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Klaus Junge wurde am
01.01.1924 als jüngstes von fünf Kindern in Chile geboren. Sein Urgroßvater
war nach Chile ausgewandert, um dort als Arzt zu arbeiten. Der Großvater
ließ die Verbindung zu seiner aus Dithmarschen stammenden Familie durch
regelmäßige Besuche in Deutschland nicht abreißen. 1928 zog Klaus Junge
zusammen mit seinen Eltern
und seinen vier Brüdern,
wahrscheinlich aufgrund der besseren Ausbildungs- und Berufsperspektiven zurück
nach Deutschland. Klaus Junge übersprang wegen seiner vorhandenen
Kenntnisse im Lesen die erste Schulklasse und wurde in die 2. Klasse
eingestuft. Auch in der Oberstufe durfte er eine Klasse überspringen.
Mit 17 Jahren erwarb er das Abitur und schrieb sich als Mathematikstudent an
der Hamburger Universität ein. Sein Vater, Otto Junge, hatte in Chile das
Niveau eines Meisters im Schach
erreicht und hatte seinen Söhnen das Schachspiel beigebracht. Nach der Rückkehr
der Familie in die Stadt Hamburg trat Otto Junge dem Hamburger Schachklub
von 1830 (Herr Meissenburg machte mich in einer E-Mail vom 04.08.06 darauf
aufmerksam, dass es nicht Hamburger Schachverein, sondern Hamburger
Schachklub von 1830 heißen müsste.) bei und wurde 1941 zum Ehrenmitglied ernannt. Schon der Großvater war
Mitglied des Hamburger Schachklubs und auch Klaus Junge ging diesen Weg.
Die Familie konnte laut Wolfgang Unzicker
dem Großbürgertum zugeordnet werden und war gut situiert.
Mit 12 Jahren nahm Klaus
Junge an Turnierpartien teil und wurde schnell einer der stärksten Spieler
Hamburgs. Im Jahr 1941 gehörte Klaus Junge zur deutschen Spitzenklasse im
Schachspiel. Seinen größten Erfolg feierte er anlässlich des Prager
Turniers vom 5.-16.12.1942 zum 60. Geburtstages von Oldrich Duras
(1882-1957), bei dem er punktgleich mit Alexander Aljechin (1892-1946) den
ersten Platz teilte. Über die allgemeine Atmosphäre bei der
Entscheidungspartie zwischen Aljechin und Junge
schreibt Ludek Pachman, der dem Turnier als Zuschauer beiwohnte:
„Am
Schachtisch saßen Weltmeister Aljechin und der 19-jährige deutsche Meister
Klaus Junge einander gegenüber. Über Aljechin waren mir bereits damals
nicht besonders schmeichelhafte Histörchen aus der Vergangenheit und
Gegenwart zu Ohren gekommen. [...] Sein Gegner war ein schlanker,
hochgewachsener Junge mit aufrichtigen Augen, [...] Ein sehr bescheidener
und seinem Ansehen nach sympathischer Junge. Es bestand kein Zweifel, auf
wessen Seite unter normalen Umständen die Sympathien des Publikums gewesen
wären. Doch die Verhältnisse waren nicht normal. Unser Land war schon seit
4 Jahren besetzt. Mein Bruder war schon seit mehr als drei Jahren im
Konzentrationslager, und ich hatte die Untersuchungshaft der Gestapo hinter
mir. Mehr als vier Stunden schaute ich zu dem schlanken Jungen hin, die
Sympathien des Schachspielers zogen mich zu ihm, und dabei wusste ich, dass
ich ihn als Repräsentanten eines gewissen Systems nicht gern haben könne.
