Erster Weltkrieg
Die Garnison in Leer
Im Gegensatz zu Aurich und Emden waren in Leer zu Beginn des ersten Weltkrieges im September 1914 keine Truppen stationiert; reguläre Garnisonstadt sollte Leer erst im April 1938 werden, als eine Marineeinheit die neugebaute Kaserne am südlichen Stadtrand (heute von Lettow-Vorbeck-Kaserne) bezog. Aurich war die Garnisonsstadt in
Ostfriesland; hier waren das dritte Bataillon des
Infanterie-Regiments 78, das das Ostfriesische genannt wurde,
stationiert, ein Garnisonslazarett eingerichtet und die
Kommandantur des Landwehr-Bezirks untergebracht. In Emden lag
neben Marine-Einheiten zum Küstenschutz das zweite Bataillon des
Fußartillerie-Regiments von Hindersin (1. Pomm.) Nr. 2. Zum
Friedensheer gehörte zudem die Insel-Festung Borkum, als deren
Wachtrupps Emder und Auricher Einheiten fungierten.
In Leer ließ das stellvertretende Generalkommando des X.
Armeekorps bald nach Kriegsausbruch ein Reservelazarett
einrichten. Es war im Gebäude des städtischen Lyzeums
(Mädchenschule), dem Vorgänger des heutigen
Teletta-Groß-Gymnasiums, am Harderwykensteg untergebracht und
nahm wohl vor allem die Turnhalle in Beschlag. Das Lazarett wurde
im Sommer 1919, vermutlich im Juli, aufgelöst, nachdem die
Demobilisierung der aus dem Krieg zurückgekehrten Einheiten
abgeschlossen worden war.
Ebenfalls im ersten Kriegsjahr wurde in der Stadt eine
Heereseinheit aufgestellt, das
Landsturm-Infanterie-Ersatzbataillon X/23, dessen erste Kompanie
in Weener stationiert wurde. Landsturm war in Preußen seit 1814
das Aufgebot aller waffenfähigen Männer vom 17. bis 45
Lebensjahr, die den aktiven Einheiten des Heeres oder der Marine
nicht angehört oder die Altersgrenze für die Landwehr, das 39.
Lebensjahr, überschritten hatten.
Kommandeur wurde, wie in vielen anderen Fällen innerhalb des
Heimatheeres auch, ein reaktivierter Kriegsveteran. Major Loeven,
dessen Stammformation das in Oldenburg stationierte
Infanterie-Regiment 91 war, hatte am deutsch-französischen Krieg
1870/71 teilgenommen und war demzufolge schon über 60, als er
das Kommando antrat. Der Landsturm, naturgemäß alles Männer
aus Leer und Umgebung, war wahrscheinlich ebenfalls in Schulen
oder anderen, von der Garnisonsverwaltung für diese Zwecke
übernommenen Gebäude untergebracht.
Leider ist das Bataillonstagebuch, das neben den am Ende des
zweiten Weltkrieges zerstörten preußischen Heeresakte
aufschlußreiche Details liefern könnte, verschollen. So muß
auch die Truppenstärke ein Feld für Spekulationen bleiben. Sie
wird aber höchstens 500 Mann betragen haben und dürfte eher
noch darunter gelegen haben, denn eine größere Garnison hätte
sich entsprechend stark auf das öffentliche Leben der Kleinstadt
mit rund 12000 Einwohnern ausgewirkt und sicher, trotz
kriegsbedingter Pressezensur, Niederschlag in den Medien gefunden
haben.
Die wenigen überlieferten Fakten über die Garnison dürfen
nicht darüber hinwegtäuschen, daß die damalige Bevölkerung
durch den täglichen Umgang im großen und ganzen über die
Garnison, ihre Zusammensetzung und ihre Größe Kenntnis hatte.
Es bestand daher auch keine Notwendigkeit, als die Pressezensur
gelockert worden war und der Soldatenrat aktiv in die Geschicke
der Stadt einzugreifen begann, derartige Informationen zu
verbreiten. Zudem herrschte der gesellschaftliche Konsens, daß
das Militär, noch weit entfernt von der heutigen Idee des
"Bürgers in Uniform", als ein Staat im Staate seine
Angelegenheiten selbst regelte. Sie gingen den Zivilisten nichts
an, und sie interessierten ihn auch nicht. Bezeichnend dafür
ist, daß in den November-Tagen zwar zunächst zahlreiche
Forderungen nach Militärreformen erhoben wurden, es aber
nirgends zu einer öffentlichen Diskussion über die Zustände in
der Armee kam.
Anfang November 1918 stellte sich die Situation in Leer so dar,
daß es hier eine Garnison unbekannter Größe gab. Sie bestand
aus dem Landsturm und dem Reservelazarett. Außerdem verfügte
sie offenbar über eine - mehrfach genannte - Regimentskapelle,
die sich keiner bestimmten Einheit mehr zuordnen läßt. Unklar
bleibt auch, ob später genannte Einheiten bereits vor Kriegsende
in Leer stationiert waren oder erst danach dort untergebracht
wurden.
Garnisonsältester war jetzt ein Major Leo. Über ihn und seine
genaue Stellung ist nichts weiter bekannt; vermutlich gehörte er
zu den zahlreichen inaktiven Offizieren, die während des Krieges
mit Kommandos im Heimatheer betraut wurden. Dem Dienstgrad nach
zu urteilen, dürfte er das Landsturm-Bataillon kommandiert
haben. Weil sein Name mehrfach in verschiedenen Zusammenhängen
erwähnt wurde, ist eine Verschreibung des Namen Loeven trotz der
gleichen Bedeutung wohl auszuschließen.
