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Nationalsozialismus, Schach, Klaus Junge

         
   
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Klaus Junge wurde am 01.01.1924 als jüngstes von fünf Kindern in Chile geboren. Sein Urgroßvater war nach Chile ausgewandert, um dort als Arzt zu arbeiten. Der Großvater ließ die Verbindung zu seiner aus Dithmarschen stammenden Familie durch regelmäßige Besuche in Deutschland nicht abreißen. 1928 zog Klaus Junge zusammen mit seinen Eltern[1] und seinen vier Brüdern,[2] wahrscheinlich aufgrund der besseren Ausbildungs- und Berufsperspektiven zurück nach Deutschland. Klaus Junge übersprang wegen seiner vorhandenen Kenntnisse im Lesen die erste Schulklasse und wurde in die 2. Klasse eingestuft. Auch in der Oberstufe durfte er eine Klasse überspringen.[3] Mit 17 Jahren erwarb er das Abitur und schrieb sich als Mathematikstudent an der Hamburger Universität ein. Sein Vater, Otto Junge, hatte in Chile das Niveau eines Meisters im Schach[4] erreicht und hatte seinen Söhnen das Schachspiel beigebracht. Nach der Rückkehr der Familie in die Stadt Hamburg trat Otto Junge dem Hamburger Schachklub von 1830 (Herr Meissenburg machte mich in einer E-Mail vom 04.08.06 darauf aufmerksam, dass es nicht Hamburger Schachverein, sondern Hamburger Schachklub von 1830 heißen müsste.) bei und wurde 1941 zum Ehrenmitglied ernannt. Schon der Großvater war Mitglied des Hamburger Schachklubs und auch Klaus Junge ging diesen Weg. Die Familie konnte laut Wolfgang Unzicker[5] dem Großbürgertum zugeordnet werden und war gut situiert.

Mit 12 Jahren nahm Klaus Junge an Turnierpartien teil und wurde schnell einer der stärksten Spieler Hamburgs. Im Jahr 1941 gehörte Klaus Junge zur deutschen Spitzenklasse im Schachspiel. Seinen größten Erfolg feierte er anlässlich des Prager Turniers vom 5.-16.12.1942 zum 60. Geburtstages von Oldrich Duras (1882-1957), bei dem er punktgleich mit Alexander Aljechin (1892-1946) den ersten Platz teilte. Über die allgemeine Atmosphäre bei der Entscheidungspartie zwischen Aljechin und Junge[6] schreibt Ludek Pachman, der dem Turnier als Zuschauer beiwohnte:

 „Am Schachtisch saßen Weltmeister Aljechin und der 19-jährige deutsche Meister Klaus Junge einander gegenüber. Über Aljechin waren mir bereits damals nicht besonders schmeichelhafte Histörchen aus der Vergangenheit und Gegenwart zu Ohren gekommen. [...] Sein Gegner war ein schlanker, hochgewachsener Junge mit aufrichtigen Augen, [...] Ein sehr bescheidener und seinem Ansehen nach sympathischer Junge. Es bestand kein Zweifel, auf wessen Seite unter normalen Umständen die Sympathien des Publikums gewesen wären. Doch die Verhältnisse waren nicht normal. Unser Land war schon seit 4 Jahren besetzt. Mein Bruder war schon seit mehr als drei Jahren im Konzentrationslager, und ich hatte die Untersuchungshaft der Gestapo hinter mir. Mehr als vier Stunden schaute ich zu dem schlanken Jungen hin, die Sympathien des Schachspielers zogen mich zu ihm, und dabei wusste ich, dass ich ihn als Repräsentanten eines gewissen Systems nicht gern haben könne. Solche Gefühle beherrschten die große Mehrheit der Zuschauer, und viele fassten Fuß auf einer ziemlich naiven Abart des Panslawismus: Aljechin war für uns nicht nur der berühmte Weltmeister, er war vor allem ein Slawe und darum unser, wobei wir bereit waren zu vergessen, dass gerade er sich der besonderen Gunst der Machthaber Europas erfreute.“[7] 

