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Wilhelm Steinitz

         
   
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WILLIAM STEINITZ: FORSCHER, KÜNSTLER, SCHACHSPIELER
VON JOHANNES FISCHER zu finden in: Karl. Das Kulturelle Schachmagazin 

Das 2. Internationale Schachmeisterturnier Wien 1882
22.11.2004
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Sein neuer Spielstil siehe unten

Allgemeine Daten:

Wilhelm Steinitz wurde am 14. oder 18.05.1936 in Prag geboren. Er war von 1886 bis 1894 Weltmeister des Schachspiels und verstarb am 12.08.1900 in New York.  

 

Seine Schachkarriere: 

-    Bei dem Turnier in London vom 16. Juni bis 2. August 1862 erreichte er

     den sechsten Platz hinter Adolf Anderssen, Louis Paulsen, John Owen,         

     George MacDonnell und Serafino Dubois.  

-    Danach bestritt er einen Zweikampf gegen den Fünftplazierten Dubois, den

     er  mit 5 : 3 gewann. Mit diesem Wettkampf begann seine einzigartige     

     Siegesserie in Zweikämpfen. 

-    Im September 1862 nahm er an der Londoner Meisterschaft teil, welches er

     mit sieben Siegen und keiner Niederlage gewann.  

-    In weiteren Wettkämpfen bezwang er in den den darauffolgenden zwei Jahren 

     Henry Blackburne (sieben Siege, eine Niederlage, zwei Remis), Mongredien   

     (sieben Siege, keine Niederlage, keine Remis), John Owen (sieben Siege,

     keine Niederlage, zwei Remis) und den Belgier Deacon (fünf Siege, eine

     Niederlage, ein Remis).

-    Im Jahre 1865 gewann Steinitz in Dublin die irische Meisterschaft.

-    Im Juli 1866 folgte ein Sieg beim Londoner Turnier (KO-Turnier: Acht Siege,

     drei Niederlagen, kein Remis)

-    Vom 18. Juli bis 10. August 1866 folgte ein Wettkampf zwischen ihm und 

     Adolf Anderssen. Steinitz gewann mit acht Siegen und sehcs Niederlagen bei

     keinem Remis.  Bei diesem Wettkampf kamen zum ersten Mal Sanduhren

     zum Einsatz. Die Zeitkontrolle erfolgte nach zwei Stunden in denen man 20

     Züge absolvieren mußte. 

-    Im November desselben Jahren spielte Steinitz ein Match gegen den

     Engländer Henry Bird. Er gewann nur schwer mit einem Ergebnis von sieben

     Siegen, fünf Niederlagen bei 5 Remis. 

-   September 1867 in Dundee (Schottland) Steinitz wurde 2. mit 7 Punkten. Bei 

     diesem Turnier wurde zum ersten Mal ein Remis mit einem halben Punkt 

     gewertet und die Partie nicht noch einmal gespielt.  

-   Paris vom 4.Juni bis 21.Juli 1867 (Weltausstellung) Steinitz wurde zweiter 

     hinter Ignaz Kolisch

-   1870, Wettkampf mit Blackburne )fünf Siege, keine Niederlage, ein Remis. 

-   Baden - Baden 1870 Steinitz mit 12,5 zweiter hinter Anderssen

-    Juli 1872 Steinitz gewann in London (7 Siege, keine Niederlage ein Remis)

-   August 1872 Wettkampf mit Zukertort (sieben Siege, eine Niederlage, vier     

     Remis)

-   Wien 1873 (Modus: 12 Teilnehmer. Einen vollen Punkt erhielt man erst bei 

     einem Sieg von zwei Partien in einem Miniwettkampf über drei Partien. Bei 

     einem Unentschieden erhielt jeder einen halben Punkt) Steinitz gewann 

     zusammen mit   Blackburne. Beide wiesen je 10 Punkte auf. Den Stichkampf 

     gewann Steinitzt.

-   Februar 1876 Zweikampf gegen Blackburne (sieben Siege, keine 

    Niederlage, kein Remis)

-   Wien 1882 Steinitz gewann zusammen mit Winawer den 1. bis 2. Platz (24 

     Punkte) 

-   London April bis Juni 1883 Es gewann  Zuckertort mit 22 Punkten vor 

     Steinitz mit 19 Punbkten 

-   1886 Wettkampf Steinitz gegen Zukertort Wer zuerst 10 Siege verzeichnen

     konnte, sollte Weltmeister sein. Steinitz benötigte dazu 20 Partien.  

-    Havana vom 20. Januar bis zum 24. Februar im Jahre1889. 

     Weltmeisterschaftskampf gegen Chigorin. Steinitz gewann mit 10 Siegen, 

     sechs Niederlagen und einem Remis.  

-   1890/91 Weltmeisterschaftskampf gegen Isidor Gunsberg. Steinitz gewann 

     mit sechs Siegen, vier Niederlagen und 9 Remis.

-    Havana 1892 Weltmeisterschaftskampf gegen Chigorin. Steinitz siegte mit 10 

     Siegen, acht Niederlagen und 5 Remis. 

-    März/Mai 1894 in New York/Philadelphia Weltmeisterschaftskampf gegen 

     Emanuel Lasker im Alter von 58 Jahren. Wilhelm Steinitz verlor seinen 

     Weltmeistertitel mit 10 Niederlagen, fünf Siegen und 4 Remis.

-   New Yorker Turnier, Oktober 1894 Steinitz gewann mit 8,5 Punkten aus 10 

     Partien Zum letzten Mal belegte Steinitz den ersten Platz bei einem Turnier. 

-   Hastings Mai 1895 Es gewann Pillsbury mit 13 Punkten aus 21 Partien. 

     Steinitz wurde 5..

-    13. Dezember 1895 bis 29. Januar 1896 Vierer -Turnier in Petersburg.

     Steinitz wurde zweiter hinter Lasker. 

-    1896 Zweikampf gegen Schiffers (sechs Siege, vier Niederlagen, ein Remis.

-    Nürnberger 1896, Steinitz wurde mit 11 Punkten aus 18 Partien 6.

