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Exkurs: Lasker und Tarrasch

         
   
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Den Gegensatz zu Emanuel Lasker bildete sein langjähriger Widersacher Siegbert Tarrasch. Als die Grundsätze von Wilhelm Steinitz durch Tarrasch verabsolutiert und damit eine Ausweitung des Schöpferischen im Schach unterbunden werden sollte, betonte Emanuel Lasker das kämpferische Element in der schachlichen Auseinandersetzung.

 

            "Wie paßt nun Emanuel Lasker in dieses Bild? Was ist das Besondere und offenbar Einmalige in seiner schachlichen Wirksamkeit? Und warum darf man sie höher einschätzen als die des Dr. Tarrasch? Gewiß, Lasker war Weltmeister, was Tarrasch nie war, Lasker hat den alten Steinitz geschlagen und später auch den alternden Tarrasch. Aber der äußere Erfolg allein entscheidet nicht über den Wert einer Persönlichkeit. Man muß auch alle anderen Umstände kennen  [...]. Was aber schon hier gesagt werden soll, was wir hier schon erörtern müssen, wenn auch ein Schachlaie, wenn auch ein Nichtschachspieler uns verstehen soll, das ist die Schachauffassung, die Lasker selbst allmählich aus seinem Wesen, aus der Entfaltung seines Charakters, aus der Gestaltung seines gesamten Weltbildes herausentwickelt hat."[1]

 

Lasker proklamierte nicht nur den einen besten Zug in einer Stellung auf dem Schachbrett, sondern machte die Stärke eines Zuges von dem Spielstil des Gegners abhängig. Er praktizierte einen relativen Schachstil. Der Gegner spielte bei Tarraschs Betrachtung des Schachs keine Rolle, für Lasker hingegen war der Gegner das Entscheidende. Emanuel Lasker war der erste Schachspieler, der die sich entwickelnde wissenschaftliche Psychologie systematisch auf das Schachspiel übertrug.[2] Neben den unterschiedlichen Auffassungen über das Schach traten bei diesen beiden deutsch-jüdischen Spitzenspielern politische Differenzen hinzu. Im Gegensatz zu Tarrasch erkannten Schachspieler wie Savielly Tartakower (1887-1956) und eben Emanuel Lasker, die den ersten Weltkrieg genauso wie Tarrasch auf deutsch-österreichischer Seite mitgetragen hatten, daß eine Assimilation der Juden in Deutschland nicht gelingen würde.[3] Tarrasch verurteilte die kosmopolitische Haltung Laskers und übertrug diese Geringschätzung teilweise auf die schachlichen Qualitäten Laskers, wie dieser im übrigen umgekehrt auch.

 

"War Tarrasch Repräsentant des geistigen Bildnisses seiner Zeit: Wahrer, Hüter und Lobpreiser der Werte, so war Lasker der Repräsentant der Kehrseite des Bildes: Skeptiker, Ironiker, Bezweifler der Werte. Tarrasch sah das Statische des Bildnisses, die unbewegte Form, Lasker sah das Dynamische, das Vergängliche, den ewigen Fluß der Dinge. Aus derselben Welt derselben Werte, derselben Lebensbedingungen, derselben sozialen und kulturellen Beschaffenheit kamen sonach zwei ganz wesensverschiedene Naturen. Und das ist nichts Neues, nichts Auffallendes. Immer hat es nebeneinander den Konservativen und den Fortschrittlichen gegeben, den einen, der die errungenen Güter zu verteidigen und zu befestigen strebte, den anderen, der sie umformen, besser machen wollte. Beides zusammen, das Beharrliche und das Vorwärtstreibende, geben erst in ihrer höheren Einheit den eigentlichen Charakter der Welt. Das Schachspiel der zwanziger Jahre vor dem Weltkrieg wäre undenkbar ohne Tarrasch, den Konservativen, und ohne Lasker, den Revolutionär."[4]

 

Anhand des Wettkampfes 1908[5] zwischen Lasker und Tarrasch in Düsseldorf um den Weltmeistertitel läßt sich die Einbeziehung der Psychologie durch Lasker,[6] die besondere Beziehung der beiden und die Überzeugung Tarraschs, einen einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr zu verlassen und selbst kurz vor der Niederlage stehend immer noch davon überzeugt zu sein, sich auf dem richtigen Weg zu befinden, sehr gut verdeutlichen.[7] Tarrasch wurde durch sein starres Festhalten an seinen Prinzipien von Lasker mit Hilfe der Psychologie geschlagen. Lasker verstand es ein um das andere Mal, sogenannte Verluststellungen (laut Tarrasch) in Siege umzuwandeln.[8]