Beide Großmeister werden hier nicht als reine Schachspieler dargestellt, sondern ideologisiert als Repräsentanten ihrer Seite: Ein Arier im Rassenkampf gegen einen Slawen. Eine Betrachtung, die der nationalsozialistischen Ideologie entsprang. Jüdischen Schachspielern beispielsweise erging es im Nationalsozialismus mit ihren schachlichen Werken wie allen Künstlern, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht in Einklang zu bringen waren. In Ausstellungen wurden der Expressionismus, der Surrealismus, ebenso wie der Dadaismus und die Neuen Sachlichkeit als entartete Kunst bezeichnet, ihre Exponate mit Zeichnungen von geistig Behinderten gleichgesetzt und mit Photos verkrüppelter Menschen kombiniert, die bei den Besuchern Abscheu und Beklemmungen erregen sollten. Schon vor den Nationalsozialisten bemühte sich der Wiener Franz Gutmayer (1857-1937) die gleiche biologische Metaphorik im Bezug auf jüdische Schachspieler anzuwenden und zeichnete den Weg für nationalsozialistische Schachautoren vor. Auch er bediente sich, wie später der Schachweltmeister Alexander Aljechin selbst,[8] der Verbindung von Schmutz und Sauberkeit, bei der sich die Säuberung des Schachs von den schmutzigen Juden geradezu aufdrängen sollte. Gutmayer bezeichnete beispielsweise Emanuel Lasker und Wilhelm Steinitz als Bandwürmer, Perverse, Blattläuse, Bazillen, Systemkrüppel, Schweine, Raupen, häßliche Tiere usw.[9] Ebenso wie die Werke des Expressionismus vernichtet oder verunglimpft wurden, wurden von Juden gespielte Schachpartien aus Büchern entfernt. Auch hier weil einige Nationalsozialisten glaubten, dass Schachspiel sei ihrem eigenen Kulturkreis entsprungen und müsse nun, wegen seiner langen Geschichte und von vielen fremden Einflüssen beeinflusst, gesäubert werden. Die neue, nationalsozialistische deutsche Kunst sollte eine Kunst des nordisch-arischen Volks sein. Kunst und Kultur waren nicht mehr autonom, sondern in den Dienst des NS-Regimes und seiner Rassenideologie gestellt worden, auch das Schachspiel.[10]

Bei der sportlichen Betrachtung des Schachspiels durch die Nationalsozialisten verhielt es sich ähnlich. Einige NS-Schachautoren sahen im Schachspiel die Möglichkeit zur Erziehung und Gestaltung des deutschen Menschen. Für sie gab es gar einen Zusammenhang zwischen dem Schachspiel, seiner Entstehung, die ihm innewohnenden Werten und dem deutschen Charakter. Der Sport hatte bei den Nationalsozialisten die Aufgabe, einen starken, gefestigten, nationalistischen Menschen hervorzubringen. Das Schachspiel ertüchtigte in diesem Zusammenhang nicht körperlich, sondern geistig. Je stärker der einzelne deutsche Mensch in seiner Persönlichkeit, desto stärker wäre der Organismus der Nation. Der Betrachtung dieser NS-Schachautoren zurfolge verfüge gerade das Schach über einen schweren, vollgültigen Kampfcharakter. Die dargestellten Überlegungen der NS-Schachautoren fußten auf dem Gedanken, dass nicht nur Sitten, Bräuche und Lebensgewohnheiten, sondern auch Spiele ein getreues Spiegelbild der Seele und des Gemüts eines Volkes widerspiegelten. Vor allem Spiele, bei denen nicht Glück, sondern der Verstand die Geschicke leitet, sahen sie als geeignet an, um dem deutschen Volke seine politische Lage vor Augen zu führen. Für sie war der Charakter der vom Volk gespielten Spiele gleichsam der Charakter des Volkes. Schach als geistiger Wehrkampfsport hatte für die Nationalsozialisten demnach eine erziehungspolitische Bedeutung. Mit der Betrachtung des Schachspiels aus nationalsozialistischer Sicht zeigt sich, wie die Nationalsozialisten einen kleinen Bereich der Alltagskultur in einen globalen politischen Zusammenhang mit der Geschichte des Antisemitismus gebracht haben.