-    Revanchematch um die Weltmeisterschaft gegen Lasker vom 7. November

     1896 bis 14. Januar 1897 in Moskau. Lasker gewann mit zehn Siegen bei 

     zwei Niederlagen und 5 Remis. 

-   August 1897 Steinitz gewann die New Yorker Meisterschaft. 

-    Weltturnier in Wien vom 31. Mai bis 30. Juni 1898. Steinitz wurde 4.  

-    Juli 1898, 5. Platz beim Internationalen Turnier in Köln. 

-    London 1899, Weltturnier, Steinitz blieb preislos.

 

Sein neuer Spielstil

Wilhelm Steinitz wurde am 14. oder 18. Mai 1836 in Prag geboren[1] und widmete sich seit dem Jahre 1862 ganz dem Schachspiel. Im selben Jahr zog er in das Land, in dem die Industrielle Revolution begann, nach England, jenem Land, welches zu dieser Zeit auf eine parlamentarische Tradition zurückblicken konnte und bereits über eine hochentwickelte Wirtschaft verfügte. England war mit seinem weltumspannenden Geist Vorbild für alle, die der Akkumulation von Kapital positiv gegenüberstanden, bzw. Alptraum derjenigen, die dies nicht taten. Vorwiegend in diesem Land entwickelte Steinitz seine revolutionären Ideen über das Schachspiel. Der „großbürgerliche Aspekt, [...] einer die Meere beherrschenden Weltmacht, den Blick abgewendet von der Idylle behaglicher Selbstgenügsamkeit auf engem Raum. Der nüchterne ‚common sense’, das Denken und Handeln nach reiner Zweckmäßigkeit sind das Maß englischer Lebensführung - und das gilt auch für das englische Schach - kein überflüssiger Ballast, überschwenglicher, sich in wilden Opferkombinationen austobender Leidenschaften, keine letzten und höchsten Prinzipien, sondern kühles, leidenschaftsloses Betrachten jeder gegebenen Realität, ein Handeln von Fall zu Fall“[2]. Eine solche Spielweise war schon bei dem englischen Schachspieler Howard Staunton zu erkennen gewesen, der aus ihr jedoch keine Wissenschaft machte, wie es Steinitz tat.

Als Schachredakteur von The Field und Herausgeber der in Amerika erscheinenden Zeitschrift The International Chess Magazine (1885-1891) war Steinitz in der Lage, seine Ideen zu publizieren. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß England erst mit Verspätung starken Einfluß auf das internationale Schachleben ausübte.

Trotz wachsender Popularität des Schachs im Spätmittelalter war es natürlich ein Spiel der Könige, Bischöfe und Ritter geblieben. Die revolutionären Volksbewegungen übertrugen ihre antifeudale Bilderstürmerei mitunter auch aufs Schachspiel. Zu Savanarolas Zeiten brannten auf dem Scheiterhaufen des Luxus in Florenz zugleich Schachutensilien. Ähnlich ablehnend reagierte die revolutionäre Sekte der Puritaner in der englischen Revolution auf den in ihren Augen überflüssigen Tand des Adels und des Hofes. Die Pioniere des englischen Kapitalismus opferten zudem nicht ihr Geld für Luxusartikel. Sie hatten keine Zeit für profitbeeinträchtigende Nebensächlichkeiten. Jede Münze und jede Minute galt ihrem Geschäft. Für Schach war da wenig Platz. [...] Auch in der allgemeinen Kunstentwicklung war das gleiche wie in der Schachkunst festzustellen. Barock und Rokoko hatten ihren Ursprung in Italien bzw. in Frankreich und wurden in England geradezu ignoriert. Die schon erwähnten Vorsichtsmaßnahmen, die Londoner Schachfreunde bei ihren geheimen Zusammenkünften im Old Slaugther’s Coffee-House für notwendig hielten, waren also nicht unbegründet. Sie wollten nicht in den Ruf kommen, Nichtstuer und Zeitverschwender zu sein, die eine Adelsgepflogenheit fortsetzten. Erst als die puritanischen Lebensregeln an Einfluß verloren, weil sich genügend Kapital angehäuft hatte, so daß eine großzügigere Lebensgestaltung möglich wurde, wagten die Schachfreunde öffentlich ihrem Vergnügen nachzugehen.[3]

Es ist nicht verwunderlich, daß ein nach England Zugereister mit großem schachlichen Vorwissen und beeinflußt vom kapitalistischen Leben ökonomische Gesetzmäßigkeiten auf das Schachspiel übertrug.

Gerade die stürmische Art des in der deutschen Schule der Kombination groß gewordenen Meisters gefiel den englischen Schachfreunden, denn sie konnten von Steinitz viel lernen, ebenso wie Steinitz von ihnen. Aus der Berührung der beiden grundverschiedenen Temperamente, des phantasiereichen, draufgängerischen der Kombination Anderssens mit dem weitausschauenden, planmäßigen des Positionsspiels der Engländer, erwuchs in Steinitz eine Synthese, die Geschichte zu machen berufen war.[4]

Steinitz hatte seine Ideen, die die Schachwelt so beeinflußten wie die Erfindung der Dampfmaschine die Ökonomie, erst nach seiner Reise durch die verschiedenen Kulturkreise des Schachs entdeckt. Er lernte den idealistisch-deutschen und den empirisch-englischen Schachstil ebenso kennen wie den dynamisch-amerikanischen nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Amerika um das Jahr 1883. Doch auch in den USA brachte ihm seine unnachgiebige und kompromißlose Art in Schwierigkeiten. Seine Kritik an dem genialen amerikanischen Schachspieler Paul Morphy wurde ihm ebenso übel genommen wie seine Tiefenanalyse des Schachspiels, die gar nicht erwünscht war. Man wollte die Schönheiten des Schachs nicht enträtseln und ernüchtert aufwachen.

