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Dieser Artikel
ist der Dissertation „Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte
des 19. und 20 Jahrhunderts“, Universität Bremen 2000 entnommen worden.
In leicht abgewandelter Form ebenfalls erschienen in:
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Der Entwürdigung widerstehen – Schach in den KZ´s des Emslands,
in: Die Jahrhundert-Meisterschaft im Schach. Die Deutsche
Einzelmeisterschaft 1998 in Bremen und zur Schachgeschichte der Hansestadt.
Herausgegeben von Claus Dieter Meyer und Till Schelz-Brandenburg, Bremen
2001, S. 307-325
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Spielen und Überleben. Das Schachspiel in den Lagern und Ghettos der
Nazis, in: Fietje Ausländer, Bücher gegen den Schlussstrich,
DIZ-Nachrichten, 20/1998, S. 49-57
Vgl.
zudem:
Schach
als Lebensretter 01.02.2005
Das
Schachspiel als Mittel zur Erhaltung der psychischen Integrität unter der
nationalsozialistischen Herrschaft
Spiel
ist die große Kunst der Zeitvermehrung. Das ist das Wunderbare am Spiel,
daß die Zeit stillsteht, die einem sonst wegläuft oder die man
totschlagen muß. Uns wird, spielend, eine andere Zeit geschenkt. Wir dürfen
wieder einer anderen Zeit zugehören, nämlich einer Zeit, die immer etwas
mit Ewigkeit zu tun hat.
Keine
Kindheit ist ohne Spiele, keine Gesellschaft war je ohne sie. Das Spektrum
dessen, was wir mit dem Spiel verbinden, ist weit. In der Zweckfreiheit
des Spiels, in der die Welt für eine Zeitlang vergessen wird, die Zeit vermehrt,
totgeschlagen oder die andere
Zeit sichtbar wird, gewinnt der
Spieler Distanz zu ihr und zu sich selbst. Spiel ist die Utopie des
geordneten, regelgerechten Handelns in einer Welt des Als-Ob, in der weder
Not, Mangel noch Zwang herrscht. Personen, die der Freiheit beraubt
wurden, haben sich demgemäß in der Geschichte häufig die Zeit mit
Spielen vertrieben. Das Spiel diente dabei nicht nur dem Zeitvertreib und
der Zerstreuung, um der schmerzlichen Wirklichkeit zu entfliehen, sondern
war oftmals geistiges Training, um sich den Strapazen der Gefangenschaft
entgegenzulehnen und um die eigene Widerstandsfähigkeit zu kräftigen.
Bei der Betrachtung des Spiels, speziell des Schachspiels in
nationalsozialistischer Gefangenschaft, besonders in den
Konzentrationslagern ist zunächst zu fragen, ob nicht eine
offensichtliche Unvereinbarkeit vorliegt. Wie passen NS-Regime, Lagerhaft
und Vernichtung einerseits und andererseits das Spielen in diesen Verhältnissen
zusammen – zumal dann, wenn wir im Spiel, nach landläufigen
Vorstellungen, eine Ausdrucksform des gemütlichen Zusammenseins, des Glücks
und freudiger Ablenkung sehen. Eine erste Antwort kann uns ein Gemälde
von Malvina Schalkova geben: Es zeigt, wie Kinder im Theresienstadt mit
einem Leichenwagen spielen. Hier werden beide Extreme mit Hilfe einer
Metapher verbunden. Der Leichenwagen symbolisiert die Vernichtung, während
die Kinder sich im Spiel in einer Situation des Glücks, in einem Bewußtsein
der Lebensbejahung befinden.
Im
allgemeinen denkt man bei einem Spiel an eine sorglose Welt des Vergnügens,
an eine zweckfreie, nicht zwingend begründete Aktivität, an ein Bild,
das nicht oder nur schwerlich mit den Grauen eines Konzentrationslagers
oder Ghettos in Einklang zu bringen ist. Daß das Schachspiel und andere
kulturelle Aktivitäten innerhalb von Konzentrationslagern nur begrenzt
Einzug in das öffentliche historische Bewußtsein gehalten haben, ist
nicht weiter erstaunlich, wenn man berücksichtigt, daß viele KZ-Überlebende
verständlicherweise Schwierigkeiten hatten, die Greueln des
Konzentrationslagers in Worte zu fassen. Sie hatten es ohnehin schwer,
sich Gehör zu verschaffen, gegen Desinteresse zu kämpfen, und befürchteten
zurecht, daß die Schilderung der Greueltaten durch die Darstellung von
kulturellen Aktivitäten in Konzentrationslagern ihre Aussagekraft
verlieren könnte.
Kulturelle
Aktivitäten wie das Schachspiel und die Realität in Ghettos,
Konzentrations- und anderen Lagern können nicht getrennt voneinander
betrachten werden; vielmehr findet diese Realität ihren Ausdruck im
Spielverhalten und in der Tatsache, Fähigkeiten zu entwickeln, die für
das Überleben notwendig waren und sind.
Bei
dem Versuch der Darstellung des Schachspiels in Konzentrationslagern muß
berücksichtigt werden, daß die Gefangenen auf ihre Erfahrungen im Lager,
wenn diese sich in ihre üblichen Lebenserfahrungen einordnen ließen, mit
normalen psychologischen Mechanismen reagierten. Der vorgefundene Alltag
in den Konzentrationslagern ging jedoch oft weit über die üblichen
Lebenserfahrungen hinaus und die entsprechenden Mechanismen griffen nicht
mehr. Die Folge war eine Herausbildung neuer psychologischer Mechanismen.
Vom
Schachspiel im Lager zu berichten, war nach 1945 für ehemalige
Lagerinsassen aus plausiblen Gründen kein vordringlichen Anliegen. Man
war primär mit der Erhaltung der physischen Existenz beschäftigt, so daß
beispielsweise das Anfertigen von Tagebüchern und Dokumenten nur unter
schwierigsten Bedienungen möglich war. Alle Dinge, die nicht der
unmittelbaren Existenz galten, wurden von den Fragen des Überlebens in
den Hintergrund gedrängt. So erklärt sich die vergleichsweise geringe
Quellenlage zu diesem speziellen Thema.
In den Konzentrationslagern befanden sich Menschen, die von den
Nationalsozialisten als ihre erklärten Feinde angesehen wurden und somit
sowohl moralisch als auch letztlich physisch auszuschalten waren. Die
Mittel dafür waren sehr unterschiedlich: individuelle Gewalt; psychische
Beeinflussung; Ausbeutung der Arbeitskraft der Gefangenen in Steinbrüchen
oder Rüstungsbetrieben; eine Arbeitszeit von bis zu 15 Stunden bei
minimaler Verpflegung und medizinischer Versorgung; bei weitem nicht
ausreichende hygienische Verhältnisse; Vorenthaltung von Freizeit durch
endlose Appelle und Blockkontrollen; die einem den dringend benötigten
Schlaf raubten; Mißbrauch von Häftlingen zu medizinischen Versuchen; öffentliche
Bestrafung schon bei minimalen Verstößen gegen die Lagerordnung bis hin
zu willkürlichen und gezielten Morden. Diese menschenunwürdigen Verhältnisse
beeinflußten den Häftling in jeder Minute seiner Gefangenschaft. Es
bedurfte einer großen Kraft, dem körperlich und geistig standzuhalten.
Bruno Bettelheim, Psychologe und selbst Insasse in den
Konzentrationslagern Dachau und Bergen Belsen schrieb über die Ziele des
Terrors durch die Gestapo:
Auch
hier muß darauf hingewiesen werden, daß die Ergebnisse, die die Gestapo
durch die Lager zu erzielen versuchte, variierten; der Autor konnte
folgende voneinander unterschiedene und gleichzeitig eng miteinander
verquickte Gestapo-Ziele ausmachen. Die Gefangenen sollten als Individuen
gebrochen werden, das heißt, man wollte eine geringfügige Masse aus
ihnen machen, aus der kein individueller oder Gruppenwiderstand mehr
hervorgehen konnte. [...] Den Männern der Gestapo sollten die KZs als
eine Art Exerzierplatz dienen, mit dem Ziel, ihnen alle menschlichen
Emotionen und Einstellungen abzuerziehen, und sie die wirksamsten Methoden
zu lehren, die eingesetzt werden können, um den Widerstand einer
wertlosen Zivilbevölkerung zu brechen. Auch sollten der Gestapo die KZs
als Versuchslabor dienen, in denen sie die effektivsten Methoden
entwickeln konnten, um zivilen Widerstand zu brechen, [...].
