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1.
Siegbert Tarrasch zwischen Antisemitismus und Assimilation
2.
Die Juden und das Schachspiel
3.
Der „Antisemitismus auf dem Schachbrett"
1.
Siegbert Tarrasch zwischen Antisemitismus und Assimilation
Die Theorie von Wilhelm Steinitz wurde von einem der größten Pädagogen
auf dem Schachbrett aufgenommen. Siegbert Tarrasch (1862-1934) verwandelte
die Lehren Steinitz‘ in allgemeine Grundsätze des Schach und machte sie
den Lernenden verständlich. Er entwickelte die Postulate des klassischen
Schachspiels. Ihm verdanken Schachspieler formulierte Regeln, nach denen
eine ordentliche Schachpartie zu
führen ist. Er verstand es, die unbeliebten Lehren Steinitz in eine Sprache
zu fassen, die man aufgrund des neuen Autors zu verstehen gewillt war. Seine
Lehrsätze untermauerte er mit großen schachlichen Erfolgen.
Er
leitete den dunklen, gefährlichen Strom der Steinitzschen Schachphilosophie
in sorgfältig gebaute Dämme, machte aus dem Wildwasser der Steinitzschen
Gedanken eine mustergültige Flußregulierung und gab der Welt einen ‚gebändigten‘,
‚geläuterten‘ Steinitz, einen lehrbaren Steinitz, ein Schachspiel, in
dem alles so klappte wie im deutschen Exerzierreglement. So erwarb sich
Tarrasch das Verdienst, Steinitz popularisiert, Steinitz für die großen
Massen faßbar gemacht, als jahrzehntelanger Lehrer, Bücherschreiber,
Partieglossator, Vortragender und praktischer Spieler dem modernen Schach
zum Durchbruch verholfen, die Schachmechanik mit unvergleichlicher Klarheit
und Anschaulichkeit zu einem Lehrgegenstand gemacht zu haben und Gründer
und Führer jener Schule gewesen zu sein, die dem Schach die größten
Meister aller Zeiten und eine Hochblüte wie nie zuvor beschert hat.
Siegbert Tarrasch wurde am 5. März 1862 in Breslau geboren und studierte an
der Universität Berlin und Halle Medizin. Seine Arztpraxis eröffnete er in
Nürnberg. Seit 1914 praktizierte er in München. Im Gegensatz zu Tschigorin,
Zuckertort und Steinitz blieb Tarrasch seiner bürgerlichen Laufbahn treu
und machte das unsichere Schachspiel nicht zu seinem Hauptberuf. Tarraschs
Solidität, seine Korrektheit und Gewissenhaftigkeit wurde von seinen
Meisterkollegen angeführt, um pointiert und überspitzt die angeblich prägenden
Werte des Wilhelminismus darzustellen. Auch heute noch werden typische
Deutsche gerne in Karikaturen mit wilhelminischen Charakterzügen
dargestellt. Das Tragen der Pickelhaube und die prägenden Werte Ordnung,
Disziplin und Organisation sind dabei obligatorisch.
Siegbert
Tarrasch, dieser sich als Deutscher jüdischen Glaubens fühlende Mann, verkörperte
auf dem Schachbrett die Figur, welche hin- und hergerissen wurde zwischen
gewünschter Assimilation und Ablehnung. An ihm erkennt man das Schicksal
vieler Juden, die Deutschland als ihr Vaterland bezeichneten und nicht
verstanden, warum ihre Erfolge nicht als deutsche Erfolge gefeiert wurden.
Mit
folgendem kurze Überblick über die von Tarrasch verfaßten Grundregeln,
die er in jeder seiner Partien zu verteidigen suchte, möchte ich ein Bild
des Mannes nachzeichnen, der sehr stark von dem im Wilhelminismus
vorherrschendem autoritären Charakter geprägt war.
-
entwickele erst die Springer, dann die Läufer
-
der Läufer ist stärker als der Springer
-
ziehe nicht zweimal die gleiche Figur in der Eröffnung
-
bringe deine Dame nicht zu früh ins Spiel
-
verliere keine Tempi durch unnötige Bauernzüge und riskanten
Bauernraub
-
erobere das Zentrum schon mit den ersten Zügen
-
beherrsche die offenen Linien
-
ein Turm gehört hinter den Freibauern - die eigenen und die
feindlichen
Die
genannten Regeln sollten so exakt angewandt werden wie Verkehrsregeln. Hielt
man Tarraschs strategischen Konventionen wie die Besetzung des Zentrums,
einen harmonischen Aufbau, schnelle Figurenentwicklung und den Besitz des Läuferpaares
für richtig und befolgte sie, so würde sich der Sieg der Partie, laut
Tarrasch, schon rein mechanisch einstellen. An diesen strategischen
Konventionen duldete Siegbert Tarrasch keine Kritik. Er war nicht bereit,
von dieser Betrachtung des Schachs abzuweichen oder Kompromisse einzugehen.
Diese dogmatische Betrachtung des Schachspiels zeigte Siegbert Tarrasch als
wilhelminischen Deutschen.
Alle
Begabung, Solidität, Korrektheit und Gerissenheit des deutschen Bürgers
steckte in Dr. Tarrasch, aber auch Überheblichkeit, Selbstsicherheit und
dogmatische Rechthaberei eines Siegerstaates und Herrenstaates war ihm in
Fleisch und Blut übergegangen.
Egbert
Meissenburg schrieb über die Verinnerlichung Tarraschs von angeblich
deutschen Werten innerhalb des Wilhelminismus:
Tarrasch
war geprägt von dem Konservatismus Wilhelms I. und den Ideen Wilhelms II.,
der, durchdrungen von dem stolzen Gefühl des Gottesgnadentums, davon träumte,
Deutschland aus der Enge Europas auf die Höhen der Weltpolitik zu geleiten,
und der mit hochfliegender Zuversicht die Nation herrlichen Zeiten
entgegenzuführen trachte. Ideen solcher Art sollten sich nun am Schachbrett
und durch das Schachspiel manifestieren: Im monarchischen Zeitalter repräsentierte
Tarrasch den Typus der im Bildungsbürgertum wurzelnden Persönlichkeit, die
in die Führungsschicht der Klassengesellschaft aufgestiegen war und sich
durch hohe und höchste schachliche Erfolge eine Art Ersatznobilitierung
geschaffen hatte. Das Schach war ihm das Feld der Ehre und des Einsatzes,
auf dem es für die eigene Person und ihr Vaterland höchsten Siegeslorbeer
zu erringen galt. Quasimilitärischer Habitus und quasiaristrokratische
Traditionen wurden bei Tarrasch in Wort und Handeln deutlich.
Wilhelm II. wuchs in
einer Stimmung des Sieges, des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs Preußens
auf. Keine Rückschläge, nur Aufstieg. Deutschland entwickelte sich schnell
und wurde zu einer der wohlhabendsten und technisch erfolgreichsten
Nationen. Das neue, große Preußen war zur Selbstverständlichkeit
geworden. Tarrasch repräsentierte diese Größe mit „quasimilitärischem
Habitus“ und „quasiaristrokratischen Traditionen“ auf dem Gebiet des
Schachs. Siegbert Tarraschs Theorie des einzig richtigen Zuges bestätigt
die o.g. Formulierungen. Für ihn war es gleichgültig, in welcher Phase
sich eine Schachpartie befand, er ließ immer nur einen richtigen Zug
gelten. Sollte dieser Zug nicht ausgeführt werden, dann mußte dies
unweigerlich in eine Niederlage münden, wenn der Gegner die von ihm
formulierten Regeln anwandte,
Bei
näherer Untersuchung stellt sich heraus, daß ein Zug der stärkste, der
allerstärkste ist, und nur der ist der richtige.
