Neuzeitliches Fundament in der Emder Burgstraße
 
 
 

Emden

Unterm Pflaster liegt das 14. Jahrhundert

Ausgrabungen auf der Stadtwurt erlauben einen tiefen Blick in die Emder Stadtgeschichte / Seit 1200 Jahren besiedelt


 
Emden ist etwas besonderes. Archäologisch jedenfalls. Deshalb freuen sich die Ausgräber der Ostfriesischen Landschaft, dass sie endlich einmal Gelegenheit haben, sich mit Schaufel und Kelle in die Vergangenheit zu graben. Weil die Stadt das Abwasserrohrnetz sanieren will. "Aber wir haben jetzt drei Baustellen mit drei verschiedenen Baustellen", stöhnt Bernd Rasink, der die Grabung leitet.
 
Das besondere an Emden ist der Umstand, dass sich aus der Siedlungswurt am Emsufer eine richtige Stadt entwickelt hat. "Das gibt es sonst an der gesamten Nordseeküste nicht einschließlich den Niederlanden", sagt Dr. Rolf Bärenfänger vom archäologischen Dienst der Landschaft. Wurten sind von Menschenhand angehäufte Hügel, auf denen in der Zeit vor dem Deichbau einzelne Gehöfte oder kleine Siedlungen angelegt wurden, um sie hochwassersicher zu machen. Solche Wurten sind noch zahlreich in Ostfriesland, vor allem in der Krummhörn und im Rheiderland. Aber keine ist wie Emden.
 
Die Stadt entstand irgendwann um das Jahr 800. Genau weiß das niemand. Die Theorie sagt, dass Händler und Handwerker sich an diesem fürs Geschäft günstigen Platz niedergelassen haben: Einst mündete dort ein heute verlandetes Tief in die Ems, die bis ins 17. Jahrhundert in einem großen Bogen bis an die Altstadt reichte. Der Straßenname Emsmauer zeugt noch immer davon. Die Emsmauerstraße ist heute das Südende der alten Stadtwurt.
 
Archäologisch ist das alte Emden wenig erforscht. Anfang der 50er Jahre machte der bekannte Altertumsforscher Werner Haarnagel eine kleine Grabung auf der Stadtwurt. "Aber seitdem sind 50 Jahre vergangenen, in denen sich die archäologischen Methoden verändert und verbessert haben", so Bärenfänger.

Der Archäologie Bernd Rasink legt einen Fassbrunnen frei.
 

Eine dieser Methoden ist die Dendrochronologie, die Umsetzung der Wachstumsringe von Bäumen in Jahreszahlen. Dadurch gelang es den Ausgräbern schon, zwei in der Kirchstraße gefundene Eichenbalken genau zu datieren: einer stammte aus dem Jahr 1396, ein anderer von einem Baum, der nach 1362 gefällt wurde. Bärenfänger: "In der Kirchstraße liegt das 14. Jahrhundert direkt unter dem Pflaster."
 
Bereits im vergangenen Jahr, als die Grabungen begannen, haben die Archäologen in der Kirchstraße eine ganze Häuserflucht nachgewiesen und das komplette Fundament eines Hauses freigelegt. Nach Abschluss der Rohrverlegung in der Kirchstraße geht die Landschaft jetzt auf einer Fläche am Bunker gegenüber der Großen Kirche eine Forschungsgrabung an, bei der die Wissenschaftler nicht mit den Baumaschinen im Nacken arbeiten müssen. Das Areal liegt am Rand der Wurt, und die Wissenschaftler hoffen, auf frühere Siedlungsschichten zu stoßen, wenn sie tiefer gehen.
 
So viel Zeit haben Bernd Rasink und seine Leute in der Burgstraße nicht. In einem Teil der Straße liegen schon die neuen Rohre, und kaum ist ein Befund in der Tiefe des Rohrgrabens abgezeichnet und fotografiert, rücken die Bauarbeiter mit einer Fuhre Sand heran. In der Burgstraße haben die Ausgräber zahlreiche Holzbalken gefunden. Aber die erhofften dendrochronologischen Daten blieben ihnen versagt: Die von Bärenfänger respektlos Matscheichen genannten Balken wiesen trotz ihrer Mächtigkeit keine brauchbaren Jahresringe auf.
 
Die Emsstraße, die im Osten der Wurt parallel zur Kirchstraße verläuft, ist auf der ganzen Länge zwischen Burgstraße und Pelzerstraße aufgerissen. Dort liegen die Vorkriegsgrundrisse der Stadt zum Greifen nahe. Die Straße war viel schmaler als heute, gerade breit genug für ein Fuhrwerk. "Den Straßenverlauf können wir hundertprozentig nachvollziehen", sagt Rasink. Die Häuserflucht zeichnet sich deutlich sichtbar im Boden ab, einige Fundamente sind tadellos erhalten. An einigen Stellen liegen großformatie Backsteine: das so genannte Klosterformat, also Mittelalter. Und ein paar Meter weiter, an der Einmündung der Schulstraße, ein Ziegelfundament mit Stahlarmierung. "Das war der alte Kolonialwarenladen", weiß Rasink.
 
Das alles ist durch die Bomben der Briten im zweiten Weltkrieg zerstört worden. Und durch die anschließende Aufräumarbeit der Emder. "Erstaunlicherweise haben wir hier so gut wie keine Kriegsspuren entdeckt", so Bärenfänger. Keine Trümmer, keine Brandschicht. Dafür einige Kuriositäten aus anderen Zeiten: ein im Boden eingegrabenes Fass mit unbekanntem Verwendungszweck, das Skelett eines Ponys oder kleinen Pferdes, die Reste eines Misthaufens.
 
Die Frage, was ein totes Pony mitten in der Stadt zu suchen hat, beschäftigt die Wissenschaftler nur am Rande. Bei den Ausgrabungen geht es in erster Linie darum, den Aufbau der Emder Stadtwurt und die Entwicklung der Siedlung zu verstehen. Die Fragestellung reicht dabei bis zurück in die Völkerwanderungszeit und die Kaiserzeit. Vielleicht hat es ja eine bäuerliche Vorgängersiedlung gegeben und Emden ist viel älter, als vermutet.
 
Die archäologische Stadterforschung ist laut Bärenfänger "eng verzahnt" mit der Neukonzeption des Ostfriesischen Landesmuseums. Dort sollen einmal die Funde aus den Grabungen gezeigt werden, vielleicht auch der eigentümliche, aus Faßdauben gebaute Fußweg, der in der Kirchstraße ausgegraben wurde.

Erstveröffentlichung
Ostfriesen-Zeitung, 22. Juni 2002

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