 

"Er gewann die Mehrzahl seiner Partien nicht, weil er der stärkere Schachspieler, sondern weil er der ruchlosere Psychologe war, dem die naive Redlichkeit der Schachwissenschaftler von der Art von Wilhelm Steinitz und Siegbert Tarrasch im Turnierkampf nicht gewachsen sein konnte."[9]

 

Tarrasch und Lasker hatten ihre schachlichen Wurzeln bei Steinitz. Tarrasch wollte der sich entwickelnden Schachtheorie eine wissenschaftliche Grundlage geben, die er für die Durchführung einer Partie für unverzichtbar hielt.

 

Er [Tarrasch] glaubt an Dauer, er glaubt an Sicherheit, er glaubt an die Erreichbarkeit der absoluten Wahrheit und er ist vor allem tief überzeugt        von der absoluten, unwan-delbaren und für jeden konkreten Fall mit gleicher Kraft gültigen Richtigkeit seiner eigenen Schachwahrheit und Schachtheorien.[10]

 

Für Lasker war das Schachspiel ein Spiegelbild der Gesellschaft, eine Theorie des Kampfes. Siegbert Tarrasch praktizierte einen methodisch-wissenschaftlichen, Emanuel Lasker einen philosophisch-realistischen Schachstil.

 

Steinitz war immer auf der Suche nach dem wissenschaftlichen Zug,[11] Tarrasch glaubte mit preußischem Selbstbewußtsein, immer den wissenschaftlichen Zug zu spielen. Er selbst schrieb über seine Partien im Wettkampf mit Karl August Walbrodt, daß seine Partien einen „Grad der Korrektheit“[12] erreicht hätten, wie noch kein Spieler über mehrere Partien vor ihm. Sein Spiel sei von „fast absoluter Korrektheit geprägt gewesen“[13]. Lasker hingegen interessierte sich nicht für den korrekten Zug, sondern nur für den unangenehmsten. Für Lasker war das Spiel nicht nur Geisteskampf, sondern in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Gegner. Schach bedeutete für ihn Wettkampf mit dem Ziel des Sieges.

 

Charakteristisch für Lasker war sein Ausspruch:

 

"Man hüte sich vor dem Dogma. Das Dogma ist des Künstlers Feind. Und dennoch gibt es eine Wahrheit auch im Schachkampfe, nur hat sie nicht die Form, die der Naive sucht: der beste Zug. Ach nein! In dem Augenblick wo ‚der beste Zug‘, wie ihn der Naive ersehnt, erkannt sein wird, in diesem selben Augenblick wird das Schachspiel tot sein, denn zum Leben gehört das Problematische.[14]

 

In der Spielauffassung von Tarrasch und Lasker spiegelte sich ihre Lebensweise und -auffassung wider.

 

Denn die unvergleichliche Größe Laskers beruht darin, daß er den Relativismus des Steinitzschen Denkens noch weiter getrieben hat, über die Grenzen hinaus, an denen Steinitz stehen blieb: Steinitz suchte das absolute Schach, wenngleich er wußte, daß es nur im Lande Utopia zu finden sei. Lasker aber suchte erst gar nicht dieses absolute Schach, sondern er tat seine Augen auf und suchte den Menschen. In all ihrem Schachdenken und Schachphilisophieren hatten sowohl Steinitz als auch Tarrasch immer nur mit dem Hemmnissen des eigenen Hirnes gerechnet und ihr ganzes Streben darauf gerichtet, durch schärfste eigene Geistesanstrengung, durch gesteigertes Gehirntraining zu den letzten endgültigen Wahrheiten vorzudringen. Sie hatten aber nicht im mindesten mit Bewußtsein erwogen, daß im Schachkampf ja noch ein zweites Gehirn, noch eine zweite Seele da ist, nämlich der – Gegner. Im Denkprozeß Steinitz und Tarrasch hatte der Gegner überhaupt keine Rolle gespielt. In ihrer Theorie war es gleichgültig, wer der Gegner war. In Laskers Theorie hingegen war das Entscheidende – der Gegner!"[15]