Tarrasch verabsolutierte
seine Betrachtung zur einzig wahren. Wie bei der hierarchischen Struktur des
Militärs erwartete er mit wilhelminischen Selbstbewußtsein, daß alle
Schachspieler seinen Anweisungen zu folgen hätten. Insofern symbolisierte
Siegbert Tarrasch eine Autoritarisierung der Schachpädagogik.
Dies
machte diesen Dr. Tarrasch nicht nur unbeliebt bei seinen Schachkollegen in
aller Welt, das verleitete ihn nicht nur der Tändelei, Schachpartien und
blutige Feldschlachten zu analogisieren (eine Partie Tarrasch - Teichmann
verglich er von A bis Z mit dem deutsch-französischen Krieg, eine Partie
Janowski - Marshall mit der Belagerung von Port Arthur und später im
Weltkrieg gar irgendein Spielchen mit der Masurenschlacht), das gab nicht
nur seiner vorbildlichen Tätigkeit als Erzieher einer ganzen
Schachgeneration den Beigeschmack philiströser Oberlehrerhaftigkeit und dünkelhafter
Bescheidwisserei, [...] Tarrasch’ Schachtheorie war die Theorie einer
fehlerlosen Denkmaschine, eines unfehlbaren Gottes; er suchte den absolut
richtigen Zug, die reine Idealität des Schachs.
An Tarraschs
Verabsolutierung seiner Theoreme, seiner verwandten Schach-Sprache
und das wie selbstverständliche Befolgen seiner Befehle
zeigte sich, wie prägend das Militär zu Zeiten Wilhelm des II. war und wie
weit Tarrasch den militärischen Jargon übernommen hatte.
Mit
der Reichsgründung 1871 erreichte der preußische Staat seinen Höhepunkt.
Die preußische Armee genoß ein großes Ansehen und prägte in
entscheidender Weise Leben und Umgangsformen in der Gesellschaft. Generell
nahm das Militär in vielen europäischen Ländern eine Sonderrolle ein. Vor
allem in Frankreich und Deutschland war eine Militarisierung zu erkennen.
Uniformen waren mitbestimmend für das Straßenbild, Kriegervereine
erhielten regen Zulauf und der Bau von Militärdenkmälern hatte
Hochkonjunktur. Nicht nur im Alltag zeigte sich die Militärpräsenz,
sondern auch in der Politik. Die Rüstungsanstrengungen der Industrie liefen
auf Hochtouren. Es kam zu einer militärisch-ideologischen Durchdringung der
politischen Bildung. Das Militär verselbständigte sich als Kaste, „ohne
Zwang zur Verantwortlichkeit und Legitimation gegenüber der Gesellschaft,
aus der es hervorgegangen war und die es letztlich noch immer trug“.
Überall
in der Gesellschaft erkannte man den Wert, der dem Militär beigemessen
wurde. Weder Schulen, Fabriken noch öffentliche Anlässe waren davon
ausgenommen. Offiziere waren bestückt mit Privilegien und Ehrvorstellungen,
die sie von der übrigen Gesellschaft abhoben. Selbst mit der Zunahme bürgerlicher
Offiziere kam es nicht zu einer Verbürgerlichung des Militärs. Vielmehr übernahmen
die bürgerlichen Offiziere den Ehrenkodex des Adels, so daß das Militär
gerade unter Wilhelm II. zu einem Staat im Staate wurde. Wie sehr sich die
zivile Bevölkerung an militärischen Werten orientierte, zeigte sich u.a.
in der Übernahme des Duellwesens und an dem Stellenwert von Uniformen, die
nach einem entsprechendem Autoritätsverhalten verlangten.
Das
fast generelle Verbot für Juden, die wie Siegbert Tarrasch eine
Assimilation anstrebten, in der
preußischen Armee dienen zu können, mußten diese in einer Gesellschaft,
die dem militärischen Rang höchste Achtung entgegen brachte, als
deprimierend empfunden haben.
In
den Jugendjahren eines deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen
Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male
voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten
ist und daß keine Tüchtigkeit und daß kein Verdienst ihn aus dieser Lage
befreien kann.
Innenpolitisch
war das Kaiserreich durch die Polizei ebenfalls stark nach militärischem
Muster organisiert. Sie hatte vergleichsweise große Macht. Die Tatsache, daß
ein Polizeikommissar, der einer Arbeiterversammlung beiwohnte, diese einfach
für beendet erklären konnte, wenn er glaubte, ein Wort gegen den Kaiser
gehört zu haben, belegt dies deutlich.
Die
Hervorhebung des Militärs drückten dem wilhelminischen Kaiserreich ihren
Stempel auf,
auch in einem scheinbar so unbedeutenden Spiel wie dem Schach durch Siegbert
Tarrasch. In seiner schachlichen Erkenntnistheorie zeigen sich Befehl und
Gehorsam. Wie der Wilhelminismus kennzeichnete sich das Verhalten Siegbert
Tarraschs auf dem Schachbrett durch ein bedingungsloses Streben nach Größe,
wobei Realität und Wirklichkeit, Anspruch und Umsetzung, nicht immer
dasselbe waren. Für Tarrasch war als Kind des Wilhelminsmus Befehl und
Gehorsam das dominierende Ordnungsprinzip der Welt.
Die
Großmachtbestrebungen des Wilhelminismus führten zu einer gewissen
Entfremdung zwischen Deutschland und einigen anderen europäischen Nationen.
In
der öffentlichen Meinung der anderen europäischen Nationen entwickelte
sich das Bewußtsein einer Bedrohung, die weniger an den Zielen der
deutschen Außenpolitik als am Stil des forschen Auftretens und Auftrumpfens
immer aufs neue eine scheinbare Bestätigung fand.
Die Beurteilung Tarraschs von einigen seiner ausländischen
Kollegen ging mit dieser Einschätzung Deutschlands einher, schließlich
kritisierte Tarrasch bei Gelegenheit die Spielweise anderer Meister, wenn
diese nicht nach seinen Regeln spielten. Schachmeister wie Nimzowitsch oder
Rubinstein hörten oft folgende belehrende Redensart von Siegbert Tarraschs:
Rubinstein
spielt nicht nach den Regeln, Nimzowitsch spielt nicht nach den Regeln.
Dies brachte Siegbert
Tarrasch manch spöttische Bezeichnung ein wie u.a. die des Schachmeisters
L. Löwy:
Also
sprach Tarraschusta.
Was
Siegbert Tarrasch verwarf, verwarf er endgültig. Was er für richtig hielt,
vertrat er mit ganzer Kraft. Gerade in diesem Punkt wurde in Siegbert
Tarrasch der wilhelminische Deutsche sichtbar. Das Wesen des Wilhelminismus
war linear. Ein einmal gefaßter Entschluß wurde ohne die Duldung jeglichen
Widerspruchs weiterverfolgt. Von einem einmal eingeschlagenen Weg wurde
nicht mehr abgewichen, nicht zu Kompromissen bereit und in Eindimensonalität
verharrend.