Bereits
der Kampf ums Überleben bildete unter solchen Bedingungen eine Form des
Widerstandes, da er sich gegen die erklärte Zielsetzung der SS, die
physische Vernichtung der Gefangenen, richtete.
Menschenwürde
zu bewahren,
sich moralische Grundnormen zu erhalten, geistige und kulturelle
Interessen nicht verkümmern zu lassen, war eine andere Form des
Widerstandes. Jede Art der Verteidigung von Individualität widersprach
der Absichten der SS. Die Möglichkeiten und Grenzen einer Widerstandsfähigkeit
in den Lagern des NS-Regims waren von vielen Faktoren abhängig: der Art
des Terrors der Lagerbesatzung gegenüber den Häftlingen, den im Lager
bestehenden Arbeits- und Lebensbedingungen, der Zusammensetzung der Häftlinge
und natürlich vom Grad der individuellen physischen und psychischen
Konstitution. Daher kann hier nicht von einer Generalisierung der Spiele
ausgegangen werden, sondern eher von einem
biographisch-individualisierenden Charakter.
Menschen,
die in Konzentrationslager eingewiesen wurden, durchliefen in der Regel
drei Phasen. Die Einlieferung selbst führte häufig bei den Betroffenen
zu einem Aufnahmeschock.
Der Grund dafür war, daß die tatsächlich vorgefundenen Begebenheiten
oft nicht mit den schlimmsten Befürchtungen übereinstimmten, sondern sie
noch übertrafen. Eine positive Verarbeitung dieses Schocks war die
Voraussetzung, um sich überhaupt an das Lagerleben anpassen zu können.
Gelang dies nicht, war ein völliger Zusammenbruch der Persönlichkeit bis
hin zum Selbstmord eine oft Reaktion auf die nicht vollzogene Anpassung.
Von großer Bedeutung war in dieser Phase, daß die eingelieferten Häftlinge
schnell Kontakt zu Gleichgesinnten im Lager fanden, die die gleiche
politische Einstellung hatten, der gleichen Partei angehörten oder das
gleiche Hobby ausübten. Es war nur folgerichtig, daß so einer
eventuellen Panik entgegengewirkt werden konnte, eine Solidarität geübt
und eine gewisse Geborgenheit vermittelt wurde. Die Häftlinge mußten dem
Terror etwas entgegenzusetzen haben, und dies fanden sie häufig in der
Solidarität untereinander.
Das
Schachspiel entwickelte sich in der knapp bemessenen Freizeit zu einem
nicht unwesentlichen Kulturfaktor, und das um so mehr, als es unter den Häftlingen
eine ganze Reihe ehemaliger Mitglieder des Arbeiterschachbundes gab.
Ganz
besonders schwer hatten es Menschen, „die über keine in sich
geschlossene Philosophie verfügten, die ihre Integrität hätte schützen
und ihnen Kraft zum Widerstand gegen die Nazis hätte geben können“.
In der
zweiten Phase begann die eigentliche Anpassung,
die zu Charakterveränderungen aufgrund der vorgefundenen Verhältnisse führte.
Die nicht vorhandene Intimität und der Mangel an persönlicher Freiheit
waren dafür mitverantwortlich. Die dritte Phase war das Hinausgehen aus
der passiven Rolle und die Akzeptanz des Lageralltags.
Nur so war man in der Lage, „bei jeder einzelnen Handlung zu
entscheiden, ob sie wirklich für die eigenen Sicherheit oder die der
anderen notwendig und ob ihre Ausführung gut, neutral oder schlecht
war“.
Ein Häftling
mußte diese Form der Selbständigkeit erlangen, da sie die psychologische
Begründung für den Widerstand beinhaltete. Es gab jedoch Fälle, bei
denen die Häftlinge mit dem, was das Lager aus ihnen gemacht hatte, nicht
leben konnten und freiwillig in den Tod gingen.
Oft war es so, daß Langzeitgefangene die Welt im Lager als einzige Realität
betrachteten und das Leben außerhalb des Lagers als nicht mehr gegeben
ansahen.
Gefangene,
die sich in der ersten Phase befanden, verschwendeten aus naheliegenden Gründen
keine Gedanken an kulturelle Aktivitäten, doch mußten auch sie sich
letztlich entscheiden, ob sie sich in einen „kulturellen Winterschlaf“
versetzen wollten, primär geleitet, ihre physische Existenz zu erhalten,
oder ob sie sich ihre Persönlichkeit bewahren wollten. Durch den
allgemeinen Tagesablauf, einem 15 Stunden Arbeitstag, sechs Stunden
Schlaf, stundenlangen Appellen und Verrichtung lebenserhaltender Bedürfnisse
war häufig an kulturelle Beschäftigung nicht zu denken. Dennoch gelang
auch in dieser aussichtslosen Situation einigen Häftlingen die Ausübung
kultureller Aktivitäten, teilweise in strengster Illegalität, um in eine
Welt ohne Schmerz zu fliehen. Der Beschäftigung mit dem Schachspiel in
Konzentrationslagern, Ghettos und Gefängnissen kommt somit eine größere
Bedeutung zu, als die oberflächliche Auseinandersetzung mit einem Spiel.
Das Spiel enthält eine Dimension, die für den flüchtigen Beobachter
nicht erkennbar ist bzw. die die jetzige Zivilisation nicht nachvollziehen
will oder kann.
Doch
im Laufe der Zeit wurde die Tatsache, daß ich meine Selbstachtung durch
so sinnvolles Tun entgegen den Bemühungen der Gestapo aufrechterhalten
konnte, zu einem wesentlicheren Faktum als es der bloße Zeitvertreib
gewesen war. [...] Die einzige Möglichkeit, diese Schwierigkeiten aus dem
Weg zu schaffen, bestand darin, daß man seinem Gedächtnis wirklich alles
so intensiv als möglich einzuprägen versuchte.
Ähnliches
war den Berichten Klaus Junges zu entnehmen, der als Gefangener in der Deutsch-Haus-Kaserne,
dem Hauptquartier der Gestapo in Nürnberg inhaftiert war. Nach der
Beschreibung der Foltermethoden der Gestapo schrieb er:
Da
lag man [...] auf der Pritsche der winzigen Zelle, vor sich einzig den
Eimer und das dunkle Fenster. Vier-, fünf-, sechsmal wurde das Verhör
durchexerziert, wurden die Antworten für den nächsten Tag vorbereitet.
Dann war dieses Thema erschöpft, und die Einsamkeit begann an den Nerven
zu zerren. In dieser Situation fing ich an, im Kopf Schachpartien zu
analysieren. Für Stunden war alles andere ausgeschaltet, war alles
Schwere vergessen, war die zermürbende Leere ausgefüllt.
Die Möglichkeit
des Spiels soll und kann dabei keine Verharmlosung der Machtinstrumente
des Nationalsozialismus widerspiegeln, sie nicht nivellieren, sondern
durch das Schachspiel kann die Unmenschlichkeit des NS-Systems einerseits
und der immunisierende Charakter des Spiels andererseits verdeutlicht
werden. Sich individuell kulturell, sich spielerisch zu betätigen,
bedeutete nicht zuletzt eine Form der geistigen Auseinandersetzung mit der
Welt des Lagers und der Vernichtung, die als alleinige Wirklichkeit
anerkannt war.
Spiel
ist etwas Eigenes. Der Begriff Spiel als solcher ist von einer höheren
Ordnung als der des Ernstes. Denn Ernst sucht Spiel auszuschließen, Spiel
jedoch kann sehr wohl den Ernst einbeziehen.
