Leseprobe
1. Ekel Wilfried (Kurzkrimi)
2. Düchtig drock (Gedicht)
3. Am Tag der Freude
4. Lengen na Waldbach (Plattdeutsche Geschichte)
Ekel Wilfried
Margot stand vor ihm. Er saß auf einem Schemel direkt vor der Sprossenwand, die er sich vor vielen Jahren selbst zum Zwecke der Körperertüchtigung an die Wand des Hobbykellers geschraubt hatte. Außerdem war noch eine Tischtennisanlage aufgebaut, schon einige Jahre ungenutzt.
Genau genommen seit Irmchen aus dem Haus war, nach Köln zur Sporthochschule. Ihr hatte der Vater in jungen Jahren beigebracht, zu schupfen und den Topspin zu ziehen. Mit großem Erfolg. Immerhin brachte sie es bis zur Bezirksmeisterschaft der Schülerinnen A.
Staunend hatte Margot verfolgt, leise auf der Treppe zum Keller verharrend, mit welchem Geschick Wilfried seine Tochter in die Geheimnisse seines Lieblingssports einwies. Vater und Tochter wie aus dem Bilderbuch.
Der Kopf hing auf der Brust. Die Laute, die Wilfrieds sabberndem Mund entwichen, waren unverständlich.
„Komm, trink noch einen Schluck, mein Lieber. Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich mal hatte? Aber das ist lange her!“ Sie drückte mit einer Hand seinen Kopf nach hinten gegen die Sprossen, mit der anderen flößte sie den Whisky ein. Glucksend, mit viel Luft vermischt, fand das köstliche Nass seinen Weg.
Er selbst konnte die Flasche nicht halten, weil seine Hände nicht frei waren. Vorsichtshalber hatte Margot sie seitlich schräg an die Sprossenwand gebunden. Es war ihr zu gefährlich, wenn er wieder nüchtern werden würde. Nüchtern war er nicht zu genießen.
So langsam musste Margot sich entscheiden, was mit Wilfried werden sollte. Drei Nächte hatte er schon im Keller zugebracht, in dieser Position oder liegend. Zum Glück war ihm die unangenehme Situation kaum bewusst, weil ständig eine kräftige Dosis Alkohol in seinen Adern kursierte. Nur fing er an zu stinken.
Der Kies, den sie eimerweise herangeschafft und unter ihm ausgebreitet hatte, konnte inzwischen das Übel nicht mehr verdecken. Wilfried, mittlerweile eine bittere Karikatur dieses Mannes, war seit drei Tagen nicht mehr auf der Toilette gewesen.
Das konnte sie nicht wagen. Dazu hätte sie ihm die Bänder von den Handgelenken und Füßen lösen müssen. Möglicherweise wäre er rabiat geworden. Wenn sie ihn unter eine höhere Alkoholbetäubung gesetzt hätte, wäre er zum Austreten nicht mehr in der Lage gewesen. In volltrunkenem Zustand hatte sie ihn in den Keller gebracht, Stufe für Stufe vorsichtig weiter herabgezogen.
Schon früh wuchs sich der Alkohol zu einem Problem aus. Er war mit Leib und Seele auch selbst aktiv beim Tischtennis. Zwar sahen die Gegner ihn beim Einspielen mitleidig an, weil die meisten ihn um mehr als Haupteslänge überragten. Im Spiel aber schlug er ihnen die Bälle gekonnt um die Ohren.
Hinterher, in der Kneipe, gingen seine Freunde meist viel früher als er. Er brauchte immer mehr „Bier und Kurze“. Bald war die Freundschaft aus. Doch da waren noch ein paar Kollegen, mit denen er nach Feierabend einen trinken konnte. Zu Hause weitermachen, morgens nicht aus dem Bett kommen, die Arbeit schmeißen – die ganze Liste der Alkoholabhängigkeit war an ihm zu studieren.
Dann zum Glück der Platz für eine Therapie. Er schaffte den Absprung. Nur eine andere Entwicklung brach sich Bahn. Nüchtern wurde er unausstehlich. Früher hatten sie immer sich den Bauch gehalten vor Lachen, wenn sie sich gemeinsam das Ekel Alfred in der Sendung „Ein Herz und eine Seele“ angeschaut hatten.
