Wilhelm Fleer Herkunft, Mensch, Handwerker und Künstler
von Reinhard Rolfes
Jeder weiß, dass Märchen keine geschichtlichen Tatsachen berichten, sondern in eine Wunsch- und Wunderwelt führen. In dieser Phantasielandschaft passieren zauberhafte Begebenheiten: Tiere sprechen, unlösbare Aufgaben werden gemeistert, die Gegensätze von Arm und Reich und von Gut und Böse treiben die schlichte Handlung voran. Meistens gibt es einen positiven Ausgang. Ein Märchenmotiv heißt: Verlassen der Heimat! Warum verlassen viele Märchenfiguren ihre Heimat? Neugier auf etwas anderes, Suche nach dem Glück außerhalb, fern der Heimat bessere Lebensgrundlagen finden, ausgeprägte Wanderlust …
Drei junge Männer aus Graes im Kirchspiel Wessum bzw. Hörsteloe im Kirchspiel Ottenstein, dem Kreis Ahaus im Münsterland kamen (wahrscheinlich gemeinsam) 1873 nach Börger: Bernd und Hermann Fleer und Arnold Terhalle. Börger ist zu der Zeit auf den ersten Blick ein unbedeutendes Hümmlingdorf, zwar groß an Fläche, aber sonst wenig attraktiv.
Was führte die gut 20jährigen (Hermann wurde am 06.12.1851 geboren) ausgerechnet nach Börger? Da keine gesicherten Unterlagen vorliegen, muss man spekulieren.
Drei junge Handwerker aus dem Landkreis Ahaus, die vermutlich über alte Kontakte von Ahauser Forst- und Jagdbediensteten zum Hümmling über die positive Entwicklung in Börger informiert waren, zogen nach Börger und blieben dort. Der dritte, Bernhard Fleer, kehrte später in die Heimat zurück. Hermann Fleer heiratete 1880 und gründete eine große Familie. 1885 wurde der Sohn Wilhelm geboren.Im Jahre 1933 erschien in der Lokalzeitung ein großer Artikel über Oma und Opa Fleer aus Börger (13) Dieser Bericht gibt uns Auskunft über wichtige Stationen der Familie Fleer in Börger / Börgerwald, ohne dass dadurch alle Details für uns geklärt wären. Wir erfahren, dass Hermann Fleer 1873 nach Börger gekommen ist, er sich „hieselbst als Holzschuhmacher niederließ“, er sieben Jahre später Anna Vogel heiratete (Kirchenchronik in Börger: 14.09.1880), die Familie nach einiger Zeit nach Börgerwald gezogen ist („Man wi bünt nich lange in Börger wän, un wi häbt us in Börgerwald ansiedelt“).
Wir erfahren aus diesem umfangreichen Zeitungsartikel nicht, w o man im ersten Jahrzehnt in Börger gewohnt hat und w a n n genau und w a r u m man Börger verlassen hat. Die erste Zeit in Börgerwald war sehr schwierig für die junge Familie. Ein Auszug aus dem Artikel bestätigt diese Pionierarbeit: „Et häv us väl Arbeit kostet, dät Siedeln, man wi häbt von morgens bis taun laoten aawend schaffet, un ut die unfruchtbare Heide häw wi beide…dätig Morgen gaudet Ackerland maoket.“ Bestätigt werden in dieser Zeitungsdarstellung die schon genannten Berufsangaben Hermann Fleers: neben Pferd Schwein und Kühen schafft man sich „öwer zweihundert Körve mit Immen an“. Zunächst zog man in eine „baufällige Wohnbaue“, später baute er selbst „in unkultivierter Heide“ ein Haus. Im Fotoalbum der Nachkommen der älteren Schwester Christina findet sich folgendes Foto mit dem Hinweis: Haus von Opa Hochbetagt starben Hermann und Anna Fleer geb. Vogel im Jahre 1935 in Börger.
Die meisten Kinder blieben in der Umgebung Börgers; darum konnten über Jahrzehnte Familientreffen ohne großen Aufwand durchgeführt werden. Harte Schicksalsschläge blieben der Großfamilie auch nicht erspart: Sohn Hermann starb im jugendlichen Alter, Tochter Christina wurde am Silvestertag 1920 in Neubörger bei einem Überfall grausam ermordet; gleich fünf Enkel verloren ihr Leben im II. Weltkrieg, und Enkel Hans Fleer starb 1967 bei einem Verkehrsunfall.