Dieses
Zitat Huizingas beschreibt das Spiel unter normalen
Umständen. Im Holocaust mit seinen extremen psychischen und physischen
Belastungen kam im Spiel der Ernst der allgemeinen Situation des
jeweiligen Inhaftierten zum Ausdruck, der durch das Schachspiel dem Terror
in seinem eigenen Mikrokosmos
zu entfliehen versuchte. Dies zeigt, daß spielerische Aktivitäten in
Lagern und Gefängnissen und die mit ihnen einhergehenden Einstellungen
ein Ausdruck der kulturellen, psychologischen und historischen Situation
waren. Sie zeigen die entscheidenden Werte einer Gesellschaft, die sich am
Abgrund der geistigen und physischen Existenz sah.
Der
Großteil der zur Vernichtung vorgesehenen Insassen der
Konzentrationslager war gewillt, trotz physischen und psychischen Terrors
der Folter Stand zu halten und seine Peiniger und somit das System zu überleben.
Der Wille zum Überleben wurde zum alles beherrschenden Thema. Eine mögliche
Ausdrucksweise dieses verbissenen, um jeden Preis zu erhaltenden Willens
war die Flucht in das Schachspiel. Es wurde zu einer Betätigung, zu einer
Initiative des Überlebens, ein Mittel zur Verteidigung des eigenen Ichs,
der psychischen und physischen Gesundheit und eine Darstellung des
seelischen Widerstandes. Die moralische, geistige und physische Bedeutung
des Schachspiels war somit nicht nur in reinem Zeitvertreib zu sehen,
sondern besaß einen immunisierenden Charakter gegen den Lagerrealitäten.
Es schaffte in einer Zeit, in der die Handlungsfähigkeit des einzelnen
stark eingeschränkt war, einen Verteidigungsspielraum. Die Allgemeingültigkeit
des Imunisierungscharakters des Spiels, das sei an dieser Stelle
angemerkt, ist nicht auf den Nationalsozialismus zu beschränken, sondern
reicht über zeitliche und geographische Grenzen hinaus.
Zwar
beschreibt dieses Kapitel vornehmlich das Schachspiel in
nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Gefängnissen und Ghettos,
doch ist mit Gefangenschaft nicht nur die direkte, d.h. die Gefangenschaft
in einem Konzentrationslager oder Gefängnis gemeint, sondern auch der
widerwillig abgeleistete Dienst in den verschiedenen Organisationen des
Nationalsozialismus wie z.B. in der Hitlerjugend. Zu diesem Punkt schrieb
der Künstler Alfred Hrdlicka, der sich sowohl mit dem Schachspiel als
Sport wie auch als Kunst auseinandergesetzt hat und in seiner Jugend
selbst ein starker Spieler war:
Schach
war in der Zeit des Nationalsozialismus für mich eine Art geistiger
Selbstbehauptung. Schon mit 13 Jahren wurde ich auf Kosten eines
Schulsemesters im Zuge der vormilitärischen Ausbildung in ein Lager
gesteckt. Getreu dem Grundsatz ‚Denken tun die Pferde, die haben die größeren
Köppe’, war alles auf körperliche Ertüchtigung angelegt; für den
gesunden Geist, der sich angeblich in einem gesunden Körper entwickelt,
gab es so gut wie kein Angebot. Die politische Erziehung war dermaßen
primitiv, daß selbst der Geist des Widerspruchs sich nicht daran entzünden
konnte. Drill war alles. In der bescheidenen Freizeit, die uns zugestanden
wurde, Kameradschaftsabend hieß das, soweit ich mich erinnern kann, war
das Angebot gleichfalls stumpfsinnig, und so fiel es mir gar nicht schwer,
unter dem Motto ‚Geistessport’ das Schachspiel als Gegenstück zur
Leibeserziehung ein wenig zu propagieren. Die Ausbilder wollten ohnehin
ihre Ruhe haben und das Schachlehrbuch, das ich mit mir führte, war für
sie ein Buch mit sieben Siegeln. Zu meinem Glück, denn es wimmelte darin
nur so von Untermenschen aller Schattierungen: die Juden Steinitz, Lasker,
Tarrasch, Rubinstein, Nimzowitsch, Tartakower, Spielmann etc., die Russen
Aljechin, Tschigorin, Schiffers, Tolstoi etc., Erbfeinde wie die Engländer
Blackburne, Mason, Staunton, der Cubaner Capablanca und der Amerikaner
Morphy - Deutschland erklärte in diesen Tagen Amerika den Krieg. Dieses
Buch hatte für mich einen enormen Reiz, war es doch ein Stück des
Internationalismus, Todfeind des Nationalsozialismus. [...] In diesem Sinn
war Schach als Denkschule Vorübung und Vorwarnung für meine spätere
Berufsausübung als bildender Künstler, wobei ich feststellen muß, daß
die Berufung auf den Zeitgeist sich in der bildenden Kunst vielfach naiver
ausnimmt als im Schach.
Den
Lagerkommandanten und Militärgouverneuren war die Bedeutung des Spielens
für die Widerstandskraft eines Menschen durchaus bekannt, nur so lassen
sich Erlasse erklären, die in den besetzten Ländern primär Juden
untersagten, Spielplätze, Schwimmbäder und andere Erholungs- und
Kulturstätten zu besuchen. Die gesellschaftliche Ausgrenzung von Juden
aus öffentlichen Anlagen verfolgte das Ziel, die angebliche Andersartigkeit
der Juden aufzuzeigen und die Bevölkerung auf eine Ausgrenzung der Juden
vorzubereiten. Hier zeigte sich das analytische Denken und das sorgfältige
Planen der Nazis, wenn es darum ging, ihr Endziel,
die Ausrottung der Juden, voranzutreiben. Aus ihrer Sicht war es eine
ideologische Notwendigkeit, alles auszuschalten, was die Lösung der Judenfrage
länger hinauszögerte. Die Verfügung zur Entfernung aller Juden von
Spielstätten bzw. das Verbot, in Konzentrationslagern Schach oder überhaupt
irgendwelche Spiele zu spielen, hatte unter den Maßnahmen der
Besatzungsbehörden oder des Lagerkommandanten daher teilweise primäre
Bedeutung. Eine Mutter aus dem Warschauer Ghetto erinnerte sich:
Mit
Absicht hat man nicht einen einzigen Park, nicht einen einzigen Spielplatz
oder öffentlichen Garten in das Gebiet einbezogen.
Diese
Beschränkungen verstärkten das Gefühl der Isolation und Gefangenschaft,
auch wenn berücksichtigt werden muß, daß in den Ghettos im Vergleich zu
den Konzentrationslagern zumindest eine gewisse Selbstverwaltung erhalten
blieb, die die Verwaltung in den Ghettos nutzte, um kulturelle Aktivitäten
und Spiele zu organisieren.
In den Satzungen der Selbstverwaltungsgruppen fanden sich mehrere
Hinweise, um gerade Kindern durch das Spiel Hilfe zukommen zu lassen:
3. Angesichts dieser unsicheren Zeiten möchten wir unsere Kinder
schützen, indem wir sie zu
Aktivitäten ermutigen [...]
5. Wir sollten alles tun, um den Kindern Aktivitäten zu ermöglichen,
die ihnen ein Höchstmaß an Freude und Glück bieten [...]
11. Wir müssen die Kinder mit Spielen aller Art bekanntmachen.
Für
die Erzieher in den verschiedenen Ghettos war das Spiel wichtig, um die
Kinder von widrigen Einflüssen fern zu halten, die die körperliche und
geistige Gesundheit der Kinder negativ beeinflußt hätten. Auch das
Schachspiel wurde als therapeutisches Mittel eingesetzt, damit es bei den
Kindern zu einer Erholung von den alltäglichen Strapazen kommen konnte.
