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 Siegbert Tarrasch

         
   
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Allgemeine Daten:

Geboren:        05/03/1862 Breslau

Gestorben:     17/02/1934 München

 

Seine Schachkarriere: 

Siegbert Tarrasch erlernte erst mit 15 Jahren das Schachspiel.  

- Nürnberg 1883 Turniersieger  

- Sieger in Breslau 1889 

- Sieger in Manchester 1890

- Sieger in Dresden 1892

- Sieger in Leipzig 1894 

- Sieger in Wien 1898 

- Sieger in Monte Carlo 1903  

In der Zeit zwischen 1889 und 1903 galt Siegbert Tarrasch als legitimer Nachfolger für den Weltmeister Wilhelm Steinitz. Erfolgreichster Turnierspieler war er schon zu dieser Zeit. .

1891 lehnte er die Einladung des Schachklubs Havanna ab, der dort einen Weltmeisterschaftskampf zwischen ihm und Steinitz organisieren wollte. 

1908 Wettkampf um den Weltmeistertitel gegen Emanuel Lasker in Düsseldorf und München. Tarrasch verlor (+3 -8 =5). Nach dieser Niederlage gewann er nie wieder ein Turnier. 

1916 Deutliche Niederlage im zweiter Wettkampf gegen Lasker (+0 - 5 =1).

 

1. Siegbert Tarrasch zwischen Antisemitismus und Assimilation

 

2. Die Juden und das Schachspiel

 

3. Der „Antisemitismus auf dem Schachbrett"                          

1. Siegbert Tarrasch zwischen Antisemitismus und Assimilation

  Die Theorie von Wilhelm Steinitz wurde von einem der größten Pädagogen auf dem Schachbrett aufgenommen. Siegbert Tarrasch (1862-1934) verwandelte die Lehren Steinitz‘ in allgemeine Grundsätze des Schach und machte sie den Lernenden verständlich. Er entwickelte die Postulate des klassischen Schachspiels. Ihm verdanken Schachspieler formulierte Regeln, nach denen eine ordentliche Schachpartie zu führen ist. Er verstand es, die unbeliebten Lehren Steinitz in eine Sprache zu fassen, die man aufgrund des neuen Autors zu verstehen gewillt war. Seine Lehrsätze untermauerte er mit großen schachlichen Erfolgen.

Er leitete den dunklen, gefährlichen Strom der Steinitzschen Schachphilosophie in sorgfältig gebaute Dämme, machte aus dem Wildwasser der Steinitzschen Gedanken eine mustergültige Flußregulierung und gab der Welt einen ‚gebändigten‘, ‚geläuterten‘ Steinitz, einen lehrbaren Steinitz, ein Schachspiel, in dem alles so klappte wie im deutschen Exerzierreglement. So erwarb sich Tarrasch das Verdienst, Steinitz popularisiert, Steinitz für die großen Massen faßbar gemacht, als jahrzehntelanger Lehrer, Bücherschreiber, Partieglossator, Vortragender und praktischer Spieler dem modernen Schach zum Durchbruch verholfen, die Schachmechanik mit unvergleichlicher Klarheit und Anschaulichkeit zu einem Lehrgegenstand gemacht zu haben und Gründer und Führer jener Schule gewesen zu sein, die dem Schach die größten Meister aller Zeiten und eine Hochblüte wie nie zuvor beschert hat.[1]

  Siegbert Tarrasch wurde am 5. März 1862 in Breslau geboren und studierte an der Universität Berlin und Halle Medizin. Seine Arztpraxis eröffnete er in Nürnberg. Seit 1914 praktizierte er in München. Im Gegensatz zu Tschigorin, Zuckertort und Steinitz blieb Tarrasch seiner bürgerlichen Laufbahn treu und machte das unsichere Schachspiel nicht zu seinem Hauptberuf. Tarraschs Solidität, seine Korrektheit und Gewissenhaftigkeit wurde von seinen Meisterkollegen angeführt, um pointiert und überspitzt die angeblich prägenden Werte des Wilhelminismus darzustellen. Auch heute noch werden typische Deutsche gerne in Karikaturen mit wilhelminischen Charakterzügen dargestellt. Das Tragen der Pickelhaube und die prägenden Werte Ordnung, Disziplin und Organisation sind dabei obligatorisch.

Siegbert Tarrasch, dieser sich als Deutscher jüdischen Glaubens fühlende Mann, verkörperte auf dem Schachbrett die Figur, welche hin- und hergerissen wurde zwischen gewünschter Assimilation und Ablehnung. An ihm erkennt man das Schicksal vieler Juden, die Deutschland als ihr Vaterland bezeichneten und nicht verstanden, warum ihre Erfolge nicht als deutsche Erfolge gefeiert wurden.

Mit folgendem kurze Überblick über die von Tarrasch verfaßten Grundregeln, die er in jeder seiner Partien zu verteidigen suchte, möchte ich ein Bild des Mannes nachzeichnen, der sehr stark von dem im Wilhelminismus vorherrschendem autoritären Charakter geprägt war.  

-         entwickele erst die Springer, dann die Läufer

-         der Läufer ist stärker als der Springer

-         ziehe nicht zweimal die gleiche Figur in der Eröffnung

-         bringe deine Dame nicht zu früh ins Spiel

-         verliere keine Tempi durch unnötige Bauernzüge und riskanten Bauernraub

-         erobere das Zentrum schon mit den ersten Zügen

-         beherrsche die offenen Linien

-         ein Turm gehört hinter den Freibauern - die eigenen und die feindlichen

Die genannten Regeln sollten so exakt angewandt werden wie Verkehrsregeln. Hielt man Tarraschs strategischen Konventionen wie die Besetzung des Zentrums, einen harmonischen Aufbau, schnelle Figurenentwicklung und den Besitz des Läuferpaares für richtig und befolgte sie, so würde sich der Sieg der Partie, laut Tarrasch, schon rein mechanisch einstellen. An diesen strategischen Konventionen duldete Siegbert Tarrasch keine Kritik. Er war nicht bereit, von dieser Betrachtung des Schachs abzuweichen oder Kompromisse einzugehen. Diese dogmatische Betrachtung des Schachspiels zeigte Siegbert Tarrasch als wilhelminischen Deutschen.