 

Lasker spielte und provozierte Stellungen, von denen er glaubte, daß sein Gegner sie nicht mögen würde. Schon in der Eröffnung geriet er häufig in Nachteil. Dies geschah jedoch nicht aus Unkenntnis, sondern entsprach seinem subtilen, aggressiven Spiel auf Sieg, basierend auf der These, daß Angriffe des Gegners ohne eine gesunde positionelle Basis Schwächen hervorrufen mußten. Er provozierte die Romantiker zu Angriffen, um sie im Konter und durch den damit hervorgerufenen Schock - Verlust der Initiative - mit einer ausgefeilten Technik zu schlagen. Für ihn hing der jeweils beste Zug in einer Stellung vom Spielstil des Gegners ab.[16]

 

"Nach seiner These gab es so viele richtige Züge, als es psychologisch differenzierte Gegner gab. Steinitz und Tarrasch haben im Schach in unerreichter Abstraktion gespielt, Lasker aber hat mit lebenden Menschen gespielt, mit jedem anders, jeden unter das Gesetz seines psychologischen Denkens zwingend."[17]

 

Beide veröffentlichten in ihren Schachzeitungen unfreundliche Kommentare über den anderen. Dies führte sogar soweit, daß Tarrasch Lasker in einer eigens von ihm konzipierten „Dusel-Tabelle“ mit weitem Abstand an erster Stelle führte. Ein typischer Kommentar Tarraschs über eine Partie Laskers lautete, daß die ganze Partie einer der sogenannten Laskerschen Glücksfälle war.

 

Noch lange nach dem Weltmeisterschaftskampf gegen Lasker, den Tarrasch mit 8 : 3 deutlicher als erwartet verlor, verstand Tarrasch nicht, wie Lasker ihn hatte besiegen können. Er veröffentlichte Schriften mit abfälligen Bemerkungen über Laskers Spielweise. Dies zeigt, wie wenig Verständnis Tarrasch der von Lasker systematisch eingeführten Psychologie entgegenbrachte, sicherlich beeinflußt vom Unverständnis darüber, daß ein deutscher Jude nicht wie er mit Leib und Seele für Deutschland spielte. Lasker seinerseits schrieb über Tarrasch:

 

"Dr. Tarraschs Stärke oder Schwäche - wie man wünscht - ist seine ausgesprochene Eigenliebe. Ohne sie wäre er ein höchst mittelmäßiger Schachspieler; im abnormen Maße mit ihr begabt, ist er ein Gigant geworden. Seine Eigenliebe ist derart, daß er sich igendworin hervortun muß. Schach war nun einmal das, was ihm am leichtesten fiel, und deshalb ist er sehr angetan vom Schach, aber ganz besonders von seinem eigenen Schach."[18]

 

In einer Anlehnung an das von Tarrasch im Zusammenhang mit dem Schachspiel häufig verwendete Wort Korrekt/Korrektheit schrieb Lasker über Tarrasch:

 

"Korrekt heißt in Deutschland die Haltung eines Mannes, dessen Benehmen nach dem Urteile seiner Nachbarn seiner Stellung angemessen ist. Um korrekt zu sein, muß man sich der Meinung der anderen anpassen..."[19]

 

Den Unterschied in der Spielauffassung der beiden charakterisierte Lasker wie folgt:

 

"Dr. Tarrasch ist ein Denker, der tiefe und vielschichtige Überlegungen liebt. Er ist bereit, die Effektivität und Zweckmäßigkeit eines Zuges anzuerkennen, wenn er ihn gleichzeitig als schön und als theoretisch korrekt betrachtet. Aber ich akzeptiere diese Art von Schönheit nur, falls und wenn sie gerade zweckmäßig ist. Er bewundert eine Idee um ihrer Tiefgründigkeit willen, ich bewundere sie wegen ihrer Wirksamkeit. Mein Gegner glaubt an Schönheit, ich glaube an Stärke. Ich finde, daß ein Zug dadurch, daß er kraftvoll ist, auch schön ist."[20]

 

"Ich liebe die Kraft, die gesunde Kraft, die das Äußerste wagt, das Erreichbare zu erreichen. Wir beide sind sehr verschieden, und um die Wahrheit zu sagen, wir lieben uns nicht."[21]