Unter diesen genannten Rahmenbedingungen erlernte und betrieb Klaus Junge das Schachspiel. Doch wie spielte Klaus Junge Schach? So wie es Joseph Diemer für Arier in seinem Artikel Schach – Kampf und Kunst vorsah? In der er nach einer Betrachtung des lahmen und feigen jüdischen Schachs, das nicht zu vergleichen sei mit dem deutschen Kampfschach, zu dem Schluss gelangte:

„Ich sehe in dieser Angst vor der Verantwortung, vor dem Risiko, vor der großen Tat, vor dem Gefährlich-Leben den letzten Ausdruck jüdischen Einflusses auf unsere Schachjugend. Warum sollte es auch im Schach anders sein, diesem Symbol des menschlichen Lebens, dieser Parallelerscheinung zu allen menschlichen Auseinandersetzungen auf kulturellem und politischem Gebiete, als auf allen anderen Gebieten des heutigen menschlichen Daseins? Hie Kampf, hie Maginotgeist!“[11]

Diemer sah im Schach ein Symbol für das Leben. Er versuchte Schacheröffnungen nach politischen und rassischen Merkmalen zu beurteilen. Juden waren für ihn die Verkörperung der positionellen, geschlossenen Eröffnungen, während das deutsche Kampfschach sich durch eine offene Partieanlage kennzeichnete und Mut zum Risiko beinhaltete, sprich dem deutschen Wesen entspräche. Und genau dieses Wesen zeige Klaus Junge nicht, weil er sich der Eröffnung 1. d4 und 1. c4 bediene[12] und damit nie ein Weltmeisterschaftkandidat werden würde.[13] Der Bundesgeschäftsführer des Großdeutschen Schachbundes Ehrhard Post[14] ließ daraufhin einen polemischen Artikel über Diemers Schrift in den Deutschen Schachblättern unter dem Titel: Der Fall Junge veröffentlichen, um ihm zu begegnen. Der Verfasser des Artikels, Dr. Dyckhoff, nannte Diemer in seinem Artikel ironisch den neuen Gutmayer. Post erlaubte die Publizierung des Artikels nicht zuletzt mit der Begründung, dass die Deutschen Schachblätter international gelesen werden und ein Schweigen der Bundesführung Zustimmung bedeutet hätte.[15] Doch auch Post formulierte, dass Junge nicht immer den gleichen Kampfgeist gezeigt habe, begründete dies jedoch damit, dass Klaus Junge „von der Bundesleitung fast pausenlos - meist ohne Übung direkt vom Arbeitsdienst kommend – zum Kampfe gegen schwerste Gegner gestellt wurde“.[16] Offensichtlich herrschte keine einheitliche Meinung darüber, was deutsches Kampfschach sei, erfolgreiches oder nur unter bestimmten Aspekten zu betrachtendes Schach. Post wollte einen der stärksten deutschen Schachspieler dieser Zeit jedenfalls nicht diskreditiert wissen und sich nicht vorwerfen lassen, für die Erziehung der Jugend zum Kampfschach nicht genügend getan zu haben, schon gar nicht in einer Zeit, in der die Pflege des Schachs in der Hitler-Jugend der Bundesleitung anvertraut wurde.

„Wenn ich die jungen und jüngsten Kräfte im deutschen Schach sich regen und entfalten sehe, dann möchte ich voraussagen, das sehr bald die Hitler-Jugend einmal den Meister von Großdeutschland stellen wird. So gut und kampffreudig ist heute unser deutscher Schachnachwuchs.“[17]