Alle Begabung, Solidität, Korrektheit und Gerissenheit des deutschen Bürgers steckte in Dr. Tarrasch, aber auch Überheblichkeit, Selbstsicherheit und dogmatische Rechthaberei eines Siegerstaates und Herrenstaates war ihm in Fleisch und Blut übergegangen.[2]

Egbert Meissenburg schrieb über die Verinnerlichung Tarraschs von angeblich deutschen Werten innerhalb des Wilhelminismus:

Tarrasch war geprägt von dem Konservatismus Wilhelms I. und den Ideen Wilhelms II., der, durchdrungen von dem stolzen Gefühl des Gottesgnadentums, davon träumte, Deutschland aus der Enge Europas auf die Höhen der Weltpolitik zu geleiten, und der mit hochfliegender Zuversicht die Nation herrlichen Zeiten entgegenzuführen trachte. Ideen solcher Art sollten sich nun am Schachbrett und durch das Schachspiel manifestieren: Im monarchischen Zeitalter repräsentierte Tarrasch den Typus der im Bildungsbürgertum wurzelnden Persönlichkeit, die in die Führungsschicht der Klassengesellschaft aufgestiegen war und sich durch hohe und höchste schachliche Erfolge eine Art Ersatznobilitierung geschaffen hatte. Das Schach war ihm das Feld der Ehre und des Einsatzes, auf dem es für die eigene Person und ihr Vaterland höchsten Siegeslorbeer zu erringen galt. Quasimilitärischer Habitus und quasiaristrokratische Traditionen wurden bei Tarrasch in Wort und Handeln deutlich.[3]

Wilhelm II. wuchs in einer Stimmung des Sieges, des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs Preußens auf. Keine Rückschläge, nur Aufstieg. Deutschland entwickelte sich schnell und wurde zu einer der wohlhabendsten und technisch erfolgreichsten Nationen. Das neue, große Preußen war zur Selbstverständlichkeit geworden. Tarrasch repräsentierte diese Größe mit „quasimilitärischem Habitus“ und „quasiaristrokratischen Traditionen“ auf dem Gebiet des Schachs. Siegbert Tarraschs Theorie des einzig richtigen Zuges bestätigt die o.g. Formulierungen. Für ihn war es gleichgültig, in welcher Phase sich eine Schachpartie befand, er ließ immer nur einen richtigen Zug gelten. Sollte dieser Zug nicht ausgeführt werden, dann mußte dies unweigerlich in eine Niederlage münden, wenn der Gegner die von ihm formulierten Regeln anwandte, 

Bei näherer Untersuchung stellt sich heraus, daß ein Zug der stärkste, der allerstärkste ist, und nur der ist der richtige.[4]

Tarrasch verabsolutierte seine Betrachtung zur einzig wahren. Wie bei der hierarchischen Struktur des Militärs erwartete er mit wilhelminischen Selbstbewußtsein, daß alle Schachspieler seinen Anweisungen zu folgen hätten. Insofern symbolisierte Siegbert Tarrasch eine Autoritarisierung der Schachpädagogik. 

Dies machte diesen Dr. Tarrasch nicht nur unbeliebt bei seinen Schachkollegen in aller Welt, das verleitete ihn nicht nur der Tändelei, Schachpartien und blutige Feldschlachten zu analogisieren (eine Partie Tarrasch - Teichmann verglich er von A bis Z mit dem deutsch-französischen Krieg, eine Partie Janowski - Marshall mit der Belagerung von Port Arthur und später im Weltkrieg gar irgendein Spielchen mit der Masurenschlacht), das gab nicht nur seiner vorbildlichen Tätigkeit als Erzieher einer ganzen Schachgeneration den Beigeschmack philiströser Oberlehrerhaftigkeit und dünkelhafter Bescheidwisserei, [...] Tarrasch’ Schachtheorie war die Theorie einer fehlerlosen Denkmaschine, eines unfehlbaren Gottes; er suchte den absolut richtigen Zug, die reine Idealität des Schachs.[5]

An Tarraschs Verabsolutierung seiner Theoreme, seiner verwandten Schach-Sprache und das wie selbstverständliche Befolgen seiner Befehle zeigte sich, wie prägend das Militär zu Zeiten Wilhelm des II. war und wie weit Tarrasch den militärischen Jargon übernommen hatte.

Mit der Reichsgründung 1871 erreichte der preußische Staat seinen Höhepunkt. Die preußische Armee genoß ein großes Ansehen und prägte in entscheidender Weise Leben und Umgangsformen in der Gesellschaft. Generell nahm das Militär in vielen europäischen Ländern eine Sonderrolle ein. Vor allem in Frankreich und Deutschland war eine Militarisierung zu erkennen. Uniformen waren mitbestimmend für das Straßenbild, Kriegervereine erhielten regen Zulauf und der Bau von Militärdenkmälern hatte Hochkonjunktur. Nicht nur im Alltag zeigte sich die Militärpräsenz, sondern auch in der Politik. Die Rüstungsanstrengungen der Industrie liefen auf Hochtouren. Es kam zu einer militärisch-ideologischen Durchdringung der politischen Bildung. Das Militär verselbständigte sich als Kaste, „ohne Zwang zur Verantwortlichkeit und Legitimation gegenüber der Gesellschaft, aus der es hervorgegangen war und die es letztlich noch immer trug“[6].

Überall in der Gesellschaft erkannte man den Wert, der dem Militär beigemessen wurde. Weder Schulen, Fabriken noch öffentliche Anlässe waren davon ausgenommen. Offiziere waren bestückt mit Privilegien und Ehrvorstellungen, die sie von der übrigen Gesellschaft abhoben. Selbst mit der Zunahme bürgerlicher Offiziere kam es nicht zu einer Verbürgerlichung des Militärs. Vielmehr übernahmen die bürgerlichen Offiziere den Ehrenkodex des Adels, so daß das Militär gerade unter Wilhelm II. zu einem Staat im Staate wurde. Wie sehr sich die zivile Bevölkerung an militärischen Werten orientierte, zeigte sich u.a. in der Übernahme des Duellwesens und an dem Stellenwert von Uniformen, die nach einem entsprechendem Autoritätsverhalten verlangten.[7]

Das fast generelle Verbot für Juden, die wie Siegbert Tarrasch eine Assimilation anstrebten,  in der preußischen Armee dienen zu können, mußten diese in einer Gesellschaft, die dem militärischen Rang höchste Achtung entgegen brachte, als deprimierend empfunden haben.

In den Jugendjahren eines deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und daß keine Tüchtigkeit und daß kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.[8]

Innenpolitisch war das Kaiserreich durch die Polizei ebenfalls stark nach militärischem Muster organisiert. Sie hatte vergleichsweise große Macht. Die Tatsache, daß ein Polizeikommissar, der einer Arbeiterversammlung beiwohnte, diese einfach für beendet erklären konnte, wenn er glaubte, ein Wort gegen den Kaiser gehört zu haben, belegt dies deutlich.[9]

Die Hervorhebung des Militärs drückten dem wilhelminischen Kaiserreich ihren Stempel auf,[10] auch in einem scheinbar so unbedeutenden Spiel wie dem Schach durch Siegbert Tarrasch. In seiner schachlichen Erkenntnistheorie zeigen sich Befehl und Gehorsam. Wie der Wilhelminismus kennzeichnete sich das Verhalten Siegbert Tarraschs auf dem Schachbrett durch ein bedingungsloses Streben nach Größe, wobei Realität und Wirklichkeit, Anspruch und Umsetzung, nicht immer dasselbe waren. Für Tarrasch war als Kind des Wilhelminsmus Befehl und Gehorsam das dominierende Ordnungsprinzip der Welt.

Die Großmachtbestrebungen des Wilhelminismus führten zu einer gewissen Entfremdung zwischen Deutschland und einigen anderen europäischen Nationen.