Jetzt wurde er dieser Darstellung immer ähnlicher. Er zitierte genüsslich daraus, beschimpfte Margot als dusselige Kuh, meckerte an Tochter und Schwiegersohn herum. Margot verzweifelte. Geschlagen hat er sie nie, die Gewalt wählte den Weg über seine Lippen. Das ging so weit, dass Irmchen das Elternhaus bald mied.
Früher, besonders wenn er betrunken war, konnte er furchtbar lieb zu Margot sein. Na ja, unter der Bettdecke rien ne va plus, was Wunder. Aber er brachte Blumen mit, nannte sie sein Engelchen. Wenn sich auch die Frage anschloss, ob sie noch irgendwo ein Schlückchen für ihn hätte.
So schrecklich es klingt: Margot konnte den therapierten Wilfried nicht mehr ertragen und wünschte sich den Trinker zurück. Autofahren in seiner Gegenwart traute sie sich überhaupt nicht mehr. Seine ironischen, gemeinen Kommentare ließen ihre Unsicherheit immer mehr wachsen.
Bei den ‚Anonymen Alkoholikern' wollten sie ihn auch nicht mehr haben. Er verspottete seine Leidensgenossen nach Strich und Faden. „So wie du aussiehst, Lady, solltest du wieder trinken. Dann ist der Kummer vor dem Spiegel nicht mehr so groß.“ Das Ergebnis war, dass sie ihn hinauswarfen. „Ich brauche eure Hilfe sowieso nicht, ihr heulenden Waschweiber. So schafft ihr es doch nie!“
Gegen sich selbst legte er eine große Härte und Konsequenz an den Tag. Keinen Tropfen rührte er mehr an. In der Klinik hatten sie ihn gewarnt. Eine minimale Menge könne genügen, dass er wieder völlig dem Alkohol verfallen würde. Leider war die Folge ein Verfall seiner guten Charaktereigenschaften.
Für Margot gab es nur eine Lösung. Sie musste sich den Wilfried wieder schaffen, mit dem auszukommen war. Einige Obstsalate, mit einem kleinen Schuss Obstwässerle angereichert, taten ihre Wirkung. Die schmeckten ihm ganz hervorragend.
Als nächste Maßnahme deponierte sie verschiedene Schnapsflaschen im Wohnzimmerschrank. Nicht so, dass sie ins Auge fielen, aber auch nicht unauffindbar. Natürlich brachte seine Nase ihn auf die gewünschte Spur und zeigte Margot damit, dass die Duftstoffe richtig gelegt waren.
Nachdem er sich einige Male in der Wohnung übergeben hatte, wartet sie einen erneuten Vollrausch ab und verfrachtete ihn in den Keller. Das war nicht einfach. Zum Glück ähnelte er in seiner Statur so ziemlich seinem Fernsehvorbild: Nicht groß, aber hässlich, in jeder Beziehung.
Doch dieser Gestank jetzt hier unten! Ekelhaft! Sie musste sich von ihm trennen, es half nichts. Aber auch dafür hatte sie sich einen Plan zurechtgelegt. Zeit zum Nachdenken war ausreichend vorhanden.
Sie wartete die Dunkelheit ab. Die nächste Maßnahme war, ihn wieder so richtig abzufüllen. Damit er transportfähig wurde, sich nicht wehrte. Wie in früheren Zeiten, als sie sich noch lieb hatten, legte sie seinen Arm um ihre Schulter und ergriff mit ihrer Linken seine linke Hand.
Damals war das für ihn das Signal sie mit der anderen Hand an allen erreichbaren Stellen zu streicheln, Gesicht, Hals, die Bluse aufzuknöpfen und so weiter. Ganz kurz, ganz schwach erinnerte er sich wohl daran und machte eine entsprechende Bewegung.
