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WILLIAM STEINITZ: FORSCHER, KÜNSTLER, SCHACHSPIELER
VON JOHANNES FISCHER zu finden in: Karl.
Das Kulturelle Schachmagazin
Das
2. Internationale Schachmeisterturnier Wien 1882
22.11.2004
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Sein neuer Spielstil siehe unten
Allgemeine
Daten:
Wilhelm
Steinitz wurde am 14. oder 18.05.1936 in Prag geboren. Er war von 1886 bis 1894
Weltmeister des Schachspiels und verstarb am 12.08.1900 in New York.
Seine
Schachkarriere:
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Bei dem Turnier in London vom 16. Juni bis 2. August 1862 erreichte er
den sechsten Platz hinter Adolf Anderssen, Louis Paulsen, John Owen,
George MacDonnell und Serafino Dubois.
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Danach bestritt er einen Zweikampf
gegen den Fünftplazierten Dubois, den
er mit 5 : 3 gewann. Mit diesem Wettkampf begann seine einzigartige
Siegesserie in Zweikämpfen.
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Im September 1862 nahm er an der Londoner Meisterschaft teil, welches er
mit sieben Siegen und keiner Niederlage gewann.
-
In weiteren Wettkämpfen bezwang er in den den darauffolgenden zwei Jahren
Henry Blackburne (sieben Siege, eine Niederlage, zwei Remis), Mongredien
(sieben Siege, keine Niederlage, keine Remis), John Owen (sieben Siege,
keine Niederlage, zwei Remis) und den Belgier Deacon (fünf Siege, eine
Niederlage, ein Remis).
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Im Jahre 1865 gewann Steinitz in Dublin
die irische Meisterschaft.
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Im Juli 1866 folgte ein Sieg beim Londoner Turnier (KO-Turnier: Acht Siege,
drei Niederlagen, kein Remis)
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Vom 18. Juli bis 10. August 1866 folgte
ein Wettkampf zwischen ihm und
Adolf Anderssen.
Steinitz gewann mit acht Siegen und
sehcs Niederlagen bei
keinem Remis. Bei diesem Wettkampf kamen zum ersten Mal Sanduhren
zum Einsatz. Die Zeitkontrolle erfolgte nach zwei Stunden in denen man 20
Züge absolvieren mußte.
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Im November desselben Jahren spielte
Steinitz ein Match gegen den
Engländer Henry Bird. Er gewann nur schwer mit einem Ergebnis von sieben
Siegen, fünf Niederlagen bei 5 Remis.
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September 1867 in Dundee (Schottland) Steinitz wurde 2. mit 7 Punkten. Bei
diesem Turnier wurde zum ersten Mal ein Remis mit einem halben Punkt
gewertet und die Partie nicht noch einmal gespielt.
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Paris
vom 4.Juni bis 21.Juli 1867
(Weltausstellung) Steinitz wurde zweiter
hinter Ignaz Kolisch
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1870, Wettkampf mit Blackburne )fünf Siege, keine Niederlage, ein Remis.
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Baden - Baden 1870 Steinitz mit 12,5
zweiter hinter Anderssen
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Juli 1872 Steinitz gewann in London (7 Siege, keine Niederlage ein Remis)
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August 1872 Wettkampf mit Zukertort (sieben Siege, eine Niederlage, vier
Remis)
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Wien 1873 (Modus: 12 Teilnehmer. Einen vollen Punkt erhielt man erst bei
einem Sieg von zwei Partien in einem Miniwettkampf über drei Partien. Bei
einem Unentschieden erhielt jeder einen halben Punkt) Steinitz gewann
zusammen mit Blackburne. Beide wiesen je 10 Punkte auf. Den
Stichkampf
gewann Steinitzt.
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Februar 1876 Zweikampf gegen Blackburne
(sieben Siege, keine
Niederlage, kein Remis)
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Wien 1882 Steinitz gewann zusammen mit
Winawer den 1. bis 2. Platz (24
Punkte)
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London April bis Juni 1883 Es gewann
Zuckertort mit 22 Punkten vor
Steinitz mit 19 Punbkten
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1886 Wettkampf Steinitz gegen Zukertort Wer zuerst 10 Siege verzeichnen
konnte, sollte Weltmeister sein. Steinitz benötigte dazu 20 Partien.
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Havana
vom 20. Januar bis zum 24. Februar im
Jahre1889.
Weltmeisterschaftskampf gegen Chigorin. Steinitz gewann mit 10 Siegen,
sechs Niederlagen und einem Remis.
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1890/91 Weltmeisterschaftskampf gegen Isidor Gunsberg. Steinitz gewann
mit sechs Siegen, vier Niederlagen und 9 Remis.
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Havana 1892 Weltmeisterschaftskampf gegen Chigorin. Steinitz siegte mit 10
Siegen, acht Niederlagen und 5 Remis.
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März/Mai 1894 in New York/Philadelphia Weltmeisterschaftskampf gegen
Emanuel Lasker im Alter von 58 Jahren. Wilhelm Steinitz verlor seinen
Weltmeistertitel mit 10 Niederlagen, fünf Siegen und 4 Remis.
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New Yorker Turnier, Oktober 1894
Steinitz gewann mit 8,5 Punkten aus 10
Partien Zum letzten Mal belegte Steinitz den ersten Platz bei einem Turnier.
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Hastings Mai 1895 Es gewann Pillsbury
mit 13 Punkten aus 21 Partien.
Steinitz wurde 5..
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13. Dezember 1895 bis 29. Januar 1896 Vierer -Turnier in Petersburg.
Steinitz wurde zweiter hinter Lasker.
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1896 Zweikampf gegen Schiffers (sechs Siege, vier Niederlagen, ein Remis.