Genau dies sollte die Tragik im Leben von Siegbert Tarrasch werden. Er
forderte mit seiner Schachtheorie eine fehlerlose Denkmaschine ein, die
immer auf der Suche nach dem absolut richtigen Zug sein mußte und, wenn
seine Lehre befolgt würde, ihn auch finden müßte. Doch ist der Mensch
eben keine Denkmaschine und Tarrasch selbst mußte erleben, wie viele seiner
schachlichen Dogmen im Laufe der Zeit widerlegt wurden.
Den
Gegensatz zu Siegbert Tarrasch bildete sein langjähriger Widersacher
Emanuel Lasker. Lasker war nach Steinitz der zweite offizielle Weltmeister
und hatte den Titel von 1894-1921 inne.
Als die Grundsätze von Wilhelm Steinitz durch Tarrasch verabsolutiert und
damit eine Ausweitung des Schöpferischen im Schach unterbunden werden
sollte, betonte Emanuel Lasker das kämpferische Element in der schachlichen
Auseinandersetzung.
Wie paßt nun Emanuel Lasker in dieses Bild? Was ist das Besondere
und offenbar Einmalige in seiner schachlichen Wirksamkeit? Und warum darf
man sie höher einschätzen als die des Dr. Tarrasch? Gewiß, Lasker war
Weltmeister, was Tarrasch nie war, Lasker hat den alten Steinitz geschlagen
und später auch den alternden Tarrasch. Aber der äußere Erfolg allein
entscheidet nicht über den Wert einer Persönlichkeit. Man muß auch alle
anderen Umstände kennen [...].
Was aber schon hier gesagt werden soll, was wir hier schon erörtern müssen,
wenn auch ein Schachlaie, wenn auch ein Nichtschachspieler uns verstehen
soll, das ist die Schachauffassung, die Lasker selbst allmählich aus seinem
Wesen, aus der Entfaltung seines Charakters, aus der Gestaltung seines
gesamten Weltbildes herausentwickelt hat.
Lasker
proklamierte nicht nur den einen besten Zug in einer Stellung auf dem
Schachbrett, sondern machte die Stärke eines Zuges von dem Spielstil des
Gegners abhängig. Er praktizierte einen relativen Schachstil. Der Gegner
spielte bei Tarraschs Betrachtung des Schachs keine Rolle, für Lasker
hingegen war der Gegner das Entscheidende. Emanuel Lasker war der erste
Schachspieler, der die sich entwickelnde wissenschaftliche Psychologie
systematisch auf das Schachspiel übertrug.
Neben den unterschiedlichen Auffassungen über das Schach traten bei diesen
beiden deutsch-jüdischen Spitzenspielern politische Differenzen hinzu. Im
Gegensatz zu Tarrasch erkannten Schachspieler wie Savielly Tartakower
(1887-1956) und eben Emanuel Lasker, die den ersten Weltkrieg genauso wie
Tarrasch auf deutsch-österreichischer Seite mitgetragen hatten, daß eine
Assimilation der Juden in Deutschland nicht gelingen würde.
Tarrasch verurteilte die kosmopolitische Haltung Laskers und übertrug diese
Geringschätzung teilweise auf die schachlichen Qualitäten Laskers, wie
dieser im übrigen umgekehrt auch.
War
Tarrasch Repräsentant des geistigen Bildnisses seiner Zeit: Wahrer, Hüter
und Lobpreiser der Werte, so war Lasker der Repräsentant der Kehrseite des
Bildes: Skeptiker, Ironiker, Bezweifler der Werte. Tarrasch sah das
Statische des Bildnisses, die unbewegte Form, Lasker sah das Dynamische, das
Vergängliche, den ewigen Fluß der Dinge. Aus derselben Welt derselben
Werte, derselben Lebensbedingungen, derselben sozialen und kulturellen
Beschaffenheit kamen sonach zwei ganz wesensverschiedene Naturen. Und das
ist nichts Neues, nichts Auffallendes. Immer hat es nebeneinander den
Konservativen und den Fortschrittlichen gegeben, den einen, der die
errungenen Güter zu verteidigen und zu befestigen strebte, den anderen, der
sie umformen, besser machen wollte. Beides zusammen, das Beharrliche und das
Vorwärtstreibende, geben erst in ihrer höheren Einheit den eigentlichen
Charakter der Welt. Das Schachspiel der zwanziger Jahre vor dem Weltkrieg wäre
undenkbar ohne Tarrasch, den Konservativen, und ohne Lasker, den Revolutionär.
Anhand
des Wettkampfes 1908
zwischen Lasker und Tarrasch in Düsseldorf um den Weltmeistertitel läßt
sich die Einbeziehung der Psychologie durch Lasker,
die besondere Beziehung der beiden und die Überzeugung Tarraschs, einen
einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr zu verlassen und selbst kurz vor der
Niederlage stehend immer noch davon überzeugt zu sein, sich auf dem
richtigen Weg zu befinden, sehr gut verdeutlichen.
Tarrasch wurde durch sein starres Festhalten an seinen Prinzipien von Lasker
mit Hilfe der Psychologie geschlagen. Lasker verstand es ein um das andere
Mal, sogenannte Verluststellungen
(laut Tarrasch) in Siege umzuwandeln.
Er
gewann die Mehrzahl seiner Partien nicht, weil er der stärkere
Schachspieler, sondern weil er der ruchlosere Psychologe war, dem die naive
Redlichkeit der Schachwissenschaftler von der Art von Wilhelm Steinitz und
Siegbert Tarrasch im Turnierkampf nicht gewachsen sein konnte.
Tarrasch
und Lasker hatten ihre schachlichen Wurzeln bei Steinitz. Tarrasch wollte
der sich entwickelnden Schachtheorie eine wissenschaftliche Grundlage geben,
die er für die Durchführung einer Partie für unverzichtbar hielt.
Er
[Tarrasch] glaubt an Dauer, er glaubt an Sicherheit, er glaubt an die
Erreichbarkeit der absoluten Wahrheit und er ist vor allem tief überzeugt
von der absoluten, unwan-delbaren und für jeden konkreten Fall mit
gleicher Kraft gültigen Richtigkeit seiner eigenen Schachwahrheit und
Schachtheorien.
Für
Lasker war das Schachspiel ein Spiegelbild der Gesellschaft, eine Theorie
des Kampfes. Siegbert Tarrasch praktizierte einen
methodisch-wissenschaftlichen, Emanuel Lasker einen
philosophisch-realistischen Schachstil.
Steinitz
war immer auf der Suche nach dem wissenschaftlichen Zug,
Tarrasch glaubte mit preußischem Selbstbewußtsein, immer den
wissenschaftlichen Zug zu spielen. Er selbst schrieb über seine Partien im
Wettkampf mit Karl August Walbrodt, daß seine Partien einen „Grad der
Korrektheit“
erreicht hätten, wie noch kein Spieler über mehrere Partien vor ihm. Sein
Spiel sei von „fast absoluter Korrektheit geprägt gewesen“.