In der öffentlichen Meinung der anderen europäischen Nationen entwickelte sich das Bewußtsein einer Bedrohung, die weniger an den Zielen der deutschen Außenpolitik als am Stil des forschen Auftretens und Auftrumpfens immer aufs neue eine scheinbare Bestätigung fand.[11]

Die Beurteilung Tarraschs von einigen seiner ausländischen Kollegen ging mit dieser Einschätzung Deutschlands einher, schließlich kritisierte Tarrasch bei Gelegenheit die Spielweise anderer Meister, wenn diese nicht nach seinen Regeln spielten. Schachmeister wie Nimzowitsch oder Rubinstein hörten oft folgende belehrende Redensart von Siegbert Tarraschs:

Rubinstein spielt nicht nach den Regeln, Nimzowitsch spielt nicht nach den Regeln.[12]

Dies brachte Siegbert Tarrasch manch spöttische Bezeichnung ein wie u.a. die des Schachmeisters L. Löwy:

Also sprach Tarraschusta.[13]

Was Siegbert Tarrasch verwarf, verwarf er endgültig. Was er für richtig hielt, vertrat er mit ganzer Kraft. Gerade in diesem Punkt wurde in Siegbert Tarrasch der wilhelminische Deutsche sichtbar. Das Wesen des Wilhelminismus war linear. Ein einmal gefaßter Entschluß wurde ohne die Duldung jeglichen Widerspruchs weiterverfolgt. Von einem einmal eingeschlagenen Weg wurde nicht mehr abgewichen, nicht zu Kompromissen bereit und in Eindimensonalität verharrend.[14] Genau dies sollte die Tragik im Leben von Siegbert Tarrasch werden. Er forderte mit seiner Schachtheorie eine fehlerlose Denkmaschine ein, die immer auf der Suche nach dem absolut richtigen Zug sein mußte und, wenn seine Lehre befolgt würde, ihn auch finden müßte. Doch ist der Mensch eben keine Denkmaschine und Tarrasch selbst mußte erleben, wie viele seiner schachlichen Dogmen im Laufe der Zeit widerlegt wurden.

Den Gegensatz zu Siegbert Tarrasch bildete sein langjähriger Widersacher Emanuel Lasker. Lasker war nach Steinitz der zweite offizielle Weltmeister und hatte den Titel von 1894-1921 inne.[15] Als die Grundsätze von Wilhelm Steinitz durch Tarrasch verabsolutiert und damit eine Ausweitung des Schöpferischen im Schach unterbunden werden sollte, betonte Emanuel Lasker das kämpferische Element in der schachlichen Auseinandersetzung.

Wie paßt nun Emanuel Lasker in dieses Bild? Was ist das Besondere und offenbar Einmalige in seiner schachlichen Wirksamkeit? Und warum darf man sie höher einschätzen als die des Dr. Tarrasch? Gewiß, Lasker war Weltmeister, was Tarrasch nie war, Lasker hat den alten Steinitz geschlagen und später auch den alternden Tarrasch. Aber der äußere Erfolg allein entscheidet nicht über den Wert einer Persönlichkeit. Man muß auch alle anderen Umstände kennen  [...]. Was aber schon hier gesagt werden soll, was wir hier schon erörtern müssen, wenn auch ein Schachlaie, wenn auch ein Nichtschachspieler uns verstehen soll, das ist die Schachauffassung, die Lasker selbst allmählich aus seinem Wesen, aus der Entfaltung seines Charakters, aus der Gestaltung seines gesamten Weltbildes herausentwickelt hat.[16]

Lasker proklamierte nicht nur den einen besten Zug in einer Stellung auf dem Schachbrett, sondern machte die Stärke eines Zuges von dem Spielstil des Gegners abhängig. Er praktizierte einen relativen Schachstil. Der Gegner spielte bei Tarraschs Betrachtung des Schachs keine Rolle, für Lasker hingegen war der Gegner das Entscheidende. Emanuel Lasker war der erste Schachspieler, der die sich entwickelnde wissenschaftliche Psychologie systematisch auf das Schachspiel übertrug.[17] Neben den unterschiedlichen Auffassungen über das Schach traten bei diesen beiden deutsch-jüdischen Spitzenspielern politische Differenzen hinzu. Im Gegensatz zu Tarrasch erkannten Schachspieler wie Savielly Tartakower (1887-1956) und eben Emanuel Lasker, die den ersten Weltkrieg genauso wie Tarrasch auf deutsch-österreichischer Seite mitgetragen hatten, daß eine Assimilation der Juden in Deutschland nicht gelingen würde.[18] Tarrasch verurteilte die kosmopolitische Haltung Laskers und übertrug diese Geringschätzung teilweise auf die schachlichen Qualitäten Laskers, wie dieser im übrigen umgekehrt auch.

War Tarrasch Repräsentant des geistigen Bildnisses seiner Zeit: Wahrer, Hüter und Lobpreiser der Werte, so war Lasker der Repräsentant der Kehrseite des Bildes: Skeptiker, Ironiker, Bezweifler der Werte. Tarrasch sah das Statische des Bildnisses, die unbewegte Form, Lasker sah das Dynamische, das Vergängliche, den ewigen Fluß der Dinge. Aus derselben Welt derselben Werte, derselben Lebensbedingungen, derselben sozialen und kulturellen Beschaffenheit kamen sonach zwei ganz wesensverschiedene Naturen. Und das ist nichts Neues, nichts Auffallendes. Immer hat es nebeneinander den Konservativen und den Fortschrittlichen gegeben, den einen, der die errungenen Güter zu verteidigen und zu befestigen strebte, den anderen, der sie umformen, besser machen wollte. Beides zusammen, das Beharrliche und das Vorwärtstreibende, geben erst in ihrer höheren Einheit den eigentlichen Charakter der Welt. Das Schachspiel der zwanziger Jahre vor dem Weltkrieg wäre undenkbar ohne Tarrasch, den Konservativen, und ohne Lasker, den Revolutionär.[19]

Anhand des Wettkampfes 1908[20] zwischen Lasker und Tarrasch in Düsseldorf um den Weltmeistertitel läßt sich die Einbeziehung der Psychologie durch Lasker,[21] die besondere Beziehung der beiden und die Überzeugung Tarraschs, einen einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr zu verlassen und selbst kurz vor der Niederlage stehend immer noch davon überzeugt zu sein, sich auf dem richtigen Weg zu befinden, sehr gut verdeutlichen.[22] Tarrasch wurde durch sein starres Festhalten an seinen Prinzipien von Lasker mit Hilfe der Psychologie geschlagen. Lasker verstand es ein um das andere Mal, sogenannte Verluststellungen (laut Tarrasch) in Siege umzuwandeln.[23]

Er gewann die Mehrzahl seiner Partien nicht, weil er der stärkere Schachspieler, sondern weil er der ruchlosere Psychologe war, dem die naive Redlichkeit der Schachwissenschaftler von der Art von Wilhelm Steinitz und Siegbert Tarrasch im Turnierkampf nicht gewachsen sein konnte.[24]

Tarrasch und Lasker hatten ihre schachlichen Wurzeln bei Steinitz. Tarrasch wollte der sich entwickelnden Schachtheorie eine wissenschaftliche Grundlage geben, die er für die Durchführung einer Partie für unverzichtbar hielt.

Er [Tarrasch] glaubt an Dauer, er glaubt an Sicherheit, er glaubt an die Erreichbarkeit der absoluten Wahrheit und er ist vor allem tief überzeugt            von der absoluten, unwan-delbaren und für jeden konkreten Fall mit gleicher Kraft gültigen Richtigkeit seiner eigenen Schachwahrheit und Schachtheorien.[25]

Für Lasker war das Schachspiel ein Spiegelbild der Gesellschaft, eine Theorie des Kampfes. Siegbert Tarrasch praktizierte einen methodisch-wissenschaftlichen, Emanuel Lasker einen philosophisch-realistischen Schachstil.

