Die Jahre in Bremen


Inhalt * Kindheit und Jugend * meine Grosseltern Kriemhilde und Eckart * die Bremer Jahre

Zuerst lebte die ganze Familie in Vegesack, in der Weserstrasse 48. Das Haus hatte vier Parteien, wovon meine Grosseltern das Erdgeschoss links bewohnten. Ueber ihnen wohnte Frau Niemeyer, welche ihren Sohn Siegfried im Alter von nur 17 oder 18 Jahren im Krieg verloren hatte. Sie war sehr nett und hilfsbereit. Mein Grossvater musste Gott sei Dank nicht in den Krieg. Er war UK-gestellt weil er auf dem Vulkan U-Boote baute. Auch Onkel Carl musste nicht in den Krieg, zumindest nicht richtig, er war Kriegsberichterstatter. Gegenueber von Haus Nr. 48 war das Haus Esser. Hier hatten die Nazis russische Zwangsarbeiter untergebracht. Die Russen waren sehr verhungert und tauschten Essbares gegen Spielzeug. Was das fuer Spielzeug gewesen sein soll, kann ich nicht sagen. Mein Onkel war immer ganz neidisch auf die Kinder, die Spielzeug tauschen durften, aber meine Grossmutter verbat es. Als nach dem Krieg die Amerikaner in Bremen waren, quartierten sie meine Familie kurzerhand in das Haus Esser um und machten es sich in deren Wohnung gemuetlich. Hier zu wohnen war schrecklich, aber gluecklicherweise konnten sie bald in eine Werkswohnung des Vulkans einziehen.

In den Fuenfzigern zog die Familie in den Heidschnuckenweg 4 in Schoenebeck. Hier verbrachten sie die meiste Zeit ihrer Bremer Jahre, hier wuchsen die Kinder auf. Mein Grossvater hatte ein recht antiquiertes Denken von der Rolle der Frau. So ermoeglichte er zwar allen seinen Kindern eine gute Ausbildung, jedoch zahlte er nur den Soehnen den Fuehrerschein. Heute sagt meine Grossmutter, dass sie dies sehr ungerecht fand, aber damals hat sie nichts gesagt. Die Aufgaben im Haus waren auch geschlechtlich getrennt: Die Maedchen halfen im Haushalt, die Jungen im Garten. Aber dies war wahrscheinlich frueher in fast allen Familien so. (Ich finde es nur gut, dass meine Eltern meinen Bruder und mich gleich behandelt haben und er genauso abtrocknen musste wie ich und mein Vater auch mir zeigte, wie man mit Hammer und Saege umgeht.)

Laut Aussage meiner Grossmutter wollte mein Grossvater selber auch keine hochgeistige Frau. Wenn sie meinen Grossvater gefragt hat, warum er sie geheiratet hat, so antwortete er: „Ich hab dich immer gern gehabt.“ Ich finde es sehr schade, dass sie beide ihre Goldene Hochzeit nicht mehr feiern konnten, denn nur ein Jahr vorher verstarb mein Grossvater.

1978 waren die beiden in ein neues Reihenhaus in der Schafgegend gezogen, nur 5 Minuten von dem alten Haus entfernt. Meine Grossmutter lebte bis zu ihrem Tod hier. In das Haus im Heidschnuckenweg zogen meine Eltern mit mir und meinem Bruder. Anfang der 1980er hatten sie sich noch ein Ferienhaus an der Nordsee, in Spieka, gekauft. Hier hat mein Grossvater trotz zweier Infarkte noch unbedingt selber die Betonplatten verlegen wollen. Man weiss es nicht, aber vielleicht war das zuviel fuer ihn. Am 25.06.1985 verstarb er an den folgen eines dritten Herzinfarktes.

Ich habe noch viele Erinnerungen an ihn, auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, dass er sich jemals mit mir richtig unterhalten hat. Sein Hobby war das Sammeln von Briefmarken. Ich durfte zugucken, wie er sie oben in seinem Buero sortierte und einklebte. Aber ich durfte nicht viel reden. (Wer mich kennt, weiss, dass mir dies sehr schwer gefallen sein muss!) Ich habe auch ab und zu bei meinen Grosseltern uebernachtet. Mein Grossvater guckte jeden Freitag abend den Krimi im ZDF, Derrick oder Der Alte. Als Kind hatte ich davor Angst und so setzten meine Grossmutter und ich uns an den Esstisch im Wohnzimmer und spielten Poch oder Malefiz. Woran ich mich auch noch gut erinnere ist, dass er immer mit Hut in seinem Mercedes fuhr.

Ueber 20 Jahre lang lebte Grossmutti als Witwe. Aber sie ist auch alleine klargekommen und sie hatte ja auch ihre Kinder, die sich um sie kuemmerten. Sie beschaeftigte sich mit Stricken, Sticken, Toepfern. Mein Bruder und ich gingen auch oft zu ihr zum Mittagessen, als meine Mutter wieder angefangen hatte, zu arbeiten. Besonders mochte ich ihre groben Bratwuerste, wozu es immer selbstgemachten Kartoffelbrei und Kohlrabigemuese gab. Zum Nachtisch gab es haeufig Zitronenspeise oder Griespudding. Als ich meinen Fuehrerschein hatte bin ich auch manchmal mit ihr Einkaufen gefahren. Dafuer habe ich dann immer etwas Geld und etwas Suesses bekommen. Wenn man sie besuchte, hatte sie immer irgendwelche Waescheteile, die man „ziehen“ musste. Ich hab nie so recht verstanden, was das sollte.



Fotos







Zuletzt geändert: 15.01.2006, 14:34:07