Lasker hingegen interessierte sich nicht für den korrekten Zug, sondern nur
für den unangenehmsten. Für Lasker war das Spiel nicht nur Geisteskampf,
sondern in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Gegner. Schach
bedeutete für ihn Wettkampf mit dem Ziel des Sieges.
Charakteristisch
für Lasker war sein Ausspruch:
Man
hüte sich vor dem Dogma. Das Dogma ist des Künstlers Feind. Und dennoch
gibt es eine Wahrheit auch im Schachkampfe, nur hat sie nicht die Form, die
der Naive sucht: der beste Zug. Ach nein! In dem Augenblick wo ‚der beste
Zug‘, wie ihn der Naive ersehnt, erkannt sein wird, in diesem selben
Augenblick wird das Schachspiel tot sein, denn zum Leben gehört das
Problematische.
In
der Spielauffassung von Tarrasch und Lasker spiegelte sich ihre Lebensweise
und -auffassung wider.
Denn
die unvergleichliche Größe Laskers beruht darin, daß er den Relativismus
des Steinitzschen Denkens noch weiter getrieben hat, über die Grenzen
hinaus, an denen Steinitz stehen blieb: Steinitz suchte das absolute Schach,
wenngleich er wußte, daß es nur im Lande Utopia zu finden sei. Lasker aber
suchte erst gar nicht dieses absolute Schach, sondern er tat seine Augen auf
und suchte den Menschen. In all ihrem Schachdenken und Schachphilisophieren
hatten sowohl Steinitz als auch Tarrasch immer nur mit dem Hemmnissen des
eigenen Hirnes gerechnet und ihr ganzes Streben darauf gerichtet, durch schärfste
eigene Geistesanstrengung, durch gesteigertes Gehirntraining zu den letzten
endgültigen Wahrheiten vorzudringen. Sie hatten aber nicht im mindesten mit
Bewußtsein erwogen, daß im Schachkampf ja noch ein zweites Gehirn, noch
eine zweite Seele da ist, nämlich der – Gegner. Im Denkprozeß Steinitz
und Tarrasch hatte der Gegner überhaupt keine Rolle gespielt. In ihrer
Theorie war es gleichgültig, wer der Gegner war. In Laskers Theorie
hingegen war das Entscheidende – der Gegner!
Lasker
spielte und provozierte Stellungen, von denen er glaubte, daß sein Gegner
sie nicht mögen würde. Schon in der Eröffnung geriet er häufig in
Nachteil. Dies geschah jedoch nicht aus Unkenntnis, sondern entsprach seinem
subtilen, aggressiven Spiel auf Sieg, basierend auf der These, daß Angriffe
des Gegners ohne eine gesunde positionelle Basis Schwächen hervorrufen mußten.
Er provozierte die Romantiker zu Angriffen, um sie im Konter und durch den
damit hervorgerufenen Schock - Verlust der Initiative - mit einer
ausgefeilten Technik zu schlagen. Für ihn hing der jeweils beste Zug in
einer Stellung vom Spielstil des Gegners ab.
Nach
seiner These gab es so viele richtige Züge, als es psychologisch
differenzierte Gegner gab. Steinitz und Tarrasch haben im Schach in
unerreichter Abstraktion gespielt, Lasker aber hat mit lebenden Menschen
gespielt, mit jedem anders, jeden unter das Gesetz seines psychologischen
Denkens zwingend.
Beide
veröffentlichten in ihren Schachzeitungen unfreundliche Kommentare über
den anderen. Dies führte sogar soweit, daß Tarrasch Lasker in einer eigens
von ihm konzipierten „Dusel-Tabelle“ mit weitem Abstand an erster Stelle
führte. Ein typischer Kommentar Tarraschs über eine Partie Laskers
lautete, daß die ganze Partie einer der sogenannten Laskerschen Glücksfälle
war.
Noch
lange nach dem Weltmeisterschaftskampf gegen Lasker, den Tarrasch mit 8 deutlicher als erwartet verlor, verstand Tarrasch nicht, wie Lasker ihn
hatte besiegen können. Er veröffentlichte Schriften mit abfälligen
Bemerkungen über Laskers Spielweise. Dies zeigt, wie wenig Verständnis
Tarrasch der von Lasker systematisch eingeführten Psychologie
entgegenbrachte, sicherlich beeinflußt vom Unverständnis darüber, daß
ein deutscher Jude nicht wie er mit Leib und Seele für Deutschland spielte.
Lasker seinerseits schrieb über Tarrasch:
Dr.
Tarraschs Stärke oder Schwäche - wie man wünscht - ist seine
ausgesprochene Eigenliebe. Ohne sie wäre er ein höchst mittelmäßiger
Schachspieler; im abnormen Maße mit ihr begabt, ist er ein Gigant geworden.
Seine Eigenliebe ist derart, daß er sich igendworin hervortun muß. Schach
war nun einmal das, was ihm am leichtesten fiel, und deshalb ist er sehr
angetan vom Schach, aber ganz besonders von seinem eigenen Schach.
In
einer Anlehnung an das von Tarrasch im Zusammenhang mit dem Schachspiel häufig
verwendete Wort Korrekt/Korrektheit schrieb Lasker über Tarrasch:
Korrekt
heißt in Deutschland die Haltung eines Mannes, dessen Benehmen nach dem
Urteile seiner Nachbarn seiner Stellung angemessen ist. Um korrekt zu sein,
muß man sich der Meinung der anderen anpassen...
Den
Unterschied in der Spielauffassung der beiden charakterisierte Lasker wie
folgt:
Dr.
Tarrasch ist ein Denker, der tiefe und vielschichtige Überlegungen liebt.
Er ist bereit, die Effektivität und Zweckmäßigkeit eines Zuges
anzuerkennen, wenn er ihn gleichzeitig als schön und als theoretisch
korrekt betrachtet. Aber ich akzeptiere diese Art von Schönheit nur, falls
und wenn sie gerade zweckmäßig ist. Er bewundert eine Idee um ihrer Tiefgründigkeit
willen, ich bewundere sie wegen ihrer Wirksamkeit. Mein Gegner glaubt an Schönheit,
ich glaube an Stärke. Ich finde, daß ein Zug dadurch, daß er kraftvoll
ist, auch schön ist.
Ich
liebe die Kraft, die gesunde Kraft, die das Äußerste wagt, das Erreichbare
zu erreichen. Wir beide sind sehr verschieden, und um die Wahrheit zu sagen,
wir lieben uns nicht.
Lasker erzielte seine
Erfolge im Schach als Künstler, Tarrasch als Soldat.
Tarraschs
Einfluß auf seine Zeitgenossen war trotz aller Kritik Laskers sehr groß.
Durch ihn glaubte man, das Schachspiel vollständig verstanden und lehrbar
gemacht zu haben. Seine Regeln wurden zu Dogmen.
Er begegnete dem Vorwurf Laskers, zu dogmatisch zu sein, immer mit dem
Hinweis, daß es in der Wissenschaft um gar nichts anders gehen könne, als
nach Dogmen zu suchen. Ein Versuch, die beiden zur Versöhnung zu bringen,
endete bezeichnend für ihre Situation mit dem Satz:
Ihnen,
Herr Lasker, habe ich nur drei Worte zu sagen, Schach und Matt!