 

Lasker erzielte seine Erfolge im Schach als Künstler, Tarrasch als Soldat.[22]

 

Tarraschs Einfluß auf seine Zeitgenossen war trotz aller Kritik Laskers sehr groß. Durch ihn glaubte man, das Schachspiel vollständig verstanden und lehrbar gemacht zu haben. Seine Regeln wurden zu Dogmen.[23] Er begegnete dem Vorwurf Laskers, zu dogmatisch zu sein, immer mit dem Hinweis, daß es in der Wissenschaft um gar nichts anders gehen könne, als nach Dogmen zu suchen. Ein Versuch, die beiden zur Versöhnung zu bringen, endete bezeichnend für ihre Situation mit dem Satz: 

 

"Ihnen, Herr Lasker, habe ich nur drei Worte zu sagen, Schach und             Matt!"[24]

 

Zur Erläuterung der Psychologie im Schachverständnis von Emanuel Lasker sind noch zwei Äußerungen von Bedeutung. Sie deuten den Wert Laskers für das Schach im Wechselspiel mit der Gesellschaft an. Joachim Petzold bemerkte über Laskers neue Ideen:

 

"Lasker, der sich im Alter nicht zufällig der Freundschaft Albert Einsteins (1879-1955) erfreuen konnte, hatte auch seine Schlüsse aus dem Zusammenbruch der mechanistischen und posivistischen Weltanschauungen und dem Triumph der Dialektik in der Wissenschaft gezogen. Einsteins Relativitätstheorie wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem relativ besten Zug trachtete. Beide sahen auf ihre Weise, daß sowohl im großen Universum als auch auf dem kleinen Schachbrett alle Wertmaßstäbe vom Bezugssystem abhingen."[25]

 

Ähnlich äußerte sich Garry Kasparow:

 

"Der deutsche Mathematiker und Philosoph war der Pionier des psychologischen Elements im Schach. Lasker war ein herausragender Stratege, aber er wußte, daß eine psychologische Schwäche seines Gegners wichtiger sein konnte als die 100prozentige Korrektheit seiner Züge. Sein Wissen um die menschliche Psyche und sein Sinn für Relativität schachlicher Strategie ließ ihn fast alle Turniere gewinnen, an den er teilnahm und machte ihn zum Rekordweltmeister - 27 Jahre lang! Und welche zwei Namen beherrschten die Gedanken der gebildeten Menschen seiner Zeit? Natürlich Einstein und Freud! Weitere Erläuterungen unnötig."[26]



[1] J. Hannak, Emanuel Lasker,  S. 37.

[2] Schon Morphy spielte laut Wilhelm Steinitz eher gegen die Seele seines Gegners als gegen die Figuren, doch bezog er diese psychologische Spielweise nicht in die Vorbereitungen zu einem Wettkampf mit ein, wie es Lasker tat. 

[3] Dennoch fühlte auch Emanuel Lasker sich als Deutscher, wie seine Dankesrede nach seinem Sieg beim großen internationalen Turnier in New York 1924 bei seiner Ankunft im Berliner Rathaus zeigte. Er erhielt schriftliche Glückwünsche vom Reichskanzler und Reichspräsident, die Lasker dazu beglückwünschten, dem deutschen Namen im Ausland Ruhm und Ehre erworben zu haben. Lasker selbst freute sich, der deutschen Heimat Ehre und Anerkennung gebracht zu haben. Vgl. Rede von Alfred Kinzel anläßlich des 130. Geburtstages von Dr. Emanuel Lasker auf dem 25. Potsdamer Weihnachtsturnier, in: Europa Rochade, Nr. 2/1999, S. 49.

[4] J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S. 61.

[5] Es hätte schon vorher zu einem Wettkampf der beiden kommen können, doch es war zunächst Tarrasch, der, einen Wettkampf mit der Begründung ablehnte: „Der junge Mann soll sich erst durch größere Siege in internationalen Turnieren den Nachweis erbringen, daß er das Recht hat, mit einem Mann wie mir zu spielen.“ A. Diel, Schach in Deutschland. Festbuch aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens des Deutschen Schachbundes e.V. 1877-1977, Düsseldorf 1977, S. 59. Dann war es Lasker, der Tarrasch bis 1908 warten ließ. Vgl. dazu auch E. Meissenburg, Dr. Siegbert Tarrasch, S. 56-59.