Es sollte gewissermaßen als Schutzmantel fungieren, als eine kleine Oase
des Friedens und innere Mauern gegen die Unbarmherzigkeit der Realität
schaffen. Für die Erwachsenen hingegen bedeutete der Bau eines
Spielplatzes oder die Organisation eines Schachturniers eine Art
Fluchtmechanismus. Die Gemeinschaft konnte so gestärkt werden, und der
Anblick spielender, glücklicher Kindern führte zu einer Sinngebung in
einer unsinnigen Welt. Der Anblick von spielenden Kinder sorgte bei vielen
für „Verwunderung, Begeisterung, Nostalgie [...] und irgendwie war
dieser Anblick gut für meine Moral, obwohl ich den schrecklichen Verdacht
hatte, daß diese Kinder sterben würden“, schrieb Rudolf Vreba in
Auschwitz.
Die
Organisation von Spielen für Kinder durch das Bauen von Spielplätzen und
der Durchführung von Schachturnieren in den Ghettos hatte aber auch gänzlich
andere Gründe. Jugendbanden ohne moralische Führung und physischer
Versorgung trieben im Ghetto ihr Unwesen. Die wachsende Kriminalität, die
steigende Zahl von unproduktiven
Kindern rief bei vielen Selbstverwaltungen der Ghettos die Befürchtung
hervor, die Lagerkommandanten könnten sich dadurch genötigt sehen, alle
Kinder und Jugendlichen gewaltsam entfernen zu lassen. Daher wurde bei der
Eröffnung von Spielplätzen häufig ein Aufruf dieser oder ähnlicher
Natur an die Jugendlichen gerichtet:
Wir
rufen euch ferner auf, nicht in den Straßen herumzulungern –
‚verhaltet euch sittsam’. [...] Kinder! Wir sind überzeugt, daß ihr
unseren väterlichen Rat befolgen und außerdem eure Verwandten dazu
bewegen werdet, gleiches zu tun, denn es ist zu unserem eigenen Vorteil.
Die
von den Ghettobewohnern erstellten Spielmöglichkeiten wurden von einigen
Lagerkommandanten mißbraucht, um dort die Kinder einfach gefangen nehmen
zu können und nicht lange suchen zu müssen. Die Spielplätze und
Schachbretter wurden zu Fallen. Deutsche Behörden machten sich das
Verlangen vieler Menschen nach kultureller Aktivität gar zu nutze und
schufen eigens Spielplätze, um die Kinder aus ihren Verstecken
hervorzulocken und dann deportieren zu können. Viele Kinder wurden so
gefaßt. Diese Vorgehensweise sprach sich schnell unter den Kindern herum:
Ich
verstand schon, daß die Deutschen die jüdischen Kinder in dieses
‚Kinderhaus’ locken wollten, um uns dann alle zu erschießen. Alle
Kinder sprachen davon.
Eine
Frau, nicht mehr in der Lage, ihre Qualen zu ertragen, charakterisierte
ihre Ohnmacht mit den Worten:
Dies
ist kein Leben, es ist ein Schachspiel, bei dem du gleichzeitig mit den
Weißen und den schwarzen Figuren spielst.
Das
Spielen nahm unter den sozialen und kulturellen Bedingungen des Holocausts
Dimensionen an, die man normalerweise nicht von einem Spiel erwarten würde.
Kulturelle Aktivitäten „ließen uns für Stunden vergessen, daß Tod
und Folter so nahe waren“.
Und weiter hieß es:
Man
braucht tatsächlich mehr als Brot, um in Würde zu leben.
Friedrich Schiller schrieb einst:
Der
Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er
ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Nur
dort, wo der Mensch Vernunft und Sinnlichkeit zwanglos miteinander versöhnt,
ist dies gegeben.
In
der Ungebundenheit des Spiels kann der Mensch die Affekte der Sinnlichkeit
mit den Grenzen der Vernunft in Einklang bringen und so seine
Zerrissenheit aufheben.
Weiter hieß es bei Schiller:
Mitten
in dem furchtbaren Reich der Kräfte und mitten in dem Reich der Gesetze
baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt an einem dritten, fröhlichen
Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Menschen die Fesseln aller
Verhältnisse abnimmt und ihm von allem, was Zwang heißt, sowohl im
Physischen als auch im Moralischen entbindet.
Viele
Menschen, die unter der nationalsozialistischen Tyrannei zu leiden hatten,
versuchten, mit Hilfe des Schachspiels den Diskriminierungen des Alltags
zu entfliehen, ihrem Menschsein im Sinne von Schillers Ausspruch Rechnung
zu tragen. Der Holocaust hatte jedoch Sinn, Zweck und Inhalt des Spiels geändert
und ihm eine Bedeutung verliehen, die ihm im ‚Normalfall’ nicht
zugeschrieben wurde. Will man den Wert des Schachspiels begreifen, den es
für viele Inhaftierte hatte, muß man verstehen, daß das Verhalten der
Menschen während ihrer Inhaftierung von drei existentiellen Antrieben
geleitet wurde:
-
Die Erhaltung des eigenen Lebens,
-
die damit verbundene Anpassung an die gegebenen Umstände
-
und die Opposition gegen die Unterdrückung.
Es
gibt unterschiedliche Berichte von Inhaftierten aus Konzentrationslagern,
die im Schachspiel eine zeitweilige Ablenkung vom Lageralltag entdeckten.
Das Schachspiel wurde bei vielen zu einer Form des Protests gegen die
Folter, zur Ausübung des geistigen Widerstandes. Natürlich beschränkte
sich diese Form des Protestes nicht allein auf das Schachspiel. Wer andere
Mittel zur Verfügung hatte, um Zuflucht zu nehmen, bemühte diese. Der
Psychologe Viktor Emil Frankel stellte sich während eines Marsches im
Winter vor, wie er vor Zuhörern berichtete, was ihm im
Konzentrationslager widerfahren war. Der sich im Konzentrationslager
Auschwitz befindende Jude Primo Levi fand gedankliche Beschäftigung mit
Dantes Göttlicher Komödie,
um sich geistigen Freiraum zu erhalten.
All diesen Menschen, die sich mit einer Beschäftigung ihrer Wahl eine
eigene Realität schufen, war gemein, „daß der Tod, der uns hier täglich
und stündlich, ja jeden Augenblick auf den Fersen ist, nicht meine
Gedanken beherrscht. Sonst falle auch ich ihm zum Opfer“.
Diese Wirkung von
kulturellen Aktivitäten und Spielen erkannten viele Häftlinge. Dabei war
es nicht entscheidend, ob ihnen ein Gedicht, ein Fachbuch oder eine Partie
Schach jenen Halt bot, den sie suchten. Sehr eindringlich formulierte es
Jindrích Flusser, der bei der Evakuierung aus Auschwitz ein Buch auf den
Todesmarsch zum KZ Groß Rosen mitgenommen hatte:
Dort,
im Morast, in einer nicht fertiggestellten Baracke liegend, nahm ich das
Buch und las drei Seiten. Es war wie eine innere Demonstration.
Das
Buch bedeutete für Flusser, dem Terror weiterhin Widerstand
entgegensetzen zu können.
Gefangene
im Emslandlager Börgermoor waren sich ebenfalls der mutmachenden Wirkung
kultureller Aktivitäten bewußt. In einer Zeit, in der die Terrormaßnahmen
der SS immer extremer wurden und viele Inhaftierte den Freitod als Ausweg
wählten, gingen einige Häftlinge durch die Lager und organisierten den
sogenannten Kulturabend, an dem
etwas gespielt und gesungen wurde. Sie organisierten gar eigens eine
Zirkusvorstellung und kündigten sie mit dem Namen Zirkus
Konzentrazani an.
Wolfgang Langhoff schrieb über die Veranstaltung und ihre Wirkung auf die
Gefangenen:
Wir,
die wir nicht mehr das Leben von Menschen führten, hatten
es
gewagt, für einige Stunden über uns selbst zu bestimmen, ohne
Befehle,
ohne Anweisungen, ganz so als ob wir unsere eigenen
Herren
wären und als ob so eine Einrichtung wie
Konzentrationslager
nicht existiert!