Solche Gefühle beherrschten die große Mehrheit der Zuschauer, und viele
fassten Fuß auf einer ziemlich naiven Abart des Panslawismus: Aljechin war
für uns nicht nur der berühmte Weltmeister, er war vor allem ein Slawe und
darum unser, wobei wir bereit waren zu vergessen, dass gerade er sich der
besonderen Gunst der Machthaber Europas erfreute.“
Beide Großmeister werden
hier nicht als reine Schachspieler dargestellt, sondern ideologisiert als
Repräsentanten ihrer Seite: Ein Arier im Rassenkampf gegen
einen Slawen. Eine Betrachtung, die der nationalsozialistischen Ideologie
entsprang. Jüdischen Schachspielern beispielsweise erging es im
Nationalsozialismus mit ihren schachlichen Werken wie allen Künstlern, die
mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten
nicht in Einklang zu bringen waren. In Ausstellungen wurden der
Expressionismus, der Surrealismus, ebenso wie der Dadaismus und die Neuen
Sachlichkeit als entartete Kunst bezeichnet, ihre Exponate mit
Zeichnungen von geistig Behinderten gleichgesetzt und mit Photos verkrüppelter
Menschen kombiniert, die bei den Besuchern Abscheu und Beklemmungen erregen
sollten. Schon vor den Nationalsozialisten bemühte sich der Wiener Franz
Gutmayer (1857-1937) die gleiche biologische Metaphorik im Bezug auf jüdische
Schachspieler anzuwenden und zeichnete den Weg für nationalsozialistische
Schachautoren vor. Auch er bediente sich, wie später der Schachweltmeister
Alexander Aljechin selbst,
der Verbindung von Schmutz und Sauberkeit, bei der sich die Säuberung
des Schachs von den schmutzigen
Juden geradezu aufdrängen sollte. Gutmayer bezeichnete beispielsweise
Emanuel Lasker und Wilhelm Steinitz als Bandwürmer,
Perverse, Blattläuse,
Bazillen, Systemkrüppel,
Schweine, Raupen,
häßliche Tiere
usw.
Ebenso wie die Werke des Expressionismus vernichtet oder verunglimpft
wurden, wurden von Juden gespielte Schachpartien aus Büchern entfernt. Auch
hier weil einige Nationalsozialisten glaubten, dass Schachspiel sei ihrem
eigenen Kulturkreis entsprungen und müsse nun, wegen seiner langen
Geschichte und von vielen fremden Einflüssen beeinflusst, gesäubert
werden. Die neue, nationalsozialistische deutsche Kunst sollte eine Kunst
des nordisch-arischen Volks sein. Kunst und Kultur waren nicht mehr autonom,
sondern in den Dienst des NS-Regimes und seiner Rassenideologie gestellt
worden, auch das Schachspiel.
Bei der sportlichen
Betrachtung des Schachspiels durch die Nationalsozialisten verhielt es sich
ähnlich. Einige NS-Schachautoren sahen im Schachspiel die Möglichkeit zur
Erziehung und Gestaltung des deutschen Menschen. Für sie gab es gar
einen Zusammenhang zwischen dem Schachspiel, seiner Entstehung, die ihm
innewohnenden Werten und dem deutschen Charakter. Der Sport hatte bei den
Nationalsozialisten die Aufgabe, einen starken, gefestigten,
nationalistischen Menschen hervorzubringen. Das Schachspiel ertüchtigte in
diesem Zusammenhang nicht körperlich, sondern geistig. Je stärker der
einzelne deutsche Mensch in seiner Persönlichkeit, desto stärker wäre der
Organismus der
Nation. Der Betrachtung dieser
NS-Schachautoren zurfolge verfüge gerade das Schach über einen schweren,
vollgültigen Kampfcharakter. Die
dargestellten Überlegungen der NS-Schachautoren fußten auf dem Gedanken,
dass nicht nur Sitten, Bräuche und Lebensgewohnheiten, sondern auch Spiele ein
getreues Spiegelbild der Seele und des Gemüts eines Volkes
widerspiegelten. Vor allem Spiele, bei denen nicht Glück, sondern der
Verstand die Geschicke leitet, sahen sie als geeignet an, um dem deutschen
Volke seine politische Lage vor Augen zu führen. Für sie war der Charakter
der vom Volk gespielten Spiele gleichsam der Charakter des Volkes. Schach
als geistiger Wehrkampfsport hatte für die Nationalsozialisten demnach eine
erziehungspolitische Bedeutung. Mit der Betrachtung des Schachspiels aus
nationalsozialistischer Sicht zeigt sich, wie die Nationalsozialisten einen
kleinen Bereich der Alltagskultur in einen globalen politischen Zusammenhang
mit der Geschichte des Antisemitismus gebracht haben.
