Jeder König in seinem eigenen Haus

Ostfriesland im Reisebericht des Schotten Thomas Hodgskin

"Ostfriesland ist nach dem Land Hadeln der am wohlhabensten erscheinende Teil Deutschlands." Dieses überraschend wohlwollende Urteil über einen gemeinhin als ärmlich und zurückgeblieben angesehenen Landstrich stammt von dem Reiseschriftsteller Thomas Hodgskin. Der Schotte bereiste in den Jahren 1817 bis 1819 größtenteils zu Fuß den Norden Deutschlands und hat darüber ein Buch geschrieben, das 1820 in Edinburgh in zwei Bänden erschien und nicht ins Deutsche übersetzt wurde: "Travels in the North of Germany".


 
 
 
 
Ansicht des Emder Hafens
von 1810
Stich von G. A. Lehmann

Hodgskin war kein Schwärmer, er vertrat liberal-aufklärerische Positionen, seine Reiseberichte beschränkten sich nicht nur auf die Beschreibung von Landschaft, Sehenswürdigkeiten und Geschichte. Er wollte auch den politischen und sozialen Verhältnisse des Landes nachspüren und seinen Lesern vermitteln. So erlaubt sein Buch Einblicke in das Alltagsleben zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die Reise führte Hodgskin vom 18. oder 19.. bis 23. Juni 1818 nach Ostfriesland. Zuvor war der Schotte in Oldenburg gewesen. Sein Urteil über die Residenzstadt ist nicht gerade schmeichelhaft; sie habe nichts, was einen Aufenthalt lohne. Es gebe kein Theater und keine Universität und nur einen Buchhändler in der Stadt. Das Oldenbuger Land sei in Apathie und Unwissenheit versunken.

Ganz anders dagegen Ostfriesland, das Hodgskin wahrscheinlich auf der alten Landstraße von Oldenburg über Remels erreicht. Hier stellt er gleich eine "höhere Kultur" fest: Die Häuser seien größer, sauberer und in einem besseren Zustand als im Oldenburger Land. In dem Haus, in dem er vermutlich in der Gegend von Hesel die erste Nacht verbringt, bewundert der Reisende China-Porzellan in den Schränken und holländische Kacheln an der Feuerstelle. Die Menschen in Ostfriesland, glaubt der Reisende, hätten im Gegensatz zu den Oldenburgern mehr als das nötigste zum Leben. Er hält sie sogar für stattlicher und besser aussehend, für besser gekleidet und besser ernährt als die Menschen in den meisten anderen Teilen Deutschlands: ein stolzes, aufrechtes Volk, das nur wenige Adlige und keine Unfreien hat, in einem Land, so zitiert Hodgskin einen "respectable merchant of Embden", einen achtbaren Emder Kaufmann, wo jeder König in seinem eigenen Haus sei.

Kleine Beobachtungen am Rande machen den besonderen Reiz von Hodgskins Bericht aus. Bei seinem Marsch nach Aurich trifft er eine Gruppe von Leuten, die die Straße reparieren. Bis zu 20 Tage im Jahr, erfährt er, könnten Grundstücksbesitzer zur Straßen-Instandsetzung herangezogen werden. Die reichen Bauern würden einen ihrer Bediensteten schicken, aber die weniger wohlhabenden müßten ihre eigene Arbeit liegen lassen für eine reichlich sinnlose Tätigkeit: Weil es keine Steine gebe, würden die schadhaften Stellen mit Sand aufgefüllt, den schon der nächste Regen zurück in den Graben spült.

An Ostfriesland schätzt Hodgskin den Unternehmergeist ("spirit of enterprise"), mit der an der Verbesserung der Lebensverhältnisse gearbeitet wird, während sich in anderen Landesteilen Hannovers der Fortschritt im Bau eines Schafstalls erschöpft. Er lobt vor allem den privat finanzierten Kanalbau zur Kultivierung der Moore. Den herrschenden Geist, die Dinge zum allgemeinen Nutzen selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht auf Herrscher und Regierungen zu verlassen, entdeckt der Schotte auch im Deichbau, in den vielen Windmühlen und in der gedeihlichen Landwirtschaft. Die Not und das Elend gerade in den Moor-Siedlungen sieht er allerdings nicht.