Karl
August Wittfogel, der 1933 bei dem Versuch, illegal in die Schweiz zu
gelangen, gefaßt wurde, berichtete über den sonntäglichen Tagesablauf
im Emslandlager Esterwegen und über die verschiedenen Spiele, unter ihnen
auch das Schachspiel, die nur an diesem Tag ausgeübt werden durften:
Überall
in den Baracken drängen sich Gefangene um das Schachbrett, Spielende, die
ernsthaft über den vierundsechzig Feldern brüten, und Zuschauer, die
nicht minder ernst den Zügen des Spiels folgen. Karten spielen sowohl die
Gefangenen als auch ihre Wächter. Das Schachspiel indessen beschäftigt
nur Häftlinge. In ganzen Ketten von Wettkämpfen messen sie ihre Kräfte.
Zu den
Besonderheiten der Emslandlager gehörte, daß sie laut offizieller
Propaganda der Nationalsozialisten neben den bekannten Inhalten von
Konzentrationslagern noch weitere Aufgaben zu erfüllen hatten. Mit ihnen
sollte das Moor urbar gemacht werden, damit Siedlungsland erschlossen
werden konnte.
Das
Emslandlager in Esterwegen wurde außerdem von der SS als Ausbildungslager
für ihre aufstrebenden Offiziere benutzt. Ohnehin galten viele
Konzentrationslager als Übungsplätze für das, was später von diesen
Offizieren als Herrscher in den eroberten Ländern erwartete wurde. Die
Lager waren Versuchslabore, in denen Methoden entwickelt werden sollten,
um aufsässige Menschen gezielt zu unterdrücken, sie gezielt zu brechen.
So wurde in den Lagern peinlich genau darauf geachtet, daß sich jeder
Inhaftierte einer Haftgruppe zuordnen mußte, damit er als Individuum
nicht mehr funktionierte. Weitere Belege hierfür sind die eingeführte
Sippenhaft, damit die Gruppe bestraft wurde und nicht der Einzelne, was
eine Individualität bedeutet hätte. Individuelle Bestrafungen sollten
vermieden werden. Daß dies nicht immer so gehandhabt wurde, findet
teilweise in der Willkür der Lagerbesatzung seinen Grund. Die
vorgeschriebene Gruppennorm sollte eingehalten werden, so daß es dem
Einzelnen nicht ermöglicht wurde, individuell etwas zu unternehmen, da er
sonst seinen Widerstand besser hätte ausprägen können.
Es
war einfacher, dem Druck der Gestapo und der Nazis zu widerstehen, wenn
man nach wie vor als Individuum funktioniert. Das aber schien die Gestapo
zu wissen, und so schloß sie alle Individuen zu Gruppen zusammen, die sie
überwachen konnte. [...] Einzelgängertum und individuelles Handeln wurde
so weit als möglich unterbunden, und so fort. Das Konzentrationslager war
das Versuchslabor der Gestapo, in dem sie nicht bloß freie Menschen,
sondern vor allen Dingen die leidenschaftlichen Gegner des Nazi-Systems in
einen Prozeß hineinzwangen, der zur Desintegration der Persönlichkeit
des autonomen Menschen führte.
Gefangene,
die sich für das Schach entschieden hatten, um sich ihren geistigen
Freiraum und einen Teil ihrer Individualität zu bewahren, sahen sich
immer wieder vor das Problem gestellt, ein Schachbrett mit Figuren zu
organisieren. Die Not der Inhaftierten trug jedoch immer wieder neue,
erfinderische Früchte. Sie fertigten Figuren aus Papier, Stroh, Brot oder
Holz. Als Schachbrett diente häufig der Fußboden, Tische oder Decken.
Sehr
einfallsreich waren die Gefangenen im Warschauer Gefängnis Pawiak
zur Zeit der deutschen Besatzung. Schach zu spielen war verboten, und
dennoch gelang es den Gefangenen, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Sie
fertigten Figuren aus Brot und als Schachbrett diente ein aus Asche
bestehendes Muster auf dem Boden. Kam es zu einer Kontrolle wurden die
Figuren einfach aufgegessen und das Brett weggeblasen.
Klaus Junge, inhaftiert im Nürnberger Zellengefängnis, arbeitete in der
Konfektionsschneiderei und bastelte sich aus verschiedenfarbigen Stoffen
ein Schachbrett. Die Figuren bestanden ebenfalls aus selbstgenähten
Stoffstücken.
Aus den Dokumenten und der Literatur des Dokumentations- und
Informationszentrums Papenburg (i. f. DIZ) gehen Berichte hervor, die über
die Anfertigung und Funktion von Schachspielen Aufschluß geben können.
Durch die Arbeit der Inhaftierten im Moor gelangten sie an Materialien und
Holzwerkstoffe wie Mooreiche, die sie für die Herstellung von
Schachfiguren und Brettern benutzten.
Große
Beteiligung und ein gutes Niveau hatten die Lager-Schachwettkämpfe.
Zuerst wurden die Barackenmeisterschaften ausgespielt, danach erfolgte der
Kampf der Barackenmeister um die Lagermeisterschaft. Zur Ehre muß auch
gesagt werden, die meisten Kommunisten spielten Schach. Und alles mit
selbstgebauten Schachbrettern und Figuren. Die Schnitzarbeiten waren
ebenfalls verbreitet als Freizeitbeschäftigung. Wir hatten dazu besonders
gutes Material und zwar den Rohstoff ‚Mooreiche’. Durch die Lagerung
von tausenden, oder auch 10.000 Jahren im Moor erhält die Eiche jenen
tiefschwarzen Glanz nach dem Rohpolieren.
Willi
Dickhut, Insasse des Lagers Esterwegen, fand im Schachspiel ebenfalls
zeitweilige Zerstreuung. Sowohl durch das eigentliche Spielen, als auch
durch die Herstellung der dafür notwendigen Figuren:
Theo
und ich haben viel miteinander diskutiert und Schach gespielt. So nahm ich
im Lager das Schnitzen wieder auf, um Schachfiguren herzustellen. Andere
hatten das auch getan und Figuren in kubischer Form gemacht. Die waren mir
aber zu plump. Ich dachte mir besondere Formen aus, die die Zugregeln für
die verschiedenen Schachfiguren andeuten sollten, z.B. ein Bauer als
einfachen Zug vorwärts, ein Turm nur in gerader und seitlicher und der Läufer
nur in schräger Richtung, beim Springer den Sprung. Die Dame bekam alle
Zugregeln außer der des Springers angedeutet. Kameraden, die in der
Schreinerei beschäftigt waren, besorgten mir die maßgehobelten Vierkanthölzer
aus Birke; daraus schnitzte ich an mehreren Abenden die Figuren. Mit
diesen Figuren haben Theo und ich manches Spiel ausgetragen.
Der
Insasse des KZ Börgermoor, Max Hoffmann, stellte dem DIZ
im Oktober 1996 ein von seinem Mitgefangenen Genossen Wilhelm
Stange aus Mooreiche angefertigtes Schachbrett mit Figuren zur Verfügung.
Die Figuren, vor allem die Läufer und Bauern erinnern stark an Lagertürme,
die rund um das KZ verteilt waren, um eventuelle Fluchtversuche zu
vereiteln. Ob dieser Eindruck täuscht und die Form der Figuren nur aus
gestalterischen Gründen bzw. aus herstellerischer Einfachheit gewählt
wurden, muß Spekulation bleiben.
Frau Helga Hoffman schrieb in ihrem Brief an das DIZ bei der Übergabe des
Schachbretts für die Dauerausstellung:
Dieses
Schachspiel wurde von dem Rostocker Genossen Wilhelm Stange angefertigt.
Die Schachfiguren hat er aus Mooreiche geschnitzt. Max Hoffmann (mein
Mann), der zusammen mit Wilhelm Stange als politischer Häftling und
Gegner des Nazi-Regimes im Börgermoor eingesperrt war, hatte es nach
seiner Haftzeit mit nach Hause gebracht. Die Anfertigung dieses
Schachspiels und seine Benutzung im Lager sind ein Zeichen dafür, daß
die Moorsoldaten trotz schwerster Haftbedingungen ihren Lebenswillen nicht
aufgaben und versuchten, nach Möglichkeit ihre Lebenslage zu erleichtern.