[6] Um den genauen Spielstil seiner Gegner zu erkennen, war Lasker bereit, die eine oder andere Niederlage in Kauf zu nehmen. Vgl. dazu: H. Pfleger/G. Treppner, Brett vorm Kopf, S. 87.

[7] Vgl. dazu vor allem die zweite Partie des Wettkampfes, in der Tarrasch offensichtlich ohne große Mühe einen Bauern gewann. Nach seinem von ihm immer vehement vertretenden Schachverständnis hätte Lasker eigentlich aufgeben können. Doch für Lasker begann mit dem Bauernopfer die Partie offensichtlich erst richtig, die er erfolgreich abschloß. Für Tarrasch war diese Niederlage nicht nur einfach eine Niederlage in einer Schachpartie, sondern eine Niederlage, die sein gesamtes schachliches Selbstverständnis in Frage stellte, auch wenn er immer wieder betonte, zwar eine Niederlage erlitten zu haben, aber nicht besiegt worden zu sein. Tarrasch behauptete gar, daß Lasker auf manche Gegner eine Art von hypnotischem Einfluß auszuüben scheine. Vgl. dazu: H. C. Opfermann, Die Spielgeheimnisse der großen Schachkämpfer. Von Gioachino Greco bis Bobby Fischer, Düsseldorf/Wien 1978, S. 152.

[8] Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß Tarrasch zum Zeitpunkt des Vergleichs seinen schachlichen Zenit überschritten hatte und schon 47 Jahre alt war.

[9] H. C. Opfermann, Die Spielgeheimnisse der großen Schachkämpfer, S. 142.

[10] J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 38.

[11] „Steinitz sagt über Morphy: Eine andere bemerkenswerte Eigenschaft Morphys war seine Fähigkeit der Menschenbeurteilung und ich folgere daraus, daß er eher gegen die Seele seines Gegners spielte als gegeN die Figuren des Schachbretts. Hier wurde Steinitz von dem Interviewer mit der Frage unterbrochen: ‚Aber hat das nicht Geltung für alle Schachspieler?‘ Steinitz erwiderte mit Nachdruck: Nein, für mich zum Beispiel gilt es nicht. Meine gesamte Aufmerksamkeit ist auf das Brett konzentriert. An die Person meines Gegners denke ich dabei überhaupt nicht. ‚Soweit ich weiß oder wahrnehme, könnte mein Gegner ebenso wohl ein abstrakter Begriff oder ein Automat sein.‘“ Zitiert nach: J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 38.

[12] S. Tarrasch, Dreihundert Schachpartien. Ein Lehrbuch des Schachspiels für geübte Spieler, 3. Verb. Aufl., Gouda 1925, S. 474.

[13] Ebd.

[14] Zitiert nach: J. Mieses, Schach. Der Ursprung des Schachspiels, in: S. Kanzelson (Hg.), Juden im Deutschen Kulturbereich, Berlin 1959, S. 915-925, hier S. 922.

[15] J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 38.

[16] Selbstverständlich konnte Lasker seine Art des Schachspielens nur praktizieren, weil er über umfassende Schachfertigkeiten verfügte. Er brauchte in der Vorbereitung auf einen Gegner eigene Schwächen, Stärken und Vorlieben nur wenig zu beachten.

[17] J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 38.

[18] E. Lasker über S. Tarrasch, zitiert nach: H. C. Schonberg, Die Großmeister des Schachs, S. 119.

[19] Zitiert nach: J. Silbermann/W. Unzicker, Geschichte des Schachspiels, S. 126.

[20] H. C. Schonberg, Die Großmeister des Schachs, S. 119.

[21] Weltgeschichte des Schachs. Lasker, Bd. 11, o.O. und o.J., S. 19.

[22] Nach der Niederlage von Tarrasch 1916 vollzog sich in seiner Beurteilung über Lasker ein Wandel. Tarrasch lobte manche Partie des einstigen „Glückspielers“.