Die Anatomie ist eine blutige Wissenschaft, ein Arbeiten mit Leichen und üblem Geruch, und die strahlenden Augen und der kirschrote Mund einer schönen Frau sind gewiß sehenswerter als das Röntgenbild ihrer Halswirbel und Rippen. [...] Entgötterung des Schachspiels, Verflachung, Schamlosigkeit, Geisteshaltung des Thersites - das ist die Antwort, die Steinitzens Zeitgenossen seiner Theorie geben.[5]

Steinitz erlernte in der Hochburg des klassischen Schachs, in Wien, wo er eigentlich zum Ingenieur ausgebildet werden sollte, das Schachspiel. Es dauerte nicht lange, bis er zu einem Meister des romantischen Schachs und dem ästhetischen Ideal seiner Zeit gerecht wurde. Über seinen Wechsel vom romantischen Schach zum nüchternen, nach ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zu spielenden Schach schieb er:

Die Turniere von Paris 1867 und Baden Baden 1870, auf denen ich den erhofften ersten Platz nicht erringen vermochte, machten mich stutzig. Ich fand, daß mit dem Kombinationsspiele zwar ganz hübsche Ergebnisse, aber keine dauernden Erfolge zu erzielen waren. Bei nachträglicher Durchsicht der Partien bemerkte ich recht bedenkliche Schwächen, gar manches aussichtsvolle und geglückte Opfer erwies sich als unrichtig. Ich gelangte zu der Überzeugung, daß zu einer wirksamen Verteidigung einer Stellung weit weniger Kräfte nötig seien als zum Angriff, und daß ein Angriff überhaupt nur Aussicht auf Erfolg besitze, wenn die gegnerische Stellung schon entsprechend geschwächt ist. Dies veranlaßte mich zum Nachdenken und mein Sinnen, eine einfache und sichere Methode herauszufinden, um diese Schwächung der feindlichen Stellung herbeizuführen.[6]

Die Überlegung Steinitz’, was genau überhaupt einen Vorteil ausmachte, und daß erst viele kleine Vorteile einen großen Vorteil brachten, war für das Schachspiel bahnbrechend. Hat der gegnerische Läufer beispielsweise drei Felder zur Verfügung, der eigene hingegen vier, so ist dieser Vorteil zwar klein, in seiner Summe mit anderen aber wieder enorm. Emanuel Lasker schrieb über Wilhelm Steinitz und seine neue Partieführung:  

Daß es so sei, ist ja nicht erstaunlich, im Leben führt eine große Spannung inmitten der Gesellschaft immer zu einer umwälzenden politischen Tat, eine große Spannung des Gefühls führt zu einer Umwertung von Werten, und so ist es nicht überraschend, daß auf dem Schachbrett die Spannung eine Kombination erzeugt. [7]

 

So wird Steinitz’ Maxime verständlich, zunächst auf das Suchen von Kombinationen und auf Opferangriffe zu verzichten, erst einmal kleine Vorteile anzuhäufen und erst dann die mögliche Kombination durchzuführen.

Was zunächst „wie reine Schachstrategie aussah, war zugleich eine Verallgemeinerung aus dem Wirtschaftsleben. Das bedingungslose und zielgerichtete Erfolgsstreben auf der Basis nüchterner Zweckmäßigkeitserwägungen, unbelastet von jeglicher Verklärung und Illusion, wurde Steinitz in England und Amerika vor Augen geführt“[8].

Ferdinand Braudel schrieb 1979 in seinem zweiten Band Civilisation matérielle ebenfalls über den Zusammenhang des Kapitalismus und dem Schachspiel in vorsichtiger Formulierung:

Man hat plötzlich diese latente Idee vom Spiel, vom Risiko, vom Betrug, die Regel von der sich darüber erstaunenden Grundhaltung, ein Gegenspiel herzustellen, mit dem Blick auf die Mechanismen und üblichen Instrumente des Marktes, diese außerdem arbeiten zu lassen, wenn sie nicht im Gegensatz dazu sind, gesehen. Man versucht, sich mit der Geschichte des eingeschriebenen Kapitalismus in einer sonderlichen Art der Theorie des Spiels die Zeit zu vertreiben.[9]

Zwar bezog sich Braudel primär auf die Änderung der Spielregeln im Schach, die sich einer immer schnelleren und langschrittigeren Zeit angepaßt haben sollen,[10] doch liegt die Vermutung nahe, daß, wenn eine schnellebigere Zeit das Schachspiel mit seinem Regelwerk beschleunigte, sie ebenfalls den Spielstil der Meister beeinflußte.  

Mit dem Ausbau der Infrastruktur durch die Industrielle Revolution und durch die damit verbundene Beschleunigung des Verkehrswesens für den Reise- und Wirtschaftsverkehr kam es zu einem weiteren Aufleben der wirtschaftlichen Produktion. Das Schachspiel wurde von diesem Sog der Entwicklung beeinflußt. Zudem entwickelte sich eine ausgeprägtere Kommunikation unter den Schachspielern. Ebenso förderte die Industrielle Revolution die Ausbreitung des Buch- und Zeitschriftenmarktes.

Auch der Schachsport profitierte von dieser Entwicklung. Die Vorbereitung zum großen internationalen Turnier liefen seit 1850 auf Hochtouren, als sich in den verschiedenen Ländern Komitees bildeten. [...] Immer schnellere und komfortablere Reisen machten auch die Ausrichtung großer Jahresturniere im Rahmen der nationalen Kongresse möglich.[11]

Das Londoner Turnier aus dem Jahre 1851 während der Weltausstellung bildete unzweifelhaft eine Wende im Schachspiel. Luis de Lucenas hatte gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Regeln für das Schachspiel ausdifferenziert, und Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man begonnen, dies auch für die äußeren Spielbedingungen zu tun. Zum ersten Mal kam es bei einem Turnier nun zu einer Trennung zwischen dem Schachspiel aus Vergnügen und dem Spiel als Arbeit, Beruf und Einkommensquelle, welches der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Gleichzeitig mit dem stattfindenden Turnier sollte von einem ersten internationalen Kongreß der Schachmeister ein Reglement verfaßt werden. Alle Fragen zu Regeln, Turnierfiguren,[12] Notationssystem und Zeitbeschränkung sollten europaweit kodifiziert werden. Wie sonst in der modernen Industriegesellschaft galt es, „supranationale Normen festzuschreiben, ein Fundament von Geboten und Verboten zu legen, von denen sich regionale Abweichungen nicht als Besonderheiten, sondern als Übertretung einer existierenden internationalen Norm definieren ließen“[13]. 