Es
befindet sich noch ein weiterer Figurensatz zusammen mit seiner Schatulle
in der Dauerausstellung des DIZ. Die Figuren wurden von Helmut Behrendt
hergestellt. Am 6. März 1935 wurde er in Berlin als Funktionär der
illegalen Roten Sportbewegung zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zu Beginn
seiner Gefangenschaft kam er nach Luckau, von dort nach Brandenburg/Havel
und mit dem Beginn des Jahres „1939 kam er ins Moor nach Papenburg an
die holländische Grenze, auch hier mußte er alle Schrecken eines
Moorsoldaten erleiden“.
Der
Deckel der Schatulle für die Schachfiguren enthält das eingeschnitzte
Zeichen des Lagers Börgermoor. Helmut Behrendt wurde nach seiner Verbüßung
von 7 Jahren Zuchthaus in das KZ Sachsenhausen überführt. Von dort aus
kam er zusammen mit 15000 Häftlingen in das Lager Ebensee am Traunsee, wo
er durch die Amerikaner befreit wurde. Nach 1945 wurde er Mitarbeiter beim
Berliner Hauptsportamt und war von 1951 bis 1973 Generalsekretär des
Nationalen Olympischen Komitees der DDR und seit 1948 ehrenamtlich Vizepräsident
des Deutschen Fußballverbandes der DDR.
Es gab
jedoch auch Berichte von Gefangenen, die mit dem Schachspiel unangenehme
Erfahrungen als Inhaftierte verbanden. Hans Drozd, Gefangener im
Emslandlager Börgermoor, teilte mir in einem Brief mit:
"Ich persönlich
habe mit dem Schachspiel eine sehr unangenehme Erfahrung machen müssen:
Es war an einem Sonntag, an dem ein für uns ausgehungerte Häftlinge großes
Festessen auf dem Programm stand: Erbsensuppe. Nachdem wir dieses delikate
Mahl verzehrt hatten, dösten wir mit unsren ungewohnt vollen Mägen an
den langen Tischen in der Baracke. Ich vermeinte meinen Ohren nicht zu
trauen, als ich plötzlich die Stimme des Blockältesten vernahm: ;Ist
hier ein Schachspieler, so, daß er auch spielen kann?‘ Sofort durchfuhr
mich ein Gedanke: Wenn ich spiele bekomme ich vielleicht einen Zuschlag
zum Essen, und ein Essenszuschlag war damals gleichbedeutend mit Leben.
Ich meldete mich also mit der Bestimmung mein Bestes geben zu wollen. Was
ich auch tat. Ich war in meiner Euphonie angesichts der zu erwartenden
Belohnung jedoch zu wenig psychologisch vorgegangen. Mein Herausforderer
hatte zwar großtuerisch nach einer interessanten Partie verlangt, doch
die Schmach einer Niederlage wollte er nicht auf sich nehmen. Nur die
Erbsensuppe vor Augen erkannte ich die Situation zu spät. Als sich
abzeichnete, daß mein Gegenüber als Verlierer hervorgehen würde, fühlte
er sich in seiner Eitelkeit dermaßen verletzt, daß er nur einen Ausweg
sah: rohe Gewalt. Er schmetterte mir das Schachbrett derart heftig auf den
Kopf, daß die Figuren nur so in der Gegend herumsplitterten. An meine
damalige Reaktion kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Heute weiß ich
jedoch, daß es in der Macht dieses Mannes gestanden hätte, über mein
Leben oder meinen Tod zu entscheiden. Außer einer blutenden Wunde sollte
dieser Vorfall jedoch keine weiteren Konsequenzen für mich haben."
Ernst
Walksen setzte sich zeichnerisch mit dem Schachspiel in den
Konzentrationslagern auseinander Er zeichnete als Insasse des
Strafgefangenenlagers Esterwegen und Aschendorfermoor den Lageralltag so,
wie er ihn sah. Unter seinen Bildern befindet sich eins von
schachspielenden Menschen, denen interessiert von Mithäftlingen beim
Schachspiel zugesehen wird.
Im
Konzentrationslager Bergen-Belsen gab es wie im Konzentrationslager Börgermoor
kein Schachverbot. Dort hatte
jemand 1944 versucht, einen Brief herauszuschmuggeln. Der Lagerkommandant
und SS-Hauptsturmführer Josef Kramer - auch bekannt als die Bestie
von Belsen
- hatte daraufhin zur Strafe drei Tage lang die Austeilung der
Essenrationen untersagt. Barry Spanjaard, ein amerikanischer Teenager und
Gefangener in diesem Konzentrationslager, versuchte, seinen Hunger durch
die Ablenkung des Spielens zu vergessen. Zur Erfüllung dieses Zwecks war
er bereit, einen Teil seiner ohnehin schon nicht ausreichenden
Essensration gegen ein Schachbrett zu tauschen, in der Hoffnung, so in
eine Phantasiewelt eintauchen zu können.
I
tried to figure out how to get through the next few days. What could I do
to get my mind off food? Then I got an idea; there was a fellow in my
barrack who had a chess set. I went over to him and asked him if he wanted
to sell it to me. Of course, I couldn’t buy it with money; there
wasn’t any, and money was unless here. I managed to talk to him into
selling me his chess set for two rations of bread, which meant that I
wasn’t able to get bread for FIVE WHOLE DAYS. I had my reasons. I took
the set to my bunk, and for the next three days I did nothing but play
chess with my friend, Walter. We concentrated on the game so intensely
that we forgot all about our hunger, so the days went by quickly. The
other people weren’t as fortunat as I.
Mit
Hilfe des Schachspiels gelang es dem Jungen, aktiv seiner Unterjochung und
der primären Bedrohung seines Lebens zu begegnen. Der Protest durch das
Spiel versetzte ihn in die Lage, einen Damm errichten zu können gegen die
Realität und eine Brücke zu bauen, die ihm über die Realität hinweg
half. In dieser durch die Nationalsozialisten geschaffenen Welt des
Terrors war man immer wieder mit ungewohnten Dingen konfrontiert, daher mußten
die Opfer dieses Terrors immer wieder nach Möglichkeiten Ausschau halten,
ihnen zu begegnen, um das eigene Gleichgewicht wieder herzustellen und zu
versuchen, den Begebenheiten zu entfliehen. Gerade bei denen, die
inhaftiert waren bzw. sich vor dem Regime versteckt halten mußten, konnte
dies zu einem Problem werden. Ein Junge, der sich mit seiner Familie zwei
Jahre lang in einer Grube unter einem Stall versteckt hielt, immer in der
Angst, entdeckt zu werden, fand nur im Lesen und im Schachspiel eine
willkommene Abwechslung, um der Eintönigkeit, dem Gestank und der
Erstickungsgefahr zeitweilig Paroli zu bieten.
Die
Frage der seelischen Ausdauer war nicht minder bedeutend als unsere körperliche
Widerstandskraft. Das wichtigste Problem war, eine Beschäftigung zu
finden [...] Die andere Beschäftigung war Schach. Wir spielten fast den
ganzen Tag, was nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Kiebitze
eine Anregung bot. Um die Spiele reizvoller zu machen, spielen wir um Einsätze,
um eine Kartoffel oder ein Löffel Suppe, denn das kostbarste war für uns
die Nahrung. Wer verlor, mußte auf einen Teil seines Essens verzichten,
und wir kämpften mit erbitterter Entschlossenheit. [...] Vater [...] sah
uns beim Schachspielen zu und verlegte sich darauf, Figuren zu entwenden
oder umzustellen. Das führte zu Streitigkeiten und Diskussionen, die uns
halfen, die Zeit totzuschlagen - ein unschätzbarer Gewinn [...]
Daß
es zu einer starken Affinität zwischen Bewältigung und unbedingtem Überlebenswillen
im Holocaust kam, erschien nur logisch. Richtig verständlich wurde die
Verbindung zwischen dem Schachspiel und dem physischen und psychischen
Terror des Nationalsozialismus in der Tat erst durch den Überlebensgedanken,
durch das Bemühen des Opfers, seinen Peiniger zu überleben. Durch das
Schachspiel äußerte sich der Wunsch, am Leben zu bleiben.
