Ausgräber im Watt April 2000 |
Ostbense, Landkreis Wittmund
Toter wurde auf einer Grasmatte bestattet
Neuer Fund aus der Völkerwanderungszeit im Wattenmeer
Ein bemerkenswerter Fund aus dem Watt vor der Ortschaft Ostbense fügt dem Bild, das die Wissenschaft vom vorgeschichtlichen Ostfriesland hat, ein weiteres Mosaiksteinchen zu. Mitarbeiter der Ostfriesischen Landschaft und eine Gruppe von Helfern um den Esenser Heimatforscher Axel Heinze bargen am Sonntag die Reste eines Skeletts, das nach dem ersten Eindruck aus der rund 1500 Jahre zurückliegenden Völkerwanderungszeit stammt.
Heimatforscher Heinze, der das Watt zwischen Neuharlingersiel und Bensersiel wie seine Westentasche kennt, hat die Archäologen schon auf so manchen interessanten Fund aufmerksam gemacht. Nur einige hundert Meter weiter wurde vor einigen Jahren das Skelett einer Frau gefunden, das unter dem Namen "Bensi" bekannt wurde. Ebenfalls aus dieser Gegend stammt einer der bedeutensten Funde der letzten Jahre, die Bestattung eines Kleinkindes aus der Völkerwanderungszeit. Zu dieser Zeit, ab dem 5. Jahrhundert, war hier noch Festland. Das Meer hat sich diese Gegend erst später erobert.
Der Platz, zu dem Heinze den Archäologen Dr. Rolf Bärenfänger und seine Mitarbeiter jetzt führt, liegt über einen Kilometer watteinwärts. Nach halbstündigem Marsch, bei dem der Schlick an den Gummistiefeln zerrt, steht die Gruppe um ein schwarzes Gebilde herum, das aus dem Watt ragt und unzweifelhaft als Teil eines menschliches Unterschenkels erkennbar ist. Ein kleines Stück weiter in nordwestlicher Richtung liegt ein weiteres dunkles Knochenpaar, Elle und Speiche. Ein paar lose herumliegende Rippen und sonstige Knochenstücke habe er schon aufgesammelt, erzählt Heinze.
Schnell ist eine Drainage gegraben, um die Bestattung trocken zu legen. Die Archäologen schieben mit ihren Kellen das mit Muscheln durchsetzte Sediment zur Seite. Schnell tauchen weitere Knochenstücke auf, der Fuß, und eine Scherbe. "Das ist der Beweis, dass der Bursche alt ist", sagte Bärenfägner. Die Hoffnung, weitere Reste eines Gefäßes zu finden, erfüllen sich nicht. "Die ist vermutlich bei der Beerdigung hineingefallen", sagt der Archäologe.
Die Überraschung kommt, als die Ausgräber die Unterseite der Bestattung erreichen. Mit ihrer braunen Farbe deutlich vom umgebenden grauen Klei zu unterscheiden, werden grobe Pflanzenfasern sichtbar. Ganz offensichtlich wurde der Tote nicht einfach auf den nackten Boden der Grube gelegt, sondern auf eine Grasmatte. "Genau wie bei dem Kind", freuden sich die Archäologen.
Die Freude hat zwei Gründe: Erstens zeigt die Übereinstimmung, dass auch diese Bestattung aus der Völkerwanderungszeit stammt. Befunde aus dieser Zeit sind im ostfriesischen Küstengebiet selten und helfen, das Bild jener Epoche deutlicher zu zeichnen. Und zweitens werden die Botaniker anhand der Pflanzenreste etwas zur Vegetation vor 1500 Jahre sagen können, aber zum Beispiel auch, in welcher Jahreszeit der Tote beerdigt wurde.
Nach gut einer Stunde ist die Aktion im Watt gelaufen. Die Knochen werden für weitere Untersuchungen eingesammelt und verschwinden in einer Plastiktüte vom Fleischer, die Axel Heinze aus der Tasche zieht. Die Archäologen packen ihre Utensilien zusammen und machen sich auf dem Rückweg.
Erstveröffentlichung
Ostfriesen-Zeitung, 5. April 2000
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© Norbert Fiks |
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