte, ein Unentschieden zu vereinbaren. Als dies abgelehnt wurde, verdeutlichte die Mannschaft Palästinas ihren Standpunkt, auf gar keinen Fall zu spielen. Sie schlug zusammen mit der Mannschaft Argentiniens vor, sich von Deutschland und von Argentinien 2:2 zu trennen, da auch Argentinien noch gegen Palästina antreten mußten und mit Deutschland um den Sieg kämpfte. Sollte dieser Vorschlag nicht angenommen werden, so die palästinensiche Mannschaft, dann wolle man Deutschland die 4 Punkte schenken und ein eventueller Endsieg Deutschlands sei dann nur durch die Gnade der Juden zustandegekommen und für Deutschland damit wertlos. Die deutsche Mannschaft ging auf diesen Vorschlag ein, verurteilte ihn jedoch nach nationalsozialistischer Rassenlehre als Punkteschacherei in Reinkultur.
[19]
G. Kasparow, in: Welt am Sonntag, Nr. 14/1996, S. 63.
[20]
Zu finden in: I. und W. Linder, Das Schachgenie Aljechin, S. 258.
[21]
Ebd., S. 259.
[22] Bestätigt wird dies von G. Braunberger, Anmerkungen zu A. Aljechin, in: Schachkalender 1992, S. 95 f. Aljechin soll demnach selbst in einem Interview die Vermutung geäußert haben, wegen seiner Artikel in England und USA kein gern gesehener Gast mehr zu sein.
[23] Die Initiative zu dem Artikel ging wohl nicht von Aljechin, sondern von den Nazis aus, die an ihn herantraten. So kann der Deutschen Schachzeitung vom Februar 1941 entnommen werden, daß sich Freunde des Reiches der Person Aljechins angenommen hätten und ihm seine Unterstützung für einen Weltmeisterschaftskampf mit Capablanca zusicherten. Vgl. H. Müller/A. Pawelczak, Schachgenie Aljechin, S. 33. Zudem bekam Aljechin eine Art Gehalt von den Nationalsozialisten, mit dem er neben den Verdiensten aus Turnieren seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.
[24] Überliefert ist u.a. eine Beratungspartie zwischen Aljechin und Frank gegen Bogoljubow und Stolzyk aus dem Jahre 1941, gespielt in Warschau. 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. f3 e5 6. Lb5+ Sbd7 7. Sf5 Da5+ 8. Sc3 d5 9. Exd5 a6 10. La4 b5 11. Lb3 Sc5 12. Se3 Sxb3 13. Cxb3 Lb7 14. 0-0 Td8 15. De2 Lc5 16. Kh1 0-0 17. Sf5 Sxd5 18. Lh6 f6 19. Sxg7 Sf4 20. De1 Kh8 21. Sf5 Tg8 22. Dh4 Tg6 23. Lxf4 exf4 24. Dxf4 Tdg8 25. Sh4 T6g7 26. Tae1 Db6 27. Te2 Ld4 28. Sf5 Le5 29. Txe5 fxe5 30. Dxe5 Dc7 31. Dd4 Dd7 32. Df6 Dd8 33. Dxd8 Txd8 34. Sxg7 Kxg7 35. Td1 1-0. Eine andere Partie wurde von Frank und Aljechin gegen Pfaffenroth und Bogoljubow im November 1941 im Palais Belvedere in Warschau gespielt. Zu finden in: Deutsche Schachblätter, Nr. 23-24/1941, S. 185.
[25]
H. Grießhammer, in: A. Aljechin. Jüdisches und arisches Schach,
Propagandaartikel 1942, 2. Aufl., o.O und o.J., S. 3.
[26] 1941 entschuldigte sich Aljechin bei Max Euwe auf dessen Verlangen hin bei ihrem Aufeinandertreffen beim Münchener Europa-Turnier, da auch Euwe von Aljechin in seinem Artikel beleidigt worden war. Vgl. H. Müller/A. Pawelczak, Schachgenie Aljechin, S. 43, Fußnote 3.
[27]
A. Aljechin, in: Deutsche Zeitung in den Niederlanden, Nr. 4/1941, S. 49.
[28]
Ebd.
[29]
Ebd., S. 50.
[30]
Ebd., Nr. 5/1941, S. 39.
[31] Aljechin selbst wies darauf hin, daß es ein Fehler war, Schlechter als Juden aufzuführen. Vgl. H. Müller/A. Pawelczak, Schachgenie Aljechin, S. 43.
[32] Vgl. H. C. Schonberg, Die Großmeister des Schachs, S. 124.