Nix da! Sie lachte bitter auf. Nun galten andere Gesetze. Völlig andere! Seine Rechte zog sie, indem sie etwas in die Knie ging, mit der Hand über ihre rechte Schulter. Dann die Treppe hinauf, durch den Flur in die Garage. Hin und wieder musste sie ihn vorsichtig ablegen, um neue Kräften zu sammeln. Die Beifahrertür auf, und hinein mit ihm. Er quatschte währenddessen sinnlos herum, meist unverständlich, weil die Zunge die Mitarbeit fast einstellte. Es klang eigentlich alles gleich.
Hinterm Steuer nahm sie ihren Platz ein, ließ das Garagentor durch den Druck auf den Knopf der Fernbedienung hochfahren, und dann ab in die Dunkelheit. Eine besonders kurvenreiches Stück der Landstraße war ihr Ziel, eine noch nicht voll ausgebaute Teilstrecke. Dort hielt sie auf einem verwinkelten Parkplatz in der Nähe des Waldes.
Wilfried hatte inzwischen aufgehört zu labern und schnarchte. Ein Blick auf die Uhr verriet Margot, dass Mitternacht nahe war. Auf der Straße fast kein Verkehr mehr. Darauf hatte sie gebaut. Sie wollte verhindern, dass ihr Mann zu früh entdeckt würde. Mit großer Kraftanstrengung zog sie ihn vom Beifahrersitz hinter den Lenker. Sein Kopf pendelte dabei hin und her. Anschnallen? Nein – wozu? Gerade nicht!
Wie die Geschichte sich nun fortsetzen würde, musste sie dem Schicksal überlassen. Sie tippte darauf, dass er nach dem Aufwachen, ohne nachzudenken, den Motor starten und losfahren würde.
„Wenn ich so viel gehabt habe, dass ich nicht mehr laufen kann – Auto fahre ich noch wie ´ne Eins!“, war sein Lieblingsspruch von früher. Der steckte bestimmt noch in seinem Unterbewusstsein. Bis dahin wäre der Anteil des Alkohols im Blut nur unwesentlich abgebaut.
Bald hatte Margot es nun überstanden. Sie öffnete den Kofferraum und hievte vorsichtig das Fahrrad heraus. Einige Kilometer durch die Nachtluft würden ihr gut tun. Fahrradfahren und Nachdenken gehörten für sie ohnehin zusammen. Dabei waren ihr immer die besten Lösungen ihrer Probleme eingefallen.
Zweite denkbare Variante: Er wachte irgendwann auf und torkelte auf die Fahrbahn, wo er von einem Auto erfasst würde. Nummer drei: Er strumpelte querfeldein, blieb irgendwo im Schnee liegen und gab seinen Geist nach der Unterkühlung auf.
Das erste, was sie nach der gründlichen Reinigung des Kellers vorhatte, war klar: Unter die Dusche steigen, die Haare waschen, ein bisschen Parfüm verstreuen, ein wenig Lippenstift auftragen, sich schick anziehen. Sie hatte den Eindruck, genau so wie er zu stinken. Das blieb nicht aus nach den drei Tagen.
Bloß – was sollte sie Irmchen sagen, wenn sie anrufen würde? Ach klar: Trunkenheitsfahrt, schwerer Unfall, du kannst dir ja denken, was hier los war. Irmchens Trauer würde sich in Grenzen halten.
Lange Zeit kein Verkehr mitten in der Nacht. Doch dann wurde sie urplötzlich in helles Licht getaucht, das sich im Höllentempo von hinten näherte, begleitet durch den wachsenden Lärm eines Höchsttouren drehenden Motors. Sie schaute zurück. Blend ab, du Affe! Der ist wohl nicht ganz dicht! Idiot! Oh Gott! Was soll das! – Nein! – Nicht!
Den Aufprall spürte Margot schon nicht mehr.