Steinitz war immer auf der Suche nach dem wissenschaftlichen Zug,[26] Tarrasch glaubte mit preußischem Selbstbewußtsein, immer den wissenschaftlichen Zug zu spielen. Er selbst schrieb über seine Partien im Wettkampf mit Karl August Walbrodt, daß seine Partien einen „Grad der Korrektheit“[27] erreicht hätten, wie noch kein Spieler über mehrere Partien vor ihm. Sein Spiel sei von „fast absoluter Korrektheit geprägt gewesen“[28]. Lasker hingegen interessierte sich nicht für den korrekten Zug, sondern nur für den unangenehmsten. Für Lasker war das Spiel nicht nur Geisteskampf, sondern in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Gegner. Schach bedeutete für ihn Wettkampf mit dem Ziel des Sieges.  

Charakteristisch für Lasker war sein Ausspruch:

Man hüte sich vor dem Dogma. Das Dogma ist des Künstlers Feind. Und dennoch gibt es eine Wahrheit auch im Schachkampfe, nur hat sie nicht die Form, die der Naive sucht: der beste Zug. Ach nein! In dem Augenblick wo ‚der beste Zug‘, wie ihn der Naive ersehnt, erkannt sein wird, in diesem selben Augenblick wird das Schachspiel tot sein, denn zum Leben gehört das Problematische.[29]

In der Spielauffassung von Tarrasch und Lasker spiegelte sich ihre Lebensweise und -auffassung wider.

Denn die unvergleichliche Größe Laskers beruht darin, daß er den Relativismus des Steinitzschen Denkens noch weiter getrieben hat, über die Grenzen hinaus, an denen Steinitz stehen blieb: Steinitz suchte das absolute Schach, wenngleich er wußte, daß es nur im Lande Utopia zu finden sei. Lasker aber suchte erst gar nicht dieses absolute Schach, sondern er tat seine Augen auf und suchte den Menschen. In all ihrem Schachdenken und Schachphilisophieren hatten sowohl Steinitz als auch Tarrasch immer nur mit dem Hemmnissen des eigenen Hirnes gerechnet und ihr ganzes Streben darauf gerichtet, durch schärfste eigene Geistesanstrengung, durch gesteigertes Gehirntraining zu den letzten endgültigen Wahrheiten vorzudringen. Sie hatten aber nicht im mindesten mit Bewußtsein erwogen, daß im Schachkampf ja noch ein zweites Gehirn, noch eine zweite Seele da ist, nämlich der – Gegner. Im Denkprozeß Steinitz und Tarrasch hatte der Gegner überhaupt keine Rolle gespielt. In ihrer Theorie war es gleichgültig, wer der Gegner war. In Laskers Theorie hingegen war das Entscheidende – der Gegner![30]

Lasker spielte und provozierte Stellungen, von denen er glaubte, daß sein Gegner sie nicht mögen würde. Schon in der Eröffnung geriet er häufig in Nachteil. Dies geschah jedoch nicht aus Unkenntnis, sondern entsprach seinem subtilen, aggressiven Spiel auf Sieg, basierend auf der These, daß Angriffe des Gegners ohne eine gesunde positionelle Basis Schwächen hervorrufen mußten. Er provozierte die Romantiker zu Angriffen, um sie im Konter und durch den damit hervorgerufenen Schock - Verlust der Initiative - mit einer ausgefeilten Technik zu schlagen. Für ihn hing der jeweils beste Zug in einer Stellung vom Spielstil des Gegners ab.[31]

Nach seiner These gab es so viele richtige Züge, als es psychologisch differenzierte Gegner gab. Steinitz und Tarrasch haben im Schach in unerreichter Abstraktion gespielt, Lasker aber hat mit lebenden Menschen gespielt, mit jedem anders, jeden unter das Gesetz seines psychologischen Denkens zwingend.[32]

Beide veröffentlichten in ihren Schachzeitungen unfreundliche Kommentare über den anderen. Dies führte sogar soweit, daß Tarrasch Lasker in einer eigens von ihm konzipierten „Dusel-Tabelle“ mit weitem Abstand an erster Stelle führte. Ein typischer Kommentar Tarraschs über eine Partie Laskers lautete, daß die ganze Partie einer der sogenannten Laskerschen Glücksfälle war.

Noch lange nach dem Weltmeisterschaftskampf gegen Lasker, den Tarrasch mit 8 deutlicher als erwartet verlor, verstand Tarrasch nicht, wie Lasker ihn hatte besiegen können. Er veröffentlichte Schriften mit abfälligen Bemerkungen über Laskers Spielweise. Dies zeigt, wie wenig Verständnis Tarrasch der von Lasker systematisch eingeführten Psychologie entgegenbrachte, sicherlich beeinflußt vom Unverständnis darüber, daß ein deutscher Jude nicht wie er mit Leib und Seele für Deutschland spielte. Lasker seinerseits schrieb über Tarrasch:

Dr. Tarraschs Stärke oder Schwäche - wie man wünscht - ist seine ausgesprochene Eigenliebe. Ohne sie wäre er ein höchst mittelmäßiger Schachspieler; im abnormen Maße mit ihr begabt, ist er ein Gigant geworden. Seine Eigenliebe ist derart, daß er sich igendworin hervortun muß. Schach war nun einmal das, was ihm am leichtesten fiel, und deshalb ist er sehr angetan vom Schach, aber ganz besonders von seinem eigenen Schach.[33]

In einer Anlehnung an das von Tarrasch im Zusammenhang mit dem Schachspiel häufig verwendete Wort Korrekt/Korrektheit schrieb Lasker über Tarrasch:

Korrekt heißt in Deutschland die Haltung eines Mannes, dessen Benehmen nach dem Urteile seiner Nachbarn seiner Stellung angemessen ist. Um korrekt zu sein, muß man sich der Meinung der anderen anpassen...[34]

Den Unterschied in der Spielauffassung der beiden charakterisierte Lasker wie folgt:

Dr. Tarrasch ist ein Denker, der tiefe und vielschichtige Überlegungen liebt. Er ist bereit, die Effektivität und Zweckmäßigkeit eines Zuges anzuerkennen, wenn er ihn gleichzeitig als schön und als theoretisch korrekt betrachtet. Aber ich akzeptiere diese Art von Schönheit nur, falls und wenn sie gerade zweckmäßig ist. Er bewundert eine Idee um ihrer Tiefgründigkeit willen, ich bewundere sie wegen ihrer Wirksamkeit. Mein Gegner glaubt an Schönheit, ich glaube an Stärke. Ich finde, daß ein Zug dadurch, daß er kraftvoll ist, auch schön ist.[35]

Ich liebe die Kraft, die gesunde Kraft, die das Äußerste wagt, das Erreichbare zu erreichen. Wir beide sind sehr verschieden, und um die Wahrheit zu sagen, wir lieben uns nicht.[36]

Lasker erzielte seine Erfolge im Schach als Künstler, Tarrasch als Soldat.[37]