Zur
Erläuterung der Psychologie im Schachverständnis von Emanuel Lasker sind
noch zwei Äußerungen von Bedeutung. Sie deuten den Wert Laskers für das
Schach im Wechselspiel mit der Gesellschaft an. Joachim Petzold bemerkte über
Laskers neue Ideen:
Lasker,
der sich im Alter nicht zufällig der Freundschaft Albert Einsteins
(1879-1955) erfreuen konnte, hatte auch seine Schlüsse aus dem
Zusammenbruch der mechanistischen und posivistischen Weltanschauungen und
dem Triumph der Dialektik in der Wissenschaft gezogen. Einsteins Relativitätstheorie
wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem
relativ besten Zug trachtete. Beide sahen auf ihre Weise, daß sowohl im großen
Universum als auch auf dem kleinen Schachbrett alle Wertmaßstäbe vom
Bezugssystem abhingen.
Ähnlich
äußerte sich Garry Kasparow:
Der
deutsche Mathematiker und Philosoph war der Pionier des psychologischen
Elements im Schach. Lasker war ein herausragender Stratege, aber er wußte,
daß eine psychologische Schwäche seines Gegners wichtiger sein konnte als
die 100prozentige Korrektheit seiner Züge. Sein Wissen um die menschliche
Psyche und sein Sinn für Relativität schachlicher Strategie ließ ihn fast
alle Turniere gewinnen, an den er teilnahm und machte ihn zum
Rekordweltmeister - 27 Jahre lang! Und welche zwei Namen beherrschten die
Gedanken der gebildeten Menschen seiner Zeit? Natürlich Einstein und Freud!
Weitere Erläuterungen unnötig.
Lasker machte sich ebenso
wie Tarrasch die neuen Ideen von Steinitz zu eigen und erweiterte sie um das
kommunikative Element. Eine Partie Schach ist immer ein Dialog zweier
Individuen mit ihrer eigenen Geschichte und kein Monolog, wie es Tarrasch
sah. Laskers Relativismus war ein Produkt des Instrumentalismus seiner Zeit.
Tarrasch hingegen erweiterte die Ideen Steinitz’ um den Gedanken der
Mobilität. Diskutiert wurde diese Kontroverse in zahlreichen Partien in der
sogenannten Tarrasch-Variante.
Sie ist gekennzeichnet durch einen isolierten Zentrumsbauern. Für Steinitz
ein Nachteil, weil der Bauer nicht durch einen anderen gedeckt werden kann,
für Tarrasch nicht, weil der statische Mangel der Stellung durch den
isolierten Bauern durch die erhöhte Mobilität der anderen Figuren
kompensiert wird. Tarrasch sah in dem Bauer eine Stärke, wenn es dem
Spieler gelänge, den richtigen Zeitpunkt innerhalb der Partie zu erkennen,
um durch eine Transformation von Statik in Dynamik einen Vorteil zu
erlangen. Diese Diskussion wird auch heute noch in zahlreichen Partien
dieser Variante geführt.
Tarrasch
war ein Mann von preußischer Disziplin und ging mit sich ebenso hart ins
Gericht, wie er es mit anderen Schachmeistern tat, wenn er nicht das
erreichte, was er erreichen wollte. Nachdem er in dem Turnier von San
Sebastian nur den siebten Platz erreichte, fragte ihn Jacques Mieses:
Auf
der Heimreise werden sie sich wohl einige Tage Seine-Babel (Paris) gönnen,
nicht wahr? Erwiderte Tarrasch mit eisiger Ruhe: Ja, wenn ich einen Preis
gewonnen hätte, wäre ein kurzer Pariser Aufenthalt eine schöne Belohnung
für die gute Arbeit gewesen. Preislos fahre ich einfach direkt nach Nürnberg.
Ich muß mich bestrafen.
Wilhelminische
Zucht und Ordnung hatte er verinnerlicht.
Siegbert
Tarrasch wurde nicht müde, sein Deutschtum zu betonen. Nur in diesem
Kontext ist das Zustandekommen des folgenden Nachrufs, verfaßt von Eduard
Dyckhoff, zu verstehen:
Und
ferner, seine Liebe gehörte dem deutschen Schach! Auf allen Turnieren und
Reisen im Inland und Ausland fühlte er sich als verantwortlicher Repräsentant
des deutschen Schachs und gewann, immer als Deutscher sich bekennend, seinem
Vaterlande Ruhm, Achtung, Ehre. Er war es, der in der ganzen Welt als der
große Vertreter gründlichen deutschen Schachgeistes und wissenschaftlicher
deutscher Schachschule galt. Er war nicht bloß ‚praeceptor Germaniae’,
sondern wahrhaft ‚praeceptor mundi’!
Tarraschs
Auftreten ließ keinen Zweifel daran, daß er immer darauf bedacht war, ein
korrekter, tugendhafter, deutscher Bürger zu sein. Er verkörperte wie kein
anderer Schachmeister angebliche deutsche Tugenden wie Solidität,
Gewissenhaftigkeit, Zucht und Ordnung.
Die von
ihm verfaßten
Hauptwerke Das
Schachspiel,
Dreihundert
Schachpartien
und Die moderne
Schachpartie
waren richtungsweisend für ganze Generationen, ebenso wie die schon erwähnte
nach ihm benannte Verteidigung im Damengambit. Harald E. Balló wies darauf
hin, daß Tarraschs Dogmatismus, seine oft verletzende und oberlehrerhafte
Art nicht aus dem Kontext der Stellung der Juden im Kaiserreich und der
Weimarer Republik und nicht nur aus der „Systembessenheit und
Katalogisierungswut“
dieser Zeit betrachtet werden kann.
Der Ausgrenzung der Juden begegnete Tarrasch durch ein noch größeres Bemühen
nach Assimilation. Er bezichtigte Lasker der Geldgier, da dieser nur für
hohe Preisgelder spielte und nicht wie er, der deutsche Arzt, Vertreter des
Bildungsbürgertums und Vorkämpfer des deutschen Schachs, zur Ehre des
Vaterlandes. Die These Ballós, Tarrasch hätte versucht, das Gefühl der
gesellschaftlichen Minderwertigkeit des Juden durch ein übersteigertes Bedürfnis
nach öffentlicher Anerkennung zu kompensieren, ist nicht von der Hand zu
weisen.
Zwar
wurde eine offene, gegen Juden gerichtete Politik unter Bismarck nicht
praktiziert, doch hinderte dies den Staat und die Verwaltung nicht, dafür
zu sorgen, den Juden bestimmte, hervorgehobene Positionen zu verweigern. Den
Juden war es ebensowenig gestattet, Professor an einer Universität zu
werden wie das prestigesträchtige Amt des Reserveoffiziers einzunehmen. In
beiden Fällen galt das Kriterium der Taufe, welches die Juden nicht erfüllten.
Der preußische Innenminister Schönstedt leugnete die Qualifikation der
Juden in ihren Berufen nicht, wollte aber das Mißtrauen, das den Juden von
großen Teilen der Bevölkerung entgegengebracht wurde, nicht ignorieren und
ernannte demzufolge keinen Juden zum Richter.