Mit dieser Betrachtung des Schachspiels integrierte sich das Schachspiel in die Ziele der verschiedenen nationalsozialistischen Jugendeinrichtungen. Auch ihnen ging es um die Ertüchtigung der deutschen Jugend, die von wehrhaftem Geist erfüllt sein musste. Nationalsozialismus ist organisierter Jugendwille, hieß eine verbreitete Losung der Zeit. Die Umsetzung dieser Losung für Jugendliche oblag der Hitler-Jugend (HJ) als Jugendorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). In ihr und ihren Unterorganisationen[18] waren die 10-18 Jährigen organisiert. Mit zehn Jahren erhielten die Kinder die schriftliche Aufforderung, in die Unterorganisation der HJ, bei den Jungs war dies das Jungvolk, einzutreten. Die Eltern hatten die Uniform zu kaufen. Klaus Junge erhielt diese Aufforderung 1934 im Jahr der Schulung. Seit 1933 stand jedes Jahr nach der Parole des Reichsjugendführers unter einem besonderen Motto. Die HJ richtete ihre Aktivitäten schwerpunktmäßig danach aus. Die Mitgliedschaft in der HJ war bis in das Jahr 1936 zumindest formell freiwillig. Das änderte sich durch das Gesetz über die Hitlerjugend vom 01.01.1936. Dieses und die zweite Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitler-Jugend (Jugend-Dienstverordnung) vom 25. März 1939 machten eine Mitgliedschaft zur Pflicht. Um attraktiv auf die Jugendlichen zu wirken, veranstaltete die HJ Zeltlager, Radtouren, Geländespiele und auch Schachturniere. Auch durch das Angebot, an dem ansonsten privilegierten Segelfliegen und Reiten teilnehmen zu dürfen, wurde das Interesse der Jugend geweckt. Die HJ war in vielen Bereichen und Institutionen vertreten so u.a. in Betrieben, Schulen, in der Berufsberatung und auch im Jugendschutz. Das Hauptgewicht der HJ war jedoch die politische Erziehung, gepaart mit körperlicher Ertüchtigung,. In diesem Sinne mussten diverse Dienste übernommen werden, wie der HJ-Dienst, der Wehr- und Arbeitsdienst und der Jugenddienst. Hierzu kam eine Verhaltenskontrolle der Jugendlichen in der Öffentlichkeit, der sogenannte Streifendienst. Die von der HJ durchgeführten sportlichen Ertüchtigungen dienten immer mehr der Vorbereitung für den Kriegseinsatz. So mussten bereits Elfjährige Schießübungen abhalten. Zu den wichtigen Aufgaben der HJ während des Krieges gehörte, neben dem Luftschutzdienst die Kinderlandverschickung und die Durchführung von Sammelaktionen von Kleidung, Altmaterialien und Geld. Anlässlich einer Werbewoche im März 1941 zugunsten der Schachhilfe für Soldaten trat Klaus Junge zu diesem Zweck in einem Simultanspiel an. Kurze Zeit später beteiligte er sich an der Schachwerbewoche für die Soldatenhilfe, die vom Arbeitsausschuss der Meister angeregt wurde. Als Reinerlös kamen der Soldatenhilfe 516 Reichsmark zu.[19] Der Großdeutsche Schachbund (GSB) richtete u.a. am 5. Dezember 1944 die Aufforderung an alle Vereinsleiter unter dem Namen Soldatenhilfe, Geld zu spenden für die Schachfreunde an der Front.

Um die Jahreswende 1942/1943 wurde Klaus Junge im Alter von 19 Jahren zur Wehrmacht eingezogen. Er war Leutnant bei der Artillerie und gehörte zu den nachrückenden Jahrgängen, die in den Krieg eintraten, als sich die Waagschale zugunsten der Alliierten neigte. Die offizielle NS-Propaganda erblickte gerade in dieser Situation in der schachlichen Wehrmachtsbetreuung einen Beitrag zur Stärkung und Erbauung der Truppen.[20]

Im Verlauf des totalen Krieges erschienen immer weniger Bücher und Zeitungen, die das Schachspiel zum Inhalt hatten. Dennoch war der GSB bemüht deutsche Soldaten an der Front bzw. in den Lazaretten mit Hilfe des Schachspiels zu erheitern. Im Auftrag des OKW wurden Wettkämpfe, Übungsveranstaltungen und Turniere für Soldaten auf Kreta, in Griechenland, Frankreich, Belgien, Norwegen und Lettland organisiert. Zur Betreuung der Soldaten gehörte neben den Besuchen der Lazarette durch Schachmeister und der Organisation von Spielen in Luftschutzkellern und Bunkern auch die Durchführung von Fernschach-Frontturnieren, die per Feldpost organisiert wurden.[21] Klaus Junge selbst nahm am 16. und 17. Fernschachturnier der Deutschen Schachzeitung teil. Die Meldung zum 18. Fernschachturnier hatte er zwar eingereicht, doch zurückgezogen.