Eine Unterscheidung zwischen Funktionär und Spieler gab es noch nicht. Die Spieler galten als Vertreter ihrer Länder, und man stritt über die Nation, welche die Definitionsgewalt über die neuen internationalen Normen erhalten sollte.  

Im Schachleben bildete sich nun ab, was auf der Bühne der politischen Diplomatie und der Handelsbeziehungen in Europa bereits Alltag war. Das private Spiel wurde zu einer ernsten Angelegenheit.[14]

Das Schach wurde zum Wirtschaftsfaktor mit bestimmten beruflichen Normen und Organisationsformen. Das Turnier 1870 von Baden-Baden beispielsweise war das erste Turnier in einer Reihe von Bäderturnieren, das aus Gründen der Werbung von einem Kurort finanziert wurde. Die Kurverwaltung sah darin eine gute Fremdenverkehrswerbung und stellte 5000 Francs zur Verfügung. Die Zeit des reinen Freizeitsports Schach wurde mit Beginn des Turniers ad acta gelegt, auch wenn es unter denkbar ungünstigen Umständen stattfand. Turnierbeginn war der 18. Juli, unmittelbar danach begann der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich.

Gerade das Bemühen um eine einheitliche Notation unter den Schachspielern zeigte neben den internationalen Kodifizierung der Regeln und der Einschränkung der Bedenkzeit den Glauben an den Fortschritt während der Industriellen Revolution und den Versuch der universellen Kommunikation:

    "Schon lange war es ein Wunsch der eifrigsten und wißbegierigsten Liebhaber des Spiels, ein         gemeinsames Notationssystem für ganz Europa einzurichten. In diesem Fall gilt das Argument         von Erasmus, der die Verwendung einer gemeinsamen Sprache für die Gebildeten in allen                 Ländern empfahl. Hätten wir ein einheitliches Notationssystem, würde die Wissenschaft in ganz         Europa rascher Fortschritte machen. Bedenken wir, wie rasch eine einzige Variante den Wert         einer ganzen Eröffnung zu verändern vermag, und bedenken wir, daß diese Varianten zur Zeit         noch in Büchern mit sehr unterschiedlichen Notationssystemen dargestellt werden, wird man         zugeben müssen, daß der Vorteil einer gemeinsamen Schachsprache unschätzbar wäre. Gäbe         es ein anerkanntes Notationssystem, könnte ein Spieler in sechs Monaten mehr Fortschritte          machen als die Mehrzahl der Amateure in ihrem ganzen Leben."[15]

Mit der Reglementierung der Figuren, der Bedenkzeit und der Notation kam es zu einer Internationalisierung des Spiels. Das Bemühen, Schachpartien im Zuge des Fortschritts zu rationalisieren, trug gar sonderbare Früchte. Die Arbeit des Mitschreibens von Partien sollte durch Maschinen erledigt werden. Zwar ging keine dieser Maschinen in Produktion, doch zeigt sich, wie weit der Gedanke nach Rationalisierung schon vorangeschritten war und selbst in Winkel reichte, die man nicht mit ihm in Verbindung bringen sollte. Im Zuge dieser Rationalisierung betrachtete Wilhelm Steinitz das Schachspiel unter „objektiven Bedingungen“. Darunter verstand er „das gleiche, was der Jurist unter einem ‚Tatbestand‘ versteht. Zu einem Tatbestand gehört nur das, was unwiderleglich bewiesen worden ist; alles andere bezeichnet der Jurist als ‚Sachverhalt‘. Für Steinitz waren die von ihm entdeckten, dargestellten und in der praktischen Partie erprobten ‚objektiven Bedingungen‘ die ‚Tatbestände‘ des Schachs, während alle anderen Stellungsmerkmale, auch mögliche Kombinationen wie Figurenentwicklung oder Tempoverhältnisse bloße ‚Sachverhalte‘ waren, die erst noch des unwiderleglichen Beweises bedurften, wenn er sie als ‚objektive Bedingungen‘ anerkennen sollte“[16]. Eine solche Betrachtungsweise des Schachspiels hatte es vor Steinitz nicht gegeben.[17]

Die Neuentwicklungen im sozialen, technischen und politischen Denken in Europa nahmen ihren Lauf. Es entstand ein „Hinausstreben aus dem Kantönligeist des Vormärz in die Weiten der Welt, ein neues Verlangen nach Erkenntnissen, ein neues Fragen nach den letzten Dingen. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieser neue Geist Europas seinen Niederschlag auch im Schachspiel fand. Da auch Schach in die ‚Warenproduktion’ einzugehen begann, da auch Schach eine ebenso völkerverbindende Nutzbarkeit wurde wie Kattun und Baumwolle, mußte sich auch der Schachstil den geänderten Umständen irgendwie anpassen. Der Schachromantizismus der vergangenen Tage hatte einer Zeit entsprochen, in der Schach nur zum Vergnügen gespielt worden war, als Abreagenz von des Tages Mühn. Dieser Schachromantizismus wurde unhaltbar in dem Augenblick, als Schach selbst ein Gegenstand der Mühen des Tages, selbst ein Beruf, selbst eine Kapitalanlage für kommerzielle Unternehmungen wurde. Von diesem Augenblick an mehrten sich die internationalen Schachturniere in bisher ganz ungeahnter Weise. Von diesem Augenblick an müssen auch die Meister des Spiels ihre Schachtaktik verändern“[18]. Wilhelm Steinitz war der erste Vertreter dieser neuen Generation.