[33] A. Aljechin, in: Deutsche Zeitung in den Niederlanden, Nr. 4/1941, S. 52.
[34] Ebd., Nr. 5/1941, S. 39.
[35] Vgl. auch H. Grießhammer, in: A. Aljechin, Jüdisches und arisches Schach, S. 4.
[36]
Ebd., S. 25.
[37] Die offizielle Todesursache Aljechins soll ein Gehirnschlag gewesen sein, doch wurde dies von vielen Autoren bezweifelt. Sie glaubten vielmehr an einen Selbstmord Aljechins.
[38] E. J. Diemer, Schach-Kampf und Kunst, in: Deutsche Schachzeitung 1943, S. 4. Interessant ist, daß Bundesgeschäftsführer Post einen polemischen Artikel über Diemers Schrift in den Deutschen Schachblättern veröffentlichen ließ, um Diemer zu begegnen, der in seinem Artikel den begabten deutschen Schachspieler Klaus Junge aufgrund seines angeblich fehlenden deutschen Kampfgeistes angriff. Diemer sprach Junge eine Qualifikation als Weltmeiterschaftsaspirant ab, weil dieser sich nur der Eröffnung d4 bediente. Offensichtlich herrschte keine einheitliche Meinung darüber, was deutsches Kampfschach sei. Der Verfasser des Artikels Dr. Dyckhoff nannte Diemer in seinem Artikel ironisch den neuen Gutmayer. Post erlaubte die Publizierung des Artikels nicht zuletzt mit der Begründung, daß die Deutsche Schachzeitung international gelesen werde und ein Schweigen der Deutschen Schachblätter Zustimmung bedeutet hätte. Vgl. Deutsche Schachblätter, Der Fall Junge. Eine Entgegnung von Dr. Dyckhoff, Nr. 5-6/1943, S. 36.
[39] T. Gerbec, Ist das noch Fortschritt?, in: Deutsche Schachzeitung, 1937, S. 130-131.
[40] E. Strouhal, acht x acht, S. 133.
[41] Ob Bogoljubow sich politisch wirklich nicht äußerte, ist unklar. Er soll 1925 beim großen Moskauer Turnier mehrere Juden beleidigt haben und nach seiner Übersiedlung aus der Sowjetunion nach Deutschland wurde er oft als Faschistenhund bezeichnet. Vgl. dazu: Schwäbische Rundschau, Nr. 126/1939.
[42]
Deutsche Schachblätter, Mai 1938.
[43]
Bei aller berechtigter Kritik an den genannten Schachspielern darf nicht
vergessen werden, daß das Schachspiel für diese Menschen nicht nur Beruf
und damit Mittel zur Erlangung des Lebensunterhalts war, sondern vor allem
Berufung. Das Schachspiel war oftmals ihr einziger Lebensinhalt, ja
Lebenselixier. Dies macht ihr Verhalten nicht frei von Kritik, jedoch möglicherweise
erklärbar.
[44]
Einladung zum 23. Schwäb. Schachkongreß im Juni 1941.
[45]
Vgl. Jüdische Rundschau vom 8.9.1933, Heft 72, S. 501.
[46]
Ebd., 8.12.1933, Heft 98, S. 930.
[47] Vgl. ebenfalls R. Woelk, Schach unterm Hakenkreuz, S. 49 f.
[48] Nur im Bereich des Fernschachspiels konnten die Nationalsozialisten die Verwirklichung des Arierparagraphens nicht durchsetzen, weil es keine nationale Fernschachorganisation gab, sondern nur den IFSB mit seinem Sitz in Deutschland. Juden konnten dort noch lange nach der Einführung des Arierparagraphen ihrem Hobby nachgehen. Doch war auch dies nicht ganz ungefährlich. Wie L. Steinkohl berichtete, spielte beim Pan-Europa-Turnier ein Wiener Spieler gegen den Letten Dr. Hasenfuß eine Fernschachpartie. Aufgrund des jüdisch klingenden Namen seines Gegners erschien wenig später die Gestapo bei dem Wiener Fernschachspieler. Während des Krieges wurde den Fernschachspielern verboten, Partien mit dem Ausland zu führen oder fortzusetzen. Bestimmte Turniere erhielten jedoch eine Sondergenehmigung. Die Verwendung des Rutberg-System, einem Zahlencode für Fernschachturniere, welches die unterschiedlichen nationalen Schreibweisen egalisierte, war indes verboten. Man befürchtete, so könnten Informationen codiert ins Ausland gelangen. Vgl. L. Steinkohl, Faszination Fernschach, Düsseldorf 1984, S. 229.