Die Deutschen Schachblätter veröffentlichten zu Propagandazwecken vermehrt Briefe von Soldaten, die sich für die schachliche Betreuung und Ablenkung bei dem Großdeutschen Schachbund bedankten. Immer wieder wurden die Ergebnisse der Soldatenhilfe veröffentlicht und in den einzelnen Ausgaben vermehrt darauf hingewiesen: Vergeßt die Soldatenhilfe nicht!

Wolfgang Unzicker berichtete mir, dass Klaus Junge dem Nationalsozialismus positiv gegen-überstand und er sich als Patriot gesehen habe.[22] Bestätigung finden diese Aussagen in der Festschrift des Hamburger Schachclubs von 1942:

„Klaus hat es verstanden, [...] dem Schachspiel und den damit verbundenen theoretischen Studien nur soweit Zeit und Kraft einzuräumen, als Aufgaben der allgemeinen Ausbildung [...] und Pflichten im vaterländischen Dienste, dem er sich mit Überzeugung und Begeisterung hingab, es gestatteten.“[23]

Beim Turnier in Prag 1942[24] trug Klaus Junge wie schon zuvor beim Salzburger Turnier[25] Armbinde und Hakenkreuz.[26] Zu beiden Turnieren ist er vom DSB gesandt worden. Das Tragen der Uniform des Reichsarbeitsdienstes (RAD)[27] am Schachbrett war sicherlich nicht ungewöhnlich, schon gar nicht bei der positiven Grundeinstellung dem Regime gegenüber. Helmut Riedl stellte aufgrund der Fotos von Klaus Junge mit Armbinde und Hakenkreuz die Frage:

„Trug Klaus Junge das Zeichen aus Überzeugung, notwendiger Anpassung oder Gewöhnung? Und wie sehr fühlte er sich an den Führereid der Wehrmacht gebunden, als er noch kurz vor Kriegsende im Kampf gegen englische Truppen fiel?“[28]

Zumindest die letzte Frage beantwortet Helmut Riedl auf der Suche nach dem genauen Todestag von Klaus Junge selbst. Er führt ein Zitat an, in dem von einem Klaus I. gesprochen wird, bei dem es sich um Klaus Junge handeln soll. 

„Leutnant Klaus I. hatte dort [bei Welle in der Lüneburger Heide, Anm. d. Verf.] ungefähr ein Dutzend Versprengter gesammelt. Unter diesen waren auch Marinearttilleristen, die noch am Vortag in Schneverdingen gekämpft hatten. Die Zivilbevölkerung hatte den Soldaten von der reichlich vorhandenen Milch angeboten und den Ort verlassen. Von Leutnant I. hatte sie den Eindruck, als ob er den Krieg noch gewinnen wolle. Als die ersten britischen Panzer nach Welle hineinrollten, wurden sie mit Panzerfäusten beschossen. Kurz darauf standen die Schmiede und ein Haus in der Moorstraße in Flammen. Leutnant I. und zwei weitere Soldaten fielen. Alle drei wurden später zusammen mit fünf Opfern der Luftangriffe auf den Weller Friedhof beigesetzt.“[29]

Als man Klaus Junge fand, hatte er zahlreiche Manuskripte mit mathematischen Berechnungen, Aufzeichnungen und Schachnotizen bei sich. Ludek Pachman äußerte die Vermutung, Junge hätte sich aufgrund seiner schachlichen Talente und den von ihm zu erwartenden Erfolgen vom Dienst an der Front befreien lassen und die Zeit des Krieges im Landesinneren verbringen können. Doch soll ihm dies sein Pflichtbewusstsein dem Nationalsozialismus gegenüber verboten haben.