Die
Juden im deutschen Kaiserreich waren von diesen antisemitischen Anfeindungen
enttäuscht. Die Mehrheit jedoch pflegte dies nicht als Gefahr zu
betrachten. Sie war zwar Opfer mancher Diskriminierung geworden, aber
bereit, diese als Taten einer Minderheit anzusehen, zumal sie die von Preußen
praktizierte religiöse Toleranz sahen, die Preußen zum Anziehungspunkt für
Glaubensflüchtlinge aus ganz Europa werden ließ. Darüber hinaus bot das
Kaiserreich, welches sich auf dem Wege des wirtschaftlichen Aufschwungs
befand, offene Wege, um daran zu partizipieren. Egbert Meissenburg hielt
daher den Zwiespalt zwischen „Leistungsvorstellung und
Leistungsverwirklichung“
für das eigentlich Tragische im Leben von Tarrasch und widerspricht damit
der These Ballós. Seine Erklärung kann jedoch nicht überzeugen, da
Tarraschs Anspruch nach Leistungsverwirklichung nur im Zusammenhang mit
seiner Assimilation zu betrachten ist. Die Juden mußten bedingt durch den
immerwährenden Druck von außen ständig Herausragendes leisten, um einer
weiteren Diskriminierung zu entgehen bzw. ihrem eigenen Anspruch nach
Deutschtum gerecht zu werden. Der daraus erwachsene Anspruch, den Tarrasch
an sich selbst stellte, hatte er verinnerlicht und sich zum Maßstab
gesetzt.
Tarrasch
wechselte vom mosaischen zum evangelischen Glauben, er war getaufter Jude.
Warum Tarrasch den Glauben gewechselt hat, ist nicht bekannt. Meissenburg
vermutete, daß familiäre Gründe dafür verantwortlich waren und führte
zudem an:
Nach
jüdischer Tradition und rabbinistischer Lehre ist es – bei Einheit von
Volkszugehörigkeit und Religion – für einen Juden unmöglich, sein
Judentum durch Glaubensübertritt abzulegen.
Aus
diesem Grund wurde selbst der Glaubensübertritt von Juden oft dahingehend
gedeutet, daß dies nur ein Beweis für die jüdische Verstellungskunst wäre.
Dennoch existierte seit 1876 das sogenannte Austrittsgesetz,
welches Juden neben der Heirat mit einem Nichtjuden die Möglichkeit bot,
ohne konvertieren zu müssen, ihren jüdischen Glauben aufgeben zu können.
Das Gesetz wurde nur wenig in Anspruch genommen.
Die
stark national ausgeprägte Schulbildung Preußens
leistete dem Deutschtumstreben der Juden
sicherlich Vorschub. Selbst nachdem sich die Anzeichen für einen wachsenden
Antisemitismus auch und gerade in der akademischen Welt zu vermehren
begannen, tat dies den Assimilierungsbemühungen vieler Juden keinen
Abbruch. Der Schulbildung maßen sie dabei eine ganz besondere Rolle bei.
Gerade orthodoxe Juden sahen in einer guten Schulbildung die Möglichkeit,
den Gesetzen und dem wirtschaftlichen Druck zu begegnen. Abgesehen davon
betrachteten es jüdische Rabbiner und Lehrer als ihre Pflicht, durch die
schulische Bildung eine Verquickung von jüdischer und allgemeiner Bildung
zu erzielen. Nur so sollte es gelingen, jüdische Traditionen in Deutschland
aufrecht zu erhalten. Der Staat stand diesem Streben der Juden sehr kritisch
gegenüber. Schließlich sah er in der Erziehung seiner
Jugend und im Schulwesen ihm obliegende Aufgaben. Sollte es einmal zu
unterschiedlichen Meinungen im Bereich der Erziehung kommen, ging immer die
Staatstreue vor.
Für die Juden bedeutete dies die Unterordnung unter eine deutsche
Gleicherziehung mit christlicher Überzeugung und Anerkennung der Kirche,
zumindest in den Volksschulen.
Der
preußische Kulturminister Friedrich Althoff war sich der Qualitäten und
der Assimilierungsprobleme, die einige jüdische Wissenschaftler an den Tag
legten, bewußt. Er gründete daher Forschungsinstitute für
Wissenschaftler, denen der Eintritt in etablierte Fakultäten verwehrt
blieb. Ähnlich gute Möglichkeiten boten die Kaiser-Wilhelm-Institute in
Berlin. Diskriminierung und Bewunderung bildeten häufig den Rahmen für außergewöhnliche
Leistungen der Juden auf vielen Gebieten. Sie etablierten sich aufgrund der
staatlichen Beschränkungen in gewissen Berufszweigen, was oft zu
langanhaltenden beruflichen Familientraditionen führte.
Siegbert
Tarrasch wuchs unter den genannten erzieherischen Gesichtspunkten in Breslau
auf, das dafür bekannt war, gegenüber Preußen positiv eingestellt gewesen
zu sein. Die Juden in Breslau konnten sich innerhalb der Grenzen recht frei
bewegen. Die Abgrenzung zu den einreisenden, größtenteils proletarischen
Ostjuden bestätigt ebenfalls das Streben der Breslau-Juden
nach Anerkennung innerhalb Preußens. Durch ihre eigens verordnete
Abgrenzung zu den einreisenden Ostjuden versuchten sie, den deutschen
Charakter der Gemeinde nicht zu gefährden. Nach der Eroberung Schlesiens
1742 verstand sich gerade dieses Schlesien als Rammbock
gegen das Slawentum und war stolz auf seine Deutschzugehörigkeit. Der
liberale jüdische Theologe Abraham Geiger schrieb schon einhundert Jahre
zuvor über den Versuch der Assimilation der Juden in Deutschland:
Ich
liebe Deutschland, trotzdem, daß mich, den Juden, dessen
Staatseinrichtungen verstoßen; fragt die Liebe nach einem Grund? Ich fühle
mich seiner Wissenschaft, seinem ganzen geistigen Ernste verwebt, und wer
wird den Nerv seines Daseins ungestraft durchschneiden?
Der
Assimilation der einreisenden Emigranten aus Osteuropa stand man jedoch
nicht immer ablehnend gegenüber. Die jüdischen Einrichtungen unterstützten
die Emigranten in ihrem Bestreben, sich in die Gemeinde zu integrieren. Doch
erfolgte dies nicht nur aus reiner Selbstlosigkeit. Viele deutsche Juden
versuchten so, negative Auswirkungen auf die eigens angestrebte Integration
zu vermeiden, um keine Gründe für einen ausgeprägteren Antisemitismus zu
liefern. Oftmals betrachtete man die Ostjuden nur als geduldete Gäste.
Sie stellten das Bestreben der Juden in Deutschland: „Wir sind
Deutsche“, durch ihre mangelnden Sprachkenntnisse und ihr jüdisches
Volksbewußtsein in Frage.