Ich
war nahe daran, laut aufzuschreien und verrückt zu werden. Es war kaum
auszuhalten, aber ich hatte eine lebhafte Phantasie. Man muß, glaube ich,
Phantasie haben, um zu überleben.
In
isolierten Zellen, in denen der Kontakt zu anderen Häftlingen verboten
war, verständigte man sich häufig durch eigens konzipierte Schach-Klopfzeichen
und war so in der Lage, die Isolationshaft durch die Austragung einer
Partie Schach zu ertragen. So erging es dem Gefangenen Kreibel des
Konzentrationslagers Fuhlsbüttel, der über seine Entlassung aus der
Einzelhaft schrieb:
Kreibel
hat sein Zeug zusammengepackt. Das aus Klosettpapier verfertigte
Schachspiel knistert in der Hosentasche. Er wirft einen flüchtigen Blick
auf die Wand, hinter der Ernst Rüsch liegt. Vorbei sind die
Klopfunterhaltungen, die erst nach so langen Bemühungen zustande kamen.
Vorbei ist das Schachspielen, das ihre letzten Tage ausgefüllt hat...
Wenn
selbst eine Verständigung durch Klopfzeichen nicht möglich war, und die
Einzelhaft ihrem Namen alle Ehre machte, bettete sich das Schachspiel häufig
in jene unscheinbaren und dennoch so wichtigen Begebenheiten des
Tagesablaufes eines Häftlings ein, die ihm halfen, nicht dem Wahnsinn zu
verfallen. Folgende Textstelle eines Insassen desselben
Konzentrationslagers, der sich fünf Monate in Einzelhaft befand, belegt
dies:
Wie
gesagt: Trostlos! Sechs Schritte hin - sechs Schritte zurück - und das
tausend Mal;
dann
zeigte mir die Turmuhr der Anstalt an, daß wieder eine halbe Stunde
meiner wahrscheinlich jahrelangen Haft vergangen war. Für Ohren und Augen
bot der nahe Flughafen wenigstens etwas Unterhaltung. Im Kopf stellt ich
mir mathematische und andere Aufgaben. Manchmal schmuggelte meine Frau mir
mit der Wäsche eine Drei-Zug-Schachaufgabe zu, die ich dann ebenfalls im
Kopf löste. Ich studierte die Lande- und Starttechnik der Stubenfliegen
an den Wänden meiner Zelle. Im Herbst krochen die Kohlweißlings-Raupen
an den Scheiben meines Zellenfensters empor zum Verpuppen; ich setzte die
Raupen von innen an die Scheibe und ließ sie Wettkämpfe austragen.
Der
Widerstand fand sich thematisiert im Schachspiel, das kompensatorisch den
Streß beseitigte und den Insassen half, sich auf ihre gepeinigte und
traumatische Lage einzustellen.
Sehr
detailliert sind die Berichte über das Spiel eines ehemaligen Häftling
des Todeslagers Sachsenhausen namens I. Heifetz. Die sowjetische
Untergrundbewegung veranstaltete im März 1943 eine Seance von
Simultanpartien, an der auch der Moskauer Schachmeister Sergej Bogdanow
teilnahm. Zerstreuung war nicht das primäre Ziel dieser
Simultanveranstaltung, vielmehr ging es darum zu zeigen, daß
Zwangsarbeit, Mißhandlungen und auch der Hunger nicht imstande waren,
„die Menschen zu brechen“.
Die Organisation einer solchen Veranstaltung erforderte einen sehr großen
Aufwand. So mußten die in den Tischlereien beschäftigten Gefangenen bei
der Herstellung der Figuren darauf achten, daß sie nicht dabei ertappt
wurden. Sodann mußten die Figuren in die Baracke geschleust werden, in
der die Simultanveranstaltung stattfinden sollte. Erst als vor der Baracke
noch Sicherheitsposten aufgestellt waren, die die Ankunft von SS-Männern
signalisieren sollten, konnte die Veranstaltung beginnen. Da Bogdanow
haushoch gewann und sich die Nachricht von einer durchgeführten
Simultanveranstaltung auch in den anderen Baracken herumgesprochen hatte,
kamen reihenweise Spieler, um sich mit dem Sieger zu messen. Die von den Häftlingen
angefertigten Figuren verließen nicht selten das Lager und wurden von der
umliegenden Bevölkerung für Lebensmittel eingetauscht. So besiegte man
den Hunger nicht nur indirekt durch das Eintauchen in seinen eigenen
Mikrokosmos, sondern auch direkt, durch den Handel von Figuren gegen Brot.
Wie
mir Dr. Winfried Meyer, Mitarbeiter der Gedenkstätte und Museum
Sachsenhausen mitteilte, ist dort im Depot ein von einem sowjetischen
Kriegsgefangenen aus Brot hergestelltes Schachspiel vorhanden, das er
einem als Pfleger im Krankenrevier arbeitenden Häftling als Zeichen
seiner Dankbarkeit für dessen Hilfsbereitschaft geschenkt hatte.
Überdies teilte mir Dr. Meyer mit, daß das Schach auch für die
Internierten bzw. Strafgefangenen in dem sowjetischen Speziallager
Sachsenhausen von 1945-1950 eine große Rolle gespielt hat. Laut
Lagerordnung waren ausschließlich nur Schach und andere Brettspiele
erlaubt. Dort sollen gar regelrechte Schachmeisterschaften stattgefunden
haben. Figuren und Bretter wurden ähnlich wie schon aufgezeigt selbst
gefertigt. Bestätigt wird dies durch die Briefe eines Insassen an seine
Familie:
Zwischendurch
wird dann rasch mal eine Partie Schach gespielt, um den Geist anzuregen.
Ich habe es (innerhalb der Baracke) zum viertbesten Spieler gebracht und
bei einem Turnier einen Figurensatz als Preis gewonnen.
Mit
aus Brotkrümmeln hergestellten Figuren wurden die berühmten Partien von
Schachmeistern nachgespielt, um die eigene intellektuelle Widerstandskraft
zu stärken. Für die Insassen kam die Beschäftigung mit dem Schachspiel
einer Auffrischung des Gehirns gleich, bedingt durch die ständige
Denkdisziplin.
Die Sensibilität vieler Menschen in den verschiedenen
Konzentrationslagern, ihr Intellekt und ihre Kultur unterlagen dennoch häufig
dem rücksichtslosen Ungeist des Nationalsozialismus. Wie konnte sich in
einer solchen Situation, bar jeglicher Hoffnung, das Schachspiel als ein
Zeichen der Humanität etablieren?
Der
Nationalsozialismus hatte eine Umwelt geschaffen, in der traditionelle
Werte und Normen nicht mehr galten, sie erhielten eine neue Form und einen
neuen Inhalt. Das Schachspiel war der Ausdruck eines verzweifelten Bemühens,
sowohl in physischer als auch psychischer Form den Opfern des Holocausts
zu einem gewissen Gleichgewicht zu verhelfen. So konnte man sich teilweise
das Gefühl geben, der Herr seines eigenen Schicksals zu sein,
Selbstbestimmung und Willensfreiheit behalten zu haben. Dieses Flüchten
in eine andere Realität zeigte sich deutlich in den Worten eines Mädchens
des Warschauer Ghettos:
Wenn
ich beim Spielen bin, vergesse ich meinen Hunger. Ich vergesse sogar, daß
es draußen so böse Deutsche gibt. Frühmorgens eile ich in den
Kindergarten, und ich wünschte, der Tag würde nie enden, denn wenn es
dunkel wird, müssen wir alle nach Hause. Mein Zimmer ist voll von dunklen
Schatten und düsterer Furcht.
Wie
diesem Mädchen muß es vielen gegangen sein, die es schafften, in eine
Welt des Spiels hinabzutauchen und die Leiden des Alltags zu vergessen. Im
Schachspiel fand sich eine existentielle Auseinandersetzung mit der Normalität.