„Für einen berühmten Schachspieler wäre es bestimmt nicht unmöglich gewesen, den Frontdienst zu meiden und sich irgendwo im Hinterland auch während des Kriegs seinem Schach zu widmen. Statt dessen spielte er damals in der Adventszeit 1942 sein letztes Turnier. Danach widmete er sich dem militärischen Dienst, wahrscheinlich aus voller innerer Überzeugung, [...].“ [30]

Ludek Pachman begründet die Aufnahme von Klaus Junge in sein Buch Die berühmtesten Spiele der deutschen Großmeister nicht nur mit dem Hinweis auf dessen schachliche Qualitäten, sondern auch mit seiner für die Zeit des Nationalsozialismus aussagekräftigen und repräsentativen Biographie: 

„Klaus Junge war in der Welt fast vergessen, obwohl er eine der größten Hoffnungen für die Kämpfe um die Weltmeisterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg war – vielleicht hätte Deutschland einen Bobby Fischer noch vor Bobby Fischer haben können! Sein Leben ist fürs deutsche Schicksal der damaligen Zeit fast symbolisch – vielleicht ist gerade dies ein Grund dafür, warum man ihn am liebten vergessen möchte.“[31]

Man kann annehmen, dass das Jugendsystem der Nationalsozialisten, jenes System von Zwängen, Chancen und ideologischen Deutungen von einer breiten, typenbildenden und Verhaltensmuster prägenden Wirkung war.[32] Gerade durch die auf die politische Herrschaft hin ausgerichtete Integration und Normierung jugendlicher Antriebe. Die Auswirkungen der HJ-Erziehung bündelten sich jedoch oftmals nicht in fanatische Zustimmung zum Nationalsozialismus, sondern vielmehr in der Anpassung und Integration der Jugendlichen an und in das System.

Ich bedanke mich bei Gerhard Josten, Egbert Meissenburg und insbesondere bei Wolfgang Unzicker und Lothar Schmid, die mir bei der Recherche nach Informationen über Klaus Junge behilflich waren.



[1] Carlos Otto Junge (geb. 1887 in Conception, Chile) war von Beruf Kaufmann, der 1932 in die NSDAP eintrat, der er bis zum Kriegsende angehörte (1934 und 1935 als Blockleiter und Zellenleiter der NSDAP). Im Entnazifizierungsverfahren verfasste er einen ausführlichen Lebenslauf. (Staatskommissar für die Entnazifizierung und Kategorisierung, 40403).

[2] Während des 2. Weltkrieges starben vier der fünf Brüder.

[3] Vgl. Deutsche Schachblätter, 3-4/1941, S. 27.

[4] In dem Buch  von K. Rattmann, Heinicke. Kunst des Positionsspiels, Hamburg 1981, S. 7 wird Otto Junge als „Hauptturnierspieler“ bezeichnet, der es nicht ganz zur Meisterschaft gebracht hat. Herbert Heinicke war mit Otto Junge befreundet und zudem ein Lehrmeister von Klaus Junge. Er gewann die Hamburger Schachmeisterschaft 17 mal.

[5] Schachgroßmeister W. Unzicker ist knapp eineinhalb Jahre jünger als Klaus Junge und wurde am 26.06.1925 geboren. Er traf Junge zum ersten Mal im Rahmen der Jugendschachwoche vom11.-16.08.1939. Herr Unzicker erklärte mir, dass die Familie Junge als Auslandsdeutsche galten. Von Auslanddeutschen sei bekannt, so Unzicker, dass sie dem Nationalsozialismus oftmals positiv gegenüber standen.

[6] Klaus Junge führte vor der letzen Runde einen Punkt vor Aljechin. Dieser musste demnach gewinnen, um das Turnier als Erster zu beenden. Wer sich hauptsächlich mit dem schachlichen Leben Klaus Junges auseinandersetzen möchte, dem sei folgendes Buch empfohlen: H. Riedl, Das Leben und Schaffen von Klaus Junge, 1924-1945, Unterhachingen 1995.

[7] L. Pachmann, Entscheidungspartien, zitiert nach: H. Riedl, Das Leben und Schaffen von Klaus Junge, S. 140.  Vgl. dazu ebenfalls: Alekhine and Junge Prague by Jas H. Duke (Melbourne 1940-1992) Gangway 1/1996. Onlinepublikation bei http://www.gangway.net/1/gangway1.g.html. Ein von Gerald Gangelbauer in Wien/Graz/ Sidney herausgegebenes Magazin für zeitgenössische Literatur aus Österreich und Australien. Besprochen von G. Schendel in: Rochade Europa, Nr. 10/1999, S. 66-70. Während die Erfolge von Klaus Junge bei diesem Turnier in der deutschen Schachpresse entsprechende Erwähnung fanden, wurde das Abschneiden des zweiten Deutschen Fritz Sämisch (11. Platz/3 Pkte.) fast totgeschwiegen. Vgl. Deutsche Schachzeitung 1/1943 und Deutsche Schachblätter, 5-6/1943.