Maler Johann Wilhelm Fleer wurde am 05. Mai 1885 in Börger geboren. Über die frühe Kindheit ist nicht viel überliefert. Beurteilungen und Zeugnisse liegen nicht vor. Wie es nach dem Umzug der Familie von Börger nach Börgerwald im Hause Fleer (9 Kinder) ausgesehen hat, kann man sich ausmalen. Die Lebensleistung der Eltern unter diesen Umständen ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Aussagekräftig über den jungenhaften Sohn Wilhelm aus Börgerwalder Zeiten ist folgende Anekdote. Die Geschwister arbeiten - wie üblich und notwendig – auf dem Feld. Wilhelm aber, „malsüchtig“, (so heißt es in der Überlieferung) „sitt up`n Pahl am Felde und malt“, während die Mädchen ihre Feldarbeit verrichten. (24) Schon sehr früh muss sich bei Wilhelm ein starkes Interesse am Zeichnen und Malen entwickelt haben. Ungläubiges Staunen ergreift einen, wenn man vor einem Madonnenbild steht, das mit „W. Fleer 1898“ signiert ist. Hat der Knabe Wilhelm dieses Bild mit dreizehn Jahren geschaffen? Welche unglaubliche Begabung wird hier deutlich!
Die Leistung wird nicht dadurch wesentlich geschmälert, dass er das Bild nicht frei „komponiert“ hat: Raffaels weltberühmte „Madonna del Grandica“ von 1505 / 06 ist die Vorlage. Raffael, 1483 geboren und von seinem Vater sehr gefördert, schuf insgesamt mehr als fünfzehn Madonnenbilder. Zum besseren Unterscheiden haben sich in der Regel Zusatzbezeichnungen eingebürgert, z. B. 1505 / 07 Madonna „mit dem Kinde“, „1506 Madonna im Grünen“ oder 1506 Madonna „mit der Nelke“. (siehe links.) Dieses letztgenannte kleine Gemälde (29 x 23 cm) war jahrhundertelang im Privatbesitz und wurde 2004 von der Londoner National Gallery erworben. (26)
Dass Wilhelm Fleer in die Malerlehre ging, liegt nahe, obwohl eine schulische Weiterbildung mit einer speziellen Förderung seiner künstlerischen Gaben angezeigt gewesen wäre. Wer hätte sie aber angesichts der familiären Gesamtsituation organisieren und bezahlen sollen? Wilhelm kam nach Abschluss der Schulzeit in die Lehre beim bekannten Malermeister Heinrich Schleinhege (geboren am 09.07.1871) in Papenburg Obenende, Splitting rechts Nr. 18.
Sonstige Unterlagen über Lehre und Gesellenprüfung, über Einsatzbereiche und Leistungen ließen sich nichts mehr beibringen. Nach wohl verlässlicher Überlieferung hat Wilhelms Ausbilder sehr schnell die besondere künstlerische Begabung seines Lehrlings entdeckt. Er soll eine spezielle Fördermaßnahme in Richtung Kirchenmaler eingeleitet haben; über diese Initiative wird an anderer Stelle berichtet. Ohne Zweifel hat Wilhelm Fleer seine Malerausbildung in Papenburg erfolgreich abgeschlossen.
Danach begann in Börger ein neuer Lebensabschnitt. In der damaligen Judenstraße (heute Poststraße) bezog er 1911 sein neu erbautes Haus (Wohnung und Handwerksbetrieb). Auf erhaltenen Rechnungen findet sich die Berufsbezeichnung „Maler“. Wilhelm Fleer legte die Meisterprüfung dort am. 8.4.1914 mit dem Gesamturteil „GUT “ ab. (praktischer Teil: „sehr gut“) Was lag also näher, als nach dem Hausbau und dem erfolgreichen Start eine Ehe einzugehen?