Unter diesen genannten
Rahmenbedingungen erlernte und betrieb Klaus Junge das Schachspiel. Doch wie
spielte Klaus Junge Schach? So wie es Joseph Diemer für Arier in seinem
Artikel Schach – Kampf und Kunst vorsah? In der er nach einer
Betrachtung des lahmen und feigen jüdischen Schachs, das nicht zu
vergleichen sei mit dem deutschen Kampfschach, zu dem Schluss
gelangte:
„Ich
sehe in dieser Angst vor der Verantwortung, vor dem Risiko, vor der großen
Tat, vor dem Gefährlich-Leben den letzten Ausdruck jüdischen Einflusses
auf unsere Schachjugend. Warum sollte es auch im Schach anders sein, diesem
Symbol des menschlichen Lebens, dieser Parallelerscheinung zu allen
menschlichen Auseinandersetzungen auf kulturellem und politischem Gebiete,
als auf allen anderen Gebieten des heutigen menschlichen Daseins? Hie Kampf,
hie Maginotgeist!“
Diemer sah im Schach ein
Symbol für das Leben. Er versuchte Schacheröffnungen nach politischen und
rassischen Merkmalen zu beurteilen. Juden waren für ihn die Verkörperung
der positionellen, geschlossenen Eröffnungen, während das deutsche
Kampfschach sich durch eine
offene Partieanlage kennzeichnete und Mut zum Risiko beinhaltete, sprich dem
deutschen Wesen
entspräche. Und genau dieses Wesen zeige Klaus Junge nicht, weil er sich
der Eröffnung 1. d4 und 1. c4 bediene
und damit nie ein Weltmeisterschaftkandidat werden würde.
Der Bundesgeschäftsführer des Großdeutschen Schachbundes Ehrhard Post
ließ daraufhin einen polemischen Artikel über Diemers Schrift in den
Deutschen Schachblättern unter dem Titel: Der Fall Junge veröffentlichen,
um ihm zu begegnen. Der Verfasser des Artikels, Dr. Dyckhoff, nannte Diemer
in seinem Artikel ironisch den neuen
Gutmayer. Post erlaubte die
Publizierung des Artikels nicht zuletzt mit der Begründung, dass die
Deutschen Schachblätter international gelesen werden und ein Schweigen der
Bundesführung Zustimmung bedeutet hätte.
Doch auch Post formulierte, dass Junge nicht immer den gleichen Kampfgeist
gezeigt habe, begründete dies jedoch damit, dass Klaus Junge „von der
Bundesleitung fast pausenlos - meist ohne Übung direkt vom Arbeitsdienst
kommend – zum Kampfe gegen schwerste Gegner gestellt wurde“.
Offensichtlich herrschte keine einheitliche Meinung darüber, was deutsches
Kampfschach sei, erfolgreiches oder nur unter bestimmten Aspekten zu
betrachtendes Schach. Post wollte einen der stärksten deutschen
Schachspieler dieser Zeit jedenfalls nicht diskreditiert wissen und sich
nicht vorwerfen lassen, für die Erziehung der Jugend zum Kampfschach
nicht genügend getan zu haben, schon gar nicht in einer Zeit, in der die Pflege
des Schachs in der Hitler-Jugend der Bundesleitung anvertraut wurde.
„Wenn ich die jungen und
jüngsten Kräfte im deutschen Schach sich regen und entfalten sehe, dann möchte
ich voraussagen, das sehr bald die Hitler-Jugend einmal den Meister von Großdeutschland
stellen wird. So gut und kampffreudig ist heute unser deutscher
Schachnachwuchs.“
Mit dieser Betrachtung des Schachspiels integrierte sich das Schachspiel
in die Ziele der verschiedenen nationalsozialistischen Jugendeinrichtungen.
Auch ihnen ging es um die Ertüchtigung der deutschen Jugend, die von
wehrhaftem Geist erfüllt sein musste. Nationalsozialismus ist
organisierter Jugendwille, hieß eine verbreitete Losung der Zeit. Die
Umsetzung dieser Losung für Jugendliche oblag der Hitler-Jugend (HJ)
als Jugendorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen
Arbeiterpartei (NSDAP). In ihr und ihren Unterorganisationen
waren die 10-18 Jährigen organisiert. Mit zehn Jahren erhielten die Kinder
die schriftliche Aufforderung, in die Unterorganisation der HJ, bei den
Jungs war dies das Jungvolk, einzutreten. Die Eltern hatten die
Uniform zu kaufen. Klaus Junge erhielt diese Aufforderung 1934 im Jahr
der Schulung. Seit 1933 stand jedes Jahr nach der Parole des Reichsjugendführers
unter einem besonderen Motto. Die HJ richtete ihre Aktivitäten schwerpunktmäßig
danach aus. Die Mitgliedschaft in der HJ war bis in das Jahr 1936 zumindest
formell freiwillig. Das änderte sich durch das Gesetz über die
Hitlerjugend vom 01.01.1936. Dieses und die zweite Durchführungsverordnung
zum Gesetz über die Hitler-Jugend (Jugend-Dienstverordnung)
vom 25. März 1939 machten eine Mitgliedschaft zur Pflicht. Um attraktiv auf
die Jugendlichen zu wirken, veranstaltete die HJ Zeltlager, Radtouren, Geländespiele
und auch Schachturniere. Auch durch das Angebot, an dem ansonsten
privilegierten Segelfliegen und Reiten teilnehmen zu dürfen, wurde das
Interesse der Jugend geweckt. Die HJ war in vielen Bereichen und
Institutionen vertreten so u.a. in Betrieben, Schulen, in der Berufsberatung
und auch im Jugendschutz. Das Hauptgewicht der HJ war jedoch die politische
Erziehung, gepaart mit körperlicher Ertüchtigung,. In diesem Sinne mussten
diverse Dienste übernommen werden, wie der HJ-Dienst, der Wehr- und
Arbeitsdienst und der Jugenddienst. Hierzu kam eine Verhaltenskontrolle der
Jugendlichen in der Öffentlichkeit, der sogenannte Streifendienst.