Tarraschs Einfluß auf seine Zeitgenossen war trotz aller Kritik Laskers sehr groß. Durch ihn glaubte man, das Schachspiel vollständig verstanden und lehrbar gemacht zu haben. Seine Regeln wurden zu Dogmen.[38] Er begegnete dem Vorwurf Laskers, zu dogmatisch zu sein, immer mit dem Hinweis, daß es in der Wissenschaft um gar nichts anders gehen könne, als nach Dogmen zu suchen. Ein Versuch, die beiden zur Versöhnung zu bringen, endete bezeichnend für ihre Situation mit dem Satz: 

Ihnen, Herr Lasker, habe ich nur drei Worte zu sagen, Schach und Matt![39]

Zur Erläuterung der Psychologie im Schachverständnis von Emanuel Lasker sind noch zwei Äußerungen von Bedeutung. Sie deuten den Wert Laskers für das Schach im Wechselspiel mit der Gesellschaft an. Joachim Petzold bemerkte über Laskers neue Ideen:

Lasker, der sich im Alter nicht zufällig der Freundschaft Albert Einsteins (1879-1955) erfreuen konnte, hatte auch seine Schlüsse aus dem Zusammenbruch der mechanistischen und posivistischen Weltanschauungen und dem Triumph der Dialektik in der Wissenschaft gezogen. Einsteins Relativitätstheorie wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem relativ besten Zug trachtete. Beide sahen auf ihre Weise, daß sowohl im großen Universum als auch auf dem kleinen Schachbrett alle Wertmaßstäbe vom Bezugssystem abhingen.[40]

Ähnlich äußerte sich Garry Kasparow:

Der deutsche Mathematiker und Philosoph war der Pionier des psychologischen Elements im Schach. Lasker war ein herausragender Stratege, aber er wußte, daß eine psychologische Schwäche seines Gegners wichtiger sein konnte als die 100prozentige Korrektheit seiner Züge. Sein Wissen um die menschliche Psyche und sein Sinn für Relativität schachlicher Strategie ließ ihn fast alle Turniere gewinnen, an den er teilnahm und machte ihn zum Rekordweltmeister - 27 Jahre lang! Und welche zwei Namen beherrschten die Gedanken der gebildeten Menschen seiner Zeit? Natürlich Einstein und Freud! Weitere Erläuterungen unnötig.[41]

Lasker machte sich ebenso wie Tarrasch die neuen Ideen von Steinitz zu eigen und erweiterte sie um das kommunikative Element. Eine Partie Schach ist immer ein Dialog zweier Individuen mit ihrer eigenen Geschichte und kein Monolog, wie es Tarrasch sah. Laskers Relativismus war ein Produkt des Instrumentalismus seiner Zeit. Tarrasch hingegen erweiterte die Ideen Steinitz’ um den Gedanken der Mobilität. Diskutiert wurde diese Kontroverse in zahlreichen Partien in der sogenannten Tarrasch-Variante. Sie ist gekennzeichnet durch einen isolierten Zentrumsbauern. Für Steinitz ein Nachteil, weil der Bauer nicht durch einen anderen gedeckt werden kann, für Tarrasch nicht, weil der statische Mangel der Stellung durch den isolierten Bauern durch die erhöhte Mobilität der anderen Figuren kompensiert wird. Tarrasch sah in dem Bauer eine Stärke, wenn es dem Spieler gelänge, den richtigen Zeitpunkt innerhalb der Partie zu erkennen, um durch eine Transformation von Statik in Dynamik einen Vorteil zu erlangen. Diese Diskussion wird auch heute noch in zahlreichen Partien dieser Variante geführt.

Tarrasch war ein Mann von preußischer Disziplin und ging mit sich ebenso hart ins Gericht, wie er es mit anderen Schachmeistern tat, wenn er nicht das erreichte, was er erreichen wollte. Nachdem er in dem Turnier von San Sebastian nur den siebten Platz erreichte, fragte ihn Jacques Mieses:

Auf der Heimreise werden sie sich wohl einige Tage Seine-Babel (Paris) gönnen, nicht wahr? Erwiderte Tarrasch mit eisiger Ruhe: Ja, wenn ich einen Preis gewonnen hätte, wäre ein kurzer Pariser Aufenthalt eine schöne Belohnung für die gute Arbeit gewesen. Preislos fahre ich einfach direkt nach Nürnberg. Ich muß mich bestrafen.[42]

Wilhelminische Zucht und Ordnung hatte er verinnerlicht.

Siegbert Tarrasch wurde nicht müde, sein Deutschtum zu betonen. Nur in diesem Kontext ist das Zustandekommen des folgenden Nachrufs, verfaßt von Eduard Dyckhoff, zu verstehen:

Und ferner, seine Liebe gehörte dem deutschen Schach! Auf allen Turnieren und Reisen im Inland und Ausland fühlte er sich als verantwortlicher Repräsentant des deutschen Schachs und gewann, immer als Deutscher sich bekennend, seinem Vaterlande Ruhm, Achtung, Ehre. Er war es, der in der ganzen Welt als der große Vertreter gründlichen deutschen Schachgeistes und wissenschaftlicher deutscher Schachschule galt. Er war nicht bloß ‚praeceptor Germaniae’, sondern wahrhaft ‚praeceptor mundi’![43]

Tarraschs Auftreten ließ keinen Zweifel daran, daß er immer darauf bedacht war, ein korrekter, tugendhafter, deutscher Bürger zu sein. Er verkörperte wie kein anderer Schachmeister angebliche deutsche Tugenden wie Solidität, Gewissenhaftigkeit, Zucht und Ordnung.   Die   von   ihm   verfaßten   Hauptwerke   Das   Schachspiel[44],   Dreihundert

Schachpartien[45] und Die moderne Schachpartie[46] waren richtungsweisend für ganze Generationen, ebenso wie die schon erwähnte nach ihm benannte Verteidigung im Damengambit. Harald E. Balló wies darauf hin, daß Tarraschs Dogmatismus, seine oft verletzende und oberlehrerhafte Art nicht aus dem Kontext der Stellung der Juden im Kaiserreich und der Weimarer Republik und nicht nur aus der „Systembessenheit und Katalogisierungswut“[47] dieser Zeit betrachtet werden kann.[48] Der Ausgrenzung der Juden begegnete Tarrasch durch ein noch größeres Bemühen nach Assimilation. Er bezichtigte Lasker der Geldgier, da dieser nur für hohe Preisgelder spielte und nicht wie er, der deutsche Arzt, Vertreter des Bildungsbürgertums und Vorkämpfer des deutschen Schachs, zur Ehre des Vaterlandes. Die These Ballós, Tarrasch hätte versucht, das Gefühl der gesellschaftlichen Minderwertigkeit des Juden durch ein übersteigertes Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung zu kompensieren, ist nicht von der Hand zu weisen.[49]

Zwar wurde eine offene, gegen Juden gerichtete Politik unter Bismarck nicht praktiziert, doch hinderte dies den Staat und die Verwaltung nicht, dafür zu sorgen, den Juden bestimmte, hervorgehobene Positionen zu verweigern. Den Juden war es ebensowenig gestattet, Professor an einer Universität zu werden wie das prestigesträchtige Amt des Reserveoffiziers einzunehmen. In beiden Fällen galt das Kriterium der Taufe, welches die Juden nicht erfüllten. Der preußische Innenminister Schönstedt leugnete die Qualifikation der Juden in ihren Berufen nicht, wollte aber das Mißtrauen, das den Juden von großen Teilen der Bevölkerung entgegengebracht wurde, nicht ignorieren und ernannte demzufolge keinen Juden zum Richter.[50]

