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In seinen Werken akzeptiert Robert B. Brandom Wahrheitsfragen für seinen philosophischen Ansatz nicht als zuerst relevant. Für ihn steht etwas ganz anderes im Vordergrund, nämlich die Frage, was wir machen, wenn wir behaupten. Mit seiner Idee des "deontischen Kontoführens" bringt Brandom etwas zur expliziten Ausarbeitung, das sich schnell in vielen Alltagsgesprächen erfahren lässt, innerhalb sozialwissenschaftlicher Theoriebildung insbesondere bei Pierre Bourdieu eine Rolle spielt, von der Philosophie aber wohl allenfalls innerhalb von Argumentationstheorien behandelt wird. Brandom bemerkt, dass im Moment des Behauptens etwas sozial äußerst Komplexes geschieht. Eine Behauptung verändert in ihrem Moment etwas im Verhältnis zwischen Behaupter und Behauptungsempfänger. Wer behauptet, reklamiert eine bestimmte Autorität, behaupten zu dürfen und Glauben zu finden. Wie wichtig diese Erkenntnis und ihre Folgen sind, lässt sich vielleicht zunächst so einfach wie eindrucksvoll für den Fall des Misslingens der Behauptung verdeutlichen. Erreicht ein Sprecher mit der Behauptung nicht, Glauben zu finden, kann dies auf verschiedene Arten geschehen. Der Behauptungsempfänger kann sogar eine Behauptung intentional nicht akzeptieren. Eher noch als die Behauptung zurückzuweisen, hat die Seite des Behauptungsempfanges die Möglichkeit, die autoritätsgebundene Berechtigung zum Aufstellen der Behauptung zurückzuweisen. D.h. also, innerhalb der Explikationen Brandoms ist der Fall denkbar, dass eine Behauptung nicht überzeugt, weil die falsche Person sie äußert, so dass mit Recht gefolgert werden darf, dass der eigentliche Handlungsaspekt einer Behauptung auf keine Weise sprach-strukturell in der Behauptung enthalten ist. Sind dann Behauptungen überhaupt soziale Handlungen und ist der Handlungsaspekt für Linguistik überhaupt verhandelbar? Anders gefragt: Kann es aufgrund ihres Feldes möglich sein, dass Linguistik für diesen wesentlichen Aspekt des Setzens einer Behauptung und ihrer damit alles verändernden Funktion im sozialen Gefüge von Äußerungs- und Rezeptionsseite nicht zuständig ist? Es wird zu den theoretisch aufwendigen Arbeiten gehören, genau darauf entschieden "doch" antworten zu können.

Derzeit arbeite ich an meiner Habilitation zum Thema "Selbstdarstellungen von Geschäftsleitungen in kleinen und mittleren Unternehmen." Leitendes Erkenntnisinteresse ist dabei vor allem, wie Äußerungen zur Betriebssituation von Mitarbeitern aufgenommen und in eigenen sprachlichen Äußerungen weiterverarbeitet werden, es geht also um inferentielle Übergänge des durch Geschäftsleitungen Gesagten bei den Mitarbeitern. Von einem sprachwissenschaftlichen Standpunkt aus geht es vor allem um die theoretisch sehr heikle Frage, ob Äußerungen semantisch mehr enthalten können als die denotative Bedeutungsebene der Satzstruktur erkennen lässt. Wenn mehr enthalten ist, dann muss eine sprachwissenschaftliche Arbeit fragen, wie das methodisch funktioniert und wie es typologisch beschrieben werden kann. Es wird wohl nur über Schlussfolgerungen ein Weg führen, der angemessene Antworten verspricht. Dies legen neueste Arbeiten von Stephen C. Levinson nahe und natürlich die Philosophie Robert B. Brandoms. Eine erste Veröffentlichung zu Brandom ist für den Herbst im Band "Mit Sprache spielen" geplant, der von Helga Andresen und Franz Januschek herausgegeben werden wird. Es wird dabei in meinem Beitrag um die Spielstände von Behauptern gehen.

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  © 2008 · harendarski · Emailemail senden