Die von der HJ durchgeführten sportlichen Ertüchtigungen dienten immer
mehr der Vorbereitung für den Kriegseinsatz. So mussten bereits Elfjährige
Schießübungen abhalten. Zu den wichtigen Aufgaben der HJ während des
Krieges gehörte, neben dem Luftschutzdienst die Kinderlandverschickung und
die Durchführung von Sammelaktionen von Kleidung, Altmaterialien und Geld.
Anlässlich einer Werbewoche im März 1941 zugunsten der Schachhilfe für
Soldaten trat Klaus Junge zu diesem Zweck in einem Simultanspiel an. Kurze
Zeit später beteiligte er sich an der Schachwerbewoche für die
Soldatenhilfe, die vom Arbeitsausschuss der Meister angeregt wurde. Als
Reinerlös kamen der Soldatenhilfe 516 Reichsmark zu.
Der Großdeutsche Schachbund (GSB) richtete u.a. am 5.
Dezember 1944 die Aufforderung an alle Vereinsleiter unter dem Namen Soldatenhilfe,
Geld zu spenden für die Schachfreunde an der Front.
Um die
Jahreswende 1942/1943 wurde Klaus Junge im Alter von 19 Jahren zur Wehrmacht
eingezogen. Er war Leutnant bei der Artillerie und gehörte zu den nachrückenden
Jahrgängen, die in den Krieg eintraten, als sich die Waagschale zugunsten
der Alliierten neigte. Die offizielle NS-Propaganda erblickte gerade in
dieser Situation in der schachlichen Wehrmachtsbetreuung einen Beitrag zur
Stärkung und Erbauung der Truppen.
Im
Verlauf des totalen Krieges
erschienen immer weniger Bücher und Zeitungen, die das Schachspiel
zum Inhalt hatten. Dennoch war der GSB bemüht deutsche Soldaten an der
Front bzw. in den Lazaretten mit Hilfe des Schachspiels zu erheitern. Im
Auftrag des OKW wurden Wettkämpfe, Übungsveranstaltungen und Turniere für
Soldaten auf Kreta, in Griechenland, Frankreich, Belgien, Norwegen und
Lettland organisiert. Zur Betreuung der Soldaten gehörte neben den Besuchen
der Lazarette durch Schachmeister und der Organisation von Spielen in
Luftschutzkellern und Bunkern auch die Durchführung von
Fernschach-Frontturnieren, die per Feldpost organisiert wurden.
Klaus Junge selbst nahm am 16. und 17. Fernschachturnier der Deutschen
Schachzeitung teil. Die Meldung zum 18. Fernschachturnier hatte er zwar
eingereicht, doch zurückgezogen.
Die
Deutschen Schachblätter veröffentlichten zu Propagandazwecken vermehrt
Briefe von Soldaten, die sich für die schachliche Betreuung und Ablenkung
bei dem Großdeutschen Schachbund bedankten. Immer wieder wurden die
Ergebnisse der Soldatenhilfe veröffentlicht und in den einzelnen Ausgaben
vermehrt darauf hingewiesen: Vergeßt die Soldatenhilfe nicht!
Wolfgang Unzicker
berichtete mir, dass Klaus Junge dem Nationalsozialismus positiv gegen-überstand
und er sich als Patriot gesehen habe.