Das konsequente Streben nach Erfolg auf der Grundlage von nüchternen Erwägungen ließ keinen Platz mehr für romantische Verklärungen. Das von Steinitz verbesserte Positionsspiel zeichnete sich gerade nicht durch den direkten Königsangriff aus, wie es in der Romantik praktiziert wurde, sondern durch die Besetzung strategisch wichtiger Punkte. Er war bemüht, die gegnerischen Figuren auf schlechte Felder zu zwingen und erst nach der Anhäufung von Vorteilen den Angriff zu suchen. Er minimierte das Risiko zu verlieren. Seine Verbesserung des Positionsspiels, die Einführung von starken und schwachen Feldern, die Kunst des Lavierens und der Verteidigung gebühren in der Geschichte des Schachs einer besonderen Erwähnung. Er vertrat die von ihm begründete positionelle Schule und verkündete:

Solidität und Gründlichkeit sind im jedem Fall dem Glanz und der Schönheit vorzuziehen. Brillante Kombinationen sind nur nach Fehlern des Gegners möglich.[19]

Der Anfang der Wende vom romantischen Schach zum modernen Schach vollzog sich im Wettkampf zwischen Steinitz und einem der größten Romantiker, Adolf Anderssen. Er fand in London fast zeitgleich mit der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich bei Sadowa-Königgrätz statt. Selbstverständlich hatten diese beiden Ereignisse direkt nichts miteinander zu tun, auch wenn der Österreicher Steinitz nach seinem 8 : 7 Erfolg über den Preußen Anderssen seinen Sieg als Rache für die entscheidende Niederlage der österreichischen Armee gegen die preußische deklarierte.[20] Und dennoch zeigen beide Entwicklungsabläufe Parallelen auf. Der Niederlage Österreichs folgte eine neue Epoche in Europa. Der nationale Gedanke gewann die Oberhand mit seiner Ausprägung der modernen Nationalstaaten, die ein neues Großmächtesystem nach sich zogen. Es kam zur staatlichen Einigung Italiens und Deutschlands, und der Kapitalismus entwickelte sich quantitativ und qualitativ. Daß diese Veränderungen im sozialen, technischen, organisatorischen und materiellen Bereich zu einer neuen philosophischen Betrachtung des Weltbildes führten, liegt nahe. Ausdruck dafür war u.a. die biologische Betrachtung der Gesellschaft.

Steinitz’ Vergleich seines Wettkampfes mit Anderssen mit dem Krieg Österreich - Preußen war mehr als nur die nationale Verbundenheit eines Mannes mit seinem Vaterland. Preußens Armee hatte die lange Zeit als überlegen angesehene österreichische geschlagen. Die Gründe für ihren Sieg waren die gleichen wie für den Sieg Steinitz’ gegen Anderssen, sie war besser organisiert und verfügte über die bessere technische Ausbildung. Die moderne Wissenschaft war der Romantik überlegen. Auch wenn Steinitz den Sieg gegen Anderssen letztlich noch nicht mit seiner endgültigen modernen Spielstrategie gewonnen hatte, sondern mehr durch Fehler seines Gegners, so hat der Wettkampf ihn dennoch darin bestätigt, „aus dem wirklichen Sadowa auch für sich selbst die Lehren zu ziehen“[21]. Die endgültige Wende brachte das Wiener Turnier von 1873, das Steinitz überlegen gewann, wobei er 16 Partien in Folge für sich und seinen neuen Stil verbuchen konnte.

Selbstverständlich war es für Steinitz nicht möglich, die neuen Ideen von heute auf morgen zu artikulieren und auf dem Schachbrett umzusetzen, was teilweise in einer Unsicherheit im Spiel von Steinitz seinen Ausdruck fand, wie bei seinem nur knappen Sieg über den Engländer Bird 1866 mit 6 : 5. Außerdem erntete seine neuen Spielauffassung vehemente Kritik. Die Kritik begründete sich einerseits auf das allgemein herrschende Unverständnis, welches man Steinitz’ Ideen entgegenbrachte,[22] und andererseits auf seine Unfähigkeit, die revolutionären Ideen in Worte zu fassen und pädagogisch zu vertreten. Steinitz‘ Umgang mit Menschen war oft von rechthaberischer und unnachgiebiger Art. Er nannte andere Schachspieler in ihrer Partieführung Lackaffen, schwachsinnige Trottel und heimtückische Schufte.[23] Kritik an seiner Person begegnete er oft mit Sätzen wie: Ein Esel würde immer seinen Trott machen, ohne dabei zu fallen, während ein Rennpferd sich in wenigen Sekunden Hals und Bein brechen könnte.[24]

Das Publikum liebte Steinitz‘ Spielweise nicht. Man verstand sie nicht. Sie versprühte nicht mehr den Glanz wildromantischer Opferangriffe. Steinitz war als Person und in seiner Spielweise trotz aller Effektivität unpopulär. Steinitz’ neue Idee des Positionsspiels, die er mittlerweile für sich gefestigt hatte, trat deutlich zutage in seinem Wettkampf gegen Blackburne, den er mit 7-0 gewann, und gegen Zukertort, den er mit 10-5 für sich entscheiden konnte. Eine seiner berühmtesten Partien, gespielt am 17. August 1895 beim Turnier in Hastings gegen v. Bardeleben, soll sowohl seine romantische Grundausbildung als auch seine moderne, heute klassisch genannte Schule verdeutlichen.