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Nürnberger 1896, Steinitz wurde mit 11 Punkten aus 18 Partien 6.
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Revanchematch um die
Weltmeisterschaft gegen Lasker vom 7. November
1896 bis 14. Januar 1897 in Moskau. Lasker gewann mit zehn Siegen bei
zwei Niederlagen und 5 Remis.
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August
1897 Steinitz gewann die New Yorker Meisterschaft.
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Weltturnier in Wien vom 31. Mai bis 30. Juni 1898. Steinitz wurde 4.
-
Juli 1898, 5. Platz beim Internationalen Turnier in Köln.
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London
1899, Weltturnier, Steinitz blieb
preislos.
Sein
neuer Spielstil
Wilhelm
Steinitz wurde am 14. oder 18. Mai 1836 in Prag geboren
und widmete sich seit dem Jahre 1862 ganz dem Schachspiel. Im selben Jahr zog er
in das Land, in dem die Industrielle Revolution begann, nach England, jenem
Land, welches zu dieser Zeit auf eine parlamentarische Tradition zurückblicken
konnte und bereits über eine hochentwickelte Wirtschaft verfügte. England war
mit seinem weltumspannenden Geist Vorbild für alle, die der Akkumulation von
Kapital positiv gegenüberstanden, bzw. Alptraum derjenigen, die dies nicht
taten. Vorwiegend in diesem Land entwickelte Steinitz seine revolutionären
Ideen über das Schachspiel. Der „großbürgerliche Aspekt, [...] einer die
Meere beherrschenden Weltmacht, den Blick abgewendet von der Idylle behaglicher
Selbstgenügsamkeit auf engem Raum. Der nüchterne ‚common sense’, das
Denken und Handeln nach reiner Zweckmäßigkeit sind das Maß englischer Lebensführung
- und das gilt auch für das englische Schach - kein überflüssiger Ballast, überschwenglicher,
sich in wilden Opferkombinationen austobender Leidenschaften, keine letzten und
höchsten Prinzipien, sondern kühles, leidenschaftsloses Betrachten jeder
gegebenen Realität, ein Handeln von Fall zu Fall“.
Eine solche Spielweise war schon bei dem englischen Schachspieler Howard
Staunton zu erkennen gewesen, der aus ihr jedoch keine Wissenschaft machte, wie
es Steinitz tat.
Als
Schachredakteur von The Field
und Herausgeber der in Amerika erscheinenden Zeitschrift The
International Chess
Magazine (1885-1891) war Steinitz in
der Lage, seine Ideen zu publizieren. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß
England erst mit Verspätung starken Einfluß auf das internationale Schachleben
ausübte.
Trotz
wachsender Popularität des Schachs im Spätmittelalter war es natürlich ein
Spiel der Könige, Bischöfe und Ritter geblieben. Die revolutionären
Volksbewegungen übertrugen ihre antifeudale Bilderstürmerei mitunter auch aufs
Schachspiel. Zu Savanarolas Zeiten brannten auf dem Scheiterhaufen des Luxus in
Florenz zugleich Schachutensilien. Ähnlich ablehnend reagierte die revolutionäre
Sekte der Puritaner in der englischen Revolution auf den in ihren Augen überflüssigen
Tand des Adels und des Hofes. Die Pioniere des englischen Kapitalismus opferten
zudem nicht ihr Geld für Luxusartikel. Sie hatten keine Zeit für profitbeeinträchtigende
Nebensächlichkeiten. Jede Münze und jede Minute galt ihrem Geschäft. Für
Schach war da wenig Platz. [...] Auch in der allgemeinen Kunstentwicklung war
das gleiche wie in der Schachkunst festzustellen. Barock und Rokoko hatten ihren
Ursprung in Italien bzw. in Frankreich und wurden in England geradezu ignoriert.
Die schon erwähnten Vorsichtsmaßnahmen, die Londoner Schachfreunde bei ihren
geheimen Zusammenkünften im Old Slaugther’s Coffee-House für notwendig
hielten, waren also nicht unbegründet. Sie wollten nicht in den Ruf kommen,
Nichtstuer und Zeitverschwender zu sein, die eine Adelsgepflogenheit
fortsetzten. Erst als die puritanischen Lebensregeln an Einfluß verloren, weil
sich genügend Kapital angehäuft hatte, so daß eine großzügigere
Lebensgestaltung möglich wurde, wagten die Schachfreunde öffentlich ihrem
Vergnügen nachzugehen.
Es
ist nicht verwunderlich, daß ein nach England Zugereister mit großem
schachlichen Vorwissen und beeinflußt vom kapitalistischen Leben ökonomische
Gesetzmäßigkeiten auf das Schachspiel übertrug.
Gerade
die stürmische Art des in der deutschen Schule der Kombination groß gewordenen
Meisters gefiel den englischen Schachfreunden, denn sie konnten von Steinitz
viel lernen, ebenso wie Steinitz von ihnen. Aus der Berührung der beiden
grundverschiedenen Temperamente, des phantasiereichen, draufgängerischen der
Kombination Anderssens mit dem weitausschauenden, planmäßigen des
Positionsspiels der Engländer, erwuchs in Steinitz eine Synthese, die
Geschichte zu machen berufen war.
Steinitz
hatte seine Ideen, die die Schachwelt so beeinflußten wie die Erfindung der
Dampfmaschine die Ökonomie, erst nach seiner Reise durch die verschiedenen
Kulturkreise des Schachs entdeckt. Er lernte den idealistisch-deutschen
und den empirisch-englischen
Schachstil ebenso kennen wie den dynamisch-amerikanischen
nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Amerika um das Jahr 1883. Doch auch
in den USA brachte ihm seine unnachgiebige und kompromißlose Art in
Schwierigkeiten. Seine Kritik an dem genialen amerikanischen Schachspieler Paul
Morphy wurde ihm ebenso übel genommen wie seine Tiefenanalyse des Schachspiels,
die gar nicht erwünscht war. Man wollte die Schönheiten des Schachs nicht enträtseln
und ernüchtert aufwachen.