Bestätigung finden diese Aussagen in der Festschrift des Hamburger
Schachclubs von 1942:
„Klaus hat es verstanden,
[...] dem Schachspiel und den damit verbundenen theoretischen Studien nur
soweit Zeit und Kraft einzuräumen, als Aufgaben der allgemeinen Ausbildung
[...] und Pflichten im vaterländischen Dienste, dem er sich mit Überzeugung
und Begeisterung hingab, es gestatteten.“
Beim Turnier in Prag 1942
trug Klaus Junge wie schon zuvor beim Salzburger Turnier
Armbinde und Hakenkreuz.
Zu beiden Turnieren ist er vom DSB gesandt worden. Das Tragen der Uniform
des Reichsarbeitsdienstes (RAD)
am Schachbrett war sicherlich nicht ungewöhnlich, schon gar nicht bei der
positiven Grundeinstellung dem Regime gegenüber. Helmut Riedl stellte
aufgrund der Fotos von Klaus Junge mit Armbinde und Hakenkreuz die Frage:
„Trug Klaus Junge das
Zeichen aus Überzeugung, notwendiger Anpassung oder Gewöhnung? Und wie
sehr fühlte er sich an den Führereid der Wehrmacht gebunden, als er noch
kurz vor Kriegsende im Kampf gegen englische Truppen fiel?“
Zumindest die letzte Frage
beantwortet Helmut Riedl auf der Suche nach dem genauen Todestag von Klaus
Junge selbst. Er führt ein Zitat an, in dem von einem Klaus I.
gesprochen wird, bei dem es sich um Klaus Junge handeln soll.
„Leutnant Klaus I. hatte
dort [bei Welle in der Lüneburger Heide, Anm. d. Verf.] ungefähr ein
Dutzend Versprengter gesammelt. Unter diesen waren auch Marinearttilleristen,
die noch am Vortag in Schneverdingen gekämpft hatten. Die Zivilbevölkerung
hatte den Soldaten von der reichlich vorhandenen Milch angeboten und den Ort
verlassen. Von Leutnant I. hatte sie den Eindruck, als ob er den Krieg noch
gewinnen wolle. Als die ersten britischen Panzer nach Welle hineinrollten,
wurden sie mit Panzerfäusten beschossen. Kurz darauf standen die Schmiede
und ein Haus in der Moorstraße in Flammen. Leutnant I. und zwei weitere
Soldaten fielen. Alle drei wurden später zusammen mit fünf Opfern der
Luftangriffe auf den Weller Friedhof beigesetzt.“
Als man Klaus Junge fand,
hatte er zahlreiche Manuskripte mit mathematischen Berechnungen,
Aufzeichnungen und Schachnotizen bei sich. Ludek Pachman äußerte die
Vermutung, Junge hätte sich aufgrund seiner schachlichen Talente und den
von ihm zu erwartenden Erfolgen vom Dienst an der Front befreien lassen und
die Zeit des Krieges im Landesinneren verbringen können. Doch soll ihm dies
sein Pflichtbewusstsein dem Nationalsozialismus gegenüber verboten haben.
„Für einen berühmten
Schachspieler wäre es bestimmt nicht unmöglich gewesen, den Frontdienst zu
meiden und sich irgendwo im Hinterland auch während des Kriegs seinem
Schach zu widmen. Statt dessen spielte er damals in der Adventszeit 1942
sein letztes Turnier. Danach widmete er sich dem militärischen Dienst,
wahrscheinlich aus voller innerer Überzeugung, [...].“
Ludek Pachman begründet
die Aufnahme von Klaus Junge in sein Buch Die berühmtesten Spiele der
deutschen Großmeister nicht nur mit dem Hinweis auf dessen schachliche
Qualitäten, sondern auch mit seiner für die Zeit des Nationalsozialismus
aussagekräftigen und repräsentativen Biographie:
„Klaus Junge war in der
Welt fast vergessen, obwohl er eine der größten Hoffnungen für die Kämpfe
um die Weltmeisterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg war – vielleicht hätte
Deutschland einen Bobby Fischer noch vor Bobby Fischer haben können! Sein
Leben ist fürs deutsche Schicksal der damaligen Zeit fast symbolisch –
vielleicht ist gerade dies ein Grund dafür, warum man ihn am liebten
vergessen möchte.“
Man kann annehmen, dass das
Jugendsystem der Nationalsozialisten, jenes System von Zwängen,
Chancen und ideologischen Deutungen von einer breiten, typenbildenden und
Verhaltensmuster prägenden Wirkung war.