Seine künstlerischen Fähigkeiten als Kirchen- und Kunstmaler konnten in dieser schlechten Zeit nicht zur Geltung kommen. Da entwickelte er sich langsam - sein drittes berufliches Standbein – vom Amateurfotografen zum Berufsfotografen: in den nächsten Jahrzehnten wurde Wilhelm Fleer hümmlingweit bekannt und verewigte sich mit seinen Aufnahmen hundertfach in den Alben der Familien. Große politische Aktivitäten Wilhelm Fleers sind nicht bezeugt; wohl aber eine ausgeprägte Frömmigkeit. Der tägliche Besuch der Frühmesse war Ehrensache. Da stand er wohl in der Tradition des Vaters, von dem sich noch ein religiöses Buch in Familienbesitz befindet. (siehe rechts) (42) In der religiösen Erziehung der Kinder hat ihn ein Zeitzeuge als “moralradikal“ eingestuft, was für einen überzeugten Katholiken der 30er Jahre wohl eher normal war. Nicht überraschen kann daher, dass er mit der politischen Einstellung seines Sohnes Hans nicht einverstanden war. Es kam zu erheblichen Differenzen wegen dessen „HJ-Karriere Ein Uraltbörgeraner charakterisiert ihn so: „Als Handwerker patent, mitunter pedantisch und in Feinarbeit verliebt“. (45) Letzteres zeigte sich besonders, wenn er Hochzeitsschmuck herstellte: Kunstvoll wurden Namen und Zahlen ausgestanzt; das „Knisterpapier“ wurde sorgfältig geformt; mit großem Aufwand wurden die Ornamente an den Türen angebracht. Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es im Firmenkopf der Rechnungen Hinweise auf gewisse Vorlieben: „Große Auswahl in …Borden, Bildern und Haussegen… Einrahmen von Bildern und Brautkränzen.“ Betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte traten manchmal hinter den überdeutlichen Gestaltungswillen und den Fingerfertigkeitsnachweis zurück! Zeitzeugen wissen zu berichten, dass W. Fleer seine Malergesellen fachgerecht einwies, sich aber dann in zunehmendem Maße in sein Labor zurückzog oder/und Fotoaufträge annahm - und seiner neuen Leidenschaft frönte: Bilder effizient entwickeln, Vergrößerungen überzeugend vorzunehmen, die technische Entwicklung (Fotoapparat, Automatik, Belichtungskompetenz) nicht zu verpassen, Experimente vorzunehmen (z.B. später Kolorierungen), sich autodidaktisch weiterzubilden.
Wie schon der 1. Weltkrieg einen erheblichen Einschnitt für die Familie W. Fleer darstellte, veränderte auch der 2. Weltkrieg das Leben entscheidend:
Wilhelm wurde Hilfspolizist in Dörpen; er wohnte dort und kam nur hin und wieder nach Hause. Er blieb auch im staatlichen Dienst (NS-Ideologie) seinen Prinzipien treu! Den Machthabern waren Besucher der Kirche in Heede, wo die Muttergottes zwischen 1937 und 1940 vier Kindern in der Nähe der Kirche rund hundertmal erschienen ist, ein Dorn im Auge. Auf keinen Fall durfte sich Heede zu einem Wallfahrtsort entwickeln. Die Polizei sollte die Zahl der Besucher reduzieren helfen und Gläubige abweisen. Nach gesicherten Erkenntnissen hat Wilhelm Fleer manchen Beter und Pilger „über-sehen…“ (46)Der Maler-Handwerksbetrieb konnte nicht aufrechterhalten werden (in der Adressen-liste von 1941 noch vertreten!), denn von den vier Söhnen wurden drei eingezogen (Soldat, Arbeitsdienst); Hermann hatte sich in Surwold als Maler selbstständig gemacht. Ihn unterstützte er, indem er ihm seine Kundschaft in Papenburg, Börgermoor und Börgerwald überließ (s. S. 38 / 39) Das Geschäft in Börger wurde unter schwierigen Bedingungen von den Frauen der Familie weitergeführt. Es war angedacht, dass Sohn Heinrich nach der Rückkehr aus dem Krieg den Betrieb übernehmen sollte. Er hatte Maler gelernt. Sohn Wilhelm wollte unbedingt Schlosser werden.
Man kann sich die schwierige Situation Wilhelm Fleers nach dem Kriege heute kaum vorstellen. Zwei Söhne kamen aus dem Kriege nicht zurück; Wilhelm blieb vermisst, Heinrichs Tod in Russland wurde erst 1954 amtlich bezeugt. Der Neuaufbau des Betriebes litt unter dem Ausbleiben der Söhne als Nachfolger und den chaotischen Zuständen in Börger dieser Jahre (47); auch Fleers Haus wurde mit Evakuierten überfüllt: Enge, Not und Elend allerorten… Mit einer gewissen Cleverness hielt Wilhelm sich und seine Familie über Wasser.
Es fotografierte Besatzungssoldaten (Einzelaufnahmen, Gruppen) und erhielt dafür Zigaretten, die er wiederum eintauschen konnte („ Zigarettenwährung“ );Wenn er auf den großen Höfen Feiergesellschaften (Hochzeiten, Goldene Hochzeiten, Jubiläen) aufnahm, bekam er dafür Naturalien (z.B. Butter, Speck, Schinken, Eier);Seine umfangreichen handwerklichen Leistungen in der Kirche und im Krankenhaus wurden nicht direkt bezahlt; als Entschädigung versorgte der Arzt die Enkelkinder medizinisch kostenlos.
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Auszug aus einem 70 Seiten umfassenden Aufsatz über den Maler und Künstler Wilhelm Fleer in Börger von Reinhard Rolfes in Use Borger 2009
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