Die Juden im deutschen Kaiserreich waren von diesen antisemitischen Anfeindungen enttäuscht. Die Mehrheit jedoch pflegte dies nicht als Gefahr zu betrachten. Sie war zwar Opfer mancher Diskriminierung geworden, aber bereit, diese als Taten einer Minderheit anzusehen, zumal sie die von Preußen praktizierte religiöse Toleranz sahen, die Preußen zum Anziehungspunkt für Glaubensflüchtlinge aus ganz Europa werden ließ. Darüber hinaus bot das Kaiserreich, welches sich auf dem Wege des wirtschaftlichen Aufschwungs befand, offene Wege, um daran zu partizipieren. Egbert Meissenburg hielt daher den Zwiespalt zwischen „Leistungsvorstellung und Leistungsverwirklichung“[51] für das eigentlich Tragische im Leben von Tarrasch und widerspricht damit der These Ballós. Seine Erklärung kann jedoch nicht überzeugen, da Tarraschs Anspruch nach Leistungsverwirklichung nur im Zusammenhang mit seiner Assimilation zu betrachten ist. Die Juden mußten bedingt durch den immerwährenden Druck von außen ständig Herausragendes leisten, um einer weiteren Diskriminierung zu entgehen bzw. ihrem eigenen Anspruch nach Deutschtum gerecht zu werden. Der daraus erwachsene Anspruch, den Tarrasch an sich selbst stellte, hatte er verinnerlicht und sich zum Maßstab gesetzt.

Tarrasch wechselte vom mosaischen zum evangelischen Glauben, er war getaufter Jude.[52] Warum Tarrasch den Glauben gewechselt hat, ist nicht bekannt. Meissenburg vermutete, daß familiäre Gründe dafür verantwortlich waren und führte zudem an:

Nach jüdischer Tradition und rabbinistischer Lehre ist es – bei Einheit von Volkszugehörigkeit und Religion – für einen Juden unmöglich, sein Judentum durch Glaubensübertritt abzulegen.[53]

Aus diesem Grund wurde selbst der Glaubensübertritt von Juden oft dahingehend gedeutet, daß dies nur ein Beweis für die jüdische Verstellungskunst wäre. Dennoch existierte seit 1876 das sogenannte Austrittsgesetz, welches Juden neben der Heirat mit einem Nichtjuden die Möglichkeit bot, ohne konvertieren zu müssen, ihren jüdischen Glauben aufgeben zu können.[54] Das Gesetz wurde nur wenig in Anspruch genommen.[55]

Die stark national ausgeprägte Schulbildung Preußens[56] leistete dem Deutschtumstreben der Juden sicherlich Vorschub. Selbst nachdem sich die Anzeichen für einen wachsenden Antisemitismus auch und gerade in der akademischen Welt zu vermehren begannen, tat dies den Assimilierungsbemühungen vieler Juden keinen Abbruch. Der Schulbildung maßen sie dabei eine ganz besondere Rolle bei. Gerade orthodoxe Juden sahen in einer guten Schulbildung die Möglichkeit, den Gesetzen und dem wirtschaftlichen Druck zu begegnen. Abgesehen davon betrachteten es jüdische Rabbiner und Lehrer als ihre Pflicht, durch die schulische Bildung eine Verquickung von jüdischer und allgemeiner Bildung zu erzielen. Nur so sollte es gelingen, jüdische Traditionen in Deutschland aufrecht zu erhalten. Der Staat stand diesem Streben der Juden sehr kritisch gegenüber. Schließlich sah er in der Erziehung seiner Jugend und im Schulwesen ihm obliegende Aufgaben. Sollte es einmal zu unterschiedlichen Meinungen im Bereich der Erziehung kommen, ging immer die Staatstreue vor.[57] Für die Juden bedeutete dies die Unterordnung unter eine deutsche Gleicherziehung mit christlicher Überzeugung und Anerkennung der Kirche, zumindest in den Volksschulen.

Der preußische Kulturminister Friedrich Althoff war sich der Qualitäten und der Assimilierungsprobleme, die einige jüdische Wissenschaftler an den Tag legten, bewußt. Er gründete daher Forschungsinstitute für Wissenschaftler, denen der Eintritt in etablierte Fakultäten verwehrt blieb. Ähnlich gute Möglichkeiten boten die Kaiser-Wilhelm-Institute in Berlin. Diskriminierung und Bewunderung bildeten häufig den Rahmen für außergewöhnliche Leistungen der Juden auf vielen Gebieten. Sie etablierten sich aufgrund der staatlichen Beschränkungen in gewissen Berufszweigen, was oft zu langanhaltenden beruflichen Familientraditionen führte.

Siegbert Tarrasch wuchs unter den genannten erzieherischen Gesichtspunkten in Breslau auf, das dafür bekannt war, gegenüber Preußen positiv eingestellt gewesen zu sein. Die Juden in Breslau konnten sich innerhalb der Grenzen recht frei bewegen. Die Abgrenzung zu den einreisenden, größtenteils proletarischen Ostjuden bestätigt ebenfalls das Streben der Breslau-Juden nach Anerkennung innerhalb Preußens. Durch ihre eigens verordnete Abgrenzung zu den einreisenden Ostjuden versuchten sie, den deutschen Charakter der Gemeinde nicht zu gefährden. Nach der Eroberung Schlesiens 1742 verstand sich gerade dieses Schlesien als Rammbock gegen das Slawentum und war stolz auf seine Deutschzugehörigkeit. Der liberale jüdische Theologe Abraham Geiger schrieb schon einhundert Jahre zuvor über den Versuch der Assimilation der Juden in Deutschland:

Ich liebe Deutschland, trotzdem, daß mich, den Juden, dessen Staatseinrichtungen verstoßen; fragt die Liebe nach einem Grund? Ich fühle mich seiner Wissenschaft, seinem ganzen geistigen Ernste verwebt, und wer wird den Nerv seines Daseins ungestraft durchschneiden?[58]

Der Assimilation der einreisenden Emigranten aus Osteuropa stand man jedoch nicht immer ablehnend gegenüber. Die jüdischen Einrichtungen unterstützten die Emigranten in ihrem Bestreben, sich in die Gemeinde zu integrieren. Doch erfolgte dies nicht nur aus reiner Selbstlosigkeit. Viele deutsche Juden versuchten so, negative Auswirkungen auf die eigens angestrebte Integration zu vermeiden, um keine Gründe für einen ausgeprägteren Antisemitismus zu liefern. Oftmals betrachtete man die Ostjuden nur als geduldete Gäste.[59] Sie stellten das Bestreben der Juden in Deutschland: „Wir sind Deutsche“, durch ihre mangelnden Sprachkenntnisse und ihr jüdisches Volksbewußtsein in Frage.[60]

Tarrasch besuchte das Elitegymnasium in Breslau, an welchem schon Adolf Anderssen unterrichtet wurde. Während seines Studiums gründete sich die jüdische Studentenverbindung Viadrina[61] (Universitätsname), die sich um die Anerkennung der Juden bemühte und ihren Glauben nicht länger verstecken wollte. Die Verbindung wurde bald ohne Angabe von Gründen verboten. Schon 1880 versuchten jüdische Studenten in Breslau, eine neue Definition des Judentums zu finden, um den antisemitischen Tendenzen an den Universitäten zu begegnen. Sie betonten sowohl ihr Deutsch- als auch ihr Judentum. Durch körperliche Ertüchtigung versuchten sie, den Mut und die Männlichkeit der Juden unter Beweis zu stellen. Die Studenten praktizierten einen Integrationsspagat zwischen Akzeptanz der Ideale des deutschen Bürgertums und dem Festhalten an jüdische Traditionen. 1896 erfolgte der Zusammenschluß jüdischer Studenten zum Kartell jüdischer Studentenverbindungen, welches später auch als K. C. bekannt wurde.