Das
tragenden Symbol des Schachspiels war für viele Inhaftierten seine
Phantasie, seine Kreativität, sein Geist und die Tatsache, daß es einen
dem Alltag entfliehenden Charakter besitzt. Für die gleichen Inhaftierten
waren die Gefühle bezüglich des Schachspiels jedoch abermals gespalten.
Einerseits war es ein Mittel zum Überleben der Haft, andererseits aber
gleichzeitig ein Symbol für den begrenzten Raum der Zelle, des Gefängnisses,
der eiskalten und berechnenden Logik des Nationalsozialismus. Wie jedes
Spiel ist auch das Schachspiel durch die Wiederholung der vorgegebenen
Regeln regressiv. Jedes Spiel ist nur dann möglich, wenn die Regeln
strikt eingehalten werden und sich alle Spieler ihnen unterwerfen.
Ein
eben in der Freiwilligkeit höchst unfreier Zustand.
Die
Macht der Spiele war begrenzt. Die kulturellen Aktivitäten konnten keine
dauerhafte Mauer gegen den Terror errichten. Kurze Momente des Glücks
konnten dem permanenten Elend nicht begegnen. Eine Erleichterung des
physischen Elends war durch das Schachspiel nur minimal gegeben. Der
ausgehungerte Körper und das Leid schwächte die Physis so sehr, daß
auch der Geist durch sein Entfliehen in eine andere Realität keinen
Schutz mehr bieten konnte. Der niederländische Chronist von Westerbork,
Philip Mechanicus, schrieb über eine solche Situation, in der es direkt
um das Überleben in einem Konzentrationslager ging:
Der
Schachwettbewerb ist völlig gescheitert und vergessen, erstens, weil die
Beteiligten auf Transport mußten, und zweitens, weil die Gedanken der
Menschen fast nur noch um die Aufhebung der Freistellung von der
Deportation kreisten.
Das
Spiel hatte seine Grenzen. Dennoch waren die Spiele eine Reaktion, um der
traumatisierenden Situation mit einer Art Fluchtmechanismus zu begegnen.
Dieses
Gefühl der Distanziertheit oder Abgelöstheit war ein Versuch, die Realität
der Situation, in der sich die Gefangenen befanden, zurückzuweisen, und
es kann als ein Mechanismus betrachtet werden, der das Ziel hatte, die
Integrität der Persönlichkeit der Betroffenen zu bewahren.
Mit
Hilfe des Schachspiels entwickelten sich Mechanismen, die es den Menschen
ermöglichten, sich ihrer negativen Erfahrungen zu entledigen, sich der
neu geschaffenen Situation anzupassen und zu assimilieren.
Es ist offensichtlich, daß das Schachspiel in der Gefangenschaft des
Nationalsozialismus ausgeprägtere funktionale Eigenschaften besaß. Es
war sowohl die Bewältigung als auch die Herbeiführung einer gewissen
seelischen Stumpfheit.
Was
bedeutete das Spiel? Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich habe es wohl
schon gesagt: Es vertauschte Phantasie und Realität, so daß wir
zumindest versuchen konnten zu überleben.
In der
Beschäftigung mit den verschiedensten Dingen versuchte der Gefangene,
„sein Ich so zu erhalten, daß er, wenn er das Glück hätte, seine
Freiheit wiederzuerlangen, in etwa die gleiche Person sein würde, die er
vor seiner Freiheitsberaubung gewesen war“.
Das
Schachspiel als kulturelle Aktivität war somit ein wichtiges Mittel im Überlebenskampf.
Denn angesichts der Lebensbedingungen in den Konzentrationslagern war es
nicht das Sterben, sondern
das Überleben, was einer Erklärung für den Außenstehenden bedurfte.
Schach war dabei ein Mittel „sich dem gefährlichen Prozeß der völligen
Depersonalisierung zu widersetzten und die eigene Identität zumindest
partiell zu wahren. Kultur bedeutete, für einen kurzen Augenblick das
Bewußtsein zu haben, Subjekt der eigenen Geschichte zu sein, Kultur
bedeutete nicht zuletzt das Festhalten an Werten, deren überzeitliche Gültigkeit
sich auch der Gewalt der SS entzog“.
Spiele
konnten Tod und Elend nicht überwinden, sie konnten jedoch helfen, das
Grauen zu ertragen. Sie wurden zu einem Medium, den Anforderungen des Überlebenskampfes
gerecht zu werden und wurden im Alltag der Opfer des Nationalsozialismus
zu einem integralen Bestandteil ihrer Aktivität. Durch das Spiel konnten
die Gefangenen ihre Gefangenschaft nicht beenden, doch mit
schachspielerischer Phantasie konnte sie sie ertragen. Über die
philosophischen und psychologischen Aspekte des Schachspiels schrieb
Siegfried Unseld nach der Darstellung des Unmenschlichen als Einseitigkeit
im Nationalsozialismus, daß die „Philosophie des Schachs zur
Philosophie des Lebens [wird]. Wer monomanisch einseitig ist, vermag in
sich die Kräfte seines Selbst nicht zu wecken und zu entfalten. Wer sich
nur auf eine Sache konzentriert, kann sich, kann sein Selbst nicht lieben.
Und nur wem es gelingt, diesen Schritt zu machen, sein Ich anzunehmen,
sein Selbst zu lieben, dem wird auch das Wichtigste gelingen, dieses
Selbst durchlässig zu machen für den Anderen, für den Mitmenschen, für
die Gesellschaft. Von der Möglichkeit solcher Zuwendung wird auch in der
Zukunft vieles abhängen. Im ersten Spiel mit den Partner beim Schach kann
solche Zuwendung erfolgen; der, der Schach spielt, erfährt es immer
wieder“
Viele
Spiele halfen den Menschen, in den Konzentrationslagern zu überleben, das
Schachspiel war nur eins von ihnen, doch geradezu prädestiniert. Es war
leicht herzustellen, bedurfte nur wenigen Platzes und konnte alleine durch
Analysen seinen Wert beweisen.
Die
Nationalsozialisten versuchten u.a. mit der Artikelserie von Alexander
Aljechin über das jüdische Schach, das Schachspiel für ihre Zwecke zu
vereinnahmen. Das Schachspiel ist für diesen Zweck, auch im Hinblick auf
das Zitat von Siegfried Unseld und dem geschilderten Umgang von
Inhaftierten mit dem Spiel dazu gänzlich ungeeignet. Es ist vielmehr ein
friedlicher Wettstreit mit gleichen Chancen, eine Auseinandersetzung
zweier Individuen unabhängig von Rasse, Kultur und Auslesegedanken und
somit im Widerspruch stehend zur nationalsozialistischen Ideologie und der
von ihnen vor allem durch die Artikelserie des Alexander Aljechin
gezeigten Betrachtungsweise des Schachs? Es ist nicht dazu geeignet eine
arische Rasse in den Kampf gegen die jüdische zu führen. Das Schachspiel
bildet gerade durch seine Individualität eine Art Immunisierungsfaktor
gegen die Vereinnahmung von Regimen, wie Berichte der Insassen von
Konzentrationslagern zeigen. Auch Joachim Petzold wies zurecht darauf hin,
daß sich die nationalsozialistische Ideologie in Verbindung mit dem
Schachspiel als nicht tragfähig erwies.
Vgl. D. Wasowicz, Przejawy zycia kulturalnego w hitlerowskich obozach
koncentracyjnych, in: Zeszyty Majdanaka.- Lublin, 9/1977, S. 5-30. Übersetzt
von J. Kalinski.
Vgl. D. Wasowicz, Resistance in the Nazi Concentration Camps
1933-1945, Warszawa 1983, S. 51. Übersetzt
von J. Kalinski.
Vgl. V. E. Frankl, Psychologie im Notstand. Psychotherapeut.
Erfahrungen im Konzentrationslager, in: Hygiene, Wien 1, 1950/52, S.
177-186.
Vgl. E. Buchmann, Die Frauen von Ravensbrück, Berlin 1961, S. 103.
Vgl. E. A. Cohen, Het duitse concentratiekamp. Een
medische en psychologische studie, Paris/Amsterdam2 1952,
S. 104.
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