Gerade durch die auf die politische Herrschaft hin ausgerichtete Integration
und Normierung jugendlicher Antriebe. Die Auswirkungen der HJ-Erziehung bündelten
sich jedoch oftmals nicht in fanatische Zustimmung zum Nationalsozialismus,
sondern vielmehr in der Anpassung und Integration der Jugendlichen an und in
das System.
Ich bedanke mich bei
Gerhard Josten, Egbert Meissenburg und insbesondere bei Wolfgang Unzicker
und Lothar Schmid, die mir bei der Recherche nach Informationen über Klaus
Junge behilflich waren.
Carlos Otto
Junge (geb. 1887 in Conception, Chile) war von Beruf Kaufmann, der 1932
in die NSDAP eintrat, der er bis zum Kriegsende angehörte (1934 und
1935 als Blockleiter und Zellenleiter der NSDAP). Im
Entnazifizierungsverfahren verfasste er einen ausführlichen Lebenslauf.
(Staatskommissar für die Entnazifizierung und Kategorisierung, 40403).
Vgl. A. Aljechin u.a. in der Pariser Zeitung (18.3.1941-23.3.1941), in
der Deutschen Schachzeitung 1941, S. 49-53, 65-67, 82-84 und in der
Deutschen Zeitung in den Niederlanden, März-April 1941.
Vgl. dazu u.a.: F. Gutmayer, Die große Offensive am Schachbrett,
Innsbruck-Mühlau 1916, ders. Das unbedingte Torpedo im Schachkrieg,
Innsbruck-Mühlau 1916, ders, Der kleine Feldherr, Innsbruck-Mühlau
1917.
Wer nun glaubt, Argumentationen rassistischer Art in Verbindung mit dem
Schachspiel seien Nationalsozialisten vorbehalten, der irrt. Vgl. dazu
die Europa Rochade, Nr. 9/1995, S. 18 ff.
E. J. Diemer, Schach-Kampf und Kunst, in: Deutsche Schachzeitung 1943,
S. 4.
Schützengräben
geleisteten Dienst der Soldaten. Vgl. dazu auch: E. Meissenburg, Die
deutsche Schachliteratur während des Zweiten Weltkrieges, Winsen/Luhe
1983.
Wolfgang Unzicker ist davon überzeugt, dass Klaus Junge keine
Kenntnisse über den Holocaust hatte.
E.
Friederich, Leiter des Hamburger Schachklubs von 1830 e.V. in: Klaus
Junge, 1. Januar 1924, Hamburg: Hamburger Schachklub, 1942, S. 2.
Klaus Junge sprang beim Salzburger Turnier für den verhinderten
Exweltmeister Max Euwe ein und erzielte zusammen mit Paul Schmidt den
geteilten 3-4 Platz. Für diese Leistung erhielt er die Goldene
Ehrennadel des GSB. Vgl. E.
Budrich/D. Schulte, Das war Klaus
Junge. Partien und Aufzeichnungen, Berlin 1956, S. 32.
Seit 1935 war im Nationalsozialismus der sechsmonatige Arbeitsdienst für
männliche Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren Pflicht. Für weibliche
Jugendliche war er noch freiwillig. Mit dem Motto: Mit Spaten und Ähre
verrichteten der RAD und seine Arbeitskolonnen Dienste in ganz
Deutschland wie Moore trockenlegt, Ackerland kultivieren oder beim Bau
des Westwalls oder der Autobahn mitarbeiten. Der RAD war dem
Reichsinnenministerium angegliedert und diente ursprünglich der Bewältigung
der Arbeitslosigkeit. Die nationalsozialistische deutsche Führung sah
in den Einsätzen im Wesentlichen einen Ehrendienst am deutschen
Volke. Deswegen lag der Lohn auch nur wenig über dem
Arbeitslosengeld. Eingeteilt war der RAD in 30 Arbeitsgaue, 182 Gruppen
und 1.260 Abteilungen. Wenige Tage nach Beginn des Krieges am 1.
September 1939 wurde der Arbeitsdienst auch Pflicht für weibliche
Jugendliche, die als Arbeitsmaiden oftmals caritative Aufgaben übernahmen,
Mütter im Haushalt entlasteten oder zu Einsätzen in der Landwirtschaft
herangezogen wurden. Männliche Arbeitsgruppen unterstützten im Krieg
zumeist als Bau- und Instandsetzungstrupps die Wehrmacht und standen an
Flugabwehrgeschützen.
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