[23] Wie weit die Lehren Tarraschs zu Dogmen wurden und die anderen Spieler beeinflußte, ist einer Aussage Capablancas zu entnehmen, der zwar intuitiv einen Königsangriff seines Gegners mit g2-g3 abwehren wollte, doch fürchtete, dafür getadelt zu werden, weil er die schwachen Felder h3 und f3 damit zuließ. Zu finden in: R. N. Coles, Dynamisches Schach, Berlin 1963, S. 20.

[24] Zitiert nach: L. Steinkohl, Schach und Schalom. Das Schach der Juden gestern und heute, Maintal 1995,

S. 16.

[25] J. Petzold, Schach. Eine Kulturgeschichte,  S. 227. R. Munzert führte zu Emanuel Lasker an: „Spielmann nannte Steinitz den Newton des Schachspiels (weil jener allgemeine Schachprinzipien aufstellte). Wenn ich diesen Vergleich aufgreifen darf, könnte man Lasker als den Einstein des Schachs bezeichnen. Er erkannte, daß im Schach vieles relativ ist – vor allem zum Gegner. Die Relativität Einsteins ersetzte die (absolute) Theorie Newtons nicht, sondern ergänzte sie. Einstein erkannte, daß Raum, Zeit und Bewegung keine absoluten, sondern relative Größen sind (abhängig vom Beobachter und Zeitpunkt der Beobachtung). Viele Phänomene des Kosmos lassen sich aufgrund der Newtonschen Gravitationsgesetze dennoch gut beschreiben, erklären und voraussagen, wie die Umlaufbahn der Planeten und Sonnenfinsternisse. Andere Vorgänge können wiederum mit der Relativitätstheorie am besten verstanden werden (z.B. die Ablenkung des Lichts durch Materie). Beide Denkansätze (der absolute und der relativistische) haben ihre Gültigkeit und schließen sich gegenseitig nicht aus. In der modernen Physik wird eine Vereinigung der wesentlichen Konzeptionen und Ansätze angestrebt [...] für die Psychologie versuchte der Verfasser etwas Ähnliches [...] Wie in der Physik können auch im Schach allgemeine Prinzipien (z.B. über die Beherrschung des Zentrums, die Bedeutung des Läuferpaares) und relativistische Denkweisen nebeneinander bestehen und sich ergänzen. Sie sind kompatibel und komplementär. Üblicherweise sind während einer Partie sowohl die annähernd objektive als auch die relativistische Betrachtung und Beurteilung relevant; hier herrscht kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-auch! [...] Ähnlich wie Einstein revolutionierte Lasker die Grundlagen seines Fachgebietes, oder besser gesagt, er beschleunigte die Evolution des Schachs.“ Zitiert nach: R. Munzert, Emanuel Lasker und die psychologische Seite des Schachspiels. Die Relativitätstheorie des Schachs, in: Schach-Magazin 64, Nr. 16/1995, S. 447-448. Vgl. ferner: Schach-Magazin 64, Nr. 14/1995, S. 390-393 und Nr. 15/1995, S. 419-420.

[26] G. Kasparow, in: Welt am Sonntag, Nr. 14/1996, S. 63. Das wohl berühmteste Beispiel in der Verbindung von Psychologie und Strategie ist die bekannte Entscheidungspartie zwischen Lasker und Capablanca in St. Petersburg 1914. Capablanca führte mit einem halben Punkt vor Lasker. Ihm genügte ein Remis zum Turniererfolg. Lasker, der die weißen Steine führte, mußte gewinnen, was gegen Capablanca, der in seiner gesamten Schachkarriere nur 34 Partien verlor, ein schwieriges Unterfangen war. In dieser Situation spielte Lasker nicht etwa wild auf Angriff, sondern wählte die Abtauschvariante der Spanischen Partie, eine als Remiseröffnung verschriene Variante. Schwarz erhält durch einen Doppelbauern eine kleine positionelle Schwächung, die er aber bequem durch aktives Spiel beseitigen kann. Die anwesenden Zuschauer fragten sich demgemäß verwundert, wie Lasker mit dieser Eröffnung Capablanca würde schlagen können. Doch Lasker erkannte richtig, daß Capablanca eben nicht aktiv spielen, sondern möglichst schnell das Remis machen wollte. Durch das darauf folgende passive Spiel Capablancas kompensierte er seine positionelle Schwäche nicht mit dem aktiven Läuferpaar, was Lasker ausnutzte, um den Turniererfolg zu erzielen.

 

 

 

 
 

 

 

 

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