Der Apfelbaum

 

 

 Der liebe Gott wohnt bei uns im Apfelbaum

Emilia spielte mit ihrem Vater. Sie spielten Pferd und Reiter. Leider ging dem Vater mit der Zeit ganz und gar die Puste aus. Emilia hätte bis zum Abendessen so weiter reiten können. Der Vater brauchte eine Verschnaufpause und ließ sich auf den großen Stuhl fallen.

Emilia brauchte eigentlich keine Pause. Also hockte sie sich vor ihn hin und wartete, bis es weiterging.

„Papa, wie erkenne ich eigentlich den lieben Gott, wenn ich ihm mal begegne ?“ fragte Emilia.

„Du stellst deinem Pferdchen aus heiterem Himmel schwierige Fragen, Emilia. Aber laß mich mal nachdenken.....“ sagte Papa.

Und während Papa die Augen schloß und anscheinend nachdachte, lief Emilia in den Garten.

Später beim Abendessen beantwortete der Vater Emilias Frage nach dem lieben Gott : “Emilia, der liebe Gott ist in jedem Menschen, aber bei manchen spürst du das ganz deutlich. Wenn du mal jemandem begegnest, der dir etwas schenkt, ohne etwas Besonderes dafür zurückzuwollen, dann muß der liebe Gott in der Nähe sein.“

Emilia verdrückte ihr Weißbrotnutella und nahm sich vor, von heute ab auf die Suche nach dem lieben Gott zu gehen.

Erst dachte Emilia, bei Opa wäre der liebe Gott. Opa schenkte ihr nämlich einen Strohhut. Leider fügte er dann doch eine Bedingung hinzu : ... aber nur wenn du gut darauf aufpasst.  Pech gehabt. Bei Opa war der liebe Gott also nicht, jedenfalls zur Zeit nicht .

Und mit Tante Ulla war es ebenso. Sie kaufte Emilia zwar auf dem Jahrmarkt ein schönes Lebkuchenherz, auf dem stand in dicken Buchstaben „ Mein allerliebster Schatz!“

Aber dann fragte sie , ob sie einen Kuss dafür bekomme . Und sie wäre bestimmt sauer gewesen , wenn Emilia ihr keinen gegeben hätte .

Wieder hatte Emilia den lieben Gott verpasst . Sie setzte sich an ihren Lieblingsplatz, auf das Bänkchen unter dem Apfelbaum im Garten . Während sie so nachdachte, pflückte sie eine von den Blüten des Apfelbaumes und betrachtete ihre rosafarbenen Blätter...

„Es muß doch irgend jemanden geben , der etwas verschenkt , ohne was dafür zu wollen „

Aber ihr fiel niemand ein . Also beschloss sie, so lange weiterzusuchen, bis sie den lieben Gott gefunden hatte .

Zu ihrem Geburtstag bekam Emilia von Papa und Mama ein Fahrrad geschenkt. Sie freute sich riesig.

Plötzlich kam ihr die Idee, ob der liebe Gott diesmal seine Hand im Spiel gehabt hatte. Misstrauisch fragte sie :“Papa, ist das einfach so geschenkt, oder was soll ich dafür machen?“ „ Einfach so“,antwortete Papa.

„Juchuuh !“ rief Emilia und hüpfte vor Freude in der Garage herum . Emilia  hatte vom lieben Gott ein nagelneues Fahrrad geschenkt bekommen!

Am nächsten Tag rief Herr Motzlinger an und beschwerte sich, dass Emilia mit dem Rad seinen frisch eingesäten Rasen zerfurcht hätte.

Der Vater tobte :“Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dir das Fahrrad nicht geschenkt. Du behältst das Fahrrad nur, wenn du keinen Unfug mehr anstellst. Verstanden !“

Uff ! Schon wieder eine Bedingung !

Wahrscheinlich mag der liebe Gott doch keine Fahrräder, dachte Emilia.

Weil zu Hause dicke Luft war, ging Emiliaa zu ihrem Lieblingsplatz in dem Garten . Sie setzte sich auf das kleine Holzbänkchen unter ihrem Apfelbaum.Emilia war von Papa enttäuscht und sehr traurig.

Plötzlich fiel mit einem lauten „Plumps„ direkt vor Emiliaa ein dicker Apfel vom Baum . Seine rot und grün glänzenden Pausbacken lachten sie an, als wollten sie sagen: “Beiß doch rein, Emilia!“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Als sie den Apfel verputzt hatte, ging ihr ein Licht auf : Eben hatte sie etwas geschenkt bekommen, ohne dass sie etwas Besonderes machen musste! Einfach so ! Emiliaa rannte zu Papa und berichtete ihm aufgeregt, warum der Apfelbaum mit dem lieben Gott zu tun haben müsse .

Papa musste wieder eine längere Weile nachdenken . Diesmal schlief er aber nicht dabei ein, sondern ging mit Emilia in den Garten zum Apfelbaum und erklärte : “Du hast recht, Emilia. Der Apfelbaum schenkt uns so viel, ohne jemals irgend etwas zurückzuwollen :

Im Frühling lacht er uns mit seinen bunten Blüten an und schenkt uns gute Laune .

Wenn die Sommerhitze fast nicht zum Aushalten ist , finden wir im Schatten seiner Blätterkrone ein kühles Plätzchen zum Ausruhen.

Im Herbst schenkt er uns frische, saftige Äpfel, aus denen können wir Apfelsaft, Apfelmus und viele andere leckere Sachen machen.

Und im Winter finden manche Vögel in einem Astloch eine kuschelige Wohnung . Einfach so !“

„Und letztes Jahr haben wir an dem dicken Ast die Schaukel festgemacht, die er immer getragen hat“,  fiel Daniela noch ein. Emilia war froh, dass sie endlich jemanden gefunden hatte, der etwas verschenkt, ohne etwas Besonderes zurückzuwollen .

Seit dieser Zeit ist der Apfelbaum zu ihrem Freund geworden. Und sie weiß, dass jeder Baum ganz wichtig ist.

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