Weiß: Steinitz

 1. e4 - e5                            13. Lxe7 - Sxe7              24. Tg7+ - Kh8

 2. Sf3 - Sf6                         14. Te1 - f6                     25. Txh7+ - Kg8

 3. Lc4 - Lc5                      15. De2 - Dd7                   26. Tg7+ - Kh8

 4. c3 - Sf6                           16. Ta-c1 - c6                 27. Dh4+ - Kxg7

 5. d4 - exd4                        17. d5 - cxd5                   28. Dh7+ - Kf8

 6. cxd4 - Lb4+                    18. Sd4 - Kf7                 29. Dh8+ - Ke7

 7. Sc3 - d5                          19. Se6 - Th-c8              30. Dg7+ - Ke8

 8. exd5 - Sxd5                    20. Dg4 - g6                   31. Dg8+ - Ke7

 9. 0-0 -Le6                          21. Sg5+ - Ke8               32. Df7+ - Kd8

10. Lg5 - Le7                      22. Txe7+ - Kf8              33. Df8+ - De8

12. Sxd5 - Dxd5                   23. Tf7+ - Kg8                34. Sf7+ - Kd7

                                                                                     35. Dd6 matt

Steinitz ging bei seiner Beurteilung von Schachstellungen über das eigentliche Schach hinaus. Sein Begriff vom Gleichgewicht der Kräfte beschränkte sich nicht auf das Schachspiel und ist demselben nicht entnommen. Eine solche Aussage hatte es im arabischen Schach nicht gegeben und ist der Philosophie oder der Politik zuzuordnen. Vergleichbar mit dem 1713 stattgefundenen Utrechter Friedenskongreß, auf dem versucht wurde, eine Politik der „balance of Europe“[25] zu etablieren, oder dem Wiener Kongreß (1814/1815), dessen Zielsetzung ein Gleichgewicht der Kräfte war. Emanuel Lasker zog weitere Verbindungen zu dem von Steinitz formulierten Gleichgewicht der Kräfte im Schach:

Er führt den Begriff eines kämpferischen Gleichgewichts ein, den er balance of position nennt. Nun hat man ja längst das Gleichgewicht zweier Massen auf der Waage gekannt und dem Begriff des Gleichgewichts der Kräfte für die Physik verwendet. Und der englische Philosoph Spencer hat auch in seiner Soziologie wie in seinen Betrachtungen über den Kampf ums Dasein von einem Gleichgewicht gesprochen, das dadurch dokumentiert wird, daß keine starke Bewegung oder Verschiebung statthat. Indessen glaube ich, daß Steinitz doch eine originelle Leistung vollbracht hat, er verwendet nämlich den Begriff des Gleichgewichts, um den Schachspieler in den Stand zu setzen, sich intelligente Ziele zu wählen: Ziele, die erreichbar sind und an denen Versuche zu machen sich verlohnt. [...] Die Theorie von Steinitz wäre aber unverständlich, wenn sie nicht als Hintergrund grübelnde Meister hätte, die sich an einer harten Aufgabe versuchen und sehnsüchtig nach jedem Gedanken Ausschau halten, der ihre sehr mühselige Arbeit leicht macht.[26]

Steinitz hatte Laskers Aussage nach den Begriff des Gleichgewichts, der in der Physik und Soziologie schon lange bekannt war, auf das Schachspiel übertragen. Ihm ist laut Lasker die Übertragung der Gesetze der Vernunft und der Wissenschaft auf das Schachspiel zu verdanken. Die Naturwissenschaft und Technik dieser Zeit gingen mit der Produktion eine funktionelle und rationelle Symbiose ein, in der jeder Faktor vom anderen zutiefst abhängig war. Die methodische Forschungsarbeit in ihrer spezifischen europäischen Prägung wurde im 19. und 20. Jahrhundert perfektioniert und zur Institution erhoben. Niemals zuvor war die Wissenschaft so bestimmend in alle Bereiche eingedrungen, noch nie berief sich auch noch der allerbanalste Vorgang, die einfachste Planung, so überzeugt auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Gegebenes konnte nicht mehr einfach als gegeben hingenommen werden, es mußte auf seine Grundlage und Ursachen untersucht und durchleuchtet werden. Die Änderungen und die damit verbundene Notwendigkeit, sich von vertrauten Denkmodellen zu lösen, setzte am deutlichsten in der Physik ein, als Max Planck 1900 die Quantentheorie entwickelte, und sie schritt mit Albert Einsteins Relativitätstheorie von 1905 rasch und stetig voran. Besonders schwerwiegend war dabei die Abkehr vom Anschaulichen, Greifbaren, die Wendung zur Abstraktion und Mathematisierung, eine Tendenz, der sich auch andere Fachgebiete wie die Wirtschaftswissenschaften, die Soziologie und die Geisteswissenschaften angeschlossen haben. Damit wurde der wissenschaftlich-technische Geist gleichsam absolut gesetzt und drang unaufhaltsam in die menschlichen Belange ein.

Die größte Diskrepanz zwischen Steinitz und dem Rest der Schach spielenden Welt kam sehr deutlich in der von ihm begründeten Aussage zum Ausdruck: Der König ist eine starke Figur. Während der Romantik galt es lediglich, diesem schwachen Monarchen so schnell wie möglich an den Kragen zu gehen. Daß nun dieser Eunuch plötzlich selbst Macht besitzen sollte, war für viele romantische Schachspieler nicht nachvollziehbar.

In dem neuen Zeitalter, das nach 1870 beginnt, herrscht aber nicht mehr der ‚Held’, sondern der ‚Händler’, und sogar in der Kriegstechnik wird der Spaten wichtiger als der Degen, ein lehmiger Unterstand zweckmäßiger als eine Kavellerieattacke und eine ‚Gulaschkanone’ nahrhafter als Fanfarenblasen und Körnerzitate. Kohle und Erz, Konservenfabriken und fahrende Kriegsküchen, strategische Eisenbahnlinien und Handelsverträge entscheiden den Ausgang eines Krieges viel mehr als goldene Tapferkeitsmedallien und Eiserne Kreuze.[27]

Die Organisation des Wettkampfes zwischen Steinitz und Zukertort in Amerika 1886 kündigte deutlich eine neue Epoche des Schachs an. Zum ersten Mal ging es in amerikanischen Superlativen offiziell um den Weltmeistertitel. Die Kommerzialisierung dieses Wettkampfes unterschied sich von den heutigen nur insofern, als daß die Hauptakteure am wenigsten davon hatten. Zum Zwecke des materiellen Gewinns wurde die Auseinandersetzung in mehrere Städte gelegt. Der Kommerzialismus hielt endgültig seinen Einzug in die Schachorganisation.