Die
Anatomie ist eine blutige Wissenschaft, ein Arbeiten mit Leichen und üblem
Geruch, und die strahlenden Augen und der kirschrote Mund einer schönen Frau
sind gewiß sehenswerter als das Röntgenbild ihrer Halswirbel und Rippen. [...]
Entgötterung des Schachspiels, Verflachung, Schamlosigkeit, Geisteshaltung des
Thersites - das ist die Antwort, die Steinitzens Zeitgenossen seiner Theorie
geben.
Steinitz
erlernte in der Hochburg des klassischen Schachs, in Wien, wo er eigentlich zum
Ingenieur ausgebildet werden sollte, das Schachspiel. Es dauerte nicht lange,
bis er zu einem Meister des romantischen Schachs und dem ästhetischen Ideal
seiner Zeit gerecht wurde. Über seinen Wechsel vom romantischen Schach zum nüchternen,
nach ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zu spielenden Schach schieb er:
Die
Turniere von Paris 1867 und Baden Baden 1870, auf denen ich den erhofften ersten
Platz nicht erringen vermochte, machten mich stutzig. Ich fand, daß mit dem
Kombinationsspiele zwar ganz hübsche Ergebnisse, aber keine dauernden Erfolge
zu erzielen waren. Bei nachträglicher Durchsicht der Partien bemerkte ich recht
bedenkliche Schwächen, gar manches aussichtsvolle und geglückte Opfer erwies
sich als unrichtig. Ich gelangte zu der Überzeugung, daß zu einer wirksamen
Verteidigung einer Stellung weit weniger Kräfte nötig seien als zum Angriff,
und daß ein Angriff überhaupt nur Aussicht auf Erfolg besitze, wenn die
gegnerische Stellung schon entsprechend geschwächt ist. Dies veranlaßte mich
zum Nachdenken und mein Sinnen, eine einfache und sichere Methode
herauszufinden, um diese Schwächung der feindlichen Stellung herbeizuführen.
Die
Überlegung Steinitz’, was genau überhaupt einen Vorteil ausmachte, und daß
erst viele kleine Vorteile einen großen Vorteil brachten, war für das
Schachspiel bahnbrechend. Hat der gegnerische Läufer beispielsweise drei Felder
zur Verfügung, der eigene hingegen vier, so ist dieser Vorteil zwar klein, in
seiner Summe mit anderen aber wieder enorm. Emanuel Lasker schrieb über Wilhelm
Steinitz und seine neue Partieführung:
Daß
es so sei, ist ja nicht erstaunlich, im Leben führt eine große Spannung
inmitten der Gesellschaft immer zu einer umwälzenden politischen Tat, eine große
Spannung des Gefühls führt zu einer Umwertung von Werten, und so ist es nicht
überraschend, daß auf dem Schachbrett die Spannung eine Kombination erzeugt.
So
wird Steinitz’ Maxime verständlich, zunächst auf das Suchen von
Kombinationen und auf Opferangriffe zu verzichten, erst einmal kleine Vorteile
anzuhäufen und erst dann die mögliche Kombination durchzuführen.
Was
zunächst „wie reine Schachstrategie aussah, war zugleich eine
Verallgemeinerung aus dem Wirtschaftsleben. Das bedingungslose und
zielgerichtete Erfolgsstreben auf der Basis nüchterner Zweckmäßigkeitserwägungen,
unbelastet von jeglicher Verklärung und Illusion, wurde Steinitz in England und
Amerika vor Augen geführt“.
Ferdinand
Braudel schrieb 1979 in seinem zweiten Band Civilisation
matérielle ebenfalls über den
Zusammenhang des Kapitalismus und dem Schachspiel in vorsichtiger Formulierung:
Man
hat plötzlich diese latente Idee vom Spiel, vom Risiko, vom Betrug, die Regel
von der sich darüber erstaunenden Grundhaltung, ein Gegenspiel herzustellen,
mit dem Blick auf die Mechanismen und üblichen Instrumente des Marktes, diese
außerdem arbeiten zu lassen, wenn sie nicht im Gegensatz dazu sind, gesehen.
Man versucht, sich mit der Geschichte des eingeschriebenen Kapitalismus in einer
sonderlichen Art der Theorie des Spiels die Zeit zu vertreiben.
Zwar
bezog sich Braudel primär auf die Änderung der Spielregeln im Schach, die sich
einer immer schnelleren und langschrittigeren Zeit angepaßt haben sollen,
doch liegt die Vermutung nahe, daß, wenn eine schnellebigere Zeit das
Schachspiel mit seinem Regelwerk beschleunigte, sie ebenfalls den Spielstil der
Meister beeinflußte.
Mit
dem Ausbau der Infrastruktur durch die Industrielle Revolution und durch die
damit verbundene Beschleunigung des Verkehrswesens für den Reise- und
Wirtschaftsverkehr kam es zu einem weiteren Aufleben der wirtschaftlichen
Produktion. Das Schachspiel wurde von diesem Sog der Entwicklung beeinflußt.
Zudem entwickelte sich eine ausgeprägtere Kommunikation unter den
Schachspielern. Ebenso förderte die Industrielle Revolution die Ausbreitung des
Buch- und Zeitschriftenmarktes.
Auch
der Schachsport profitierte von dieser Entwicklung. Die Vorbereitung zum großen
internationalen Turnier liefen seit 1850 auf Hochtouren, als sich in den
verschiedenen Ländern Komitees bildeten. [...] Immer schnellere und
komfortablere Reisen machten auch die Ausrichtung großer Jahresturniere im
Rahmen der nationalen Kongresse möglich.