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Düchtig drock Jung
Du büst
Doch al groot
Mama hett upstünds
Neet sovöl Tied för di
Heel düchtig drock hett se´t
Dien lüttje Süster
Word nu baadt
Word denn bündselt
Nadeem an de Borst
Du kannst doch neet alltieds
Mit de Nöös d´r up sitten
Du büst doch al groot
Spöl allennig in dien Kamer
Dat is doch vööl mojer
Blader Billerboken dör
Schalt man dien Recorder in
Lüster de Kassetten to
Du büst
Doch al groot
Jung |
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Am Tag der Freude
Lies mir
Aus dem Buch
Der Liebe
Singe mir
Vom Hohelied
Leise und begierig
Will ich lauschen
Deine Linke
Unter meinem Haupt
Und deine Rechte
Herzt mich
Ich will tauchen
In das Meer
Der unbegrenzten Wonne
Ich will schweben
Auf den Wolken
Der Glückseligkeit |
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Lengen na Waldbach
De Film weer to Enn. Vull Unrüst keek Enno dör de Fensterschieven van hör Ferienwohnen. Regenweer.
„Ik mutt nochmaal na buten, Muussi!“
„Is ´t weer so wied?“ stennde se up. „Laat blot dien Schruventrecker, waar he is!“
„Ja! Dat weetst du doch!“
„Wat ik weet – wi hebben to Huus keen Bott mehr för so ´n Dingerees!“
„Wat meenst du denn daarmit, mien Muuske?“ griende he un weer futt buten Döör.
As Enno so ruugweg na en Stünn de Slötel van de Floordöör dreihde, leeg sien Froo all up Bedd un smökerde in hör Krimi.
„Kiek! Büst d´r weer?“ Dat weer all, wat se so seggen harr. Arig.
Anner Mörgen bi ´t Frohstück weer Enno verbaast. Waarum smüsterde sien Ollske de heel Tied vör sük hen?
Na ´t lesd Broodje, wieldes he hör bi ´t Ofrühmen helpen dee, keem ´t rut.
„Wenn dat glieks an de Döör pingelt, denn sünd dat Schandarms. Se halen dat Oortsschild weer of, dat du güstern avend klaut hest.“
Enno kreeg sien Muul neet weer dicht. Wull se hum de Spaaß verdarven?
Siet acht Jahr funnen se in Waldbach hör Urlaubsquarteer. Hier kunnen se updaalgahn, waar hör de Sinn na stunn: Up Bargen klautern, in de See swemmen, in Gasthusen lecker eten. Mit en Bült Lü weren se al good bekennt. In de Supermarkt, bi d´ Backer, bi d´ Slachter. „Saan S´ aa widder im Lande?“ Na Enno sien Pensioneren, harr he al docht, kunnen se heelundall na Waldbach umtrecken.
Blot Frauke muss he noch overtügen. He hung mit Liev un Seel an disse Kuntrei, un wenn he bi de Arbeid in ´t Büro seet, denn spörde he dat Lengen na Weißwürschtl, Bloodwust un Haxen. Doch tegen sien Hartsehr harr he wat funnen. Elke Jahr, wenn dat snachts ´nmaal so rechtschapen ut de Wulken schüdden dee un de Lü de Nöös neet na buten hullen, weer de Ogenblick komen. Fix de Schruven van ´t Oortsschild losdreihen, waar he al ´n Oog up smeten harr, fell in d´ Deken inslaan un rin in de Kufferruum. Bi hör tohuus hungen intüsken fiev van disse moi Schiller an de Kellerupgang. Waldbach, swart up geel. Waar de eerste Blick up full, wenn se na de lang Autofahrt ankemen. De Naam tegen dat Lengen.
„As du vanmörgen na d´ Backer weerst, hebb ik bi de Schandarms anropen un mellt, du harrst en Oortsschild in d´ Schlot funnen. Of se de woll overnehmen wullen. De Beamte an ´t Telefon see, over disse neei Gefall harren se noch heel keen Bescheed kregen. Elke Sömmer geev ´t daarmit Arger. De Klaueree kunn ok as – wat see he? - „Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr“ taxeert worden. Wenn se de Deven an ´t Slafittje kregen, mussen de mit en sware Straaf reken. Villicht sogaar achter Tralljes.“
Frauke registreerde Benautheid bi Enno. Moi.
„Ik hebb an hum seggt, dat sullen se de Lü man verklookfegen, de sük d´r an vergriepen deen. Du hest doch güstern so ´n geel Stück an d´ Slootskant funnen. Is ´t neet so?“
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