In Aurich, der alten Residenzstadt, dessen ehemaliges Schloß nur noch eine Baracke ist, fällt Hodgskin das Armenhaus auf. 42 alte Männer und Frauen sowie Kinder leben dicht gedrängt in einem kleinen Haus, aber alles ist sauber und ordentlich. Die Jüngeren versorgen drei Kühe und tragen so zum Lebensunterhalt der Übrigen bei. Von städtischer oder kirchlicher Seite bekommen die Bewohner nur etwas Geld, um Brot zu kaufen, ansonsten sind sie auf sich gestellt.

Die Sauberkeit ist etwas, das Hodgskin immer wieder ausdrücklich betont, etwa bei der Beschreibung der großen Bauernhöfe. Obwohl alles "unter einem Dach" liegen, besteht kein Mangel an Sauberkeit, der Wohnteil ist vom Stall getrennt und hat einen eigenen Eingang, was, so muß man im Umkehrschluß wegen der ausdrücklichen Erwähnung wohl folgern, er nicht überall sonst auf seinen Reisen angetroffen hat.

Hodgskins verläßt Aurich mit dem Boot und fährt auf dem Treckfahrtkanal nach Emden. Hier kommt es zu einer weniger schönen Begegnung, die den Reisenden an die Hafenviertel seiner Heimat erinnert: Auf dem Schiff fahren einige angetrunkene Frauen mit. "Sie sangen, waren ausgelassen und verspotteten jeden Wanderer auf der Straße", schreibt Hodgskin. Aber, versicherte ihm ein Mitreisender, diese Frauen seien die absolute Ausnahme.

Am Abend kommt das Schiff in Emden an. Emden gilt Hodgskin als ein Beispiel dafür, wie unter den Fürstenhäusern Freiheit und Selbständigkeit und damit wirtschaftliche Potenz verloren gehen. Der Handel ist in den Jahren nach dem Ende der Franzosenherrschaft zurückgegangen. Der Emder Hafen wird immer seichter, und die Regierung in Hannover habe nichts weiter dagegen unternommen, als einen Ingenieur zu ernennen und den einst städtischen Zoll jetzt selbst zu kassieren. Dennoch macht sich Hodgskin keine Sorge um die Zukunft der Stadt: Solange der Hafen noch groß genug sei für ein einziges Schiff, werde der Handel immer bedeutend sein.

Sonntag im calvinistischen Emden: Es wird nicht gearbeitet, die Einwohner gehen zur Kirche und gönnen sich nur das Vergnügen eines Spaziergangs. Bei dieser Gelegenheit mag Hodgskin auch Muße gehabt haben, die Emder und ihre Kleidung zu beschreiben: "Die Einwohner waren größtenteils gutaussehend und sauber gekleidet. Die Kleidung der Frauen bestand im allgemeinen aus einer kurzen weißen oder farbigen Jacke, schwarzem Rock und schwarzer Seidenschürze, einer enganliegenden weißen Kappe und einem Kragen um den Nacken, während viele der Wohlhabenderen nach der Mode Frankreichs und Englands gekleidet waren. Die älteren Frauen trugen eine ältere Tracht, dessen Hauptbestandteil ein Hut so groß wie ein Schirm war."

Am 23. Juni verläßt Hodgskin Emden und setzt bei Petkum mit der Fähre ins Rheiderland über. Dort will er den 1752 angelegten preußischen Polder am Dollart (heute Landschaftspolder) besichtigen, der für seine sehr große Fruchtbarkeit berühmt ist. Aber es regnet den ganzen Tag, und so setzt der Reisende in Weener erneut über die Ems und marschiert auf Papenburg zu.

Auf dem Weg, der größtenteils auf dem Deich entlang führt, hat er zum Abschied noch eine Begegnung der romantischen Art. Eine "lovely looking young woman", eine liebreizende junge Frau, bietet ihm Begleitung an. Die Unbilden des Wetters sind vergessen: "Und, den Arm um sie legend, um sie besser schützen zu können, dankte ich dem Sturm, daß er eine so hübsche Begleitung gezwungen hatte, Schutz unter meinem Baumwoll-Dach zu suchen." Nie, schreibt Hodgskin, habe er unter den Frauen auf dem Lande eine auch nur halb so liebenswerte Person getroffen. Traurig setzt er seinen Weg fort, der ihn durch das Emsland in Richtung Osnabrück führen wird.

Quelle: Thomas Hodgskin: Travels in the North of Germany, describing the present state of the social and political institutions, manufactures, commerce, education, arts and manners in that country, especially in the Kingdom of Hannover in two volumes. Edinburgh 1820.

Erstveröffentlichung:
Unser Ostfriesland, Beilage der Ostfriesen-Zeitung, Nr. 21 & 22/1997
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© Norbert Fiks