Das
Londoner Turnier aus dem Jahre 1851 während der Weltausstellung bildete
unzweifelhaft eine Wende im Schachspiel. Luis de Lucenas hatte gegen Ende des
15. Jahrhunderts die Regeln für das Schachspiel ausdifferenziert, und Mitte des
19. Jahrhunderts hatte man begonnen, dies auch für die äußeren
Spielbedingungen zu tun. Zum ersten Mal kam es bei einem Turnier nun zu einer
Trennung zwischen dem Schachspiel aus Vergnügen und dem Spiel als Arbeit, Beruf
und Einkommensquelle, welches der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Gleichzeitig
mit dem stattfindenden Turnier sollte von einem ersten internationalen Kongreß
der Schachmeister ein Reglement verfaßt werden. Alle Fragen zu Regeln,
Turnierfiguren,
Notationssystem und Zeitbeschränkung sollten europaweit kodifiziert werden. Wie
sonst in der modernen Industriegesellschaft galt es, „supranationale Normen
festzuschreiben, ein Fundament von Geboten und Verboten zu legen, von denen sich
regionale Abweichungen nicht als Besonderheiten, sondern als Übertretung einer
existierenden internationalen Norm definieren ließen“.
Eine
Unterscheidung zwischen Funktionär und Spieler gab es noch nicht. Die Spieler
galten als Vertreter ihrer Länder, und man stritt über die Nation, welche die
Definitionsgewalt über die neuen internationalen Normen erhalten sollte.
Im
Schachleben bildete sich nun ab, was auf der Bühne der politischen Diplomatie
und der Handelsbeziehungen in Europa bereits Alltag war. Das private Spiel wurde
zu einer ernsten Angelegenheit.
Das
Schach wurde zum Wirtschaftsfaktor mit bestimmten beruflichen Normen und
Organisationsformen. Das Turnier 1870 von Baden-Baden beispielsweise war das
erste Turnier in einer Reihe von Bäderturnieren, das aus Gründen der Werbung
von einem Kurort finanziert wurde. Die Kurverwaltung sah darin eine gute
Fremdenverkehrswerbung und stellte 5000 Francs zur Verfügung. Die Zeit des
reinen Freizeitsports Schach wurde mit Beginn des Turniers ad acta gelegt, auch
wenn es unter denkbar ungünstigen Umständen stattfand. Turnierbeginn war der
18. Juli, unmittelbar danach begann der Krieg zwischen Deutschland und
Frankreich.
Gerade
das Bemühen um eine einheitliche Notation unter den Schachspielern zeigte neben
den internationalen Kodifizierung der Regeln und der Einschränkung der
Bedenkzeit den Glauben an den Fortschritt während der Industriellen Revolution
und den Versuch der universellen Kommunikation:
"Schon lange war es ein Wunsch der eifrigsten und wißbegierigsten
Liebhaber des Spiels, ein
gemeinsames Notationssystem für ganz Europa einzurichten. In diesem Fall gilt
das Argument von Erasmus, der
die Verwendung einer gemeinsamen Sprache für die Gebildeten in allen
Ländern empfahl. Hätten wir ein einheitliches Notationssystem, würde die
Wissenschaft in ganz Europa
rascher Fortschritte machen. Bedenken wir, wie rasch eine einzige Variante den
Wert einer ganzen Eröffnung zu
verändern vermag, und bedenken wir, daß diese Varianten zur Zeit
noch in Büchern mit sehr unterschiedlichen Notationssystemen dargestellt
werden, wird man zugeben müssen,
daß der Vorteil einer gemeinsamen Schachsprache unschätzbar wäre. Gäbe
es ein anerkanntes Notationssystem, könnte ein Spieler in sechs Monaten mehr
Fortschritte machen als
die Mehrzahl der Amateure in ihrem ganzen Leben."
Mit
der Reglementierung der Figuren, der Bedenkzeit und der Notation kam es zu einer
Internationalisierung des Spiels. Das Bemühen, Schachpartien im Zuge des
Fortschritts zu rationalisieren, trug gar sonderbare Früchte. Die Arbeit des
Mitschreibens von Partien sollte durch Maschinen erledigt werden. Zwar ging
keine dieser Maschinen in Produktion, doch zeigt sich, wie weit der Gedanke nach
Rationalisierung schon vorangeschritten war und selbst in Winkel reichte, die
man nicht mit ihm in Verbindung bringen sollte. Im Zuge dieser Rationalisierung
betrachtete Wilhelm Steinitz das Schachspiel unter „objektiven Bedingungen“.
Darunter verstand er „das gleiche, was der Jurist unter einem ‚Tatbestand‘
versteht. Zu einem Tatbestand gehört nur das, was unwiderleglich bewiesen
worden ist; alles andere bezeichnet der Jurist als ‚Sachverhalt‘. Für
Steinitz waren die von ihm entdeckten, dargestellten und in der praktischen
Partie erprobten ‚objektiven Bedingungen‘ die ‚Tatbestände‘ des
Schachs, während alle anderen Stellungsmerkmale, auch mögliche Kombinationen
wie Figurenentwicklung oder Tempoverhältnisse bloße ‚Sachverhalte‘ waren,
die erst noch des unwiderleglichen Beweises bedurften, wenn er sie als
‚objektive Bedingungen‘ anerkennen sollte“.
Eine solche Betrachtungsweise des Schachspiels hatte es vor Steinitz nicht
gegeben.
