Brinkum, Landkreis Leer

Mittelalterliche Schiffszeichnung
in Backstein geritzt

Backstein mit mittelalterlicher Schiffszeichnung


 

"Eine neue mittelalterliche Zeichnung findet man nicht jeden Tag." - Der Archäologe Dr. Rolf Bärenfänger gibt sich zurückhaltend. Aber was er gestern in Hesel vorstellte, verdient diese Zurückhaltung nicht: Es handelt sich um einen Backstein im Klosterformat, auf dem ein Schiff eingeritzt ist.

Die Ritzzeichnung ist in Deutschland einmalig. Vergleichsfunde auf Backstein gibt es nur aus Helsingør in Dänemark. Das hat Prof. Detlev Ellmers herausgefunden. Ellmers ist Direktor des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven und gilt als der Experte in Sachen Schiffe.

Dargestellt ist auf dem Stein ein sogenannter Holk, der Nachfolge-Typ der Kogge, mit dem die Hanse groß wurde. Zu erkennen sind die von anderen mittelalterlichen Darstellungen bekannte charakteristische Bananenform, die kurzen Planken und der Mast mit Banner. Holks waren etwa 20 Meter lang und dienten in erster Linie dem Warentransport. Laut Ellmers ist dieser Schiffstyp östlich von Amsterdam im 14. Jahrhundert nachweisbar. Den großen Backstein datiert Bärenfänger, der dabei auf seine Erfahrungen bei der Ausgrabung von Kloster Barthe zurückgreifen kann, auf die Mitte des 15. Jahrhunderts.

Ebenso interessant wie der Fund sind die Fundumstände. Bärenfänger bekam den Backstein kürzlich von Ewald Schmidt aus Brinkum (Landkreis Leer). Schmidt hatte den Stein zusammen mit anderen im Fundament eines abbruchreifen Hauses an der Kirchstraße entdeckt - vor 50 Jahren. Anschließend lag er unbeachtet in einem Schuppen.

Der Fundort lädt zu Spekulationen über den Herkunftsort und den Zweck ein: Weil mehrere Steine verbaut waren, vermutet Bärenfänger den Herkunftsort in der Nähe. In Brinkum hat es aber nie eine Kirche gegeben, die Brinkumer sind immer nach Holtland zur Kirche gegangen. Allerdings hat vermutlich im Mittelalter auf dem heute noch als alte Burg bezeichneten Gelände ein aus Steinen erbauter Häuptlingssitz gestanden.

Die Frage, wozu der Stein diente, kann Bärenfänger nicht beantworten. Vielleicht war es Kunst. Oder das Motiv diente zur Fürbitte für eine erfolgreiche Reise. Ritzzeichnungen auf Holz zu eben diesem Zweck sind auch aus ostfriesischen Kirchen bekannt, allerdings aus sehr viel jüngerer Zeit.

Erstveröffentlichung
Ostfriesen-Zeitung, 25. August 1998

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