Tarrasch
besuchte das Elitegymnasium in Breslau, an welchem schon Adolf Anderssen
unterrichtet wurde. Während seines Studiums gründete sich die jüdische
Studentenverbindung Viadrina
(Universitätsname), die sich um die Anerkennung der Juden bemühte und
ihren Glauben nicht länger verstecken wollte. Die Verbindung wurde bald
ohne Angabe von Gründen verboten. Schon 1880 versuchten jüdische Studenten
in Breslau, eine neue Definition des Judentums zu finden, um den
antisemitischen Tendenzen an den Universitäten zu begegnen. Sie betonten
sowohl ihr Deutsch- als auch ihr Judentum. Durch körperliche Ertüchtigung
versuchten sie, den Mut und die Männlichkeit der Juden unter Beweis zu
stellen. Die Studenten praktizierten einen Integrationsspagat
zwischen Akzeptanz der Ideale des deutschen Bürgertums und dem Festhalten
an jüdische Traditionen. 1896 erfolgte der Zusammenschluß jüdischer
Studenten zum Kartell jüdischer
Studentenverbindungen, welches später
auch als K. C. bekannt wurde.
An
der Namengebung für seinen ersten Sohn, den Tarrasch Fritz nannte, zeigt
sich die positive Identifikation des Juden Tarrasch mit Preußen.
Viele Juden wurden nach dem Tode Kaiser Friedrichs (1888) von der jüdischen
Presse aufgerufen, neugeborenen Söhnen den Namen Friedrich zu geben. Eigens
hierfür wurden das ganze Jahr über Listen von Vätern geführt, die dieser
einer altjüdischen Sitte nachgebildeten Namengebungen entsprachen.
Dem
Nationalisten Tarrasch war es vor allem unverständlich, warum seine
schachlichen Erfolge nicht als deutsche Erfolge angesehen wurden.
Rückhaltlos
erkannte die ausländische Schachpresse mich an, so besonders Zuckertort
[ein berühmter Meister der Zeit. Anm. d. Verf.] in Chess Monthly und
Steinitz im International Chess Magazine. [...] Nur die deutsche
Schachpresse, [...] hüllte sich in beredtes Schweigen.
Dies
schrieb Tarrasch über das 1885 stattgefundene Turnier in Hamburg, bei dem
er Zweiter wurde. Weiter hieß es:
[...]
vielmehr hielt ich es für selbstverständlich, daß ich mein in Breslau
errungene Renommee bei der nächsten Gelegenheit wieder aufs Spiel setzen
und verteidigen müßte, wie dies auch Anderssen, das Ideal eines
Schachspielers, stets getan hat.
Nach
seinem Turniererfolg in Manchester 1890 gab Tarrasch bekannt, wie sehr es
ihn freue, das Turnier für Deutschland gewonnen zu haben.
Die nach dem Turnier abgesandte Telegraphie des Schachclubs Augustea, „dem
ersten deutschen Meister gratuliert Augustea“,
empfand Tarrasch als Beleidigung. Er fühlte sich, wie es ausländische
Zeitungen schon lange proklamierten, als Weltmeister.
Er
wollte nicht erster Deutscher sein, sondern wollte für Deutschland
Weltmeister sein.
Nach seinem Sieg über
den Amerikaner Frank Marshall 1905 erklärte Tarrasch in Richtung Emanuel
Lasker:
Nach
dieser meiner neuesten und größten Leistung habe ich keine Veranlassung,
irgend jemand in der Schachwelt als über mir stehend anzuerkennen. Es war
gewiß schwerer, den jungen Marshall zu schlagen als den alten Steinitz
[Anspielung auf Lasker, der den alternden Steinitz schlug. Anm. d. Verf.].
Wie
Tarrasch proklamierten sehr viele Juden ihr Zugehörigkeitsgefühl zum
Deutschtum. Selbst Vertreter der orthodoxen Juden wandten sich gegen die
Unterstellung, fromme Juden könnten keine guten Deutschen sein:
Wir
deutsche Juden sind Deutsche und nichts anderes. Deutsche durch Geburt und
Gesinnung.
Sie empfanden Deutsch als
ihre Muttersprache und waren besorgt um das Wohl ihres Landes. Die Ausübung
der Bürgerpflichten war für sie selbstverständlich und gleichsam religiöse
Vorschrift. Ein Teil der orthodoxen Juden zog gar eine Verbindung zwischen
der Vernachlässigung der jüdischer Religion und dem Nichtnachkommen der
deutschen Bürgerpflicht, die dann schließlich in patriotischer
Begeisterung in folgendem Satz eines Rabbiners ihren Ausdruck fand:
Nur
der fromme Jude ist ein guter Deutscher.
Viele
Rabbiner sahen es als altjüdische religiöse Verpflichtung an, dem
Vaterland stets Gehorsam zu leisten und seinen Gesetzen zu folgen. Es als
Vaterland zu betrachten, „wie es dir früher das gesegnete Land deiner
Erzväter war“.
Nicht alle Juden praktizierten einen derartigen Nationalismus. Einige sahen
in ihrem Deutschtum keine Ideologie, sondern ein Kulturdeutschtum,
eine Geistesverwandtschaft zwischen Juden und Deutschen. Für sie sollte die
deutsche Sprache und Kultur als Religionsträger geistiger und ethischer
Werte dienen, der nichts mit einem national-politischen Deutschtum zu tun
hatte. Dieses rein geistige Deutschtum reichte für die Öffentlichkeit
jedoch nicht aus. Dort mußten auch die Kulturdeutschen eindeutig Position
zu Deutschland beziehen. Die Demonstration für Deutschland durchlief dabei
mehrere Etappen.
Sie
begann von ‚wir deutschen Israeliten’ zu sprechen und ging dann mit
merklicher Verschiebung des Nachdrucks über zu ‚wir jüdische Preußen
und Deutsche’. Die Einigung deutscher Länder ließ den Gedanken
aufkommen: ‚Wir sind ebenso Deutsche wie die Mecklenburger’ und daher
‚kein besonderes Volk im Staate’ [...].
Orthodoxe
Juden bildeten oftmals nur Deutsche auf
Zeit, schließlich beteten sie bis zu dreimal täglich um ihre baldige Rückkehr
nach Zion. Dennoch machte sie dies nicht weniger nationalistisch als
andere Bürger. Für sie war Deutschland ihr Vaterland, das es zu umsorgen
und nötigenfalls zu verteidigen galt. Als einer der schlagendsten Beweise für
die Zugehörigkeit der in Deutschland lebenden Juden zu ihrer
Nation wurde von ihnen ihre Diskrepanz zu Juden anderer Nationalitäten
benutzt. Gerade am Beispiel zum damaligen Erzfeind Frankreich stellten sie
dies deutlich unter Beweis. Die in Elsaß-Lothringen lebenden Juden fühlten
sich sehr mit Frankreich verbunden. Im Umgang der deutschen Juden mit den
französischen wollten die deutschen Juden klar stellen, daß, „wer
erfahren hat, wie die deutschen und die elsässischen Juden dort wie Wasser
und Öl unvermittelt neben einander leben, der hat das Gefabel von der
‚Vaterlandslosigkeit’ der Juden recht praktisch illustriert studieren können“.
Ebenso
erging es Siegbert Tarrasch, der noch im Dezember 1932, kurz vor der Machtübernahme
Hitlers, in seiner Schachzeitung schrieb:
Kann
Schach nicht schließlich das Nationalspiel der Deutschen werden?