Die
Neuentwicklungen im sozialen, technischen und politischen Denken in Europa
nahmen ihren Lauf. Es entstand ein „Hinausstreben aus dem Kantönligeist des
Vormärz in die Weiten der Welt, ein neues Verlangen nach Erkenntnissen, ein
neues Fragen nach den letzten Dingen. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieser
neue Geist Europas seinen Niederschlag auch im Schachspiel fand. Da auch Schach
in die ‚Warenproduktion’ einzugehen begann, da auch Schach eine ebenso völkerverbindende
Nutzbarkeit wurde wie Kattun und Baumwolle, mußte sich auch der Schachstil den
geänderten Umständen irgendwie anpassen. Der Schachromantizismus der
vergangenen Tage hatte einer Zeit entsprochen, in der Schach nur zum Vergnügen
gespielt worden war, als Abreagenz von des Tages Mühn. Dieser
Schachromantizismus wurde unhaltbar in dem Augenblick, als Schach selbst ein
Gegenstand der Mühen des Tages, selbst ein Beruf, selbst eine Kapitalanlage für
kommerzielle Unternehmungen wurde. Von diesem Augenblick an mehrten sich die
internationalen Schachturniere in bisher ganz ungeahnter Weise. Von diesem
Augenblick an müssen auch die Meister des Spiels ihre Schachtaktik verändern“.
Wilhelm Steinitz war der erste Vertreter dieser neuen Generation.
Das
konsequente Streben nach Erfolg auf der Grundlage von nüchternen Erwägungen
ließ keinen Platz mehr für romantische Verklärungen. Das von Steinitz
verbesserte Positionsspiel zeichnete sich gerade nicht durch den direkten Königsangriff
aus, wie es in der Romantik praktiziert wurde, sondern durch die Besetzung
strategisch wichtiger Punkte. Er war bemüht, die gegnerischen Figuren auf schlechte
Felder zu zwingen und erst nach der
Anhäufung von Vorteilen den Angriff zu suchen. Er minimierte das Risiko zu
verlieren. Seine Verbesserung des Positionsspiels, die Einführung von starken
und schwachen Feldern, die Kunst des Lavierens und der Verteidigung gebühren in
der Geschichte des Schachs einer besonderen Erwähnung. Er vertrat die von ihm
begründete positionelle Schule und verkündete:
Solidität
und Gründlichkeit sind im jedem Fall dem Glanz und der Schönheit vorzuziehen.
Brillante Kombinationen sind nur nach Fehlern des Gegners möglich.
Der
Anfang der Wende vom romantischen Schach zum modernen Schach vollzog sich im
Wettkampf zwischen Steinitz und einem der größten Romantiker, Adolf Anderssen.
Er fand in London fast zeitgleich mit der kriegerischen Auseinandersetzung
zwischen Preußen und Österreich bei Sadowa-Königgrätz statt. Selbstverständlich
hatten diese beiden Ereignisse direkt nichts miteinander zu tun, auch wenn der
Österreicher Steinitz nach seinem 8 : 7 Erfolg über den Preußen Anderssen
seinen Sieg als Rache für die entscheidende Niederlage der österreichischen
Armee gegen die preußische deklarierte.
Und dennoch zeigen beide Entwicklungsabläufe Parallelen auf. Der Niederlage Österreichs
folgte eine neue Epoche in Europa. Der nationale Gedanke gewann die Oberhand mit
seiner Ausprägung der modernen Nationalstaaten, die ein neues Großmächtesystem
nach sich zogen. Es kam zur staatlichen Einigung Italiens und Deutschlands, und
der Kapitalismus entwickelte sich quantitativ und qualitativ. Daß diese Veränderungen
im sozialen, technischen, organisatorischen und materiellen Bereich zu einer
neuen philosophischen Betrachtung des Weltbildes führten, liegt nahe. Ausdruck
dafür war u.a. die biologische Betrachtung der Gesellschaft.
Steinitz’
Vergleich seines Wettkampfes mit Anderssen mit dem Krieg Österreich - Preußen
war mehr als nur die nationale Verbundenheit eines Mannes mit seinem Vaterland.
Preußens Armee hatte die lange Zeit als überlegen angesehene österreichische
geschlagen. Die Gründe für ihren Sieg waren die gleichen wie für den Sieg
Steinitz’ gegen Anderssen, sie war besser organisiert und verfügte über die
bessere technische Ausbildung. Die moderne Wissenschaft war der Romantik überlegen.
Auch wenn Steinitz den Sieg gegen Anderssen letztlich noch nicht mit seiner endgültigen
modernen Spielstrategie gewonnen hatte, sondern mehr durch Fehler seines
Gegners, so hat der Wettkampf ihn dennoch darin bestätigt, „aus dem
wirklichen Sadowa auch für sich selbst die Lehren zu ziehen“.
Die endgültige Wende brachte das Wiener Turnier von 1873, das Steinitz überlegen
gewann, wobei er 16 Partien in Folge für sich und seinen neuen Stil verbuchen
konnte.
Selbstverständlich
war es für Steinitz nicht möglich, die neuen Ideen von heute auf morgen zu
artikulieren und auf dem Schachbrett umzusetzen, was teilweise in einer
Unsicherheit im Spiel von Steinitz seinen Ausdruck fand, wie bei seinem nur
knappen Sieg über den Engländer Bird 1866 mit 6 : 5. Außerdem erntete seine
neuen Spielauffassung vehemente Kritik. Die Kritik begründete sich einerseits
auf das allgemein herrschende Unverständnis, welches man Steinitz’ Ideen
entgegenbrachte,
und andererseits auf seine Unfähigkeit, die revolutionären Ideen in Worte zu
fassen und pädagogisch zu vertreten. Steinitz‘ Umgang mit Menschen war oft
von rechthaberischer und unnachgiebiger Art. Er nannte andere Schachspieler in
ihrer Partieführung Lackaffen, schwachsinnige Trottel und heimtückische
Schufte.