Steinitz sah, vor allem im hohem Alter, nur seine Ideen, seine Ideologie als einzig richtige an. Er schrieb über seinen Wettkampf mit dem Angriffs- und Kombinationsspieler alter Schule, Michail Tschigorin, der zum Kampf der modernen Schule gegen die der Romantik wurde:

Der junge Meister der altern Schule opferte Bauern und Offiziere; der alte Meister der jungen Schule tat mehr: er opferte eine ganze Anzahl von Partien, um darzutun, was er unter gesunden Grundsätzen verstehe. Und ich denke, es wird zugegeben werden, daß ich teuer genug zahle für meine eigenen Versuche in hartem Matchspiel unter Zeitbeschränkung und anderem Druck, sowie ohne vorherige Praxis. Denn mein abenteuerliche Unternehmen kostete mich nicht weniger als fünf Partien.[30]

 

Tschigorin galt als Schachmetaphysiker. In seinem Wettkampf gegen Steinitz ging es beiden darum, ihre schachliche Weltanschauung darzutun.

 

Der Unterschied in den Auffassungen zwischen Steinitz und seinen Zeitgenossen schuf einen unnatürlichen breiten Abstand zwischen Positions- und Kombinationsspiel. Es wurde Zeit, hier eine Brücke zu schlagen, und das war die Aufgabe der folgenden Generation, die besonders reich an großen Talenten war.[31]

Die Meister nach Steinitz verstanden seine Lehren, sahen sie aber nicht als Ideal an. Sie wollten das Positionsspiel mit der Kombination verbinden, die Gegensätze miteinander verknüpfen und eine Verbindung von Praxis und Theorie erreichen. Sowohl Steinitz wie auch seine Widersacher gingen in ihrer Spielweise ein erhebliches Risiko ein. Die Romantiker nahmen für praktische Chancen theoretische Nachteile in Kauf, während Steinitz sich ganz auf theoretische Vorteile versteifte und nicht genügend auf das Praktische achtete. Spieler wie S. Tarrasch, E. Lasker und H. N. Pillsbury waren es, denen die Aufgabe zufiel, beide Extreme miteinander zu verbinden.

An der Entwicklung des Schachspiels haben in allen Generationen viele Experten mitgewirkt, aber es war meist der Stil des einen oder anderen führenden Einzelgängers, der die Ansichten und die Spielauffassung seiner Zeitgenossen nachhaltig beeinflußt hat.[32]

Die neuen Lehren des Wilhelm Steinitz zeigten ihn als Sohn seiner Zeit und erinnern in manchem an die Strömungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mechanischer Materialismus, Positivismus und Rationalismus in der Philosophie sowie der Naturalismus in der Literatur spiegelten sich in seinen neuen Lehren wider.

Steinitz’ Credo war ein wissenschaftliches System, das endgültige Lösungen für alle Probleme auf dem Schachbrett liefern sollte. Er ersann eine plausible Theorie für positionelle Bewertungen, das er in seiner Bedeutung aber dramatisch überschätzte. Steinitz war ein Mann seiner posivistischen Zeit: Er glaubte an ein endgültiges Wissen über alle Phänomene der Welt.[33]

Das Unverständnis, welches man Steinitz‘ neuen Ideen entgegenbrachte, lag wie dargestellt einerseits an diesem kleinen, unnachgiebigen und rechthaberischen Mann, aber auch in der Zeit selbst begründet. Sicherlich war es angenehmer, auch im Schach, sich schönen Illusionen herzugeben. Diejenigen, die bereit waren, die Wahrheit darzustellen, wurden mit Argwohn belegt. Steinitz’ Verwissenschaftlichung des Schachs erlebte ähnliches. Er selbst schrieb in einem Brief an L. Bachmann, seinen Biographen, 1896:

"Das Schach ist nichts für kleine Geister, es beansprucht einen vollen Mann, der sich nicht      sklavisch an das Überlieferte hält, sondern selbständig die Tiefen des Spiels zu ergründen     sucht. Es ist wahr, ich bin ein schwieriger, kritischer Kopf; aber sollte man da nicht kritisch     werden, wenn man so oft oberflächliche Urteile über Stellungen anhören muß, deren wahrer  Wert erst durch tiefgründige Forschung klargestellt werden kann. Soll man sich nicht ärgern, wenn man sieht, wie unselbständig an veralteten Methoden festgehalten wird, bloß damit man nicht in seiner Bequemlichkeit gestört wird. Ja, das Schach ist schwer, es erfordert Arbeit, ernstes Nachdenken, nur eifrige Forschung kann befriedigen. Nur rückhaltlose Kritik kann zum Ziele führen. Aber der Kritiker gilt leicht vielen als Feind statt als Führer zur Wahrheit. Mich aber wird Niemand vom Wege zur Wahrheit abbringen."[34]

Obwohl Steinitz mehr als ein Vierteljahrhundert der führende Spieler war und seine neue Theorie in zahlreichen Partien unter Beweis stellte, wurde sie erst anerkannt, als er kurz vor dem Tode stand. Festgehalten werden kann, daß sich der Schachstil im Laufe der Geschichte änderte.

Im 18. Jahrhundert herrschte die Spielweise Philidors vor, gegen die sich die italienische Schule wandte. In England setzte das Zeitalter der Aufklärung ein. Ihr folgte die Epoche der Romantik. Steinitz begründete den klassischen Schachstil. Aufgrund ihrer Stileigenheiten können Partien, deren Herkunft unbekannt ist, mit einiger Sicherheit bestimmten Epochen zugeordnet werden. Denn in Anlehnung an die Zeitströmungen in Kunst und Literatur wandelte sich das Schachspiel in jeder Epoche.[35]

 


[1] Das Datum seiner Geburt ist unklar und wechselt bei den Schachhistorikern zwischen diesen beiden Daten.

[2] J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 33.

[3] J. Petzold, Schach. Eine Kulturgeschichte, S. 211 f.

[4] J. Hannak, Emanuel Lasker, S. 33.

[5] Vgl. J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S. 42.

[6] L. Bachmann, Das Schachspiel und seine historische Entwicklung, Leipzig 1924, S. 118.