Leo wurde als Garnisonsältester im Dezember von dem ranghöherem
Kommandeur des nach Leer verlegten Infanterie-Regiments van Horn
Nr. 29, Oberstleutnant Heinrings, abgelöst. Sein weiteres
Schicksal bleibt, ebenso übrigens wie das des
Landsturm-Bataillons Leer, im Dunklen. Vermutlich kehrte er nach
abgeschlossener Demobilmachung seiner Einheit ins Privatleben
zurück. Heinrings, dessen Stammformationen das
Infanterie-Regiment Großherzog Friedrich Franz II. von
Mecklenburg-Schwerin (4. Brandenb.) Nr. 24 war, hatte das IR 29
während des Krieges übernommen.
Das Infanterie-Regiment von Horn kam am 15. Dezember 1918 direkt
von der Westfront nach Leer. Sein Heimatstandort war Trier. Es
gehörte zu den allerersten Einheiten, die unmittelbar nach der
Mobilmachung in den Einsatz gingen: In der Nacht zum 2. August
1914 waren Regimentseinheiten an der Besetzung Luxemburgs
beteiligt. Nachdem die Rheinprovinzen durch das
Waffenstillstandsabkommen zur entmilitarisierten Zone erklärt
worden waren, durften die dort beheimateten Einheiten von der
Front nicht mehr an ihre Standorte zurückkehren, sondern wurden
zur Abwicklung auf Standorte anderer Armeekorps aufgeteilt. Die
16. Division, zu der das IR 29 gehörte, kam nach Osnabrück; in
Friedensformationen umgewandelt bzw. aufgelöst wurden die
Einheiten in Osnabrück, Papenburg und Leer; Einheiten der 15.
Division wiederum kamen nach Aurich. Um die Soldaten
unterzubringen, mußten die Schulen in der Stadt weitere Räume
zur Verfügung stellen. Klagen über die Einquartierung und
Beschädigungen durch die Soldaten blieben nicht aus.
Obwohl die Stärke des in Leer einquartierten Regiments ebenso
wie die des dort untergebrachten Ersatz-Bataillons 29 nicht
bekannt ist, muß davon ausgegangen werden, daß die Zahl der
Militärangehörigen in der Stadt vorübergehend deutlich zunahm.
Nicht abzuschätzen ist die Geschwindigkeit, mit der die
Demobilisierung ablief. Ein eigens gebildeter
Demobiliserungsausschuß, der die Entlassungen sozial abfedern
sollte durch die Bereitstellung von Unterkünften und
Arbeitsplätzen, trat am 19. November das erste Mal zusammen. Ihm
gehörten unter anderem Landrat Kleine als Vorsitzender,
Bürgermeister Helms und Conrad Bruns sowie "Arbeitergeber
und Arbeitnehmer aller Berufsklassen" (Leerer Anzeigeblatt,
21.11.19) an. Die Auflösung der Einheiten ging anscheinend
problemlos und wohlgeordnet über die Bühne. Zu "wilder
Demobilisierung" wie andernorts ist es in Leer nicht
gekommen. Trotz der entlassenen Soldaten stieg auch die
Arbeitslosigkeit nicht, die "hier beheimateten Krieger"
(Leerer Anzeigeblatt, 12.12.18) konnten alle durch den
städtischen Arbeitsnachweis in eine Stellung vermittelt werden.
In Emden übernahm der Arbeiter- und Soldatenrat entlassene
Militärangehörige als "Hilfsgendarmen" in den
Sicherheitsdienst, "damit diesen eine Möglichkeit gegeben
wird, ihre Familie zu ernähren" (Staatsarchiv Aurich Rep 21
a, 8208/35). im Januar 1919 schlug der Steenfelder Ortsvorsteher
B. Coordes vor, die Kontrolle der Eisenbahnhaltepunkte
"hiesigen arbeitslosen heimgekehrten Kriegern" zu
übertragen (Staatsarchiv Aurich Rep 21 a, 8208/98). Ob dieses
Ansinnen tatsächlich aus Sorge um die Mitbewohner dem
Regierungspräsidenten in Aurich vorgetragen wurde oder nur, um
den gegen Schleichhandel so erfolgreichen Sicherheitsdienst des
Arbeiter- und Soldatenrat zu schwächen, sei dahingestellt.
Die Einheiten des Heimatheeres wurden als erste unmittelbar nach
Kriegsende aufgelöst. Das IR 29 blieb zunächst bestehen.
Allerdings schrumpfte die Mannschaftsstärke bis auf
Kompaniestärke zusammen. Ende April 1919 war die Einheit
"90 Mann stark" und "in guter Disziplin"
(Staatsarchiv Aurich Rep 21 a, 304/44). Das Regiment hatte seit
Mitte Februar 1919 versucht, sich auf Freiwilligen-Basis zu
erhalten, um in die neue Reichswehr übernommen zu werden.
Zwischenzeitlich war sogar davon die Rede, daß Leer neuer
Heimatstandort des Regiments werden sollte (Leerer Anzeigeblatt
3.2.19). Aber in dem neuen, nur 100 000 Mann starken Heer war
kein Platz. Vermutlich im Juni 1919 sind die letzten Soldaten aus
Leer abgezogen.
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