Kritik an seiner Person begegnete er oft mit Sätzen wie: Ein Esel würde immer
seinen Trott machen, ohne dabei zu fallen, während ein Rennpferd sich in
wenigen Sekunden Hals und Bein brechen könnte.
Das
Publikum liebte Steinitz‘ Spielweise nicht. Man verstand sie nicht. Sie versprühte
nicht mehr den Glanz wildromantischer Opferangriffe. Steinitz war als Person und
in seiner Spielweise trotz aller Effektivität unpopulär. Steinitz’ neue Idee
des Positionsspiels, die er mittlerweile für sich gefestigt hatte, trat
deutlich zutage in seinem Wettkampf gegen Blackburne, den er mit 7-0 gewann, und
gegen Zukertort, den er mit 10-5 für sich entscheiden konnte. Eine seiner berühmtesten
Partien, gespielt am 17. August 1895 beim Turnier in Hastings gegen v. Bardeleben, soll sowohl seine romantische Grundausbildung als auch seine
moderne, heute klassisch genannte Schule verdeutlichen.
Weiß:
Steinitz
1.
e4 - e5
13. Lxe7 - Sxe7
24. Tg7+ - Kh8
2.
Sf3 - Sf6
14. Te1 - f6
25. Txh7+
- Kg8
3.
Lc4 - Lc5
15. De2
- Dd7
26. Tg7+ - Kh8
4.
c3 - Sf6
16. Ta-c1 - c6
27. Dh4+ - Kxg7
5.
d4 - exd4
17. d5 - cxd5
28. Dh7+ - Kf8
6.
cxd4 - Lb4+
18. Sd4 - Kf7
29. Dh8+ - Ke7
7.
Sc3 - d5
19. Se6 - Th-c8
30. Dg7+ - Ke8
8.
exd5 - Sxd5
20. Dg4 - g6
31. Dg8+ - Ke7
9.
0-0 -Le6
21. Sg5+ - Ke8
32. Df7+
- Kd8
10.
Lg5 - Le7
22. Txe7+ - Kf8
33. Df8+ - De8
12.
Sxd5 - Dxd5
23. Tf7+ - Kg8
34. Sf7+ - Kd7
35. Dd6 matt
Steinitz
ging bei seiner Beurteilung von Schachstellungen über das eigentliche Schach
hinaus. Sein Begriff vom Gleichgewicht der Kräfte beschränkte sich nicht auf
das Schachspiel und ist demselben nicht entnommen. Eine solche Aussage hatte es
im arabischen Schach nicht gegeben und ist der Philosophie oder der Politik
zuzuordnen. Vergleichbar mit dem 1713 stattgefundenen Utrechter Friedenskongreß,
auf dem versucht wurde, eine Politik der „balance of Europe“
zu etablieren, oder dem Wiener Kongreß (1814/1815), dessen Zielsetzung ein
Gleichgewicht der Kräfte war. Emanuel Lasker zog weitere Verbindungen zu dem
von Steinitz formulierten Gleichgewicht der Kräfte im Schach:
Er
führt den Begriff eines kämpferischen Gleichgewichts ein, den er balance of
position nennt. Nun hat man ja längst das Gleichgewicht zweier Massen auf der
Waage gekannt und dem Begriff des Gleichgewichts der Kräfte für die Physik
verwendet. Und der englische Philosoph Spencer hat auch in seiner Soziologie wie
in seinen Betrachtungen über den Kampf ums Dasein von einem Gleichgewicht
gesprochen, das dadurch dokumentiert wird, daß keine starke Bewegung oder
Verschiebung statthat. Indessen glaube ich, daß Steinitz doch eine originelle
Leistung vollbracht hat, er verwendet nämlich den Begriff des Gleichgewichts,
um den Schachspieler in den Stand zu setzen, sich intelligente Ziele zu wählen:
Ziele, die erreichbar sind und an denen Versuche zu machen sich verlohnt. [...]
Die Theorie von Steinitz wäre aber unverständlich, wenn sie nicht als
Hintergrund grübelnde Meister hätte, die sich an einer harten Aufgabe
versuchen und sehnsüchtig nach jedem Gedanken Ausschau halten, der ihre sehr mühselige
Arbeit leicht macht.
Steinitz
hatte Laskers Aussage nach den Begriff des Gleichgewichts, der in der Physik und
Soziologie schon lange bekannt war, auf das Schachspiel übertragen. Ihm ist
laut Lasker die Übertragung der Gesetze der Vernunft und der Wissenschaft auf
das Schachspiel zu verdanken. Die Naturwissenschaft und Technik dieser Zeit
gingen mit der Produktion eine funktionelle und rationelle Symbiose ein, in der
jeder Faktor vom anderen zutiefst abhängig war. Die methodische
Forschungsarbeit in ihrer spezifischen europäischen Prägung wurde im 19. und
20. Jahrhundert perfektioniert und zur Institution erhoben. Niemals zuvor war
die Wissenschaft so bestimmend in alle Bereiche eingedrungen, noch nie berief
sich auch noch der allerbanalste Vorgang, die einfachste Planung, so überzeugt
auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Gegebenes konnte nicht mehr einfach als
gegeben hingenommen werden, es mußte auf seine Grundlage und Ursachen
untersucht und durchleuchtet werden. Die Änderungen und die damit verbundene
Notwendigkeit, sich von vertrauten Denkmodellen zu lösen, setzte am
deutlichsten in der Physik ein, als Max Planck 1900 die Quantentheorie
entwickelte, und sie schritt mit Albert Einsteins Relativitätstheorie von 1905
rasch und stetig voran. Besonders schwerwiegend war dabei die Abkehr vom
Anschaulichen, Greifbaren, die Wendung zur Abstraktion und Mathematisierung,
eine Tendenz, der sich auch andere Fachgebiete wie die
Wirtschaftswissenschaften, die Soziologie und die Geisteswissenschaften
angeschlossen haben. Damit wurde der wissenschaftlich-technische Geist gleichsam
absolut gesetzt und drang unaufhaltsam in die menschlichen Belange ein.