[7] Zitiert nach:  J. Silbermann/W. Unzicker, Geschichte des Schachspiels, S. 99.

[8] Zitiert nach: W. Runkel, Schach. Geschichte und Geschichten, Hamburg 1995, S. 169.

[9] F. Braudel, Civilisation matérielle, économie et capitalisme, XVe - XVIIIe siècle. Tome 2. Les Jeux de l‘ échange.-Paris 1979, S. 515.

[10] Zu den Veränderungen der Spielregeln vgl. u.a. J. Petzold, Schach. Eine Kulturgeschichte, S. 84.

[11] J. van Reek, Klassische Weltmeister. Schachspieler als Endspielkünstler, Fruth 1996, S. 26.

[12] Die Einführung der Standard-Turnierfiguren erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch das Staunton-Schach. Es wurde vom Engländer Nathaniel Cook und auf die Empfehlung des Schachspielers Howard Staunton hin zu heutigen Standard-Turnierfiguren entwickelt. Ohne etwas Wesentliches an den Spielregeln zu ändern, war damit das Schachspiel in seiner gesellschaftlichen Aussage völlig umgeformt worden. Mit der immer größer werdenden Regelmäßigkeit der internationalen Turniere, mit der Professionalisierung des Schachspiels und dem Kampf um die nationale Vorherrschaft war das Schach zu einer prestigeträchtigen Angelegenheit geworden. Schachfiguren herzustellen und zu standardisieren, bot daher eine Marktchance. Der Markt nach den im Alltag gespielten Figuren erweiterte sich und wurde zu einem eigenen Produktionszweig.

[13] E. Strouhal, acht x acht,  S. 88.

[14] Ebd., S. 89.

[15] H. Staunton, The Chess Tournament London 1851, London 1851, S. xiv, zitiert nach: E. Strouhal, acht x acht,  S. 97.

[16] H. C. Opfermann, Die Leistungen und Spielerfolge der großen Schachdenker für das moderne Schachspiel, S. 83 f.

[17] Bei dieser Betrachtungsweise des Schach wird deutlich, warum Steinitz nie aus Vorsatz einen „schlechten“ Zug hätte machen können, wie es sein Nachfolger Emanuel Lasker ganz methodisch tat, um seinen Gegner zu verwirren. Steinitz suchte demgemäß die Schuld für eine Niederlage immer nur bei sich bzw. bei der unvollkommenen Anwendung seiner Regeln und Gesetze. Damit legte er den Grundstein für den Gedanken, daß die Menschen eines Tages durch konsequente Anwendung von Regeln das Schachspiel in den „Remistod“ führen würden. Wenn nur noch Technik, die man sich aneignen konnte, den Ausgang des Spiels bestimmte, dann mußte letztenendes jede Partie bei korrekter Anwendung der Technik in ein Remis münden.

[18] J. Hannak, Wilhelm Steinitz,  S. 19.

[19] Zitiert nach: Umkämpfte Krone. Die Duelle der Schachweltmeister von Steinitz bis Kasparow, Berlin 1986, S. 20.

[20] Vgl. J. Hannak, Wilhelm Steinitz,  S. 27.

[21] Ebd., S. 28.

[22] In einer vielzitierten Aussage Harry Birds, eines Zeitgenossen Steinitz`, erkennt man das allgemeine Unverständnis, das seinen Theorien entgegengebracht wurde: „Man tue die Schachfiguren in einen Hut, schüttle sie kräftig aus einer Höhe von zwei Fuß auf das Brett, dann hat man Steinitz’ Spielweise.“ Zitiert nach: Umkämpfte Krone. Die Duelle der Schachweltmeister von Steinitz bis Kasparow, Berlin 1986, S. 8.

[23] Vgl. I. Linder/W. Linder, Das Schachgenie Aljechin, München 1992.

[24] Vgl. W. Harenberg, Schachweltmeister. Der Titelkampf 1981 von Großmeistern kommentiert. Mit Beiträgen von Robert Hübner. Streitgespräch Schachgenie und Wahnsinn, Hamburg 1981, S. 23.

[25] Vgl. I. Mieck, Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit, Berlin 1989, S. 276-281.

[26] E. Lasker, Gesunder Menschenverstand im Schach, 3. Aufl., o.O. 1972, S. 30.

[27] J. Hannak, Wilhelm Steinitz,  S. 36.

[28] Der nationale Ökonom Heinrich Bernhard Oppenheim, ein Vertreter des Wirtschaftsliberalismus, prägte vor allem mit seiner Streitschrift Der Kathedersozialist (1872) dieses Wort. Damit sollten dessen Vertreter diffamiert werden. Vgl. U. Ratz, Zwischen Arbeitsgemeinschaft und Koalition. Bürgerliche Sozialreformer und Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg, München 1994 und dies., Sozialreform und Arbeiterschaft. Die Gesellschaft für Soziale Reform und die sozialdemokratische Arbeiterbewegung von der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Berlin 1980.

[29] Der angegebene Vergleich zwischen den Kathedersozialisten und den Schachspielern darf nicht so verstanden werden, daß die Romantiker die Sozialisten und Steinitz, der Kapitalist war, sondern soll nur ähnliche Entwicklungsabläufe und Begriffsverwendungen zwischen dem Schachspiel und den gesellschaftlichen Entwicklungen verdeutlichen, die zur selben Zeit und am selben Ort stattfanden und nicht zufälliger Natur sein können. Der Vergleich soll lediglich die Grundströmung des Schachs dieser Zeit in einen größeren kulturhistorischen Zusammenhang stellen.

[30] J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S. 50.

[31] M. Euwe, Feldherrenkunst im Schach,  S. 68.

[32] Ebd., S. 11.

[33] G. Kasparow, in: Welt am Sonntag, Nr. 14/1996, S. 63.

[34] L. Bachmann, Schachmeister Steinitz, 4. Bd., Ansbach 1910-1921, S. IV.

[35] J. Silbermann/W. Unzicker, Geschichte des Schachspiels, S. 148.

 

 

 

 

 
 

 

 

 

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