Mit dieser Einschätzung
gab sich Tarrasch ebenso einer Illusion hin wie vor ihm schon Arthur Ruppins
in bezug auf die zu erwartenden antisemitischen Tendenzen in Europa:
Aber
im allgemeinen kann der Antisemitismus nicht als ein wirksames Hindernis der
Assimilation angesehen werden. Es ist nicht anzunehmen, daß sich in Europa
und Amerika der Antisemitismus je zu gesetzlichen Beschränkungen der Juden
verdichten wird. Eine solche Gesetzgebung wäre ein Bruch mit allen
politischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, und zu einem solchen
Bruch wird sich so leicht kein Staat entschließen.
Welch
für die Juden in Deutschland fatale Fehleinschätzung.
1933 erschien sicherlich
nicht mit Tarraschs Einverständnis in seiner Zeitung der Satz:
Der
Arierparagraph soll eingehalten werden.
Mit
diesem Paragraphen wurden alle nicht arischen Beamten entlassen. Verschont
blieben zu diesem Zeitpunkt noch die Juden, die vor dem ersten Weltkrieg
schon Beamte waren, die für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft
hatten oder deren engste Verwandte im Krieg gefallen waren. Obwohl Tarrasch
durch seine internationalen Verbindungen durchaus in der Lage gewesen wäre,
das Land zu verlassen, tat er es nicht. Als Dr. Kiok, der im
Nationalsozialismus teilweise die Geschäfte des Deutschen Schachbundes führte,
das Schachspiel als geeignet bezeichnete, aufgrund seiner hohen geistigen
und kulturellen Bedeutung zum Nationalspiel für die Deutschen zu
avancieren,
wies Tarrasch noch mal ausdrücklich auf seinen Artikel vom Dezember 1932
hin, in dem er dasselbe forderte. Doch schenkte man ihm kein Gehör.
Eineinhalb Jahre nach Tarraschs Tod wurden am 15. September 1935 die Nürnberger
Gesetze verabschiedet. Sie nahmen nun auch den noch nicht unter den
Arierparagraphen fallenden Juden jegliche Rechte.
2.
Die Juden und das Schachspiel
Es werden schon seit langem sowohl in der Literatur als auch in der
Kunstgeschichte Diskussionen über antisemitische Tendenzen und deren
Traditionen geführt. Eine Übertragung auf das Schachspiel ist bisher nicht
geleistet worden. Dies ist erstaunlich, weil sich im Schach sowohl auf der
organisatorischen als auch auf der theoretischen Ebene antisemitische
Tendenzen erkennen lassen.
Das
Schachspiel ist als ein Bestandteil der Gesellschaft zu betrachten, in dem
sich die politischen Gegebenheiten widerspiegeln. Gerade die
Nationalsozialisten haben, wie später noch zu sehen sein wird, das
Schachspiel benutzt, um kulturelle Arbeit und ideologische Massenformung zu
praktizieren.
Es gibt somit unzweifelhaft einen Zusammenhang zwischen der Kulturtechnik
Schach als Kulturtechnik des Alltags und der Geschichte des Antisemitismus.
In der Geschichte des Schachspiels trifft man seit Mitte des 19.
Jahrhunderts immer wieder auf die Behauptung, unter den Juden seien aufgrund
gewisser ethnischer Begabungen
viele sehr gute Schachspieler zu finden. Damit gelangt man zu einem
signifikanten Irrtum des Antisemitismus, der soziale mit ethnischen Ursachen
verwechselt.
An
der Wende des 20. Jahrhunderts zeigte sich im Schachspiel, wie aus sozialen
Ursachen Vorurteile entstehen, „diese in der Folge als Kapitalismus- und
Modernismuskritik theoretisch modelliert werden und in Rassismus kippen,
[...] die Kritik der Moderne in ihrer rassistischen Variante schließlich
von nationalsozialistischer Ideologie durchdrungen und zur Hetze wird und
[...] - als Resultat dieses Prozesses – welche gewaltigen Verwüstungen
diese Ideologie im Alltagsleben“
der Schachspieler bzw. des Schachspiels selbst hinterlassen hat.
Das
Schach nahm in der jüdischen Tradition seit je her einen hohen Stellenwert
ein. Dies kann der jüdischen Literatur entnommen werden bzw. wird gerade
durch die große Anzahl der führenden Weltklassespieler ab Mitte des 19.
Jahrhunderts gekennzeichnet. Schon Hyde 1694 und
vor allem
van der
Linde mit
seinem großen
Werk Geschichte
und
Literatur
des
Schachspiels (1874) beschäftigten
sich mit dieser Thematik.
Zwar
gab es im Judentum wie in vielen anderen Religionen, Spielverbote bzw. einen
freiwilligen Verzicht auf Spiele, doch war das Schachspiel oftmals davon
ausgenommen, was seiner Verbreitung sicherlich dienlich war. Nach einem großen
Brand 1711 beschloß beispielsweise die Frankfurter jüdischen Gemeinde:
Anno
1711 nach dem grossen Brand hat die Frankfurter Gemeinde einen Schluss
gemacht, dass in 14 Jahren solche Spiele, aus Betrübniss und Busse, sollen
unterlassen bleiben, doch dass bey Krancken und Kindbetterinnen zur Lust, um
ihnen die Zeit zu vertreiben, zu spielen vergönnt, und dann das
Schach-Spiel, welches das ganze Jahr ihnen erlaubt ist, auch jetzo nach dem
Brand, dahero auch einige vermögliche Juden solches Schach-Spiel ihre
Kinder lehren und informieren lassen, weil es nicht so gewinnsüchtig,
hingegen den Verstand schärffet und nachdenklich ist.
Ohne
Repressalien befürchten zu müssen, konnte man sich dem Schachspiel widmen.
Andere Beschäftigungen wie Fischen, Jagen, Reiten oder Schießen waren den
Juden verboten, was nicht erklärt, warum sie sich gerade dem Schach
zuwandten, aber eine Einschränkung der Freizeitmöglichkeiten aufzeigt.
Zudem darf nicht vergessen werden, daß das Schachspiel nur weniger
finanzieller Mittel bedurfte. Brett und Figuren konnten notfalls selber
hergestellt werden.
Die
christliche Kirche stand dem Schachspiel weniger positiv gegenüber und
verbot es lange Zeit. Bei den Juden erfreute es sich großer Beliebtheit, so
daß gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Quellen
vom Schachspiel als jüdisches Spiel
berichtet wurde:
Wo
sich ein Schachclub aufthut, da sind die Söhne Israels gewiß nicht die
Letzten, welche um Einlaß bitten. Hat man sie aufgenommen, so gehören sie
zu den eifrigsten Besuchern, rastlos bestrebt, sich hervorzuthun, - und der
Erfolg fehlt ihnen selten.
Bis
heute hält sich der Gedanke, Juden/Halbjuden hätten eine besondere
Begabung für das Schachspiel. Wie erfolgreich Juden das Schachspiel
betrieben, zeigt allein eine (nicht vollständige) Aufzählung der
bisherigen Weltmeister, deren Herausforderer und Großmeister, die
Herausragendes für das Spiel geleistet haben:
-
1866 wurde zum ersten Mal der Titel des Schachweltmeisters an Wilhelm
Steinitz vergeben.
-
Ihm folgte 1894 Emanuel Lasker.
-
Herausforderer jüdischen Glaubens waren Isidor Gunsberg (1890),
Siegbert Tarrasch (1908), Janowski und Carl Schlechter (1910).
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