Die
größte Diskrepanz zwischen Steinitz und dem Rest der Schach spielenden Welt
kam sehr deutlich in der von ihm begründeten Aussage zum Ausdruck: Der
König ist eine starke Figur. Während der Romantik galt es lediglich,
diesem schwachen Monarchen so schnell wie möglich an den Kragen zu gehen. Daß
nun dieser Eunuch plötzlich selbst Macht besitzen sollte, war für viele
romantische Schachspieler nicht nachvollziehbar.
In
dem neuen Zeitalter, das nach 1870 beginnt, herrscht aber nicht mehr der
‚Held’, sondern der ‚Händler’, und sogar in der Kriegstechnik wird der
Spaten wichtiger als der Degen, ein lehmiger Unterstand zweckmäßiger als eine
Kavellerieattacke und eine ‚Gulaschkanone’ nahrhafter als Fanfarenblasen und
Körnerzitate. Kohle und Erz, Konservenfabriken und fahrende Kriegsküchen,
strategische Eisenbahnlinien und Handelsverträge entscheiden den Ausgang eines
Krieges viel mehr als goldene Tapferkeitsmedallien und Eiserne Kreuze.
Die
Organisation des Wettkampfes zwischen Steinitz und Zukertort in Amerika 1886 kündigte
deutlich eine neue Epoche des Schachs an. Zum ersten Mal ging es in
amerikanischen Superlativen offiziell um den Weltmeistertitel. Die
Kommerzialisierung dieses Wettkampfes unterschied sich von den heutigen nur
insofern, als daß die Hauptakteure am wenigsten davon hatten. Zum Zwecke des
materiellen Gewinns wurde die Auseinandersetzung in mehrere Städte gelegt. Der
Kommerzialismus hielt endgültig seinen Einzug in die Schachorganisation.
Steinitz
sah, vor allem im hohem Alter, nur seine Ideen, seine Ideologie
als einzig richtige an. Er schrieb über seinen Wettkampf mit dem Angriffs- und
Kombinationsspieler alter Schule, Michail Tschigorin, der zum Kampf der modernen
Schule gegen die der Romantik wurde:
Der
junge Meister der altern Schule opferte Bauern und Offiziere; der alte Meister
der jungen Schule tat mehr: er opferte eine ganze Anzahl von Partien, um
darzutun, was er unter gesunden Grundsätzen verstehe. Und ich denke, es wird
zugegeben werden, daß ich teuer genug zahle für meine eigenen Versuche in
hartem Matchspiel unter Zeitbeschränkung und anderem Druck, sowie ohne
vorherige Praxis. Denn mein abenteuerliche Unternehmen kostete mich nicht
weniger als fünf Partien.
Tschigorin
galt als Schachmetaphysiker. In
seinem Wettkampf gegen Steinitz ging es beiden darum, ihre schachliche
Weltanschauung darzutun.
Der
Unterschied in den Auffassungen zwischen Steinitz und seinen Zeitgenossen schuf
einen unnatürlichen breiten Abstand zwischen Positions- und Kombinationsspiel.
Es wurde Zeit, hier eine Brücke zu schlagen, und das war die Aufgabe der
folgenden Generation, die besonders reich an großen Talenten war.
Die
Meister nach Steinitz verstanden seine Lehren, sahen sie aber nicht als Ideal
an. Sie wollten das Positionsspiel mit der Kombination verbinden, die Gegensätze
miteinander verknüpfen und eine Verbindung von Praxis und Theorie erreichen.
Sowohl Steinitz wie auch seine Widersacher gingen in ihrer Spielweise ein
erhebliches Risiko ein. Die Romantiker nahmen für praktische Chancen
theoretische Nachteile in Kauf, während Steinitz sich ganz auf theoretische
Vorteile versteifte und nicht genügend auf das Praktische achtete. Spieler wie
S. Tarrasch, E. Lasker und H. N. Pillsbury waren es, denen die Aufgabe zufiel,
beide Extreme miteinander zu verbinden.
An
der Entwicklung des Schachspiels haben in allen Generationen viele Experten
mitgewirkt, aber es war meist der Stil des einen oder anderen führenden Einzelgängers,
der die Ansichten und die Spielauffassung seiner Zeitgenossen nachhaltig
beeinflußt hat.
Die
neuen Lehren des Wilhelm Steinitz zeigten ihn als Sohn seiner Zeit und erinnern
in manchem an die Strömungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Mechanischer Materialismus, Positivismus und Rationalismus in der Philosophie
sowie der Naturalismus in der Literatur spiegelten sich in seinen neuen Lehren
wider.
Steinitz’
Credo war ein wissenschaftliches System, das endgültige Lösungen für alle
Probleme auf dem Schachbrett liefern sollte. Er ersann eine plausible Theorie für
positionelle Bewertungen, das er in seiner Bedeutung aber dramatisch überschätzte.
Steinitz war ein Mann seiner posivistischen Zeit: Er glaubte an ein endgültiges
Wissen über alle Phänomene der Welt.
