
Ein Körpergrab wird untersucht
September 2000
Backemoor, Landkreis Leer
Toter wirft Schatten in die Gegenwart
Die Ausgräber hatten am östlichen Ortsrand gar nicht mit wichtigen Funden gerechnet
Wieder hat der Zufall den Archäologen ein wenig geholfen, einen Fund zu machen, der in der Fachwelt für Aufsehen sorgen wird. Denn sie hatten in diesem Zipfel von Backemoor (Landkreis Leer), auf der Erdgas-Trasse von Leer-Nüttermoor zur Verdichterstation in Schatteburg, schon alles abgesucht. Aber dann hat die Bauleitung die Trasse ein wenig verlegt und geriet mitten in ein bronzezeitliches Siedlungsgelände.
Das Grabungsgelände liegt östlich des Dorfes. Dort fällt das Gelände deutlich erkennbar zum Schatteburger Sieltief ab. Eigentlich ein zu feuchter Platz, um sich dort niederzulassen. Deshalb haben die Mitarbeiter der Archäologischen Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft nicht mit wichtigen Befunden gerechnet.
Für den Laien gibt es auf der breit abgeschobenen Trasse erst einmal nicht viel zu sehen, nur eine große Menge dunkler Verfärbungen im anstehenden Sand. "Wir sind hier in einer Siedlung", erläutert der Archäologe Dr. Rolf Bärenfänger. Die tellergroßen Verfärbungen sind Pfostenlöcher. Dort haben vor Tausenden von Jahren Gebäude gestanden.
Weiter in Richtung Sieltief wird es für die Archäologen richtig spannend, dort liegt ein Gräberfeld. Die Grabgruben zeichnen sich als große rechteckige Verfärbungen im Sand ab. Mehr als dunkles Füllmaterial bleibt von den Bestattungen meistens nicht übrig. Aber diesmal haben die Archäologen Glück und finden in einem Grab einen so genannten Leichenschatten. Das heißt, die verschiedenen Zersetzungsprodukte bei der Verwesung des Körpers hinterlassen unterschiedliche Verfärbungen. In diesem Fall sind die Konturen selbst für einen Laien teilweise noch gut zu erkennen. Außerdem lässt sich am Profil der Grube erkennen, dass die Leiche wahrscheinlich auf einem Brett oder sogar in einer Art Sarg lag.
Durch Gefäßreste, die bei zwei Bestattungen gefunden wurden, lassen sich die Gräber leidlich zeitlich einordnen: Sie stammen wahrscheinlich aus der älteren Bronzezeit, sind also etwa 4 000 Jahre alt.
Dieses Datum passt ganz gut zu einem anderen Befund, der die eigentliche Bedeutung des Fundortes Backemoor ausmacht. Zu dem Gräberfeld gehören mindestens zwei so genannte Kreisgräben. Das sind besondere Gräber der Bronzezeit: Über dem Grab wurde ein kleiner Hügel aufgeschüttet, der von einem kreisförmigen Graben umgeben war.
Einer der beiden Backemoorer Kreisgräben hat einen Durchmesser von elf Metern und "ist einzigartig", so der örtliche Grabungsleiter Matthias Hamöller. Das ist nicht die ungewöhnliche Breite von fast einem Meter, sondern die Tatsache, dass er von einer zweireihigen Pfostenreihe umgeben ist. "Bisher hatten wir entweder Graben oder Pfosten, aber nie beides zusammen", erklärt Bärenfänger die Besonderheit.
Die Ausgräber müssen ietzt sehen, dass sie die Arbeit auf dem großen Areal zügig beenden. Denn die Pipeline rückt näher; fast täglich erkundigt sich die Bauleitung nach dem Fortschritt. Das Energieunternehmen BEB zahlt zwar für die archäologische Untersuchung der Trasse, will aber natürlich den Zeitplan einhalten. Die Archäologische Forschungsstelle hat deshalb alle verfügbaren Leute auf der Trasse konzentriert.
Erstveröffentlichung:
Ostfriesen-Zeitung, 14. September 2000
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© Norbert Fiks |
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