[8] Vgl. A. Aljechin u.a. in der Pariser Zeitung (18.3.1941-23.3.1941), in der Deutschen Schachzeitung 1941, S. 49-53, 65-67, 82-84 und in der Deutschen Zeitung in den Niederlanden, März-April 1941.

[9] Vgl. dazu u.a.: F. Gutmayer, Die große Offensive am Schachbrett, Innsbruck-Mühlau 1916, ders. Das unbedingte Torpedo im Schachkrieg, Innsbruck-Mühlau 1916, ders, Der kleine Feldherr, Innsbruck-Mühlau 1917.

[10] Wer nun glaubt, Argumentationen rassistischer Art in Verbindung mit dem Schachspiel seien Nationalsozialisten vorbehalten, der irrt. Vgl. dazu die Europa Rochade, Nr. 9/1995, S. 18 ff.

[11] E. J. Diemer, Schach-Kampf und Kunst, in: Deutsche Schachzeitung 1943, S. 4.

[12] Interessant ist, dass Junge sich im 17. Fernschachturnier DSZ, Dez. 1942-Sept. 1943 mit den weißen Steinen gegen seinen Kritiker Diemer des Königsgambits bediente. Vgl. E.  Budrich/D. Schulte, Das war Klaus Junge. Partien und Aufzeichnungen, Berlin 1956.

[13] Auch Alexander Aljechin besprach in den Deutschen Schachblättern 1942, 13-14, S. 100 den Spielstil von Klaus Junge und nannte ihn einen Eröffnungswissenschaftler. Wolfgang Unzicker ist hier gänzlich anderer Meinung und sieht in dem Eröffnungswissen von Klaus Junge eher eine Schwäche, während seine Stärken im Mittel- und Endspiel sowie bei schwierigen Stellungen zu finden seien. Vgl. W. Unzicker, Klaus Junge – Zu seinem 50. Todestag, in: Europa Rochade Nr. 8/1995, S. 19.  In den Deutschen Schachblättern 23-24, S. 172 argumentiert Aljechin gänzlich anders als noch in seinem Artikel zuvor. Dort hebt er die Endspielfähigkeit Junges hervor und kritisiert sein Eröffnungswissen. Zum Spielstil von Junge vgl. zudem das Interview der Schachfirma Fruth mit Wolfgang Unzicker in: H. Riedl, Das Leben und Schaffen von Klaus Junge, S. 6-8.

[14] Wie mir Wolfgang Unzicker am 10.01.2005 mitteilte, war Post kein Nationalsozialist und auch kein Mitglied der Partei. Sollte er den 1. Weltkrieg noch als Verteidigungskrieg verstanden haben, so sah er die Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg im Bewusstsein des Holocausts als gerechte Strafe an. Harry Schaak bezeichnete das Verhalten von Post als unklar. Er setzte sich bereits in den zwanziger Jahren für das "Deutschtum" ein (etwa als er sich gegen die Austragung internationaler Turniere in Deutschland aussprach). Wenngleich er kein Nazi war, hat er durch sein Wirken den Ideen des Nationalsozialismus doch nicht unerheblich Vorschub geleistet. Er war zunächst die wichtigste Person im einflussreichen Berliner Schachverband und später lange Zeit federführend im DSB. Information Harry Schaak. 

[15] Die Indienstnahme von Sportlern durch den Staat ist nichts spezifisch nationalsozialistisches, die Integration des Schachspiels in den arischen Rasse- und Auslesegedanken schon.

[16] Vgl. Deutsche Schachblätter, Der Fall Junge. Eine Entgegnung von Dr. Dyckhoff, Nr. 5-6/1943, S. 35ff.

[17] Ebd.