Das
Unverständnis, welches man Steinitz‘ neuen Ideen entgegenbrachte, lag wie
dargestellt einerseits an diesem kleinen, unnachgiebigen und rechthaberischen
Mann, aber auch in der Zeit selbst begründet. Sicherlich war es angenehmer,
auch im Schach, sich schönen Illusionen herzugeben. Diejenigen, die bereit
waren, die Wahrheit darzustellen, wurden mit Argwohn belegt. Steinitz’
Verwissenschaftlichung des Schachs erlebte ähnliches. Er selbst schrieb in
einem Brief an L. Bachmann, seinen Biographen, 1896:
"Das
Schach ist nichts für kleine Geister, es beansprucht einen vollen Mann, der
sich nicht sklavisch
an das Überlieferte hält, sondern selbständig die Tiefen des Spiels zu ergründen
sucht.
Es ist wahr, ich bin ein schwieriger, kritischer Kopf; aber sollte man da nicht
kritisch werden, wenn man so oft oberflächliche Urteile
über Stellungen anhören muß, deren wahrer Wert erst durch tiefgründige
Forschung klargestellt werden kann. Soll man sich nicht ärgern, wenn man sieht,
wie unselbständig an veralteten Methoden festgehalten wird, bloß damit man
nicht in seiner Bequemlichkeit gestört wird. Ja, das Schach ist schwer, es
erfordert Arbeit, ernstes Nachdenken, nur eifrige Forschung kann befriedigen.
Nur rückhaltlose Kritik kann zum Ziele führen. Aber der Kritiker gilt leicht
vielen als Feind statt als Führer zur Wahrheit. Mich aber wird Niemand vom Wege
zur Wahrheit abbringen."
Obwohl
Steinitz mehr als ein Vierteljahrhundert der führende Spieler war und seine
neue Theorie in zahlreichen Partien unter Beweis stellte, wurde sie erst
anerkannt, als er kurz vor dem Tode stand. Festgehalten werden kann, daß sich
der Schachstil im Laufe der Geschichte änderte.
Im
18. Jahrhundert herrschte die Spielweise Philidors vor, gegen die sich die
italienische Schule wandte. In England setzte das Zeitalter der Aufklärung ein.
Ihr folgte die Epoche der Romantik. Steinitz begründete den klassischen
Schachstil. Aufgrund ihrer Stileigenheiten können Partien, deren Herkunft
unbekannt ist, mit einiger Sicherheit bestimmten Epochen zugeordnet werden. Denn
in Anlehnung an die Zeitströmungen in Kunst und Literatur wandelte sich das
Schachspiel in jeder Epoche.
Das Datum seiner Geburt ist unklar und wechselt bei den Schachhistorikern
zwischen diesen beiden Daten.
J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 33.
J. Petzold, Schach. Eine Kulturgeschichte, S. 211 f.
J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 33.
Vgl. J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S. 42.
L. Bachmann, Das Schachspiel und seine historische Entwicklung, Leipzig
1924, S. 118.
Zitiert nach: J. Silbermann/W. Unzicker, Geschichte des Schachspiels, S. 99.
F. Braudel, Civilisation matérielle, économie et capitalisme, XVe
- XVIIIe siècle. Tome 2. Les Jeux de l‘ échange.-Paris 1979,
S. 515.
Die Einführung der Standard-Turnierfiguren erfolgte in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts durch das Staunton-Schach. Es wurde vom Engländer
Nathaniel Cook und auf die Empfehlung des Schachspielers Howard Staunton hin
zu heutigen Standard-Turnierfiguren entwickelt. Ohne etwas Wesentliches an
den Spielregeln zu ändern, war damit das Schachspiel in seiner
gesellschaftlichen Aussage völlig umgeformt worden. Mit der immer größer
werdenden Regelmäßigkeit der internationalen Turniere, mit der
Professionalisierung des Schachspiels und dem Kampf um die nationale
Vorherrschaft war das Schach zu einer prestigeträchtigen Angelegenheit
geworden. Schachfiguren herzustellen und zu standardisieren, bot daher eine
Marktchance. Der Markt nach den im Alltag gespielten Figuren erweiterte sich
und wurde zu einem eigenen Produktionszweig.
J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S.
19.
Zitiert nach: Umkämpfte Krone. Die Duelle der Schachweltmeister von
Steinitz bis Kasparow, Berlin 1986, S. 20.
Vgl. J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S.
27.
In einer vielzitierten Aussage Harry Birds, eines Zeitgenossen Steinitz`,
erkennt man das allgemeine Unverständnis, das seinen Theorien
entgegengebracht wurde: „Man tue die Schachfiguren in einen Hut, schüttle
sie kräftig aus einer Höhe von zwei Fuß auf das Brett, dann hat man
Steinitz’ Spielweise.“ Zitiert nach: Umkämpfte Krone. Die Duelle der
Schachweltmeister von Steinitz bis Kasparow, Berlin 1986, S. 8.
Vgl. I. Linder/W. Linder, Das Schachgenie Aljechin, München 1992.
Vgl. I. Mieck, Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit, Berlin 1989, S.
276-281.
E. Lasker, Gesunder Menschenverstand im Schach, 3. Aufl., o.O. 1972, S. 30.
J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S.
36.
Der angegebene Vergleich zwischen den Kathedersozialisten und den
Schachspielern darf nicht so verstanden werden, daß die Romantiker die
Sozialisten und Steinitz, der Kapitalist war, sondern soll nur ähnliche
Entwicklungsabläufe und Begriffsverwendungen zwischen dem Schachspiel und
den gesellschaftlichen Entwicklungen verdeutlichen, die zur selben Zeit und
am selben Ort stattfanden und nicht zufälliger Natur sein können. Der
Vergleich soll lediglich die Grundströmung des Schachs dieser Zeit in einen
größeren kulturhistorischen Zusammenhang stellen.
J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S. 50.
M. Euwe, Feldherrenkunst im Schach, S.
68.
G. Kasparow, in: Welt am Sonntag, Nr. 14/1996, S. 63.
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