An der Namengebung für seinen ersten Sohn, den Tarrasch Fritz nannte, zeigt sich die positive Identifikation des Juden Tarrasch mit Preußen.[62] Viele Juden wurden nach dem Tode Kaiser Friedrichs (1888) von der jüdischen Presse aufgerufen, neugeborenen Söhnen den Namen Friedrich zu geben. Eigens hierfür wurden das ganze Jahr über Listen von Vätern geführt, die dieser einer altjüdischen Sitte nachgebildeten Namengebungen entsprachen.[63]

Dem Nationalisten Tarrasch war es vor allem unverständlich, warum seine schachlichen Erfolge nicht als deutsche Erfolge angesehen wurden.

Rückhaltlos erkannte die ausländische Schachpresse mich an, so besonders Zuckertort  [ein berühmter Meister der Zeit. Anm. d. Verf.] in Chess Monthly und Steinitz im International Chess Magazine. [...] Nur die deutsche Schachpresse, [...] hüllte sich in beredtes Schweigen.[64]

Dies schrieb Tarrasch über das 1885 stattgefundene Turnier in Hamburg, bei dem er Zweiter wurde. Weiter hieß es:

[...] vielmehr hielt ich es für selbstverständlich, daß ich mein in Breslau errungene Renommee bei der nächsten Gelegenheit wieder aufs Spiel setzen und verteidigen müßte, wie dies auch Anderssen, das Ideal eines Schachspielers, stets getan hat.[65]

Nach seinem Turniererfolg in Manchester 1890 gab Tarrasch bekannt, wie sehr es ihn freue, das Turnier für Deutschland gewonnen zu haben.[66] Die nach dem Turnier abgesandte Telegraphie des Schachclubs Augustea, „dem ersten deutschen Meister gratuliert Augustea“,[67] empfand Tarrasch als Beleidigung. Er fühlte sich, wie es ausländische Zeitungen schon lange proklamierten, als Weltmeister.

Er wollte nicht erster Deutscher sein, sondern wollte für Deutschland Weltmeister sein.[68]

Nach seinem Sieg über den Amerikaner Frank Marshall 1905 erklärte Tarrasch in Richtung Emanuel Lasker:

Nach dieser meiner neuesten und größten Leistung habe ich keine Veranlassung, irgend jemand in der Schachwelt als über mir stehend anzuerkennen. Es war gewiß schwerer, den jungen Marshall zu schlagen als den alten Steinitz [Anspielung auf Lasker, der den alternden Steinitz schlug. Anm. d. Verf.].[69]

Wie Tarrasch proklamierten sehr viele Juden ihr Zugehörigkeitsgefühl zum Deutschtum. Selbst Vertreter der orthodoxen Juden wandten sich gegen die Unterstellung, fromme Juden könnten keine guten Deutschen sein:

Wir deutsche Juden sind Deutsche und nichts anderes. Deutsche durch Geburt und Gesinnung.[70]

Sie empfanden Deutsch als ihre Muttersprache und waren besorgt um das Wohl ihres Landes. Die Ausübung der Bürgerpflichten war für sie selbstverständlich und gleichsam religiöse Vorschrift. Ein Teil der orthodoxen Juden zog gar eine Verbindung zwischen der Vernachlässigung der jüdischer Religion und dem Nichtnachkommen der deutschen Bürgerpflicht, die dann schließlich in patriotischer Begeisterung in folgendem Satz eines Rabbiners ihren Ausdruck fand:

Nur der fromme Jude ist ein guter Deutscher.[71]

Viele Rabbiner sahen es als altjüdische religiöse Verpflichtung an, dem Vaterland stets Gehorsam zu leisten und seinen Gesetzen zu folgen. Es als Vaterland zu betrachten, „wie es dir früher das gesegnete Land deiner Erzväter war“[72]. Nicht alle Juden praktizierten einen derartigen Nationalismus. Einige sahen in ihrem Deutschtum keine Ideologie, sondern ein Kulturdeutschtum, eine Geistesverwandtschaft zwischen Juden und Deutschen. Für sie sollte die deutsche Sprache und Kultur als Religionsträger geistiger und ethischer Werte dienen, der nichts mit einem national-politischen Deutschtum zu tun hatte. Dieses rein geistige Deutschtum reichte für die Öffentlichkeit jedoch nicht aus. Dort mußten auch die Kulturdeutschen eindeutig Position zu Deutschland beziehen. Die Demonstration für Deutschland durchlief dabei mehrere Etappen.

Sie begann von ‚wir deutschen Israeliten’ zu sprechen und ging dann mit merklicher Verschiebung des Nachdrucks über zu ‚wir jüdische Preußen und Deutsche’. Die Einigung deutscher Länder ließ den Gedanken aufkommen: ‚Wir sind ebenso Deutsche wie die Mecklenburger’ und daher ‚kein besonderes Volk im Staate’ [...].[73] 

Orthodoxe Juden bildeten oftmals nur Deutsche auf Zeit, schließlich beteten sie bis zu dreimal täglich um ihre baldige Rückkehr nach Zion. Dennoch machte sie dies nicht weniger nationalistisch als andere Bürger. Für sie war Deutschland ihr Vaterland, das es zu umsorgen und nötigenfalls zu verteidigen galt. Als einer der schlagendsten Beweise für die Zugehörigkeit der in Deutschland lebenden Juden zu ihrer Nation wurde von ihnen ihre Diskrepanz zu Juden anderer Nationalitäten benutzt. Gerade am Beispiel zum damaligen Erzfeind Frankreich stellten sie dies deutlich unter Beweis. Die in Elsaß-Lothringen lebenden Juden fühlten sich sehr mit Frankreich verbunden. Im Umgang der deutschen Juden mit den französischen wollten die deutschen Juden klar stellen, daß, „wer erfahren hat, wie die deutschen und die elsässischen Juden dort wie Wasser und Öl unvermittelt neben einander leben, der hat das Gefabel von der ‚Vaterlandslosigkeit’ der Juden recht praktisch illustriert studieren können“[74].