[18] Diese waren das Deutsche Jungvolk (10-14 jährige Jungen, auch Pimpfe genannt), die eigentliche HJ (14-18 jährige Jungen), der Jungmädelbund (10-14 jährige Mädchen), der Bund Deutscher Mädel (BDM 14-18 jährige Mädchen), das Werk Glaube und Schönheit (17-21jährige Mädchen)

[19] Vgl. Deutsche Schachblätter 9-19/1941, S. 66.

[20] Vgl. E. Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Lit-Verlag Münster, Hamburg 2003, S. 197 ff.

[21] Wie im ersten Weltkrieg erhielt das Schachspiel den Namen Spiel des Grabens, in Anspielung an den in

Schützengräben geleisteten Dienst der Soldaten. Vgl. dazu auch: E. Meissenburg, Die deutsche Schachliteratur während des Zweiten Weltkrieges, Winsen/Luhe 1983.

[22] Wolfgang Unzicker ist davon überzeugt, dass Klaus Junge keine Kenntnisse über den Holocaust hatte.

[23]E. Friederich, Leiter des Hamburger Schachklubs von 1830 e.V. in: Klaus Junge, 1. Januar 1924, Hamburg: Hamburger Schachklub, 1942, S. 2.

[24] Dieses Turnier war das letzte, an dem Klaus Junge teilnahm. Danach war es ihm nur noch einmal während eines kurzen Urlaubs möglich, an einem Mannschaftskampf des Hamburger Schachclubs teilzunehmen.

[25] Klaus Junge sprang beim Salzburger Turnier für den verhinderten Exweltmeister Max Euwe ein und erzielte zusammen mit Paul Schmidt den geteilten 3-4 Platz. Für diese Leistung erhielt er die Goldene Ehrennadel des GSB. Vgl.  E. Budrich/D. Schulte, Das war Klaus Junge. Partien und Aufzeichnungen, Berlin 1956, S. 32.

[26] Vgl. Festschrift 150 Jahre HSK, 1980, S. 38/Fototeil.

[27] Seit 1935 war im Nationalsozialismus der sechsmonatige Arbeitsdienst für männliche Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren Pflicht. Für weibliche Jugendliche war er noch freiwillig. Mit dem Motto: Mit Spaten und Ähre verrichteten der RAD und seine Arbeitskolonnen Dienste in ganz Deutschland wie Moore trockenlegt, Ackerland kultivieren oder beim Bau des Westwalls oder der Autobahn mitarbeiten. Der RAD war dem Reichsinnenministerium angegliedert und diente ursprünglich der Bewältigung der Arbeitslosigkeit. Die nationalsozialistische deutsche Führung sah in den Einsätzen im Wesentlichen einen Ehrendienst am deutschen Volke. Deswegen lag der Lohn auch nur wenig über dem Arbeitslosengeld. Eingeteilt war der RAD in 30 Arbeitsgaue, 182 Gruppen und 1.260 Abteilungen. Wenige Tage nach Beginn des Krieges am 1. September 1939 wurde der Arbeitsdienst auch Pflicht für weibliche Jugendliche, die als Arbeitsmaiden oftmals caritative Aufgaben übernahmen, Mütter im Haushalt entlasteten oder zu Einsätzen in der Landwirtschaft herangezogen wurden. Männliche Arbeitsgruppen unterstützten im Krieg zumeist als Bau- und Instandsetzungstrupps die Wehrmacht und standen an Flugabwehrgeschützen.

[28] H. Riedl, Das Leben und Schaffen von Klaus Junge, S. 9.

[29] Saft, Krieg in der Heimat, Das Ende zwischen Weser und Elbe, 1979, S. 448, zitiert nach: H. Riedl, Das Leben und Schaffen von Klaus Junge, S.81. 

[30] Vgl. L. Pachman, Die berühmtesten Spiele der deutschen Großmeister, S. 104.

[31] Ebd., S 8.

[32] Die ärgerliche Wahrheit über diese Indoktrination ist, dass zwar jedermann immer nur das denkt, was ihm einleuchtet, dass aber leider sehr oft einleuchtet, was sich als tauglicher Gedanke zur Anpassung an gesellschaftliche Notwendigkeiten erweist.

 

 

 

 

 
 

 

 

 

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