Ebenso erging es Siegbert Tarrasch, der noch im Dezember 1932, kurz vor der Machtübernahme Hitlers, in seiner Schachzeitung schrieb:

Kann Schach nicht schließlich das Nationalspiel der Deutschen werden?[75]

Mit dieser Einschätzung gab sich Tarrasch ebenso einer Illusion hin wie vor ihm schon Arthur Ruppins in bezug auf die zu erwartenden antisemitischen Tendenzen in Europa:

Aber im allgemeinen kann der Antisemitismus nicht als ein wirksames Hindernis der Assimilation angesehen werden. Es ist nicht anzunehmen, daß sich in Europa und Amerika der Antisemitismus je zu gesetzlichen Beschränkungen der Juden verdichten wird. Eine solche Gesetzgebung wäre ein Bruch mit allen politischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, und zu einem solchen Bruch wird sich so leicht kein Staat entschließen.[76]

Welch für die Juden in Deutschland fatale Fehleinschätzung.

1933 erschien sicherlich nicht mit Tarraschs Einverständnis in seiner Zeitung der Satz:

Der Arierparagraph soll eingehalten werden.[77]

Mit diesem Paragraphen wurden alle nicht arischen Beamten entlassen. Verschont blieben zu diesem Zeitpunkt noch die Juden, die vor dem ersten Weltkrieg schon Beamte waren, die für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten oder deren engste Verwandte im Krieg gefallen waren. Obwohl Tarrasch durch seine internationalen Verbindungen durchaus in der Lage gewesen wäre, das Land zu verlassen, tat er es nicht. Als Dr. Kiok, der im Nationalsozialismus teilweise die Geschäfte des Deutschen Schachbundes führte, das Schachspiel als geeignet bezeichnete, aufgrund seiner hohen geistigen und kulturellen Bedeutung zum Nationalspiel für die Deutschen zu avancieren,[78] wies Tarrasch noch mal ausdrücklich auf seinen Artikel vom Dezember 1932 hin, in dem er dasselbe forderte. Doch schenkte man ihm kein Gehör. Eineinhalb Jahre nach Tarraschs Tod wurden am 15. September 1935 die Nürnberger Gesetze verabschiedet. Sie nahmen nun auch den noch nicht unter den Arierparagraphen fallenden Juden jegliche Rechte.[79]

2. Die Juden und das Schachspiel

  Es werden schon seit langem sowohl in der Literatur als auch in der Kunstgeschichte Diskussionen über antisemitische Tendenzen und deren Traditionen geführt. Eine Übertragung auf das Schachspiel ist bisher nicht geleistet worden. Dies ist erstaunlich, weil sich im Schach sowohl auf der organisatorischen als auch auf der theoretischen Ebene antisemitische Tendenzen erkennen lassen.

Das Schachspiel ist als ein Bestandteil der Gesellschaft zu betrachten, in dem sich die politischen Gegebenheiten widerspiegeln. Gerade die Nationalsozialisten haben, wie später noch zu sehen sein wird, das Schachspiel benutzt, um kulturelle Arbeit und ideologische Massenformung zu praktizieren[80]. Es gibt somit unzweifelhaft einen Zusammenhang zwischen der Kulturtechnik Schach als Kulturtechnik des Alltags und der Geschichte des Antisemitismus. In der Geschichte des Schachspiels trifft man seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder auf die Behauptung, unter den Juden seien aufgrund gewisser ethnischer Begabungen viele sehr gute Schachspieler zu finden. Damit gelangt man zu einem signifikanten Irrtum des Antisemitismus, der soziale mit ethnischen Ursachen verwechselt.

An der Wende des 20. Jahrhunderts zeigte sich im Schachspiel, wie aus sozialen Ursachen Vorurteile entstehen, „diese in der Folge als Kapitalismus- und Modernismuskritik theoretisch modelliert werden und in Rassismus kippen, [...] die Kritik der Moderne in ihrer rassistischen Variante schließlich von nationalsozialistischer Ideologie durchdrungen und zur Hetze wird und [...] - als Resultat dieses Prozesses – welche gewaltigen Verwüstungen diese Ideologie im Alltagsleben“[81] der Schachspieler bzw. des Schachspiels selbst hinterlassen hat.

Das Schach nahm in der jüdischen Tradition seit je her einen hohen Stellenwert ein. Dies kann der jüdischen Literatur entnommen werden bzw. wird gerade durch die große Anzahl der führenden Weltklassespieler ab Mitte des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet. Schon Hyde 1694 und  vor  allem  van  der  Linde  mit  seinem  großen  Werk  Geschichte  und  Literatur  des Schachspiels (1874) beschäftigten sich mit dieser Thematik.[82]

Zwar gab es im Judentum wie in vielen anderen Religionen, Spielverbote bzw. einen freiwilligen Verzicht auf Spiele, doch war das Schachspiel oftmals davon ausgenommen, was seiner Verbreitung sicherlich dienlich war. Nach einem großen Brand 1711 beschloß beispielsweise die Frankfurter jüdischen Gemeinde:

Anno 1711 nach dem grossen Brand hat die Frankfurter Gemeinde einen Schluss gemacht, dass in 14 Jahren solche Spiele, aus Betrübniss und Busse, sollen unterlassen bleiben, doch dass bey Krancken und Kindbetterinnen zur Lust, um ihnen die Zeit zu vertreiben, zu spielen vergönnt, und dann das Schach-Spiel, welches das ganze Jahr ihnen erlaubt ist, auch jetzo nach dem Brand, dahero auch einige vermögliche Juden solches Schach-Spiel ihre Kinder lehren und informieren lassen, weil es nicht so gewinnsüchtig, hingegen den Verstand schärffet und nachdenklich ist.[83]

Ohne Repressalien befürchten zu müssen, konnte man sich dem Schachspiel widmen. Andere Beschäftigungen wie Fischen, Jagen, Reiten oder Schießen waren den Juden verboten, was nicht erklärt, warum sie sich gerade dem Schach zuwandten, aber eine Einschränkung der Freizeitmöglichkeiten aufzeigt. Zudem darf nicht vergessen werden, daß das Schachspiel nur weniger finanzieller Mittel bedurfte. Brett und Figuren konnten notfalls selber hergestellt werden.

Die christliche Kirche stand dem Schachspiel weniger positiv gegenüber und verbot es lange Zeit. Bei den Juden erfreute es sich großer Beliebtheit, so daß gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Quellen vom Schachspiel als jüdisches Spiel[84] berichtet wurde:

Wo sich ein Schachclub aufthut, da sind die Söhne Israels gewiß nicht die Letzten, welche um Einlaß bitten. Hat man sie aufgenommen, so gehören sie zu den eifrigsten Besuchern, rastlos bestrebt, sich hervorzuthun, - und der Erfolg fehlt ihnen selten.[85]

Bis heute hält sich der Gedanke, Juden/Halbjuden hätten eine besondere Begabung für das Schachspiel. Wie erfolgreich Juden das Schachspiel betrieben, zeigt allein eine (nicht vollständige) Aufzählung der bisherigen Weltmeister, deren Herausforderer und Großmeister, die Herausragendes für das Spiel geleistet haben:

-         1866 wurde zum ersten Mal der Titel des Schachweltmeisters an Wilhelm Steinitz vergeben.

-         Ihm folgte 1894 Emanuel Lasker.

-         Herausforderer jüdischen Glaubens waren Isidor Gunsberg (1890), Siegbert Tarrasch (1908), Janowski und Carl Schlechter (1910).[86] <